Neuerscheinungen Literatur

15.01.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur, C. H. Beck, München 2021, ISBN: 978-3-406-77693-9, 24 EURO (D)

Der Februar 1933 zeichnet in diesem Buch in einer Art Chronik mit zum Teil neu erschlossenen Quellen, wie das literarische Leben der Weimarer Republik in nur wenigen Wochen zerstört wurde und die Schriftsteller*innen und Kulturschaffende, die demokratisch orientiert waren, wussten, dass sich ihr Leben für immer veränderte.

Uwe Wittstock konzentriert sich dabei auf die Schicksale von Künstlern und Literaten zu konzentrieren, deren Leidensweg 1933 begann. „Ihre Erfahrungen zeigen stellvertretend, wie es denen erging, die Rechtsstaat und Demokratie zu verteidigen suchten. Sie zeigen, wie schwer es fällt zu begreifen, wann aus dem gewohnten Leben ein Überlebenskampf wird und ein historischer Augenblick existentielle persönliche Entscheidungen verlangt.“ (S. 8)

Das Buch ist aufgebaut in der Sequenz von Tagen vom 28.1.1933 bis zum 18.3.1933. Es werden in einem Kapitel viele Perspektivwechsel von Schriftsteller*innen und Kulturschaffende zu anderen vorgenommen. Danach wird noch das weitere Leben und die weitere Karriere von 33 Protagonist*innen erzählt.

Die Schriftsteller*innen und Kulturschaffende waren sich der Ereignisse zwar bewusst, so richtig begreifen konnten es viele oftmals nicht. Angst, die Frage nach den persönlichen Folgen, Frust wegen Auftrittsverboten, Passivität, Einschüchterung, entschlossener Widerstand und überzeugtes antifaschistisches Auftreten waren die Reaktionen. Die Atmosphäre war angespannt und düster.

Das Buch berücksichtigt die politischen Fakten, aber hier stehen eindeutig die Autoren und Dichter im Focus. Hintergründe wie Hitlers Machtantritt, der Fackelzug in Berlin am 30.1., Goebbels Propagandamaßnahmen, die Mordankündigung von Göring oder der Straßenterror der SA werden dort miterzählt.

Der Autor strebt dabei keine Vollständigkeit an. Die namhaftesten demokratischen Literat*innen und Kulturschaffenden am Ende der Weimarer Republik werden beleuchtet: Carl von Ossietzky, Georg Grosz, Thomas und Heinrich Mann, Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht, Erich Kästner und Harry Graf Kessler Alfred Döblin, Ricarda Huch, Mascha Kaléko, Carl Zuckmayer, Oskar Maria Graf und viele andere.

Mordankündigungen von Göring sorgten bei einigen zu Todesangst, Starre in ihren Entscheidungen, andere reagierten dabei gelassen und ließen sich nicht einschüchtern. Manche fassten den Entschluss, vor den Nazis zu fliehen und zu emigrieren. Dies wurde nicht nur zu einer Zwischenstation in der Not, sondern oft der neue Lebensmittelpunkt. Nur wenige kamen ins postfaschistische Deutschland zurück. Einige wie Ernst Toller begingen Selbstmord.

Auch der Machtkampf in der Akademie der Künste in Berlin um Heinrich Manns und die Neuausrichtung nimmt breiten Raum ein. Max Liebermann macht aus seiner Abneigung keinen Hehl, fürchtet aber den aggressiven Antisemitismus noch mehr als früher. Gottfried Benn nimmt eine Sonderrolle ein, er begrüßt die „Machtergreifung“ und sieht darin eine historische Zäsur.

Der Verbot des Aufführung „Silbersee“ von Georg Kaiser, der Konflikt über die Aufführung von Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ und vor allem die Korrespondenz der Dichter und Schriftsteller untereinander sind Beispiele für den eklatanten Bruch im kulturellen und literarischen Leben in Deutschland.

Das Verbindende an den Einzelschicksalen lag darin, dass der Beginn der NS-Herrschaft für alle war es eine „lebensentscheidende Wende“ (S. 9) war.

