Von Meinungsmacht und Mainstream


08.09.16
KulturKultur 

 

Rezension von Hannes Sies

Uwe Krüger hat mit seiner Dissertation "Meinungsmacht" (2013) selber Mediengeschichte geschrieben. Am 29.April 2014 griffe die Kabarettsendung "Die Anstalt" seine Forschungsergebnisse auf und brachte dem deutschen TV-Publikum erstmals die Existenz der Bilderberger-Konferenzen sowie die Verflechtung ihre Medienelite mit den Oligarchien bzw. Konzernen des Westens (etwa Goldman Sachs) zu Gehör -wenn auch unter der Narrenkappe der Satire. Jetzt legte Krüger mit "Mainstream -Warum wir den Medien nicht mehr trauen" eine populärwissenschaftliche, aktualisierte Kurzversion seiner Studie vor. Den Umsturz in der Ukraine 2014 betrachtet er als "Katalysator" der Vertrauenskrise der Mainstreammedien:

"Was im Frühjahr 2014 mit massivem Ärger über eine als unausgewogen empfundene Ukraine-Berichterstattung und ein zu negatives Russland-Bild begann, schwoll zu einer Fundamentalkritik an, die mit den Schlagworten «Mainstream-Medien», «Gleichschaltung», «Systemmedien» und «Lügenpresse» umrissen werden kann und die in ganz unterschiedlichen politischen Lagern und Milieus geteilt wird." (Krüger, Mainstream)

Krüger untersuchte mit einer Netzwerkanalyse zunächst die soziale Umgebung von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien. Jeder Dritte unterhielt informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten. Bei vier Außenpolitik-Journalisten von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt und Die Zeit fanden sich dichte Netzwerke im US- und NATO-affinen Elitenmilieu. Die "Transatlantiker" versorgen deutsche Medienkonsumenten mit einem Weltbild, das tendenziös die Machtpolitik eines bestimmten Teils westlicher Machteliten propagiert. Unabhängiger oder sogar kritischer Journalismus wird in den wichtigen Themenfeldern (zumindest bzw. nachgewiesenermaßen bei den besagten vier führenden Leitmedien) durch korruptives Netzwerke manipuliert. Der Aufschrei der Medien war groß, die Angesprochenen verteidigten sich mit Beschimpfungen, Rechtfertigungen (z.B.: ihre guten Beziehungen zu Machteliten seien Teil ihrer Recherchen) und juristischen Klagen, die dazu führten, dass die Kabarett-Sendung aus der ZDF-Mediathek entfernt wurde.

Im neuen Buch "Mainstream" schlägt Krüger etwas versöhnlichere Töne an, übernimmt etwa die Mainstream-Sprachregelung, Russland hätte die Krim "annektiert" (was als Bewertung durchaus umstritten ist). Das Verhältnis zwischen Journalisten und ihren Quellen sei eine Symbiose, bestimmt vom Tauschgeschäft „Information gegen Publizität“: Der Journalist bekommt Informationen und verschafft im Gegenzug seiner Quelle (oder deren Anliegen) Öffentlichkeit. Doch wie kommt dieses Tauschgeschäft zustande? Entscheider aus Politik und Wirtschaft geben Hintergrundwissen, Exklusivinformationen oder Interviews am ehesten Journalisten, "mit denen sie auf einer Wellenlänge liegen und von denen sie keine ernsthafte Gefahr für die eigene Position befürchten müssen". Wer vom Habitus her kompatibel mit den oberen Schichten ist sei, habe daher größere Chancen auf eine Karriere im Journalismus – vor allem in Mainstream-Medien, die den Anspruch haben, das Geschehen im "Entscheidermilieu" (also bei der Machtelite) aktuell und detailliert abzubilden, und daher auf Quellen in den höheren Etagen angewiesen sind. So greift Uwe Krüger die Rechtfertigung seiner Elite-Mainstreamer auf, um ihnen vor Augen zu führen, wie sie wurden, was sie sind: Beobachter, die denen, die sie objektiv beobachten sollten, immer ähnlicher wurden -bis zur Angleichung von Weltbildern und Meinungen. Prestige-Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ verstünden sich auch als "Plattformen des Elitendiskurses", als Orte, wo Politiker, Wirtschaftsführer oder Kulturschaffende mit Statements, Interviews oder Gastbeiträgen die öffentliche Debatte zu beeinflussen versuchen. Dabei sei die Unabhängigkeit abhanden gekommen, die guten Journalismus von Propaganda unterscheide, und dies hätten die Leser am Ende gemerkt.

