Neuerscheinungen Romane und Krimis

11.09.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter. Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-10-37037-1, 22 EURO (D)

Dieser Roman handelt von der Aufarbeitung des mysteriösen Verschwindens dreier Leuchtturmwärter vor der Küste Cornwalls, geht aber weit darüber hinaus. Emma Stonex ließ sich dabei von einem realen Ereignis inspirieren, das ungelöste Verschwinden von drei Leuchtturmwärtern von einem Turm auf den Äußeren Hebriden im Jahre 1900. Dieser Roman verlagert die Handlung zu einem Leuchtturm von Cornwell im Atlantik, Meilen von der Küste entfernt.

Angehörige eines Versorgungsschiffes finden 1972 einen leeren, verlassenen Leuchtturm vor. Und ein geheimnisvolles Ambiente: Die schwere Tür ist von innen verschlossen, einen gedeckten Tisch für zwei Personen, Uhren, die zur gleichen Stunde stehen geblieben sind. Ein Logbuch zeigt einen tobenden Sturm bei ruhigem Wetter an.

Die Besatzung des Versorgungsschiffes und die Angehörigen der Verschwundenen stehen vor einem Rätsel: Hat ein Sturm sie mitgerissen? Handelt es sich um einen Unfall? Haben Geister ihre Hand im Spiel? Oder sind die drei Männer absichtlich abgetaucht?

Nun setzt eine andere Zeitebene ein: Noch zwanzig Jahre später kämpfen die Frauen der verschwundenen Männer Helen, Jenny und Michelle mit bohrenden Traurigkeit, Kummer und Wut auf den Mangel an Antworten bei der Aufklärung der Situation. Sie selbst konnten nie mit der Tragödie abschließen.

Dies zeigt sich auch, als sie zum ersten Mal darüber sprechen konnten. Ein bekannter Autor will ein Buch über das Verschwinden schreiben und will selbst das Rätsel lösen. Dazu interviewt er die Frauen mehrere Male. Dies deckt aufgestaute Gefühle und Szenen aus der Vergangenheit auf: Die Gefühle gegenüber ihren verschwundenen Männern, Gefühle von Leere, Verlust und Trauer, die Vermutung, hintergangen worden zu sein, die Überforderung mit den ganzen Geschehnissen. Anstatt nach der Tragödie eine Schicksalsgemeinschaft zu bilden, drifteten die Frauen auseinander. Es kommt auch ein unerfülltes Leben, Einsamkeit wegen der monatelangen Trennung und Entbehrungen zutage sowie Augenblicke der Sehnsucht nach ihrem Partner.

Außerdem steht auch das Leben der verschwundenen Leuchtturmwärter im Mittelpunkt. Auch sie führen ein Leben in Isolation von ihren Familien, sie müssen lernen, ihre Sehnsucht zu ertragen und mit Einsamkeit zurechtzukommen. Die drei Männer sind in ihrer Persönlichkeit verschieden, verbringen jedoch die meiste Zeit des Lebens zusammen. Diese Komponenten können dazu führen, dass sich Träume, Fiktion und Realität miteinander vermischen.

Doch nicht nur Personen werden prosaisch dargestellt. Lebendig, intensiv und ausdrucksstark wird die Weite des Meeres, der Himmel, die Wellen, Gestirne und die natürlichen Elemente beschrieben.

Der Stil ist eine Mischung aus stimmungsvoller Prosa, existentialistischer, träumerischer Empfindsamkeit und der Aura des Geheimnisvollen. Dies wird einer rätselhaften Geschichte verknüpft, die die Phantasie anregt. Im Verlaufe der Lektüre werden auch einzelnen Puzzleteile zusammengefügt, einige Fragen bleiben jedoch offen und werden an die Leser weitergegeben. Ein bemerkenswertes Buch, das lange im Gedächtnis bleiben wird.


Buch 2

Antje Ravik Strubel: Blaue Frau. Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-10-397101-9, 24 EURO (D)

Die Hauptfigur in diesem Roman, der für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 nominiert wurde, ist Adina Schejbal, die im tschechischen Riesengebirge aufwuchs und sich schon immer nach der großen weiten Welt sehnte. Sie geht zunächst nach Berlin, wo sie einen Deutschkurs belegt und anschließend studieren möchte. Dort lernt sie die lesbische Fotografin Rickie kennen, die neben einer guten Freundin auch eine Art Mentorin für sie ist. Durch sie bekommt sie auch ein Praktikum in der Uckermark, wo sie in einem Kulturprojekt zur Annäherung von West- und Osteuropa arbeitet.