Die einzelnen Schicksale werden mit einer Vielzahl von Primärquellen erzählt, Wittstocks spannender Erzählstil sorgt für eine fesselnde Lektüre. Die düstere Atmosphäre klingt bei allen Geschichten heraus.

Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass der Winter der Literatur sich nur auf die regimekritischen Schriftsteller*innen bezog. Für einige war die „Machtergreifung“ der Nazis der Sommer ihrer Karriere und politischen Träumen. Dies wird auch in Ansätzen vorgestellt.

1933 erschienen Dramen im nationalsozialistischen Deutschland, die im politischen Horizont der Weimarer Republik angesiedelt waren, um die nationalsozialistische Weltanschauung zu verbreiten oder zu festigen. Heinrich Zerkaulen griff in seinem Kriegsdrama Jugend von Langemarck einen Mythos der rechten Bewegung auf. Der Mythos von Langemarck beruhte auf einem Desaster, wo vierzehn unzureichend ausgebildete Regimenter von Kriegsfreiwilligen im belgischen Flandern mit patriotischen Liedern in einen auch militärisch sinnlosen Tod geschickt wurden. Demselben Modell von Niederlage und spätem historischen Sieg folgte das Werk „Marsch der Veteranen“ von Friedrich Bethge. Hanns Jost war einer der ersten unter den bekannteren Autoren der Weimarer Republik, die sich zum Nationalsozialismus bekannt haben. Schon vor 1933 wandte einer völkischen Dichtungsauffassung zu.

Insgesamt gesehen ein lesenswertes Buch.

 

Buch 2

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. Eine Insel-Saga, C. H. Beck, München 2021, ISBN: 978-3-406-77422-5, 24 EURO (D)

Dies ist der neue Teil der Insel-Saga von Roy Jacobsen, der auf seinem früheren Roman „Die Unsichtbaren“ inhaltlich und konzeptionell aufbaut. Das Motiv der Suche nach verschwundenen Eltern wird auch hier wieder aufgegriffen.

Nach einer langen und beschwerlichen Reise durch Norwegen ist die Hauptprotagonistin Ingrid zurück auf Barrøy. Das Leben auf der winzigen, einsamen und kargen Schäreninsel wird noch immer vom jüngst vergangenen Zweiten Weltkrieg überschattet, die Menschen versuchen zu vergessen.

Eines Tages wird der fünfjährige Mathias auf die Insel gebracht. Dessen Vater verschwindet auf mysteriöse Weise, bald wird auch deutlich, dass auch seine Mutter ebenfalls verschollen ist. Der kleine ängstliche Junge gewinnt das Herz von Ingrid, die ihn adoptiert. Ingrid den kleinen Mathias. Neben den vielen anderen Kindern wird geschildert, wie er auf Barrøy erzogen wird und sich weiterentwickelt. Trotz seiner traurigen Vorgeschichte wird er zu einem aufgeschlossenen, netten und intelligenten Jungen. Doch auch einem suchenden und fragenden: Die rätselhaften Umstände des Verschwindens der Eltern beschäftigen sowohl ihn selbst als auch Ingrid.

Neben dieser Suche nach der Wahrheit spielt die Beschreibung der Natur auf Barrøy eine wichtige Rolle. Dies ist jedoch auch nicht weiter verwunderlich: Die Natur bestimmt mit das Leben der Menschen. Es ist keine Romantisierung oder lyrische Naturphilosophie, sondern die genaue Darstellung der rauhen, aber doch in ihrer Art stimmungsvollen Natur. Auch das Meer und das wechselnde Wetter werden vom Autor in kurzen, aber sinnlichen Sätzen präsentiert. Es ist eine Art Antizivilisation, weit entfernt vom heutigen Komfort, was aber einen eigenen Charme versprüht. Es wird auch deutlich: Das heute zu einem der reichsten Länder der Welt zählende Norwegen hatte an der Peripherie vor 60 Jahren noch einen ganz anderen Lebensstil.

