Neuerscheinungen Psychologie

02.01.21
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Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Tanja Rosenbaum: Was uns gesund hält. Die Bausteine für ein salutogenes Leben, Business Village, Göttingen 2020, ISBN: 978-3-86980-547-4, 29,95 EURO (D)

Salutogenese richtet den Fokus nicht auf die Beseitigung von Krankheit, sondern auf die Entwicklung von Gesundheit unter Einbeziehung verschiedener Faktoren. Dieses Buch lenkt den Fokus auf gesundheitsfördernde Aspekte und zeigt den Kontrast zu der weitverbreiteten krankmachenden Sichtweise auf. Es zeigt auf, wie man das eigene Umfeld gesundheitsfördernd gestalten kann und das Konzept der Salutogenese in den Alltag integrieren kann.

In der Einleitung schildert sie ihren eigenen Werdegang über Burnout, der schrittweisen Aneignung, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten bis hin zur Entwicklung eines Gesundheitsbewusstseins.

Anschließend geht es um die Verbindung zum eigenen Körper und der Achtsamkeit auf seine Bedürfnisse. Dazu werden einige Körperbereiche vom autonomen Nervensystem bis hin zu Stressreaktionen und ihr Zusammenwirken vorgestellt. Außerdem werden auf der physischen Ebene folgende sechs Handlungsfelder zur Stärkung der Gesundheit präsentiert: Bewegung, Ernährung, Atmung, Entspannung, Entgiftung, Sexualität. Das Aufbauen von Vertrauen in die Regenerationsfähigkeit und die Selbstheilungskräfte unseres Körpers kommt dann zur Sprache, dabei geht es um das Feld der Emotionen und Gefühle. Weiterhin geht es um die richtige Einstellung und Glaubenssätze. Es folgen Hinweise zu Sinnhaftigkeit und dem Entwickeln einer Vision für sich und die Mitwelt.

Anschließend geht es um den sozialen Kontakt mit anderen Menschen und herauszufinden, welche Menschen uns guttun und zu stabile Beziehungen möglich sind. Danach werden alle Elemente nochmal zusammengefasst und als beste salutogene Kommunikation die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg vorgestellt. Im letzten Kapitel findet man noch vertiefende Hinweise und zwei persönliche Erfahrungsberichte. Im Anhang gibt es noch den Rat zu einer Vital- und Stoffwechselanalyse, Ernährungstipps zur Hormonanregung, die Endnoten und weitere Literaturempfehlungen. Ein Register zum Nachschlagen fehlt.

Am Ende eines jeden Kapitels gibt es Anregungen zur Eigenarbeit in Form von Fragen zur Selbstreflexion, Übungen zur praktischen Arbeit und eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte aus dem vorherigen Themenkomplex.

 

Dies ist ein Buch, das alle Bausteine einer salutogenen Lebensweise anschaulich erklärt. Und ein Buch, das Mut durch die persönlichen Schilderungen der Autorin gibt. Spezielle Rezepte oder Ernährungstipps werden hier allerdings nicht genannt, es geht sich mehr um die Entwicklung eines Bewusstseins für die eigene Gesundheit.

Buch 2

Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Die deutschsprachige Sexualwissenschaft. Bestandsaufnahme und Ausblick, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-3016-0, 49,90 EURO (D)

Dieser Sammelband liefert eine aktuelle Bestandsaufnahme und einen Ausblick auf künftige Fragen, Utopien und Probleme der deutschsprachigen Sexualwissenschaft. Dazu liefern Expert*innen aus der BRD, Österreich, der Schweiz und Luxemburg Perspektiven und Hintergründe und beleuchten dies vor dem Hintergrund des „neosexuellen“ Wandels seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in Richtung der Anerkennung und Förderung geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung weisen, eine Heterogenität betonen und sexuelle Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt problematisieren.

