Neuerscheinungen Krimis und Romane

10.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Alexander Oetker: Baskische Tragödie. Luc Verlains vierter Fall, Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, ISBN: 978-3-455-01006-0, 16,90 EURO (D)

Der Journalist und Autor Alexander Oetker ist durch seine Krimireihe um den Kommissar Luc Verlain, die in Bordeaux und Umgebung spielt, einem breiteren Publikum bekannt. Dies ist Verlains vierter Fall, der sowohl im französischen als auch im spanischen Baskenland spielt.

An den Stränden der Aquitaine werden zahlreiche Päckchen mit Kokain angespült. Ein kleiner Junge hält es für Puderzucker, probiert daran und muss in das nächste Krankenhaus.

Luc Verlain und seine Kollegen werden mit dem Fall betraut. Verlain ist etwas anders als sonst, nachdenklich und wortkarg. Er verschweigt seinem Team, dass er in der letzten Zeit vier anonyme persönliche Nachrichten erhalten hat. Als er dies auf den Grund gehen will, vernachlässigt er den aktuellen Fall und fährt ins Baskenland. Dort wird er überraschend wegen Mordverdachtes und Drogenschmuggels vom eigenwilligen Commissaire Schneider verhaftet. Schneider ist von seiner Schuld überzeugt, so bleibt Verlaine nichts anderes übrig, als bei nächster Gelegenheit zu fliehen und selbst nach den eigentlichen Hintergründen und den Tätern zu suchen. Die Polizei wertet dies als Schuldeingeständnis und lässt nach ihm fahnden, was seine Mission noch erschwert.

Über Biarritz bis hin ins spanischen San Sebastian führen seine Ermittlungen, als er wieder eine anonyme Nachricht bekommt und der rätselhafte Fall so langsam Konturen annimmt. Vielleicht liegt der Schlüssel ja in der Vergangenheit?

Dieser mysteriöse Fall ist ganz auf Verlain abgestimmt, er ermittelt als Tatverdächtiger auf eigene Faust ohne sein Team. Seine berufliche und private Vorgeschichte lernt der Leser nun etwas detaillierter kennen und sie wird in geschickter Weise mit dem Fall verwoben.

Ab dem Moment, wo er verhaftet wird, setzt der Spannungsbogen ein und lässt bis zum Ende nicht nach. In rascher Abfolge gibt es neue Wendungen, Verlain reist immer tiefer ins Baskenland und die Schauplätze des Krimis wechseln häufig. Hinzu kommt, dass er sich immer wieder vor der Polizei verstecken muss, was die Spannung noch zusätzlich schürt und die Ermittlungen komplexer als sonst machen. Der Rollenwechsel vom Ermittler zum flüchtigen Tatverdächtigen wird manchmal skurril geschildert.

Also, ein spannender Krimi ohne viel Zeit zum Luftholen. Seine Ermittlungsorte und die eigentlich traumhafte Umgebung werden von Oetker souverän und mit viel Wissen in Szene gesetzt. Es ist auch nicht von Nachteil, die früheren Episoden um Verlain und sein Team zu kennen.

Buch 2

Andrew Shaffer: Hope rides again, Droemer, München 2020, ISBN: 978-3-425-30811-0, 14,90 EURO (D)

Dies ist der zweite Fall des Ermittlerduos Joe Biden und Barack Obama, der zum Teil an den ersten Teil anschließt. Biden und Obama haben sich seit dem ersten Fall ein wenig aus den Augen verloren. Sie sehen sich dann in Chicago beim Weltökonomieforum wieder. Nichts deutet auf einen neuen Fall hin, bis Obamas Handy verschwindet, auf dem die Nummern sämtlicher Größen dieser Welt gespeichert sind.

Obama kümmert das zuerst wenig, aber Biden ermittelt bereits: Er verdächtigt den Jugendlichen Shaun Denton, den er beim Weltökonomieforum zufällig kennengelernt hat. Eine Spur führt zum Hauptbahnhof von Chicago. Als Biden dort ankommt, stürzt er in einen Polizeieinsatz: Denton wird von unbekannten Tätern fast hingerichtet, überlebt aber. Als die Polizei dies als eine „normale Straftat“ unter Jugendlichen ansieht, wird dies zum Fall von Biden und Obama. Sie werden vom Personenschützer Steve begleitet, der wie im ersten Buch auch diesmal die Mutterrolle für die beiden übernehmen muss.

Als sie sich näher mit Dentons Umfeld beschäftigen, werden auch sie bald Opfer eines Attentats. Die Spur wird heißer, sie ermitteln in einer spießig erscheinenden Kirchengemeinde, die hinter ihrer sauberen Fassade etwas zu verbergen scheint. Es zieht sie in die Tiefen der Chicagoer Gesellschaft, der Besuch eines Chippendales-Club inklusive. Vieles entpuppt sich nicht so, wie es erscheinen soll. Als die beiden wieder in Schwierigkeiten sind, muss Steve wieder den Beschützer spielen.