Dies ist keine neue Entwicklung, sondern zieht sich schleichend durch den deutschen Journalismus -doch die Verbundenheit der Medien mit ihren einstigen Idealen wird rapide schwächer. Im Kapitel "Die Suppe wird dünner" beschreibt Uwe Krüger, wie die Medienleute sich vom kritischen Beobachter der Mächtigen zum vermeintlich neutralen Informationstechniker gewandelt haben: "Kritik an Missständen üben" wollten 1993 noch 63, 2005 aber nur noch 57 Prozent; "die Realität genau so abbilden, wie sie ist" wollten 1993 erst 66, 2005 schon 74 Prozent. Bei Journalisten ist naiver Einklang mit vorherrschenden Interpretationen der Welt, die mit "der Realität" verwechselt werden, auf dem Vormarsch: Kurz es mangelt ihnen an Medienkompetenz und eigener kritischer Haltung. Statt Rückgrat ist Anpassung an die Belange der Mächtigen gefragt, wenn man Karriere in Mainstream-Medien machen will. So funktioniert Gleichschaltung auch ohne zentrales Propaganda-Ministerium.

Die Bilderberger erwähnt Krüger auch in diesem Buch, das allein dadurch aus dem Einheitsbrei der medienwissenschaftlichen Publikationsflut hervorsticht: Theo Sommer, Starjournalist der ZEIT, war bei den Bilderbergern ebenso involviert wie in der Bertelsmann-Stiftung, beim German Marshall Fund of the United States wie bei der Bundeswehr. Die jährlichen Bilderberg-Konferenzen in wechselnden Fünfsternehotels dienen vor allem der Pflege der transatlantischen Beziehungen und der vertraulichen Diskussion aktueller weltpolitischer Probleme. Man will unter den Machteliten zu einem Konsens kommen, bevor man seine Themen in die Öffentlichkeit trägt. Dieser Konsensfindung wohnen ausgewählte Alpha-Journalisten bei. „Ich darf zwar nicht berichten über die Tagung, habe aber als Journalist durchaus meinen Nutzen davon“, erzählte Theo Sommer in einem Interview: „Das ist Networking auf sehr hohem Niveau.“ Theo Sommer war nicht nur regelmäßiger Teilnehmer der Bilderberg-Konferenzen, er saß von 1975 bis 1989 auch zusammen mit dem Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen im Lenkungsausschuss der Treffen und bestimmte die Themen sowie die Teilnehmer mit. So holte er zum Beispiel Helmut Kohl dazu, noch ehe der Kanzler wurde. Denn: „Man hat immer versucht, die kommenden Leute mit heranzuziehen. (...) Damit sie Kontakt mit ihresgleichen finden konnten.“

Ach darum. Nicht, damit man solche Kandidaten für höchste Ämter aussieben kann, die evtl. die Interessen der Menschen im Lande vertreten würden, statt die Privilegien einer superreichen Machtelite auf Kosten der Allgemeinheit immer weiter auszubauen. So entlarvt Krüger implizit die Lebenslügen einer angepassten Lohnschreiberzunft -denn unabhängiger Journalismus sieht anders aus als das, was unsere Leitmedien uns vorsetzen. Uwe Krüger legt überzeugend an Medienkritik nach, grenzt sich dabei von allzu platter Medienschelte nach dem Muster "Lügenpresse" ab durch differenziert belegte Analyse. Ein kluges Buch für jeden Medienkonsumenten.

Uwe Krüger: „Mainstream — Warum wir den Medien nicht mehr trauen“
Taschenbuch, 170 Seiten, 14,95 Euro

C.H.Beck 2016, ISBN-13: 978-3406688515







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