Graphic Novel: 2020 Visions 2 - Deserteur & Repromann

21.07.21
KulturKultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Im zweiten Band der hellsichtigen Polit-SF-Graphic Novel führte Jamie Delano 1997 seine Prognose einer „Zweiten Amerikanischen Revolution“ des ersten Bandes 2020 Visions Lebensgier weiter aus. Dabei nahm er einen Rechtsruck vorweg, wie wir ihn mit Trump 2016 tatsächlich erlebten. Nur ließ Delanos morbide Fantasie die USA als Staat zerplatzen -im ersten Band sahen wir die New Yorker Yuppie-High-Tech-Diktatur im Griff einer Seuche und das abgespaltene Florida als Latino-Mafiastaat. In Band 2 geht es durch den Mittleren Westen, von der Islamischen Stadt Detroit durch den Bible Belt mit seinen christlichen Fundamentalisten. Was fehlt, ist das Internet. Dessen maßgeblichen Einfluss auch auf die Neuen US-Rechtsextremisten (Alt-Right vs. Alt-Light), wie etwa von Angela Nagle beschrieben, sah Delano folglich nicht voraus. Doch Fremdenhass und christlichen Fundamentalismus, der sich in Trumps USA austobte, finden wir in diesem Band dafür zur Genüge:

Gleich nach der Jahrtausendwende gings mit dem 'Kampf um die Freiheit' weißer Rechter los. Es gab Steuerrevolten, Wahlbestreikungen und weitverbreitete Boykottmaßnahmen durch regierungsfeindliche Milizen. Mehr oder weniger der gesamte Bibel Belt besteht nun aus Ansammlungen versprengter, fundamentalistischer Gemeinwesen, deren politische Machtapparate sich auf eine Kultur permanenter, bewaffneter Selbstermächtigung stützen, die von Fremdenfeindlichkeit und religiösem Fanatismus genährt wird. An der Regierung sind Kriegsherren und Ölbarone, Großgrundbesitzer und andere Ressourcen-Tycoons.“ J.Delano (Vorspann zu Teil1)

Wie in Band 1 folgt eine Doppelhandlung zwei engen Verwandten, die keinen Kontakt haben, aber von einander ahnen: Dort waren es Vater und Tochter, hier zweieiige Zwillingsbrüder Ethan und Adam. Zunächst geht es um den schielenden Pechvogel Ethan, der in Detroit beim versuchten Raubmord unter Schariah-Gesetz gefoltert und nach Texas abgeschoben wird. Auf der Bahnfahrt durch Montana verkaufen die Wächter ihn jedoch mit anderen weißen Sträflingen an einen rassistisch-fundamentalistischen Fleischbaron. Wer schießen kann, wird auf die Jagd geschickt. Nach Wild, aber, in traditionellen Ku-Klux-Klan-Kostümen, auch auf unwillkommene Einwanderer und in der Wildnis lebende Indianer -denen schließt sich Ethan an.

Sein Bruder Adam, der „goldene Junge“, lebt derweil nicht frei, aber luxuriös in L.A., Kalifornien. Dort sind (wie im von Moslems dominierten Detroit) die schlimmsten Alpträume -auch heutiger- US-Rechtsradikaler wahr geworden: Es herrscht ein Matriarchat. Fortpflanzung ist nur mit staatlicher Mutterschaftszulassung erlaubt. Die bekommt nur eine privilegierte Oberschicht, die sich in Leibesfruchtschwesterschaften organisiert und ausgewähltes Sperma der nur noch seltenen, genetisch einwandfreien Männer verwaltet. Einer davon ist Ethan Bruder:

Adam ist ein Hyperdrama-Star in Hollywood. Ein Muskelprotz vom Feinsten. Ein Magier an der Kinokasse. Ein Lustknabe mit Stierhoden... Das macht ihn für die Nurtura Corporation, die im Besitz von Adams Vervielfältigungsrechten ist, zu einem unbezifferbaren Aktivposten in der Jahresbilanz.“ Delano (Vorspann zu Teil2)

Männliche Stars wie Adam müssen in tödlichen Ritualkämpfen ihren Wert beweisen, können dann Schauspielstars (Hyperdrama) werden und Ziel der Sehnsucht vieler Sex- oder Fortpflanzungswütiger „Schwestern“. Dummerweise wird Adam seiner Besitzerin von einer kriminellen Schwesternschaft abgejagt und von der Nurtura Corporation insgeheim auf eine Abschussliste gesetzt. Seine DNA haben sie schon, nach seinem Tod würde sich ihr Wert vervielfachen. Die Schwestern werden getötet, Adam muss in einer verlotterten Wohnwagensiedlung untertauchen...

Beide Teile sind Endzeitszenarien vom Feinsten, düster und dreckig in nicht jugendfreie Zeichnungen gefasst von James Romberger und Steve Pugh. Der Übersetzer Jens R. Nielsen wartet wie beim ersten Band mit einem Anmerkungsteil auf, der Slangausdrücke und Hintergründe erklärt -ein herausragender Service für eine Graphic Novel, was Schule machen sollte. So erfährt man beispielsweise in der ersten Fußnote, dass in den USA der sogenannte „Bible Belt“ eine sich von Texas bis zum Atlantik erstreckende Region im Südosten ist, „in der die Zugehörigkeit zu einer in der Regel evangelikal-konservativen Glaubensgemeinschaft über den sozialen Aufstieg entscheidet“. Auch z.B. dass man in den USA zu einem UFO im Slang „Yoofo“ schreibt oder dass man sich unter einem „Pro-Lifer“ einen (militanten) Abtreibungsgegner vorzustellen hat, erklärt uns die Handlung der Graphic Novel und gibt uns nebenher einen willkommenen kleinen Kursus in USA-Subkultur. Ab 18 empfehlenswert.

Delano, Jamie: 2020 Visions 2 - Deserteur & Repromann, Zeichnungen: James Romberger, Steve Pugh & Marco Failla, Übersetzung: Jens R. Nielsen, Hardcover, 16 x 24 cm, 152 Seiten in Farbe, 22,00 Euro, Dantes Verlag

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