Neben dem Fall sind die Dialoge von Obama und Biden im Stile von des Fernsehduos Gerhard Delling und Günther Netzer vergnügliche Zwischenspiele. Offenkundige Anspielungen und das gegenseitige Necken sind auch in höchster Gefahr allgegenwärtig. Irgendwie kriegen es die beiden Amateurdetektive dann doch hin, den sich zuspitzenden Fall zu lösen, aber eigentlich lösen sie diesen Fall zu dritt.

Buch 3

Arnaldur Indridason: Das Mädchen an der Brücke. Island Krimi, Lübbe, Köln 2020, ISBN: 978-3-7857-1711-9, 22,90 EURO (D)

Bekannte des pensionierten Kommissars Konrao wenden sich an ihn, um die Suche nach einem drogenabhängigen Mädchen, das spurlos verschwunden ist, zu übernehmen. Dieser neue Fall verbindet sich bald mit einem anderem: Der Tod eines jungen Mädchen, das vor etwa 50 Jahren im See der Hauptstadt Reykjavik ertrunken ist. Dabei gab es keine Hinweise auf einen Mord.

Wie in anderen Werken davor wird auch hier Gegenwart mit einer mysteriösen Vergangenheit verbunden. In Verbindung mit Sexualdelikten nimmt Indridason den Leser mit auf eine Reise durch die Entwicklung Reykjaviks von den 1940er Jahren bis heute. Ein Stadtplan der Stadt ist am Ende des Buches zur besseren Orientierung abgedruckt. Trotz der familiären Atmosphäre auf Island wurden viele Sexualdelikte nicht als solche erkannt bzw. wollten auch wohl nicht gesehen werden.

Die in vergangenen Büchern schon angedeutete Wunden seiner Kindheit und die fast schon verzweifelte Suche nach den tragischen Umständen des Todes seines Vaters werden in diesem Buch weitergeführt. So erhält man immer wieder Einblicke in das Privatleben des Polizeibeamten. Es ist anzunehmen, dass in möglichen Folgebänden dies immer wieder auftaucht.

Die Aufarbeitung von Vergangenem und das nostalgische Zurückblicken sind die  Lieblingsthemen von Indridason. Für den Leser wird extra eine falsche Spur gelegt, die sich im Verlaufe des Buches als Irrweg entpuppt. Viele Themen neben der Aufklärung des Falles werden geboten, die auch Einblicke in die isländische Gesellschaft geben.

Am Anfang ist der Krimi etwas langatmig, viele Beschreibungen und Nebenschauplätze stehen dort im Mittelpunkt. Danach entwickelt der Krimi seine Eigendynamik und Spannungselemente, die gut mit historischen Hintergründen verknüpft werden.

Buch 4

Matias Faldbakken: Wir sind fünf, Heyne, München 2020, ISBN: 978-3-453-27299-6, 22 EURO (D)

Der in Oslo lebende Matias Faldbakken gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller und Gegenwartskünstler Skandinaviens. In diesem Buch präsentiert er die bizarre Geschichte einer norwegischen Familie.

Tormod Blystad hat in seiner Jugend sein Leben genossen. Jetzt lebt er mit seiner Familie, seiner Frau Siv und zwei Kindern, in einem kleinen Dorf in Norwegen und seine Kinder Helene und Alf sind sein Lebensmittelpunkt. Er hat sich noch ein drittes Kind gewünscht, doch Siv wollte keines mehr. So übernahm Familienhündin Snusken den Part, vor allem die Kinder lieben die Hündin.

Die Idylle wird getrübt als eines Tages Snusken verschwunden ist. Auch Tormod ist betrübt über das Verschwinden, er entflieht den trüben Gedanken und vergräbt sich in seine Werkstatt. Mehr durch Zufall schüttet er unterschiedliche Zutaten in einen Lehmteig und lässt den Mixer laufen. Über Nacht wird aus einem grob geformten Lehmklumpen ein lebendiges Wesen, was das Leben der Familie auf einen Schlag verändert.

Wer jedoch eine Horrorgeschichte im weiteren Verlauf des Buches erwartet, täuscht sich. Das Wesen des Lehmklumpens und der Umgang mit ihm durch die Familie erweist sich eher als das Gegenteil.

Matias Faldbacken präsentiert eine insgesamt skurrile Geschichte, es ist eine Mischung von vielem: Drama, Horror, Familienroman, Fantasy mit einer Prise Spiritualität. Durch den Lehmklumpen erfährt die Geschichte eine plötzliche Wendung, davor geht es um die Vorstellung der Rahmenhandlung und der Sehnsucht nach einem weiteren Familienmitglied. Dabei werden die Charaktere und ihre Beziehung zueinander ausführlich vorgestellt, jedoch ohne die Zuspitzung nach dem Gut-Böse Schema. Die Veränderung des Familienlebens durch das Wesen des Klumpens steht im Mittelpunkt, was den Leser am Ende des Buches auch mit einigen Fragen zurücklässt.