Nach einer Einleitung des Herausgebers werden Essays von verschiedenen Personen in fünf großen Teilbereichen präsentiert. Drei Beiträge gibt es zur Eröffnung im ersten Teil. Dort geht es um die Paradoxität der sexogenetischen und gesellschaftlicher Verhältnisse, eine Vision über Sexualität und Sexualwissenschaft 2050 und die sexualwissenschaftliche Forschung der DDR und deren drei große Partnerstudien 1972, 1980 und 1990.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Wandel der Forschungsgebiete der Sexualwissenschaften. Im Einzelnen bilden Kontinuität und Wandel in der empirischen, qualitativen Sexualforschung, Familienplanung, die sexuelle Selbstbestimmung Jugendlicher im digitalen Wandel und mögliche Beiträge der Psychoanalyse Schwerpunkte.

Im dritten Teil geht es um regionale Besonderheiten sexualwissenschaftlicher Entwicklungen. Ein Beitrag zur Situation in der Schweiz, zwei zu Österreich, einer zu Luxemburg und einer über die weithin vergessene Sexualwissenschaft in der DDR mit einem knappen historischen Überblick werden dabei vorgestellt.

Der vierte Teil stellt Geschlecht und Sexualität zwischen Psyche und Körper in den Mittelpunkt. Dabei geht es um die Anerkennung von Varianten der Geschlechtsentwicklung, Transgender, den Umgang mit biologischen Abweichungen in der üblichen Geschlechtsentwicklung, eine Untersuchung, wie während des Transformationsprozesses der Geschlechtsordnung zugleich die Vorstellungen von dem, was bis vor kurzem als pervers galt, einerseits von der Pathologie-Sphäre gelöst und für die Konstruktion der Pathologie zur Selbstreflexion zentral werden, ein Plädoyer für sexualwissenschaftliche Studien und die wissenschaftlichen Grundlagen des Sexocorporels.

Am Ende des Buches gibt es eine Literaturübersicht und eine kurze biografische Notiz.

Zukünftige Felder werden unter anderem in die Einbeziehung religiöser, atheistischer und kultureller Praktiken, die „durchaus sexuell konnotierten skandalösen Belohnungs- und Bestrafungspraktiken in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, die verhindern, dass Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeit lernen“ und die Zustände in Haftanstalten, die keine sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung der Inhaftierten erlauben, oder die Verschränkung von rassistischer und sexueller Gewalt gesehen.

Im letzten Teil geht es um Sexualwissenschaft, Sexualpädagogik und Qualifizierung. Dort werden die Verbindungslinien von Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik, sexuelle Bildung, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit und sexuelle Bedürfnisse als Ausgangspunkt einer menschenrechtsorientierten Arbeit.

Neben einer kritischen Rückschau gibt es eine Auswahl der wesentlichen gegenwärtigen Herausforderungen für die international orientierte deutschsprachige Sexualwissenschaft. Der Anspruch, die gesamte deutschsprachige Sexualwissenschaft abzubilden, wird aber nicht vollständig eingelöst. Vertreter*innen aus Südtirol und Ostbelgien kommen hier nicht zu Wort.

Viele historische Aufarbeitungen, drängende Fragen der Gegenwart und Postulate der Zukunft werden hier erstaunlich selbstkritisch vollzogen und mit Recht auch immer mit gesellschaftlichen Hintergründen und kulturellen Ansichten verknüpft. Es werden auch unterschiedliche Ansätze, Ausblicke  und Meinungen, wie es bis 2050 mit der Sexualität weitergehen könnte, diskutiert und Perspektiven aufgezeigt. Einige spannende Fragen fehlen allerdings. Sexuelle Traumatisierung von Geflüchteten und die Frage nach der Aufnahme von dem Status der sexuellen Verfolgung im Asylgesetzverfahren werden ebenso Fragen von Prävention und rechtliche Behandlung von sexuellem Missbrauch oder Sexualität von Menschen mit Behinderung leider nicht oder nicht ausreichend angesprochen.