Die Charaktere werden von der umgebenden Natur geprägt. Es sind Menschen, die durch die Lebensumstände rauh, eigenwillig, widerstandsfähig und hart geworden sind. Sie sind daran gewöhnt, mit wenig Komfort zu leben und um ihr Überleben zu sichern. Die Folgen des Krieges lasten bleischwer auf den Erwachsenen und Kindern.

Es sind höchst selbständige und handlungsgeleitete Menschen, die unter ihrer äußeren harten Schale einen weichen Kern haben. Die Kinder werden liebevoll aufgezogen, mit Respekt behandelt und in alle Lebensbereiche integriert. Die Kinder werden zwar in einer kargen Umgebung geboren, sind jedoch aufrecht und verantwortungsbewusst erzogen worden. So auch Mathias, dessen Charakter neben dem ihrer Neumutter Ingrid im Mittelpunkt steht.

Die Sprache ist kein lyrischer Erguss, die Kürze und Einsilbigkeit kann auch auf Dauer nerven. Das sollte jedoch nicht von der Fortsetzung der Lektüre abhalten, der Versuch, das Rätsel um das Verschwinden der Eltern von Mathias zu lösen, und Fragen um Selbstidentität machen das Werk spannend.


Buch 3

Gerhard Henschel: Kindheitsroman. Die Urfassung, Hoffmann und Campe, Hamburg 2021, ISBN: 978-3-455-01148-7, 26 EURO (D)

Dieses Werk ist nur im Zusammenhang mit Henschels früherem schriftstellerischen Wirkens zu begreifen.

2002 erschien Henschels Briefroman Die Liebenden, in dem er anhand schriftlicher Dokumente aus dem Nachlass seiner Eltern deren Lebensgeschichte mit veränderten Namen erzählt.

In seinem 2004 veröffentlichten Kindheitsroman schildert Henschel das Leben dieser Familie aus der Sicht des Sohnes Martin. Er breitet er seine Erinnerungen aus, in Momentaufnahmen, die mit dem wachsenden Alter des Erzählers nach und nach komplexer werden. 2009 setzte Henschel den Kindheitsroman mit dem Jugendroman fort: Die Familie Schlosser wohnt nunmehr in Meppen im Emsland. Es stehen die Pubertät, die politischen Ereignisse seiner Zeit und den Sinn des Lebens im Vordergrund.

Mit dem Liebesroman folgte 2010 eine weitere Fortsetzung. Martin Schlosser fällt es immer noch schwer, eine Freundin zu finden, eine Mitschülerin wird seine erste Liebe. 2012 setzte Gerhard Henschel die Reihe Abenteuerroman fort. Beziehungsdiskussionen, die Enge der Kleinstadt und sein Leben in Brokdorf, Hamburg, Amsterdam, Osnabrück, Bielefeld, München, Venedig, Wien und Göttingen sowie seine Rückkehr sind dort Thema. Weitere Romane der Reihe sind Bildungsroman (2014) und Künstlerroman über Schlossers Studentenzeit in Bielefeld und Berlin, sowie Arbeiterroman (2017), der Schlossers schriftstellerische Anfänge in der oldenburgischen Provinz zum Thema hat. Im Erfolgsroman (2018) beschreibt er den beginnenden schriftstellerischen Erfolg.

Dies ist die Urfassung des Bestsellers, illustriert mit historischen Aufnahmen aus den Fotoalben der Familie Henschel und ergänzt um einige noch unveröffentlichte Episoden. In der Erstausgabe fielen diese Seiten dem Rotstift zum Opfer, jetzt endlich erblicken sie das Licht der Welt.

Der Autor schreibt über die Kindheit des Martin Schlosser von 1964 bis 1975, zwischen seinem fünften und dreizehnten Lebensjahr. Die Erinnerungen betreffen eine durchschnittliche Familie in den Nachkriegsjahren, wo langsam ein Wohlstandszuwachs verzeichnet wird. Die Familienkonstellation ist typisch: Der Vater geht arbeiten, die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich um Martin und seine drei Geschwister.

