Patrick Spät: Und, was machst du so?

24.06.21
KulturKultur, Debatte, TopNews 

 

Buchkritik von Daniela Lobmueh und Hannes Sies

Mit diesem Buch hat sich der Buchautor nicht viel Arbeit gemacht. So eine (laut Untertitel) „Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch“ wäre auch absurd als schweißgetränktes Monumentalwerk eines fleißigen Rechercheurs und emsigen Schreibers. Spät fordert mehr Faulheit, mehr kooperatives Arbeiten, weniger Arbeit um der Arbeit Willen -bleibt aber leider auf Stammtischniveau.

Misogynie und Schenkelklopfer

Was will man auch von einem Werk erwarten, dessen erstes Kapitel so anfängt: „Wer kennt das nicht: Man sitzt mit Freunden bei einem Bier und plötzlich schießt einem durch den Kopf...“ Das ist Texten auf Comedy-Niveau, wo man eher auf Brüllwitze und Schenkelklopfer setzt als auf subtile Ironie. Dr.phil. Patrick Spät ist promovierter Philosoph, Autor und Journalist für Bertelsmann & Co. (ZEIT- und Spiegel-online), beschreibt sich selbst als dem Anarchismus zugeneigt und seinen Kontakt mit der harten Arbeitswelt so:

„Als Philosoph war ich in einem großen Versicherungskonzern untergekommen, der gerade Aushilfen brauchte, um seine bürokratischen Rückstände aufzuholen... Im Vorstellungsgespräch konnte ich damit punkten, dass Philosophen 'präzise und logisch und analytisch arbeiten' könnten, genau das richtige für digitale Fließbandarbeit, die mich jetzt erwartete.“ (S.19)

In der Abteilung Firmenhaftpflicht musste er von anderen eingescannte Dokumente auswerten, wobei die immer gleichen fünf Klicks“ sein „Gehirn zermatschten“ und das Highlight witzige Kundenangaben wie, auf die Frage nach Tierhaltung, „ich habe zehn Buckelwale und zwei blutrünstige T-Rex“ waren. Soweit so fröhlich.

Es ist ein Buch, das sich so schnell liest, wie es vermutlich geschrieben wurde, wobei aber nicht viel hängen bleibt. Es wirkt locker zusammen gegoogelt (die Verwendung von Suchmaschinen, die ihre Kunden ausspionieren problematisiert Netzarbeiter Spät nicht), wobei die unter dem Stichwort „Arbeit“ erzielten Wikipedia-Treffer wohl öfters nicht zu ende gelesen wurden, hätte ja auch viel zu viel Arbeit gemacht. Immerhin landen so viele Marx-Zitate im Mixer, wenn Nietzsche dem Autor auch näher zu liegen scheint, an dessen „Fröhlicher Wissenschaft“ er (wenig überzeugend) Maß nimmt.

So geht auf den zuweilen leicht amüsierten, streckenweise aber auch arg gelangweilten Leser ein steter warmer Sommerregen von Name-Dropping nieder. Wer immer mal was zu Arbeit und Faulheit gesagt hat, fast ausschließlich berühmte weiße Männer, wird mit gern halbseitenlangen Zitaten beehrt, die anschließend unter Kalauern wiederholt, selten kritisch erörtert werden. Das Ausblenden weiblicher Theoretikerinnen grenzt dabei an Misogynie: Im Kapitel „Stockholm-Syndrom“ lieber Gramscis Hegemonie und Dostjewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ herbei zu zitieren als Anna Freuds Theorie der Identifikation mit dem Aggressor ist unfreiwillig komisch. Autorinnen tauchen -außer als Koautorin oder Ehefrau- praktisch nur beim Frauenzeitschriften-Thema „Urban Gardening“ auf: An die Blumentöpfe, Mädels! Ausnahme: die zynische Obama-Beraterin Esther Duflo, die zur Arbeitsmotivation empfahl, die Befristung von Arbeitsverträgen auszuweiten (Spät hätte lieber Esther Vilar lesen sollen).