Dies wird aber für sie zum Albtraum, da sie dort Opfer eines sexuellen Übergriffes wird. Aus Scham und Sprachlosigkeit versucht sie, das Erlebte zu verdrängen und davor zu flüchten. Sie vertraut sich niemandem an und will dies mit sich selbst ausmachen. Dies verändert auch ihr Wesen und Verhalten. Sie bekommt Panikattacken, leidet unter Angststörungen und interpretiert ihre Umgebung feindselig. Sie will nur weg aus der BRD und Abstand zwischen dem Ort, wo es passierte, und sich bringen. Das Schreiben hilft ihr ein wenig, das Geschehene zu verarbeiten.

Auf einer unkoordinierten Reise quer durch Europa nimmt sie einen illegalen Job in Helsinki in einem Hotel an und kann dort wohnen. Dort lernte sie schnell den estnischen Diplomaten und Professor Leonides Siilmann kennen, vor dem sie keine Angst hat und zu dem sie sich hingezogen fühlt. Genauso wie Adina leidet er an einem Trauma, nur an einem politisch-persönlichen: die Adaption seiner estnischen Heimat durch die Sowjetunion und seine Folgen. Unterstützung erfährt sie auch von Kristiina, die sich für Menschenrechte engagiert, und der sich Adina in manchen Dingen öffnet. Dieser Handlungsstrang ist neben dem Trauma des sexuellen Übergriffes bestimmend. Adina wird nicht nur als Frau erniedrigt, sondern auch durch ihre Herkunft als Osteuropäerin. Sie gilt als Ausbeutungsobjekt, schutzlos ohne wirkliche Rechte, mit dem man machen kann, was man will. Die europäische Vereinigung besteht nur auf dem Papier, in vielen Köpfen ist sie noch nicht angekommen.

Auf dem Lebensweg und der Flucht durch Europa kommt immer wieder eine blaue Frau zum Vorschein: eine Art Schutzengel, mütterlicher Begleiter und Beschützer, ein Rettungsanker, der Mut macht und gut zuredet. Oder ein Über-Ich.

Die Träume Alinas werden schnell zerstört durch den sexuellen Übergriff, anstatt die Ferne zu genießen, sich frei zu fühlen, wird sie zu einer Getriebenen ihres Traumas, was sich immer stärker manifestiert und von ihr Besitz ergreift. Dies wird von Strubel emotional gut dargestellt. Die Versuche der Wiederaneignungen der eigenen psychischen Balance sind der Kernpunkt des Buches. Die Message ist: Eine Flucht vor sich selbst und den eigenen Dämonen führt zu keiner Besserung. Das Thema Menschenrechte in der EU ist eine andere.

Ein aufwühlender Roman, in dem gekonnt mit Brüchen der Erzählung gearbeitet wird.


Buch 3

Jad Turjman: Der Geruch der Seele. Eine Liebesgeschichte in Zeiten von Krieg und Revolution, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2021, ISBN: 978-3-7017-1747-7, 22 EURO (D)

Der vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtete Jad Turjman landete gleich mit seinem ersten Buch „Wenn der Jasmin auswandert“ über die Geschichte seiner Flucht und dem syrischen Bürgerkrieg einen Bestseller. In seinem neuen Roman knüpft er zum Teil sein erstes Buch an. Es spielt vor und während des syrischen Bürgerkriegs, handelt auch um Leid, Flucht und die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Die Hauptprotagonisten sind Tarek und Sanaa, die sich trotz unterschiedlicher Glaubensausrichtung und mancher Widerstände ihres Umfeldes ineinander verlieben. Tarek ist Sunnit und Sanaa Alevitin, eine nicht gern gesehene Liaison schon kurz vor dem Ausbrechen des Krieges in Syrien. Sie müssen sich in Damaskus heimlich treffen, aber ihre Liebe hält dennoch. Durch den Ausbruch des Krieges verändert sich jedoch alles. Tarek wird zum Militär eingezogen und wird in jede Menge Grausamkeiten und kriminelle Handlungen mithineingezogen.

Dieser Spirale will er entfliehen und sieht Europa als Ziel eines anderen Lebens. Seine Flucht dorthin glückt schließlich, sie nimmt nicht den Platz ein wie in „Wenn der Jasmin auswandert“. Er will Sanaa ebenfalls nach Europa holen, sie wird jedoch vom IS verschleppt und gefangen genommen. Die dort geschilderten Erlebnisse von Sanaa sind die Hölle auf Erden. Dies ist jedoch keine Fiktion, sondern traurige Realität: Während seiner Gefangenschaft musste Turjman selbst miterleben, wie gefangen genommene Aleviten bestialisch gefoltert und ermordet und ihre Frauen und Töchter systematisch vergewaltigt wurden, was manche in den Selbstmord trieb. Vor allem diese unvorstellbaren Grausamkeiten und die Todesangst von Sanaa berühren.

