HOWARD BECKERS KUNSTWELTEN


02.06.18
KulturKultur, Theorie 

 

Buchhinweis von Richard Albrecht

Bücher sollen, heißt es, ihre eigene Geschichte haben. Das gilt vermutlich besonders für die erste deutsch(sprachig)e Ausgabe von Howard Beckers Kunstwelten. Die kürzlich, 35 Jahre nach der US-amerikanischen  Erstausgabe von Art Worlds 1982 und zehn nach dessen erweiterter Zweitauflage mit neuem Vorwort (ix-xi) und einen argumentativen Epilog über Vorstellungen von World und Field (372-386)[1], erschien.

Beckers Art Worlds ist inzwischen sein bekannteste, didaktisch angelegtes, Lehrbuch. Ältere Sozialwissenschaftler erinnern gewiß Beckers Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance (1963; Dt. Außenseiter: 1973, ²1981, ³2014) und damit dessen Beiträge zur US-Ostküstenwelt von Jazzern und Kiffern der 1950er Jahre als ethnomethodologisch elaborierte Zugänge zu alltäglichen Sonderwelten sowie dessen Plädoyer für engagiert forschende Soziologie (1967)[2].

Der 1928 geborene Howard Becker gilt als wichtiger Vertreter der zweiten Generation der nach ihrem Gründer Robert Ezra Park (1864-1944) benannten Chicago School der US-Soziologie und deren Interesse für soziale Probleme, ihrem journalismuskompatiblen Aufklärungsanliegen mit muckracking und nosing ´round etwa in den Themenfeldern mass & press, race & culture, migration & marginality, social control & collective behaviour. Dabei lag ein spezieller Interessensschwerpunkt Beckers in der soziologischen Feldforschung und ihren Methoden, bevor er Mitte der 1970er Jahre, auch als Beitrag zur speziellen visual sociology, Methoden und Formen von Photographie und photographische Dokumentation thematisch anspach und methodisch entwickelte[3].

Was nun Beckers Art Worlds oder Kunstwelten betrifft, so wurde kürzlich an sein Grundanliegen in einem lexikalischen Kurzbeitrag zur Künstlersoziologie erinnert: "In seiner 1982 erstveröffentlichten und bis heute  relevanten Grundlagenstudie Art Worlds zitiert Howard Becker im Abschnitt Art and Artist einleitend (sowie später erneut) aus Tom Stoppards Bühnenstück Travesties (1974) eine (fiktive) Auseinandersetzung mit dem (auch von Joseph Beuys vertretenen) dadaistischen Selbstverständnis, demzufolge jeder Mensch, der sich dafür hält, Künstler wäre, zur Besonderheit des Künstlers, der durch sein Können [talent] als Besonderes das schaffe, was allein ein Künstler kann: "An artist is someone who is gifted in some wys that enables him to do something more or less well which can only be done badly or not at all by somebody who is not thus gifted." Im 1. Akt des Stücks wird gegen den Zür´cher Dadaisten Tristan Tzara ("Heutzutage ist derjenige ein Künstler, der das Kunst nennt, was er tut") so argumentiert: "Aber das macht Sie doch nicht zum Künstler. Ein Künster ist jemand, der ein ganz bestimmtes Talent hat, das ihn befähigt, etwas mehr oder weniger gut zu tun, was jemand ohne Talent nur schlecht oder gar nicht zu tun vermag ..."[4]

Damit ist eine doppelte Besonderheit von Beckers kunstsoziologischem Leitkonzepts angesprochen: Kunst ist nicht beliebig. Sondern ein spezielles soziales Feld. Das einer, Künstler genannten, besonderen Sozialgruppe bedarf.

Das und viel, viel mehr kann nun in der aktuell erschienenen deutschsprachigen Erstausgabe von Kunstwelten in Ruhe nachgelesen werden.

 

[1] Howard S. Becker, Art Worlds. University of California Press, Berkeley 1982, viii/392 p.; ibid., updated and expanded, 25th anniversary edition, 2007, xxviii/408 p.

[2] http://www.sfu.ca/~palys/Becker1967-WhoseSideAreWeOn.pdf; s. auch ders.; Irving L. Horowitz,  Radical Politics and Sociological Research: Methodology and Ideology; in: American Journal of Sociology, 78 (1972) 1: 48-66 [010618]

[3] Howard S. Becker, Photography and Sociology; in: Studies in the Anthropology of Visual Communication, 1 (1974) 1: 3-26

[4] https://soziologieheutebasiswissen.wordpress.com/2017/04/11/kuenstlersoziologie/ [260417]

 

Howard S. Becker, Kunstwelten. Deutsch von Thomas Klein; Daniel Kulle. Vorworte Dagmar Danko; Thomas Weber. Hamburg: Avinus, 2017, 378 p., 978-3-86938-088-9, 42 €.







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