 

Buch 3

Leuzinger-Bohleber, M. u. a. (Hrsg.): Was nur erzählt und nicht gemessen werden kann, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-2976-8, 34, 90 EURO (D)

Erfahrene Psychoanalytiker*innen erzählen hier von erfolgreichen Behandlungen durch die Psychoanalyse mit chronisch depressiven Patient*innen. Die durch Expert*innenvalidierung geprüften Fallbeispiele stammen aus der LAC-Depressionsstudie und geben eine Einblick in therapeutische Prozesse und stellen das Potential der Psychoanalyse dar: „So möchten wir mit diesem Band authentische Erzählungen aus langen Psychoanalysen mit chronisch Depressiven an die lindernde Wirkung von Erzählungen für Traumatisierte und Depressive erinnern – und dadurch an die leise Stimme der Vernunft der heutigen Psychoanalyse.“

Vor den Behandlungsfällen gibt es eine längere Einführung in den Kontext. Dabei wird die LAC-Depressionsstudie näher vorgestellt. Die Studie Langzeittherapie bei chronischen Depressionen (LAC-Depressionsstudie) vergleicht als eine der ersten Studien psychoanalytische mit kognitiv-behavioralen Langzeittherapien prospektiv miteinander, und sie untersucht den Einfluss von Zuweisung nach Randomisierung und Präferenz der Teilnehmer. Mit der langfristigen Anlage der Studie sowie einem breiten Spektrum von quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden sollen Beiträge zur Weiterentwicklung psychotherapeutischer Behandlungsmethoden bei dieser Patientengruppe und zur Wirksamkeitsforschung von Langzeittherapien geleistet werden. Außerdem werden die einzelnen Behandlungsfälle mit einem Abstract präsentiert.

Strukturelle Veränderungen und deren Operationalisierung bei psychischen Transformationsprozessen wurden durch die die OPD-Arbeitsgruppe (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik) vorgenommen. Die OPD- Analysen wurden in den Fallberichten beigefügt. Dies wird danach vorgestellt.

Die Falldarstellungen illustrieren, in welch individueller komplexer Weise bei jedem der hier vorgestellten Personen ganz spezifische Wege zur chronischen Depression führen. Dies wird anhand von neuen Essays von verschiedenen Verfasser*innen gezeigt. Zu vielen gibt es noch ergänzende Beobachtungen aus den OPD-Interviews und OPD-Ratings.

Die Darstellungen sind unterschiedlich von der Herangehensweise, der Perspektive und der Schwerpunkte. Einige enthalten biografische Angaben über den Klienten oder Audioprotokolle, der Ansatz und der Verlauf der Behandlung wird bei allen sichtbar gemacht. Am Ende ist meist noch ein Literaturverzeichnis.

Die Qualität variiert von Text zu Text: Von der Struktur und der Sprache enthalten einige Zusammenfassungen, haben einen klaren Aufbau und von daher besser lesbar. Andere sind eher Erfahrungsberichte mit wenig analytischer Tiefe.

Die Praxisberichte bieten aber insgesamt gesehen einen vielfältigen Einblick in die Behandlung und geben Psychoanalytikern Anregungen für die eigene Arbeit.

 

Buch 4

Serge K.D. Sulz: Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten. Wirksame Interventionen bei Depression, Angst- und Zwangserkrankungen, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-3019-1, 26, 90 EURO (D)

Die Psychiatrische Kurz-Psychotherapie (PKP) bietet evidenzbasierte störungsspezifische Psychotherapie bei Depressionen, Angst, Zwang, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz. Dies ist eine Akuttherapie im Umfang von 12 mal 50 oder 24mal 25 Minuten.