Liebe wird aber dem Leid des Krieges, der Zerstörung und der Inhumanität entgegengesetzt, einer dunklen Welt, die zu versinken droht, ist es neben der Hoffnung auf Freiheit ist Liebe der Hoffnungsschimmer und der Anlass zum Träumen für ein schönes Leben.

Die Geschichte wird immer wieder durch Reflexionen zum Krieg und Zeitgeschehen vertieft und erweitert, enthält aber keine politischen, bzw. gesellschaftspolitischen Empfehlungen oder Forderungen zur Asyl- und Migrationspolitik. Es wird dagegen viel auf der individuellen Ebene ausgebreitet, wobei persönliche Fragen nach Freiheit, Glück und Sicherheit gestellt werden.

Jad Turjmans Roman ist dramaturgisch gekonnt aufgebaut, spannend, empathisch Anteilnahme und kann niemanden kalt lassen. Der Inhalt des Buches ist überwiegend emotional und berührend, zum Teil humorvoll, ohne dazu in die Trickkiste des Dystopie oder Fiktion greifen zu müssen.

Spannungen und Konfrontationen zwischen verschiedenen Auslegungen des Islams werden auch deutlich: In Westeuropa wird der Islam oft als monolithischer Block gesehen, unterschiedliche Glaubensvorstellungen bei Sunniten, Schiiten, Alewiten, Alawiten usw. oder die Auffassung eines säkularen Islams fehlen häufig in der Debatte. Somit gibt auch das Buch einen kleinen Einblick in die vielen Lesern noch unbekannte Welt von Gesellschaften und Religionsauslegungen des Nahen Ostens.

Im Mittelpunkt steht aber die berührende Geschichte von Tarek und Sanaa, die authentisch rübergebracht wird und für ein nachhallendes Leseerlebnis sorgt.


Buch 4

Erika Pluhar: Hedwig heißt man doch nicht mehr, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2021, ISBN: 978-3-7017-1747-1, 25 EURO (D)

In diesem Buch wird die Lebensgeschichte von Hedwig bis zu ihrem 50ten Lebensjahr erzählt. Als sie nach einer unsteten Odyssee durch mehrere Länder das Erbe ihrer Großmutter in Wien antritt, schreibt sie in Gedanken an ihre verstorbene Oma nieder. Ihre plötzliche Flucht als Jugendliche aus Wien, wegen der sie ein schlechtes Gewissen plagt, ist dabei der Hintergrund.

Hedwig musste früh mit dem Tod ihrer Eltern fertig werden, ihre Großmutter war für ihre Erziehung verantwortlich, die auch ihr einziger Beziehungspunkt war. Nach der Matura studiert sie in Wien Publizistik, wo sie sich zum ersten Mal verliebt. Sie erzählt ihrer Oma von Eugen, der sich von seiner Familie getrennt hat und älter ist, nichts und trifft sich heimlich mit ihm. Wohl aus falsch verstandenem Scham und Anstandsregeln. Die Beziehung zu Eugen hält nicht lange. Als sie nach dem Studium eine ungeliebte Stelle antritt, fühlte sie sich gefangen fühlte sich unzufrieden. Das führte zum Wendepunkt in ihrem Leben. Ohne mit ihrer Oma zu sprechen oder ihr zu sagen, wohin sie will, wollte sie ein neues freieres Leben beginnen. Wie eine Einbrecherin schlich sie bepackt morgens aus dem Haus. Damit nahm sie in Kauf, dass ihre Großmutter sich Sorgen macht und nicht weiß, was aus ihr wird.

Sie zog zu einer Freundin nach Berlin, nahm dort eine neue Stellung an. Als sie wiederum einen Mann kennenlernte, zog sich wieder überhastet nach Lissabon, seiner Heimatstadt. Beruflich integriert hielt die Beziehung zu ihrem Freund nicht lange. Siekündigte ihren Job wieder und zog mit ihrem geliebten Hund Anton aus, der von nun an als eine Art Partnerersatz fungierte.

