Meschkat: Krisen progressiver Regime -Rezension eines Pamphlets

29.04.21
KulturKultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Angeblich will das Buch nach Gründen für „die Krise progressiver Regime Lateinamerikas“ suchen. Den ideologischen Standpunkt zeigt schon die Diffamierung als „Regime“, die dazu passende billige Antwort: Es ist der heimlich fortwirkende Stalinismus unter den Sombreros, der etwa zum Elend in Venezuela oder zum Putsch gegen Evo Morales in Bolivien führte.

Klaus Meschkat ist pensionierter Soziologieprofessor und hat sein Leben wohl hauptsächlich damit verbracht, von seiner Kanzel herab die Schattenseiten des Stalinismus zu geißeln. Keine Zeit hatte er leider, sich mit den Schattenseiten des US-Imperialismus zu befassen, so muss man aus seinem anti-sozialistischen Pamphlet schließen. Meschkat macht aus seiner ideologischen Not jedoch gleich im zweiten Satz der Einleitung eine Tugend:

„Wer sich nicht damit zufrieden gibt, lediglich in bewährter Manier die erwartbaren Machenschaften des ‚Imperialismus‘ anzuprangern, muss nach den inneren Gründen für das Scheitern eines vorschnell proklamierten ‚Sozialismus des 21.Jahrhunderts‘ suchen.“ Meschkat S.7

Den US-Imperialismus anonymisiert Meschkat damit zu allererst zum undefinierten Imperialismus, den er zudem in Fragwürdigkeit signalisierende Anführungszeichen setzt. Dann grenzt er sich von scheinbar vielen anderen ab, die damit zufrieden sind, „die erwartbaren Machenschaften“ dieses fraglichen „Imperialismus“ anzuprangern. Das Prädikat „erwartbar“ soll wohl besagen, die Kritik der behaupteten anderen sei irgendwie langweilig, weil man sie ohnehin erwartet. Meschkat hat damit in unfreiwilliger Komik sein eigenes Problem entlarvt: Erwartbar ist vor allem seine stupide Geißelung des Stalinismus.

Dieser Hund, den der rüstige Pensionist hier über seine Berentung und weit über Stalins Tod hinaus so verbissen prügelt, ist mausetot. Stalins Verbrechen, die Gulags und Schauprozesse, welche Meschkat in greisem Pathos über langatmige Kapitel hinweg verdammt, hat sogar schon die Sowjetunion selbst aufgearbeitet. Ganz anders übrigens als die USA, deren Aufarbeitung der Verbrechen ihres Imperialismus, die Putsche, Geheimkriege, Folterlager und Terroranschläge der CIA, erst in den Kinderschuhen steckt.

„Erwartbar“ ist dabei vor allem eines: Dass die CIA weiterhin korrupte Mietmäuler sponsert, um ihre Verbrechen zu vertuschen. Besonders in Westdeutschland investierte die CIA in ihrer CCF-Operation (Congress/Conference on Cultural Freedom) bekanntlich Milliarden US-Dollar um angebliche Linksintellektuelle zu alimentieren, insbesondere für Kritik am Stalinismus. Auch Meschkat ödet seine Leser erbarmungslos an mit der Aufzählung längst vergessener Linksintellektueller, die in Lateinamerika in den 1930er und -40er Jahren einmal Stalin gehuldigt haben mögen. Daraus den Kern heutiger Probleme sozialistischer Parteien rekonstruieren zu wollen, erscheint diffamierend und ohne nennenswerte Substanz. Das Trommelfeuer von Meschkats antikommunistischen Anklagen richtet sich aber vor allem auf Hugo Chavez und Evo Morales (über dessen Vize Lignera):

„Nach dessen (Chavez) Tode darf wohl der langjährige Vizepräsident Boliviens Alvaro Garcia Linera als einer der wichtigsten Ideologen der ‚bolivarischen Revolution‘ gelten, auch nachdem er gemeinsam mit Evo Morales abdanken musste.“ Meschkat S.8