Die Dinge, die ihn beschäftigen oder reizen, werden hier erstaunlich detailliert widergegeben. Ob dies nun die anhaltende Begeisterung für die Erfolge von Borussia Mönchengladbach, Weihnachts- und Geburtstagsfeiern, sein Ärger in der Schule, Streiche gegen Lehrer, die Entdeckung des Mittelmeeres, die erste Unterhaltungselektronik, Spiele wie Malefiz oder Serien im neuen Fernseher. Aber auch das HB-Männchen, das aufkeimende Interesse an Mädchen oder Markenartikel und deren Werbung blieben in klarer Erinnerung. Seine Geschwister und seine Mutter nehmen einen größeren Platz als ein Vater ein.

Es ist kein Spiegelbild der Jugendkultur der 1960er und 1970er, auch keine kritische Aufarbeitung einer ereignisreichen Zeitspanne mit gesellschaftskritischem Bezug. Es ist die subjektive autobiografische Wiedergabe des Heranwachsens in einer „normalen“ Familie in Westdeutschland, wobei Empfindungen, Kindheitsphantasien und Ikonen jener Zeit im Mittelpunkt stehen. Die Normalität spiegelt einerseits eine Enge wider andererseits kann man sich dadurch besser hineinversetzen. Durch die nostalgische Zeitreise werden sich vor allem die Älteren angesprochen fühlen, die unter ähnlichen Bedingungen in Westdeutschland aufgewachsen sind.

Ob die Kindheit wirklich so war oder ob im Nachhinein nicht doch irgendwas verherrlicht oder übertrieben wird, kann nur der Autor beantworten.


Buch 4

Theresia Raum/Frank Jacob (Hrsg.): „Mit Pauken und Trompeten“. Elefanten in Geschichte, Literatur und Kunst, Büchner Verlag, Marburg 2018, ISBN: 978-3-96317-7, 34 EURO (D)

Der Elefant weckt zahlreiche Assoziationen, die je nach historischem und soziokulturellem Kontext vom gutmütigen Riesen bis zur wilden Bestie reichen. Dieser Sammelband widmet sich den vielseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Elefanten und vereint dabei historische, kulturelle, künstlerische und mediale Perspektiven. Er möchte auch einen Beitrag zu den Human-Animal-Studies im deutschsprachigen Raum leisten und einen Einblick in die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung geben.

Der Band besteht aus zwei Teilbereichen. Im ersten Teil werden historische Fallstudien behandelt, die zeigen, inwieweit die Geschichte des Elefanten mit der des Menschen verbunden war und wie sich beide gegenseitig beeinflusst haben. Im ersten Beitrag beschäftigt sich Theresia Raum mit dem Zeitraum des Hellenismus und zeichnet den Lebensweg nach, den ein antiker Kriegselefant von jungen Jahren in freier Wildbahn bis zum Einsatz in Kriegen dieser Epoche zu gehen hatte. Danach behandelt Hendrik Baumbach die Übergangsphase zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit und analysiert inwieweit Elefanten zur Herrschaftsrepräsentation genutzt werden konnten. Anschließend befasst sich Markus Bötefür mit der Darstellung von Elefanten in europäischen Reiseberichten der Frühen Neuzeit, die zwischen Faszination und Grauen lagen. Frank Jacob geht auf die militärische Rolle von Elefanten auf dem indischen Subkontinent ein und zeigt dabei, wie es der Britischen East India Company gelungen ist, die Tiere in ihren militärstrategischen Komplex zu integrieren. Im letzten Beitrag stellt Bodo V. Hechelhammer die Rolle der Elefantenkuh „Stasi“ im westdeutschen Geheimdienst dar.

Im zweiten Teil stehen die medialen Verarbeitungen von Elefanten im Mittelpunkt. Verschiedene Autorinnen und Autoren beleuchten dabei die Rolle von Elefanten in der modernen Literatur ausgehend von George Orwells Werk „Shooting an Elephant“. Die Analyse zeigte, dass dem Tier als Betrachtetem eines Netzwerks von Akteuren verschiedene Darstellungs- und Repräsentationsfunktionen zugewiesen werden. Anne Hemkendreis beschäftigt sich danach mit der künstlerischen Interpretation des Malers Henri Toulouse-Lautrec zur Zeit des Fin de Siecle. Daniel Münch analysiert zum Abschluss noch die digitale Darstellung von Kriegselefanten in Computerspielen.