Serge K. D. Sulz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychotherapeutische Medizin. Unter Mitarbeit von weiteren Experten gibt er einen Überblick über die PKP und verbindet dabei Störungs- und Therapietheorie mit der Praxis. Anhand des Einsatzes von Sprechstunden- oder Therapiekarten, die durch die Behandlung führen, verdeutlicht er, dass eine systematische psychotherapeutische Behandlung durch kurze Interventionen möglich ist, die aufeinander aufbauen.

Die Sprechstunden- oder Therapiekarten können von einem einzelnen Therapeuten oder durch ein Team bearbeitet werden. Sie bedienen einen Leitfaden für Patientenkontakte über mehrere Termine, Dokumentationsverpflichtungen, Supervision und Ausbildung durch Therapieausführungen auf den Rückseiten.

Zu Beginn werden Grundlagen und Basisstrategien zu folgenden Themenbereichen gegeben: Depression als Vermeidungsverhalten, Depression als kompromisshafte Konfliktlösung, die Überlebensregel als Konfliktlösungsstrategie, zentrale Bedürfnisse, Grundformen der Angst, dysfunktionale Persönlichkeitszüge, der Prozess der Symptombildung, Entwicklungshemmung durch belastende Kindheitserlebnisse.

Im anschließenden Praxisteil wird das PKP-Sprechstundenkarten-Therapieprinzip in den einzelnen Schritten beschrieben: die drei Säulen (Symptomtherapie, Fertigkeitstraining, Motive), Patientenaufnahme, Problemanalyse/ Situations- und Verhaltensanalyse, die drei Säulen der Therapiedurchführung, die Handhabung des Kartensets, Ablauf einer Sprechstunde bzw. Therapiesitzung, Situations- und Verhaltensanalyse auf Mikro- und Makroebene sowie Verhaltenssteuerung durch kurz- und langfristige Maßnahmen.

Dies wird dann in einzelnen Kapiteln auf einzelne Störungsbilder übertragen: Depression, Angst und Zwang, Alkoholabhängigkeit, chronischer Schmerz und Affektregulierung- Emotionsregulation. Am Ende gibt es meist eine Liste der Sprechstunden- oder Therapiekarten in Form von Tabellen oder Projekt-/Aufgabenkarten.

Danach werden Forschungsstudien zur differenzierten Wirksamkeit des Konzepts der PKP mit Ergebnissen vorgestellt. Diese zeigen „deutliche Beweise, dass PKP leicht einzusetzen ist, gut vom Patienten angenommen wird und sowohl in Gruppen- als auch im Einzelsetting therapeutisch wirksam ist.“ (S. 215)

Die Notwendigkeit und Inhalte einer Psychotherapie-Weiterbildung in der Psychiatrie werden danach noch behandelt und aufgezeigt, wie dies klinikintern kostenlos angeboten und durchgeführt werden kann.

Die Anwendbarkeit dieses Prinzips der PKP mit Sprechstunden- oder Therapiekarten allgemein und auf verschiedene Störungsbilder wird klar gegliedert und Schritt für Schritt gezeigt. Und das Buch macht die bisherige nachgewiesene Wirksamkeit deutlich, auch wenn natürlich noch mehr Studien durchgeführt werden sollten.

Dieses Prinzip bietet folgende Vorteile: Die Sprechstunden- oder Therapiekarten können auch jederzeit mit eigenen Schwerpunkten erstellt werden. Ein Übergang wird immer gewährleistet: Die Karten ermöglichen eine transparente Integration mehrerer Therapeuten zur Behandlung des Patienten bei Beibehaltung der Gesamtkonzepts.

Buch 5

Christine Müller: Der Schattenvater. Narrative Identitätskonstruktionen von „Kuckuckskindern“ und „Spenderkindern“, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-3020-7, 44, 90 EURO (D)

Christine Müller ist analytische Psychotherapeutin und Gruppentherapeutin. Dies ist ihre Dissertation an der Fakultät für Psychologie an der LMU München. Anhand von Interviews von Betroffenen geht sie folgenden Fragen nach: Wie wirkt sich eine verschwiegene Vaterschaft unbewusst auf das Familiensystem aus? Wie gehen Betroffene mit der Erkenntnis um, dass biologischer und sozialer Vater nicht ein und dieselbe Person sind? Wie integrieren Kinder das Wissen um den anderen Vater in ihrem Leben? Welche Unterschiede zeigen sich in den Entwicklungsverläufen von „Kuckuckskindern“ und „Spenderkindern“?

Dabei geht sie von der These aus, dass entwicklungsspezifische innerspsychische (bewusste und unbewusste) Prozesse nicht allein auf die spezifische Form der Zeugung und Abstammung zurückgeführt werden können.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff der Identität in verschiedenen Disziplinen diskutiert. Anschließend geht es um zentrale Aspekte wie Hass, Neid, Scham, Schuld und Schuldabwehr. Die Begriffe Mutter und Vater und ihre Funktion für die kindliche Entwicklung folgen anschließend. Danach werden die Art der Erhebung und die Methoden der Auswertung vorgestellt. Es folgt der empirische Teil der Arbeit: Dort werden die Resultate der Auswertung der Daten präsentiert. Im letzten Teil werden zunächst die Qualitätsaspekte der Arbeit und ihre Limitationen, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen, vorgestellt. Eingebettet in die Forschungsliteratur werden dann die zentralen Ergebnisse zusammengefasst, bevor weitere Forschungsanregungen aufgegriffen werden. Im Anhang gibt es noch eine Literaturliste und die benutzten Transkriptionsregeln. Ein Register fehlt.

Folgende Ergebnisse bietet die Studie: Sie bestätigt die Relevanz von Forschung über die Folgen, die Familiengeheimnisse auf alle Beteiligten des Familiensystems haben können.

Beide Gruppen, also „Kuckuckskinder“ und „Spenderkinder“, erleben die Aufklärung nach anfänglichem Schock als insgesamt positiv. Insgesamt waren die Auswirkungen auf das weitere Leben bei den „Kuckuckskindern“ meist negativer als bei den „Spenderkindern“. „Kuckuckskinder“ beschreiben ein deutlich schwierigeres Erleben in aktuellen Beziehungen als die Gruppe der „Spenderkinder“. Lebensbestimmende Konflikte, die bestehende Beziehungen und die Entwicklungsabläufe belasten, zeigen sich vermehrt bei den „Kuckuckskindern“. Negative Aspekte auf Elternebene beeinflussen das affirmative Erleben der Kinder in schädlicher Weise. Die Bezugspersonen der „Kuckuckskinder“ waren häufig mit Ängsten oder negativen Aspekten wie Wut und Hass beschäftigt, was eigene Ängste und negative Gefühle der Kinder steigerte. Manche von ihnen sprachen von tiefsitzenden Gefühlen der Unsicherheit und Verlustängsten, die sie ihr ganzes Leben lang begleiteten. „Spenderkinder“ zeigten mehr Identitätssicherheit als die „Kuckuckskinder“.

Die „Kuckuckskinder“ machten in ihrer Entwicklungsgeschichte vielfältige belastende Beziehungserfahrungen mit ihren Müttern, deren psychische Folgen häufig noch andauern. Das psychische Funktionsniveau der Mutter war maßgeblich daran beteiligt, ob die Kinder eine sichere Bindung entwickeln konnten. Nach der Aufklärung führten die realen Begegnungen der „Kuckuckskinder“ mit den biologischen Vätern zu einer Enttäuschung der von den Personen geschaffenen inneren Objekte. Bezogen auf die Selbstrepräsentanz verfügen die „Spenderkinder“ über ein insgesamt positives Selbstbild, mehr Selbstbewusstsein und über vermehrte Ressourcen. Dagegen kämpfen die „Kuckuckskinder häufiger mit einem schlechten Selbstbild und niedrigen Selbstwert, sie waren teilweise mit dem negativen Selbstbild der Eltern identifiziert.

Dies ist eine ansprechende Arbeit mit einer klaren Struktur. Die vorliegenden Methoden und Empirie sind nachvollziehbar, die Forschungslage ausführlich dargelegt. Dabei berücksichtigt die Autorin auch den Forschungskontext über biologische und soziale Elternschaft. Es gibt Ansätze dazu, wie die beiden Gruppen die Konstruktion ihrer Selbstidentität und Abwehrstrategien vornehmen und was die psychischen Folgen sind. Obwohl es individuelle Schicksale sind, können sie zu einigen allgemeingültigen Aussagen zusammengefasst werden. Da diese Arbeit in vielen Fragen eine Pionierleistung ist, können diese erst durch weitergehende Forschungen bestätigt oder widerlegt werden.

Buch 6

Markus Hengstschläger: Die Lösungs-Begabung. Gene sind nur unser Werkzeug. Die Nuss knacken wir selbst, Ecowin, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7110-0279-2, 24 EURO (D)

Der Genetiker Markus Hengstschläger untersucht in diesem Buch die Voraussetzungen, die man in einer Welt voller Krisen, Probleme oder ungewissen Zukunftslagen braucht. Dabei geht er über die genetischen Veranlagungen des einzelnen Menschen hinaus und bringt Kompetenzen ins Spiel, die erlernbar sind. Die Lösungsbegabung als das wichtigste angeborene und genetisch mitbestimmte Potential des Menschen, Kreativität und Flexibilität. Mit Anleihen aus der Psychologie beschreibt er, wie man sich selbst Problemen stellt, Resilienz übt, den Mut entwickelt, herausfordernde Situationen anzugehen und die unmittelbare Zukunft gestaltet. Dies erfordere aber eine Bereitschaft, sich ständig mit neuen Situationen und Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Er spricht verschiedene Themen und ethische Fragestellungen an, die es in einer digitalisierten Welt zu diskutieren gilt. Er widmet sich den historischen und gesellschaftlichen Perspektiven im Umgang mit Autonomen Systemen, Kriterien für Verantwortlichkeit und Leitdifferenzen zwischen Mensch und Maschine und der Frage nach der Verteilung von menschlicher Kontrolle und technischer Autonomie. Dabei verweist er auf ein wichtiges Kriterium, die eine Maschine nicht hat: die Kreativität.

Seine Thesen zu diesem wichtigen Zukunftsthema sind zwischen blindem Fortschrittsglauben und intuitiver Abwehr und Dämonisierung der digitalen Zukunft einzuordnen. Die Gestaltungsspielräume, die der Mensch besitzt, und eine humane Kontrolle von Technologien sind sein Credo, man darf sich nicht von der Technologie treiben und bestimmen lassen.

Im Hinblick auf aktuelle oder zukünftige Krisen, Aufgaben oder Problemstellungen stellt er die Fähigkeit, nicht auf das Problem und seine Schwierigkeiten, sondern auf den Zielzustand und die dahin führenden Schritte zu fokussieren. Also der Blick auf den Zielzustand mit Lösungen, Ergebnissen und dem Sinn für das Machbare. Dies wird auch im Hinblick auf Führungsaufgaben und Karrierechancen diskutiert. Kompetenzen wie eine pragmatische Vorgehensweise, einer konstruktiven Arbeitsweise und eine optimistische Herangehensweise und Ausstrahlung, lösungsorientierte Antworten auf schwierige Lagen und Probleme zu finden. Das Wichtigste aber ist: Lösungsorientiertes Denken und Handeln lässt sich erlernen.

Somit ist das Werk wissenschaftliches Sachbuch, psychologisch fundierter Ratgeber und Mindset in einem. Für manche Lösungsstrategien müssen aber auch wirtschaftliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen gegeben sein, diese Basis kommt dabei etwas zu kurz. Nicht immer hat der Einzelne einen entscheidenden Einfluss zur Lösung bestimmter Problembereiche.







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