Arbeitsfetisch und Gewerkschafts-Bashing

Anliegen von Spät ist, den „Arbeitsfetisch“ zu kritisieren, dass wir uns über unseren Job und Status definieren. Mehr noch aber tritt er für eine verkürzte Arbeitszeit ein. Seine vermutlich Google geschuldete Fixiertheit auf die nichtweibliche Hälfte der Menschheit lässt ihn eine Frau übersehen, die es an Berühmtheit mit den meisten von spät herbeizitierten Zeitgenossen locker aufnimmt: Die von Späts Brötchengeber Bertelsmann (Spiegel) einst zur Antifeministin stilisierten Esther Vilar (die aufgrund der Hetzkampagne aus Deutschland fliehen musste). Esther Vilar trat schon 1978 vehement für die Einführung einer (gendergerechten) 5-Stunden-Woche ein, in ihrem gleichnahmigen Bestseller, dem sie 1990 noch ein zweites Buch nachlegte, mit Vorwort von Oskar Lafontaine. Weder Vilar noch Lafontaine kommen in der zusammen gewuselten Abhandlung Patrick Späts vor.

Auch vom gewerkschaftlichen Kampf für die 35-Stunden-Woche im Westdeutschland der 1980er-Jahre will Spät nichts mitbekommen haben. Wikipedia, wo natürlich des Spiegels-Esther-Vilar-Bashing linientreu nach gebetet wird, steht nun mal Bertelsmann (dank williger Kooperation beim geflopten Print-Wiki) näher als dem DGB, wie soll man da so etwas herausfinden?

Wacker rühmt Patrick Spät Anarchisten wie Kropotkin, Bakunin und Proudhon, ohne dass man viel über deren Lehren erfährt, weiß aber immerhin, dass der Anarchismus „übrigens nichts mit Bombenlegern zu tun hat“ (S.143). Er wettert gegen Gerhard Schröder (das soll man als Mainstreamer heute, weil er zu Putin übergelaufen ist) und gegen dessen Agenda 2020 nebst Hartz 4. Leider ohne zu erwähnen, dass sein, Späts, Brötchengeber Bertelsmann die Blaupausen für die Hartz-“Reformen“ schreiben ließ und sie dem von RTL (Bertelsmann) ins Amt gehypten Medienkanzler Schröder und seiner Rotgrünen (!) Regierung auf-lobbyierte. Vermutlich ahnt der Spiegelonline-Schreiber Spät nichts davon. Denn alles, was der Mainstream nicht verbreitet wissen will, erfordert ernsthafte Recherche-(igitt)-Arbeit beim Hinterfragen.

Gewerkschaften sieht Spät folglich kritisch: „Mit Trillerpfeifen treten sie ein für ein paar Prozentpunkte mehr Lohn. Das ist an sich nicht verwerflich, aber durch und durch reformistischer Kleinkram. Für eine gerechte Verteilung der Produktionsmittel kämpfen sie ebenso wenig wie für eine Verringerung der Wochenarbeitszeit.“ S.137-138

Vom großen DGB-Kampf für die 35-Stundenwoche hat der promovierte Philosoph eben nichts mehr im Netz googeln können, auch vom 37,5-Stunden-Kompromiss nicht. Ist ja auch lange her und kaum noch relevant, in Zeiten von Billiglöhnerei, die er immerhin kritisiert. Wirkliche Kenntnisse von aktuellen Kämpfen im Arbeitsleben hat Patrick Spät kaum. Der brandheiße Kampf gegen Agenturen und Kanzleien, die den Firmenchefs dreckige Tricks gegen sich organisierende Arbeitskräfte, gegen Betriebsräte und Gewerkschafter, andienen? Die von der Initiative gegen Arbeitsunrecht aufgedeckten Strafvollzugsdefizite gegen ihre Untergebenen rechtswidrig unterdrückende Bosse? Kennt Spät nicht.

Medienmanipulation und Mainstream-Narrative

Dafür setzt Patrick Spät (ganz Mainstream-linientreu) den Hitler-Faschismus gleichmacherisch neben den Stalinismus und die DDR: „Das Sowjetregime stand dem NS-Faschismus in puncto Repression gegen Müßiggangster kaum nach... Satellitenstaat DDR... übernahm bizarrerweise den Begriff der 'Arbeitsscheu' in seine offizielle Rechtsprechung.“ (S.55-56) Die Kritik an Sowjets und DDR mag berechtigt sein, sie wird in dieser Form jedoch zur antikommunistischen Propaganda: Hitler=Stalin, Sozialismus=Nationalsozialismus, Links=Rechts (das ist „Querfront“-Figur des Mainstream-Narrativs). Die USA werden zwar auch kritisiert, so die „Haymarket Affair“, wo 1886 US-Truppen einen Gewerkschaftsprotest blutig zusammenschossen und Rädelsführer anschließend in Schauprozessen hingerichtet wurden. Dies rechnet Philosoph Spät aber nicht dem Kapitalismus zu (insofern ist das Wikipedia-Gerede von Späts „kapitalismuskritischen Büchern“ eher Etikettenschwindel) und mehr als ein paar Sätze verschwendet er auf das einzige von ihm erwähnte kapitalistische Massaker auch nicht. Von Wikipedia schwärmt der dort reichlich übertrieben zum Kapitalismuskritiker belobigte Schreiber als einem „basisdemokratischen“ Musterprojekt (S.144); von der inzwischen weithin bekannten Wikihausen-Kritik an den hierarchisch-totalitären Strukturen besonders bei der deutschen Wikipedia hat er natürlich wiedermal: noch nie gehört.