Hinter den einzelnen Beiträgen finden sich Quellen- und Literaturverzeichnis, im Anhang gibt es noch eine Biografie der Autorinnen und Autoren sowie ein Register.

Dieser Band stellt das ambivalente Verhältnis zwischen Elefant und Mensch quer durch die Jahrhunderte anhand von verschiedenen Beispielen dar. Der Band verfolgt nicht das Ziel einer biologischen Betrachtung noch den Hinweis auf die Bedrohung von Elefanten.

Die Beiträge verbindet die Analyse des Elefants als Kultur- und Nutzobjekt für Menschen und die mit ihm verbundenen Imaginationen oder Vorstellungen. Dies geschieht aus europäischer Sicht mit der damit verbundenen Exotik und dem Domestizierungswillen. Ein interessantes Buch, wobei die hier vorgestellten Beiträge beliebig um andere Themen erweitert werden können, zum Beispiel die Rolle von Elefanten bei „Völkerschauen“, die Geschichte von Elefanten im Zirkus oder die Rolle von Kuscheltieren.


Buch 5

Charlotte von Feyerabend: Selma Lagerlöf. Sie lebte die Freiheit und erfand Nils Holgersson. Roman, Droemer, München 2021, ISBN: 978-3-426-28259-5, 16, 99 EURO (D)

Die Werke Selma Lagerlöfs (1858-1940) zählen zur Weltliteratur. Ihr bekanntestes Werk ist wohl das Buch „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, außerdem schrieb sie noch Heimatliteratur und geistliche Werke. In diesem Werk geht es zwar auch um Lagerlöfs Werke, ihre außergewöhnliche Biografie steht aber im Vordergrund.

Das Buch besteht aus drei größeren Teilbereichen. Sie wuchs auf ihrem elterlichen Hof auf und zeigte schon in jungen Jahren Interesse an Geschichten, Mythen und Sagen. Sie las viele Bücher, daraus resultierte eine außergewöhnliche Bildung. Als Brotberuf wurde sie Lehrerin, dennoch hatte sie immer den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

Doch dazu brauchte Lagerlöf nicht nur Talent, sondern auch Selbstbewusstsein, Willen und die Fähigkeit, mit Ablehnung zurechtzukommen. In einer patriarchalischen Literaturszene war es anfangs schwer, sich zu behaupten. Gezeigt wird eine starke Frau, die sich nach Freiheit und selbstbestimmten Leben sehnte.

Schon seit ihrer Kindheit begehrte sie Frauen, zu dieser Zeit noch weitgehend verpönt und tabuisiert. Durch ihren wachsenden Erfolg als Schriftstellerin lernte sie die etwas ältere Sophie kennen, mit der viele Ziele in Europa bereiste. Eine andere wichtige Frau in ihrem Leben war ihre Lektorin Valborg. Dieses Dreiecksverhältnis führte zu mancherlei Spannungen und Eifersüchteleien.

Selma Lagerlöf bewirtschaftete daneben auch noch das Familiengut, das sie nach fremden Übernahme wieder in ihren Besitz brachte. Als Gutsbesitzerin war sie eine der wenigen Frauen in Schweden. Sie sorgte auch in finanziellen Dingen für Familie und Freunde.

Lagerlöf war aber auch gesellschaftlich und politisch engagiert und nutzte dazu clever ihre wachsende Bekanntheit. 1909 erhielt sie als erste Frau den Nobelpreis für Literatur und wurde 1914 als erste Frau in die Schwedische Akademie aufgenommen. Sie setzte sich für die Rechte von Frauen ein und wurde so zu einer Pionierin der frühen Frauenbewegung. Weiterhin warb sie für eine Ausweitung der Sozialpolitik und für eine progressivere Reform des Bildungssektors. Dennoch war sie keine Revolutionärin.