Ideologische Deckung für den Putsch gegen Morales

Meschkat verteidigt den nachweislich auf US-Propaganda basierenden Putsch gegen Morales, einen in vieler Hinsicht vorbildlichen sozialen Demokraten. Was wirft der deutsche Professor Morales (und Chavez) konkret vor? Dass sie ihre Amtszeit per Verfassungsänderung verlängern wollten, das sei Hinweis auf stalinistische Machtansprüche. Dies klingt seltsam von einem Pensionisten, der seine üppigen Zuwendungen von einem Staat bezieht, dessen Kanzlerin Merkel ihr Amt auf unbegrenzte Zeit bekleidet. Sollte Meschkat da nicht eher seine Energie in die Einführung einer Amtszeitbeschränkung für Bundeskanzler (-innen) investieren? Immerhin rutschen Meschkat beim Fall Morales ein paar Kritikpunkte an den USA heraus -nicht, dass er sie vertiefen oder Schlussfolgerungen daraus ziehen würde:

„Unbestreitbar ist den USA der Sturz von Evo Morales hochwillkommen, und sicherlich waren sie auch nicht untätig, um seine Gegner aufzurüsten, auch mit den subversiven Methoden, die US-amerikanische Politik in Lateinamerika seit Jahrzehnten auszeichnen. Statt nun aber Evo Morales in oft erprobter Weise ausschließlich als Opfer imperialistischer Ränke darzustellen, darf man der entscheidenden Frage nicht ausweichen: Wie konnte es geschehen, dass die ursprünglich vorhandene soziale Basis teilweise verloren ging?“ Meschkat S.91

Leider hat Meschkat hier das Pech, dass die angeblich verlorene soziale Basis von Morales inzwischen den CIA-gesteuerten Putsch wieder per erzwungener Wahl kassiert hat. Fragt sich nur, warum Meschkat nicht die an dieser Stelle (und nur an dieser) seines Buches eingestandenen „subversiven Methoden“ etwas näher erläutert. Die CIA hat nach Meschkat offenbar nichts damit zu tun, da er sie auch hier nicht erwähnt. Stattdessen lamentiert er verniedlichend über „imperialistische Ränke“ -in Wahrheit brutale Verbrechen bis hin zu Terror, Massenmord, Foltern von Kindern- als deren „Opfer“ sich keiner darstellen solle.

Zentraler Bestandteil jedes CIA-Umsturzes eines noch so demokratischen Sozialismus ist dessen propagandistische Verteufelung als „Stalinismus“. So behauptet auch Meschkat, Morales sei an seinem Sturz selber Schuld, wegen seiner angeblichen „rücksichtslosen Herrschaftssicherung nach staatssozialistischem Vorbild, die schließlich zum Machtverlust führen musste.“ (S.91) Derartige Herrschaftssicherung findet man aber in Nordkorea, anders als in Bolivien unter Morales, ohne dass sie dort bislang „zum Machtverlust führen mussten“.

Meschkat, Peters und die CIA

Wir wissen nicht, ob Meschkat korrupt ist. Wir sehen aber, dass er emsig in die alte CCF-Kerbe haut als hätte er das Ende des Kalten Krieges ebenso wenig mitbekommen, wie die terroristischen Machenschaften der CIA. Deren „erwartbares“ Anprangern will er ja auch anderen überlassen, wenn er seine absonderliche Version der Geschichte des Sozialismus in Lateinamerika schreibt. Diese anderen sieht man leider nirgendwo, er zitiert keinen davon, setzt sich nirgends mit ihnen auseinander -existieren sie überhaupt? Sie sind für Meschkat wohl unbequeme Kritiker seiner ideologischen Geschichtsklitterung, die er durch schnellen Ausschluss aus seinem Traktat totschweigen will.

Da könnte man beinahe Lachen, denn als Beweis für angeblichen Stalinismus im heutigen sozialistischen Venezuela führt er was an? Den angeblich „schnellen Ausschluss unbequemer Kritiker“ bzw. die „fehlende Dokumentation“ ihrer Positionen in Maduros Partei (S.84). Meschkat dokumentiert auf seiner eigenen Literaturliste keinen einzigen der angeblichen Anprangerer des US-Imperialismus bzw. des (von Meschkat verschwiegenen) CIA-Terrors: Wenn das Stalinismus ist, hat dessen langjährige Geißelung wohl auf Meschkat abgefärbt.

Dabei kann nur extreme ideologische Borniertheit heute noch die blutige Geschichte der CIA-Geheimkriege gegen jedwede sozialistische oder auch nur soziale Politik (besonders in Lateinamerika!) verleugnen: Wie etwa beim mit ähnlicher Geschichtsklitterung ebenfalls zum Professor avancierte Lateinamerika-“Experte“ Stefan Peters, dessen Machwerk „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“ verreißen zu müssen ich hier schon das Missvergnügen hatte. Der in politischer Propaganda offenbar erfahrenere Meschkat geht freilich etwas raffinierter vor: Anders als Peters enthält er sich platter Diffamierungen durch das Zitieren von agitatorischen Chavez-Hitler-Vergleichen oder stupide Wiederholungen, der Chavismus sei „krachend gescheitert“. Meschkat gibt sogar in Nebensätzen lapidar zu, dass die USA aggressiven Imperialismus betreiben, freilich nur in seiner Warnung davor, man solle sich nicht auf dessen Kritik beschränken:

„Internationale Orientierung kann sich jedoch nicht auf eine ständige Denunziation der Schandtaten des US-Imperialismus beschränken, so notwendig dessen Abwehr bleibt, gerade angesichts einer immer aggressiveren US-amerikanischen Politik.“ Meschkat S.98f.

Wenn eine immer aggressivere US-Politik aber abzuwehren ist, warum diffamiert Meschkat die Kritik an ihren „Schandtaten“ dann als „Denunziation“? Meschkat ähnelt hier einem CIA-Aussteiger: Robert Baer, ehemaliger CIA-Experte für verdeckte Operationen, sorgt sich zwar mehr um das Image seiner „Firma“ als um Opfer ihrer Machenschaften. Baer gibt aber zu, dass man wg. PR und „political correctness“ heute direkte Gewaltverbrechen meist an kriminelle Handlanger delegieren muss, damit die CIA dieser Verbrechen nicht so leicht „bezichtigt“ werden kann. Das orwellianische „Zwiedenken“ solcher CIA-Führungskräfte zeigt sich im verlogenen Gebrauch des Verbs „bezichtigen“, der sich seiner Verlogenheit überhaupt nicht mehr bewusst zu sein scheint: Baer bestätigt, dass die CIA Verbrechen begehen, beklagt aber zugleich, sie wäre dieser Verbrechen „bezichtigt“, also fälschlich beschuldigt worden. Meschkat bekennt Schandtaten des US-Imperialismus, empfindet ihre Enthüllung aber als „Denunziation“.

Wirre Vertuschung von CIA-Verbrechen

Spätestens hier scheint die wirre Vertuschung von CIA-Verbrechen dem Professor emeritus entgleist zu sein. Bei seiner einseitigen Version des Putsches von Pinochet gegen des sozialistischen Präsidenten Allende 1973, gab Meschkat zwar zu, dass der spätere Diktator von „den USA“ unterstützt wurde. Genaueres sagt Meschkat aber nicht, insbesondere nicht, dass die CIA Drahtzieher dieses Putsches war und z.B. zuvor per Mordanschlag den Allende loyalen General Schneider aus dem Weg räumen ließ.

Kritik am US-Imperialismus kann man aber tatsächlich Geschichtsbüchern lesen. In solchen, die Meschkat totschweigt: Bei Daniele Ganser in „Imperium USA -Die skrupellose Weltmacht“, der mutig enthüllt, was akademische Legionen stromlinienförmig regimetreuer Schreiber wie Peters und Meschkat verschweigen und vertuschen wollen. Meschkat sieht alles nur durch seine ideologische Brille, findet kein gutes Haar an Chavismus oder anderen Sozialismen eines vom US-Imperialismus geschundenen Kontinent.

Die UNO dagegen lobte ausdrücklich Venezuelas Erfolge in Armutsbekämpfung, Gesundheitswesen und Bildung, auch wenn Meschkat davon genauso wenig wissen will wie von Machenschaften der CIA. Auch Evo Morales Präsidentschaft wird für ihre demokratischen und sozialen Errungenschaften in Erinnerung bleiben, nicht für die in Meschkats Pamphlet fabulierten Stalinismen.

Als kritische Bilanz des Buches von Klaus Meschkat bleibt am Ende (ähnlich wie bei seinem Kollegen Stefan Peters) eine Exkulpierung aller Machenschaften von Ölkonzernen, USA und CIA -allein durch totale Ausblendung, dass es solche jemals irgendwo gab oder aktuell geben könnte.

Klaus Meschkat, Krisen progressiver Regime: Lateinamerikas Linke und das Erbe des Staatssozialismus, VSA: Hamburg 2020, 112 Seiten







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