Warum nur lassen sich die Menschen das gefallen? Arbeitsfetisch, Entfremdung, Konsumzwang usw. fragt Spät immer wieder, kommt jedoch nur einmal in seinem Werk darauf, dass Manipulation im Spiel sein könnte. Richtig sieht er, wie uns der Arbeitsscheue als Sündenbock vorgesetzt wird, doch damit endet schon sein Nachdenken (?) über dieses wichtige Thema. Bei Almuth Bruder-Bezzel (2021) könnte er mehr dazu erfahren, vor allem, die Beschäftigung mit Lippmann und Bernays. Aber wer selbst für Bertelsmanns Spiegel schreibt, könnte auf dem Auge blind sein, wie Patrick Spät. Der Bertels-Mann, der dort munter und linientreu gegen Assad trommelte -von einer Kritik am westlichen Mainstream-Narrativ hat Spät nie gehört, der kritische Historiker und Geheimkriegs-Experte Daniele Ganser ist für den Wikipedia-Fan vermutlich ein „Verschwörungsideologe“, weil er am Anfang des Syrienkrieges geheime Aufwiegler westlicher Geheimdienste beschrieb.

Der König des Name-Dropping

Patrick Spät ist auch viel zu beschäftigt mit dem Namedropping all der berühmten Männer, die so eine Suchmaschine heute auswerfen kann: Adorno, Büchner, Böll, Calvin, Kurt Cobain, Rudi Dutschke, Dagobert Duck, Marcel Duchamp, Dahrendorf, Deleuze, Dostojewski, Einstein, Engels, Foucault, Gramsci, Gorbatschow, Hitler, Hugenberg, Kropotkin, Luther, Sascha Lobo, Marx, Melville, George Herbert Mead... es nimmt kein Ende, meist nach dem Muster: Berühmtheit, Zitat, kalauernd-witziger Absatz. Es huscht vorbei wie ein lauer Surfing-Nachmittag auf Youtube. Man ahnt, dass Späts Behauptung aus seinem Bewerbungsgespräch, „dass Philosophen präzise und logisch und analytisch arbeiten könnten, genau das richtige für digitale Fließbandarbeit“, ziemlich dick aufgetragen war -obwohl ein gelangweilt ergoogeltes Buch eigentlich auch nach digitaler Fließbandarbeit klingt. Man surft an der Oberfläche und dabei tun sich regelmäßig peinliche Abgründe auf, wenn Patrick Spät sich etwa wundert, dass der mit „Spätrömischer Dekadenz“ angeeckte Guido Westerwelle „von der politischen Bühne in Deutschland weitgehend verschwunden“ ist: Der Mann starb 2016 nach zwei Jahren Chemotherapie an Krebs.

Den Kubisten und Dadaisten Marcel Duchamp macht Spät zum Künstlerkönig der „Müssiggangster“: „Der eigentliche Skandal um Duchamps berühmtes Urinal lag in der Faulheit des Künstlers... in den Skulpturen der Renaissancekünstler steckte wenigstens noch knochenharte wochenlange Arbeit.“ Wochenlang? Darüber hätte Duchamp nur knochtrocken lachen können: Während er besagtes Pissoire 1917 zur Ready-Made-Kunstform erhob, arbeitete er von 1915-23 an seinem monumentalen Werk Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar (oder: Großes Glas). Für das besorgte sich Duchamp bei der New Yorker Firma „J. L. Mott Iron Works“, einem Händler für Sanitärbedarf, ein Pissoirbecken für öffentliche Bedürfnisanstalten, gab ihm den Titel Fontain, signierte es mit dem Pseudonym „R.Mutt“ und reichte es unter diesem Künstlernamen für die Jahresausstellung der Society of Independent Artists in New York ein. „Seine Einsendung wurde heftig diskutiert, denn Duchamp verstieß mit ihr bewusst gegen alle ‚Regeln‘ der traditionellen Kunst und provozierte damit die Zurückweisung seines Werkes durch die Jury der Ausstellung, der er selbst mit angehörte und aus der er nach der Zurückweisung des Werkes austrat.“ Soviel (teils Falsches) hätte Stammtisch-Kunstkritiker Spät bei seinem geliebten Wikipedia wenigstens erfahren können. Uwe Schneede bezeugt dagegen, besagte Ausstellung sei juryfrei gewesen und der Künstler habe ein raffiniertes (und mit viel Fleiß inszeniertes) Rollenspiel im Sinn gehabt:

„Duchamp, der zu den Mitbegründern und zum Vorstand der ausführenden Society gehörte, trat zurück, konnte aber seine Spaltung in Duchamp, den Künstlerfunktionär, und R.Mutt, den Künstler, erfolgreich aufrechterhalten. Als Mutt desavouierte er das Vorstandsmitglied Duchamp, als Duchamp vereidiggte er den Künstler Mutt. Womöglich war ihm dieses Spiel mit den Rollen und mit der Öffentlichkeit entschieden wichtiger als das Werk... Hinter der Mitteilung, die der Vorstand der Society über die Ablehnung verbreiten ließ, könnte Duchamp durchaus gesteckt haben...“ (Schneede S.80)

Genau wie bei Patrick Späts Syrien-Artikel war auch hier bei näherem Hinsehen alles ganz anders. Doch der spießige Stammtisch-Schenkelklopfer über den faulen Urinal-Aufsteller Duchamp übersieht die subtilere Ironie hinter dem provokativen Objekt: Es geht um die Schock-Wirkung (Ulrike Hick), sie demonstriert das Unverständnis der Bourgeoisie gegenüber Kunst, Welt und Mensch. Oder im Namedropping-Modus geantwortet: „Der Bürger sah im Dadaisten einen lockeren Unhold, revolutionierenden Bösewicht, sittenrohen Asiaten... Der Dadaist ersann Streiche, um dem Bürger seinen guten Schlaf zu rauben...“ Hans Arp.

Das Buch von Spät wird keinem den Schlaf rauben, eher schon bringen, besonders nach drei oder vier guten Stammtisch-Bierchen unter dem Anarchisten Wimpel (sponsert by Bertelsmann).

Bei seiner Autorenbeschreibung kehrt der Rotpunktverlag die peinliche Schreibtätigkeit für Bertelsmanns Spiegel unter den Teppich und weist Spät stattdessen lieber als Autor von „Telepolis“ aus. https://rotpunktverlag.ch/autoren/patrick-spat

Patrick Spät: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch
Zürich: Rotpunktverlag, 2014 (4. Auflage, 2020) 165 S.

Spät, Patrick: Belagerungen im Syrienkrieg: "Unterwerft euch - oder ihr verhungert", SiOn 14.11.2017 https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-aktivisten-schmuggeln-saatgut-in-belagerte-orte-a-1172143.html

Quellen

Bruder-Bezzel, Almuth: Einleitung: Propaganda und Macht, in: Almuth Bruder-Bezzel und K-J.Bruder (Hg.): Macht: Wie die Meinung der Herrschenden zur Herrschenden Meinung wird, Westend Verlag Frankfurt/M. 2021

Freud, Anna: Die Identifizierung mit dem Angreifer, in: Das Ich und die Abwehrmechanismen, Int.Psychoanalytischer Verlag, Berlin 1936

Hick, Ulrike: Geschichte der optischen Medien, Fink Verlag, München 1999

Lobmueh, Daniela: Bilder manipulieren -Visuelle Propagandaschlachten in Presse, Fernsehen und Internet: MH17, Omran, Venezuela, in: Bruder-Bezzel 2021

Schneede, Uwe M.: Die Geschichte der Kunst im 20.Jahrhundert, Beck, München 2001

Vilar, Esther: Die Fünf-Stunden-Gesellschaft, Herbig Verlag 1978

Vilar, Esther: Die 25-Stunden-Woche. Arbeit und Freizeit in einem Europa der Zukunft. Mit einem Vorwort von Oskar Lafontaine. Econ Verlag, Düsseldorf 1990







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