Ihre letzten Lebensjahre waren bestimmt von äußeren dunklen Geschehnissen. Schon desillusioniert nach dem Ersten Weltkrieg musste sie das Aufkommen des Faschismus, die Machtübernahme Hitlers, die Judenverfolgung und die Anfangsjahre des Zweiten Weltkriegs bis zu ihrem Tod 1940 miterleben. Sie outete sich stets als Kriegsgegnerin und Antifaschistin.

Der Anhang enthält private und biografische Stationen und wichtige Ereignisse aus Lagerlöfs Leben.

In diesem Buch wird viel von Lagerlöfs private Seite gezeigt und gut die Facetten ihres Charakters beschrieben. Ihr ereignisreiches Leben wird nur in Schwerpunkten erzählt, es geben auch viele Zeitsprünge und Auslassungen. Eine etwas andere Biographie über eine beeindruckende Frau, die den Glauben an sich niemals aufgab, viel soziale Empathie besaß und gesellschaftliche Konventionen überwand.


Buch 6

Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner, vierte, vollständig durchgesehene und erweiterte Auflage, Stuttgart 2021, 978-3-520-36805-8, 26 EURO (D)

Dieses Standardwerk von Rudolf Simek erscheint in der vierten vollständig durchgesehenen und erweiterten Auflage. Für die vierte Auflage wurden die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigt und genauer als vorher der Quellenwert der Eddas für die vorchristliche germanische Religion kritisch einbezogen. Es will auch als „kleiner Wegweiser durch das Gestrüpp von Halbwahrheiten und Fehlinformationen“ (Vorwort) verstanden werden, die durch verkürzte oder verfälschte Informationen im Internet verursacht werden.

Als Stichwörter wurden alle Namen und Begriffe aufgenommen, die für die germanische Religion direkt relevant sind und auch die Normen, die in der Snorra-Edda und in den mythologischen Edda-Liedern in direkter Verbindung zum Mythos im engeren Sinn erscheinen.

Nach einem Vorwort folgt eine längere Einleitung, wo auf Mythologie, germanisches Heidentum und Quellen, Forschung, Rezeption in Kunst und Literatur, die Auswahl der Stichwörter und den Aufbau der Artikel eingegangen wird. Danach gibt es Benutzungshinweise, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Glossar für Fachausdrücke und Informationen zur Schreibung skandinavischer Namen, bevor der Lexikonteil beginnt.

Die Artikel sind folgendermaßen aufgebaut: Nach dem jeweiligen Stichwort gibt es in Klammern die Sprachangabe und soweit möglich auch die etymologische Bedeutung. Es folgen eine Kurzcharakteristik des Begriffs, dann die ausführlichen Informationen mit ihren Belegstellen und dann eine Darstellung der Beziehungen zu anderen Bereichen. Am Ende des Artikels wird die Sekundärliteratur angegeben, meist mit Kurztiteln mit Verweis auf das Literaturverzeichnis. Mit dem Hinweis N (Nachleben) wird die Rezeption des Stoffes in der Neuzeit beschrieben, manchmal wird nach Bildender Kunst, Literatur, Musik und Sonstigem getrennt.

Die aktualisierte und erweiterte internationale Bibliografie am Ende des Buches enthält fast 2000 Titel der Primär- und Sekundärliteratur. Werke zur allgemeinen Mythologie sowie Wörterbücher wurden nicht aufgenommen.

Die Welt der Götter und ihren mythischen Zuschreibungen wird in wissenschaftlicher Weise in prägnanten Artikeln sowie die Etymologie behandelt. Das Buch richtet sich sowohl an Geisteswissenschaftler*innen als auch an anspruchsvolle Laien, die an einem helfenden Kompendium interessiert sind. Hervorzuheben ist die Fülle an weiterführender Literatur zur Vertiefung, die keine Wünsche offen lässt. Allerdings ist die Schrift klein gewählt, so dass es schwer lesbar ist.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz