„Quarantäne“ -SF-Roman von Greg Egan

16.05.20
KulturKultur, TopNews 

 

Politische Buchkritik von Hannes Sies

Viele Jahre lang wartete der Roman des preisgekrönten SF-Autors Greg Egan in einem Stapel verstaubter Bücher, bis er mir anlässlich unserer gefühlten Corona-Quarantäne wieder in die Hände fiel. Ich las ihn also aus aktuellem Anlass, obwohl sich schnell herausstellte, dass es darin nicht um eine Pandämie geht: Vielmehr beschreibt Egan, dass am 15.11.2034 die Sterne vom Firmament verschwinden und eine tiefe Dunkelheit mit nur noch Mond, Planeten und seltenen Erscheinungen wie dem Halleyschen Kometen 2061 bleibt. Eine gigantische Bubble (Blase) hat sich über unser Sonnensystem gestülpt.

Krank werden nur einige Hysteriker, vom „Bubble Fieber“ gepackt, einem existenziellen Schüttelfrost angesichts der Angst vor kosmischen und philosophischen Konsequenzen. Denn man rätselt über ein unerklärbares interstellares Naturphänomen oder feindliche oder freundlich Aliens, wobei letztere die Menschheit wahlweise isolieren, eben unter „Quarantäne“ stellen, oder vor unbekannten Gefahren schützen wollten. Gemeldet haben sich diese hypothetischen Aliens jedoch nie.

Die Romanhandlung spielt im Jahr 2067, also 33 Jahre nach „Bubble Day“, dessen Andenken inzwischen nur noch von irrsinnigen Sekten wie den „Children of Abyss“ hochgehalten wird. Die verüben Terroranschläge auf Forscher, die weiterhin dem Geheimnis der Blase nachspüren wollen oder beliebige Andere „Ungläubige“. Auch der Ich-Erzähler der utopischen Copstory, Nick Stavrianos, wurde Opfer der „Children“. Als Cop vereitelte er einen Anschlag, woraufhin ihm selbst eine Bombe in sein Haus in Perth, Westaustralien, geworfen wurde, die seine Frau Karen tötete. Er selbst verweigerte obligatorischen Psycho-Behandlungen und quittierte lieber den Dienst, um sich statt Trauerarbeit eine Neuro-Fiktion von Karen ins Hirn implantieren zu lassen. Die simulierte Gattin begleitet ihn in seinem Alltag -nun als hochbezahlter Privatdetektiv.

Als Greg Egan den Roman schrieb, der 1988 erstmals erschien, waren Neurotechnologien im Schwange, deren Weiterentwicklung er im Sinne einer technischen Utopie prognostizierte. Dabei kam er zu ähnlichen Ideen von aufgerüsteten Menschen, wie sie damals auch im Genre des Cyberpunk aufkamen: Menschliche Hirne erweitert durch Chips und angeschlossen ans Internet. Letzteres fehlt in „Quarantäne“ weitgehend noch, Computer spielen keine große Rolle. Doch kann man sich Fähigkeiten und Agenten ins Hirn implantieren lassen als sogenannte „Mods“ (Modifikationen) und sich damit „Primen“, also in einen übermenschlich erweiterten Bewusstseinszustand begeben.

Als Security-Mann hat Nick Stavrianos z.B. einen Zustand geschärfter Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit parat, eine Mod vertreibt Müdigkeit, eine andere die Langeweile bei Überwachungsaufgaben. Interne Hirn-Agenten sind neurale Helferlein: „Boss“ weckt ihn, „CypherClerc“ verwaltet seine neuralen Programme usw.

Im ersten Teil des Romans malt sich Egan diese Brain-Cyborg-Fantasien anhand eines Routine-Auftrags aus. Nick soll die verschwundene Laura wiederfinden, sein Auftraggeber bleibt anonym, zahlt aber großzügig. Was seltsam ist, denn Laura ist eine 32jährige geistig Behinderte, die aus ihrer Anstalt entführt wurde. Oder ist sie selbst geflohen? Obgleich ihre Fähigkeiten kaum ausreichen, eine Schranktür zu öffnen, hat sie es -wie Nick ermitteln kann- bereits zweimal geschafft, aus der gut gesicherten Anlage abzuhauen, wurde aber unweit deren Mauern wieder aufgegriffen.

Nick verfolgt eine Spur nach New Hong Kong, eine wiedererrichtete Version der zerstörten Kronkolonie in Arnhemland, einem Nordzipfel Australiens, der den Nachfahren der Aboriginies als autonomes Reservat überlassen wurde. Dort unter Exilchinesen in einer High-Tech-Megacity befindet sich Laura in einem Bioforschungslabor. Egans politische Prognose der Volksrepublik China liegt zwar weit daneben, Peking bleibt eine geschlossene, elende Gesellschaft wie ein 50fach vergrößertes Nordkorea. Doch immerhin gibt es in seinem Germany eine „Saxonian Independence Front“ die deutsche Züge in die Luft sprengt (ist die AfD dort nicht besonders nationalistisch?). Solche Ereignisse sind jedoch nur illustrativ, der Roman verfolgt eher philosophische als politische Ziele im engeren Sinne.

Bald wird Nick Opfer der Neurotechnologie, indem man ihm eine Loyalitäts-Mod implantiert, die ihn zum willfährigen, wenn auch nicht völlig willenlosen Werkzeug einer ominösen Gruppe namens „Das Ensemble“ macht. Die Grenze zwischen Technologie und Selbst verschwimmt, die Manipulation und Selbstmanipulation der Menschen wird optimiert. Man kann sich Lebenssinn und Lebensziele implantieren: Karrierewillen, Eheharmonie, Hedonismus -Neuroscience macht alles möglich. Nick hat nun nur noch ein Ziel: Er „will“ dem Ensemble dienen, obwohl er „weiß“, dass er manipuliert wird, kann er sich nicht davon befreien (obwohl er dafür nur ein Neurostudio, etwa so erreichbar wie heute ein Nagelstudio, aufsuchen müsste, um die Loyality-Mod entfernen zu lassen).

Egan diskutiert die Problematik eines freien Willens philosophisch originell und kommt bald zum zweiten SF-Thema: Der Quantenbiologie. (Damals noch utopisch, ist sie heute, 30 Jahre später ein exotisches, aber anerkanntes Forschungsgebiet, was Egan somit richtig prognostizierte.)

Kernidee, soviel sei hier noch verraten, ist das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze, das der SF-Autor in immer fantastischere Höhen zu treiben versteht. Bis er schließlich Lauras Rätsel lösen, unseren Detektiv Nick zu höheren Sphären der Selbsterkenntnis verhelfen und sogar den Kreis zur kosmischen Bubble schließen kann. Ein äußerst lesenswerter, visionärer und 80er-Jahre-SF-Roman voller Ideen und Kritik an unserer täglichen Massenmanipulation.

So helfen uns Romane durch die Corona-Krise, wie auch die fundierte Rezension von Torben Klimmek zeigte:

http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[swords]=torben&tx_ttnews[tt_news]=73541&tx_ttnews[backPid]=65&cHash=00cff11adc

Rezension des Romans „Fremdes Licht“ von Michael Stavaric







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