Nach dem Tod ihres Hundes war sie plötzlich allein und wurde depressiv. Sie konsumiert Alkohol und Medikamente und bleibt allein ohne Lebenssinn. Dies änderte sich erst, als sie durch Zufall eine Verwandte aus Wien traf und so wieder etwas Kontakt zu ihrem früheren Leben bekam. Sie erfuhr, dass ihre Großmutter inzwischen gestorben war, Schuld- und Schamgefühle kamen aus. Trotz ihrer Flucht damals vererbte ihre Großmutter ihre Wohnung. Trotz Schuldgefühlen bricht sie nach Wien auf und stellt sich ihrer Vergangenheit.

In der Zeit, wo Hedwig nicht schreibt, wiederholt sich die Geschichte ihres früheren Lebens. Sie lernt wieder einen Mann kennen, es bleibt jedoch offen, was aus ihrer Freundschaft/Beziehung und aus ihr wird.

Da Pluhar in ihrem Leben auch einige Schicksalsschläge verkraften musste, Wendepunkte in ihrem Leben und auch wechselnde Beziehungen hatte, sind autobiographische Züge des Romans offensichtlich. Es ist eine intensive Reflektion über das eigene Leben. Trotz Rückzug und Besinnlichkeit bei Hedwig setzt sich die Lust am Leben durch, an einigen Stellen kommt sie aber unsympathisch rüber. Hedwig ist dabei keine Heldin, sondern wird eher menschlich und persönlich betrachtet.

Erika Pluhar gelingt es mit diesem Roman in emotionaler Tiefe Gedanken über das Leben zu Papier zu bringen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden hier gekonnt in einen Kontext gesetzt. Sensibel deckt sie Sehnsüchte und Ängste einer Frau auf, die für ihre Zeit ein wechselvolles Leben hatte.

 


Buch 5

Karsten Dusse: Achtsam morden. Am Rande der Welt, Heyne, München 2021, ISBN: 978-3-453-27336-6, 20 EURO (D)

Dies ist der dritte Band aus der Reihe der Achtsam Morden-Reihe mit der Hauptfigur des Rechtsanwaltes Björn Diemel.

Nach einem aus dem Ruder gelaufenen Geburtstag und einem Gespräch mit seinem Therapeuten macht Joschka Breitner Björn Diemel deutlich, dass er nicht mehr auf seine Bedürfnisse achtet, sondern sich zu sehr nach anderen richtet und in eine Midlife-Crisis schliddert. Um seine innere Sinnkrise zu bewältigen, soll er französischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela zurücklegen und dabei über Fragen nach dem Sinn des Lebens, seinem Verhältnis zum Tod und was er für ein erfülltes Leben wirklich braucht, klarwerden. Außerdem sollte er neue Menschen und andere Mitpilger kennenzulernen und mit ihnen ein Stück des Weges gehen.

Von diesen guten Vorsätzen beseelt beginnt Diemel motiviert die Pilgerreise, aber schon am ersten Abend geschieht etwas völlig Unerwartetes. Statt innere Ruhe und Einkehr zu finden, wird auf ihn geschossen. In den folgenden Tagen entwickelt sich die Reise zum Horror, andere Mitpilger werden nach und nach umgebracht. Diemel merkt schnell, dass nicht sie sondern er das Ziel des Mörders ist, der sich wahrscheinlich auch als Pilger ausgibt. Die Gedanken, warum er ermordet werden soll und wer dahintersteckt, beschäftigen ihn zusehends. Trotz seiner Todesangst setzt er den Weg fort und stellt sich immer unter Beachtung der Achtsamkeitsregeln und den Ratschlägen seines Therapeuten den drohenden Gefahren.

Spannung ist also genug geboten.

Zu dem Mitpilger Roland entwickelt er ein besonderes Verhältnis, dessen Lebensgeschichte auch erzählt wird. Dies und das Bemühen um Selbsterkenntnis und Selbstreflexion und, eigene Wünsche und Bedürfnisse sich zu erfüllen, ist der ernstere Teil des Buches. Im Kontrast dazu wird mit Klischees und Plattitüden zum Thema Pilgern gespielt und diese mit gewohnt viel schwarzem Humor und Selbstironie präsentiert. Nebenbei begegnet man auch einigen Personen, die genauso so skurril sind wie Diemel. Über das Pilgern selbst und den Abläufen wird zwar einiges gesagt, es hätte aber noch ausgebaut werden können.

So bietet dieser Roman also kriminalistische Spannung, die Auszeit einer Pilgerreise, skurrile Einlagen und etwas Psychologie mit existentiellen Fragen im reiferen Alter. Es hätte wohl eine geografische Karte des Pilgerweges hinzugefügt werden können. Ob das Buch aus einer eigenen Pilgerreise Dusses entstanden ist, wird nicht deutlich.









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