Buch 5

Jeffrey Archer: Der Himmel auf Erden, Heyne, 2020, ISBN: 978-3-453-47166-5, 18 EURO (D)

Dies ist eine Sammlung von 13 historischen fiktionalen Kurzgeschichten von Jeffrey Archer. Einige der Geschichten, die der englische Erfolgsautor geschrieben hat, basiert auf realen Vorfällen basiert, die er während seiner Reisen erlebt hat.

Darunter ist eine Geschichte über einen Polizisten in Neapel, dem ein Mordfall in der kleinen Stadt Cortoglia zugewiesen. Kuriose Ermittlungsstrategien auf der Suche nach dem Mord am Bürgermeister erlebt man. Währenddessen lernt man auch seinen Charakter und Stationen seines Lebens kennen, und ein überraschendes Ende.

Oder die Geschichte über den Kampf einer Professorin um Akzeptanz in der wissenschaftlichen (männlich dominierten) Welt. Sie spielt in einer Zeit, in der Frauen nicht als Professorin akzeptiert wurden und die Leute dachten, eine Frau könne einem Mann nichts beibringen. Nebenbei erfährt man noch etwas über Shakespeares Sonett in Diskussionen über Dramatik und Debatten über Literatur allgemein. Dabei gelingt Archer eine gute Charakterdarstellung.

Das Ehepaar Pascoe ist im Ruhestand, wollen aber im reiferen Alter ein Vermögen verdienen. Aber nicht mit legalen Mitteln. Die Art und Weise, wie sie die Leute in dieser Geschichte betrogen haben, war originell. Kreativ ist, dass der Autor dieser Geschichte drei verschiedene Endungen gegeben hat und es den Lesern überlassen hat, zu entscheiden, welches am besten geeignet ist.

Dies sind alle in sich abgeschlossenen Geschichten, die nur wenige Gemeinsamkeiten miteinander aufweisen. Fast alle haben einen guten Spannungsaufbau, es gibt viele Wendungen trotz der Kürze und haben doch verschiedene Botschaften. Einige sind eher amüsant und locker zu lesen, andere haben einen etwas tieferen Einblick in Schicksale und prägende Erlebnisse der Hauptpersonen Eines fällt doch auf: Es gibt viele entschlossene und starke Hauptfiguren, deren Charakter im Laufe der Geschichten vorgestellt werden.

 

Buch 6

Mary Higgins Clark Alafair Burke: Denn Du gehörst mir, Heyne, München 2020,

Laurie Moran ist die Produzentin der TV-Show Under Suspicion, die sich zum Ziel gesetzt hat, Cold Cases, also ungelöste alte Kriminalfälle, erneut zu untersuchen. Dort werden Verdächtige und andere Beteiligte eingeladen, die dann vor der Kamera interviewt werden. Laurie wird von den Eltern eines Mordopfers, Dr. Martin Bell, angesprochen und gebeten, den Fall ihres Sohnes in ihrer Show zu zeigen. Ihr Ziel ist es, das Sorgerecht für ihre Enkelkinder zu gewinnen, indem sie Martins Frau Kendra beweisen, die für die Tötung ihres Sohnes verantwortlich ist. Der Fall ist auch in vielen Medien immer noch präsent. Dort wird Kendra auch verdächtigt, für den Tod ihres Mannes verantwortlich zu sein.

Kendra hat sich zuvor geweigert, an der Show teilzunehmen, nun soll sie angeblich dazu bereit sein. Laurie willigt ein, den Fall aufzugreifen, stellt jedoch fest, dass Kendra nicht so begeistert von der Teilnahme ist, wie die Martins sie glauben gemacht haben. Aber Laurie gibt nicht auf und drängt und drängt Kendra erfolgreich, ihre Meinung zu ändern. Es scheint so, als hätte sie etwas zu verbergen, was das Misstrauen von Laurie weckt.

Dann ändert sich die Lage, als ein maskierter Stalker auftaucht und Laurie verfolgt. Wie dies mit ihrem Fall zusammenhängt, wird noch nicht verraten.

Lauries Untersuchung in diesem ungelösten Fall deckt ein Netz von Lügen, Geheimnissen, Vertuschungen, geheimen Treffen in Kneipen, Liebesbeziehungen, Eifersucht auf. Es gibt einige Wendepunkte in der Geschichte, die den Leser auf eine falsche Spur lenken. Laurie wird von der Ermittlerin immer mehr zu einer Gejagten, ein Rollentausch, der gefährlich ihr eigenes Leben ist.

Dies ist ein eher psychologischer Thriller, der ohne viele blutrünstige Szenen und Unmengen von Toten auskommt und trotzdem spannend bis zum Schluss bleibt.

 







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