Neuerscheinungen Sachbuch und Politik

15.09.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Heinrich Mann – Thomas Mann. Briefwechsel, S. Fischer, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-10-002262-2, 32 EURO (D)

Die Brüder Thomas und Heinrich Mann verbindet eine lange und wechselhafte Geschichte. Bei allem Streit und allen Meinungsverschiedenheiten gab es jedoch eine „gemeinsame Grundierung des Bruderverhältnisses“, die das Gespräch nie abreißen ließ. 1968 erschien im selben Verlag die erste Edition ihres Briefwechsels, herausgegeben von Hans Wysling.

Diese Neuausgabe beruht auf der Edition von Wysling und gibt alle von ihm bereits edierten Korrespondenzstücke mit seinen Kommentaren wieder. Die Orthografie und Interpunktion der Brieforiginale wurden beigehalten, einige der bei Wysling noch nicht ermittelten Zusammenhänge und Verweise wurden ergänzt.

Neu in dieser Edition ist die Aufnahme zweier Briefentwürfe Heinrich Manns, die einen intensiven Blick darauf werfen, wie er auf zentrale Vorwürfe seines Bruders reagiert. Zwei neue Quellenkomplexe zeichnen das Verhältnis der Brüder Mann insgesamt genauer und in einigen Aspekten auch neu. Zum einen sind dies 81 neu aufgefundene Postkarten, die erstmals abgedruckt werden. Sie zeigen eine große Nähe und Vertrautheit. Zum anderen sind dies 31 Briefe und Postkarten aus der Feuchtwanger Memorial Library der University of Southern California in Los Angeles, die einen genaueren Einblick in die Jahre des beginnenden Exils nach 1933 werfen.

In dieser Ausgabe werden nun 377 Briefe, Postkarten und Briefentwürfe, 281 von Thomas Mann, 4 von Katja Mann und 92 von Heinrich Mann abgedruckt. Die neu aufgenommenen Quellen sind mit einem Asterisk gekennzeichnet.

In der sehr ausführlichen Einleitung wird das Verhältnis der beiden Brüder zwischen 1900 und 1950 in einzelnen Etappen veranschaulicht. Nach der vertrauten Nähe ihrer Anfänge führten unterschiedliche politische Auffassungen zum offen ausgetragenen Konflikt zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Nach Jahren des Schweigens fand erst 1922 eine Wiederannährung statt. In der Weimarer Republik teilten die beiden die Feindschaft gegen Hitler und die Nationalsozialisten. Später trafen sie sich wieder im französischen und amerikanischen Exil.

Es folgt der Briefwechsel. Die Kopfzeile enthält Angaben über die Gattung der Quelle, Namen des Verfassers, den Entstehungsort und andere Besonderheiten. Die Quellen werden chronologisch abgedruckt ohne editorische Anmerkungen, die erst später folgen. Danach gibt es eine Dokumentation mit Quellenangaben.

Im Anhang findet man zunächst die oben angesprochenen Anmerkungen. Danach folgen Bemerkungen zu dieser Neuausgabe, ein Siglenverzeichnis, ein Literaturverzeichnis und ein Briefverzeichnis. Das dann folgende Register ist folgendermaßen unterteilt: Werke und Figuren, allgemeines Verzeichnis.

Einige Postkarten mit Seitenverweis werden farbig abgedruckt.

Dieser Briefwechsel wird als „Signatur des Zeitalters“, der Jahre zwischen 1900 und 1950 interpretiert: „Das Leben der Brüder Mann spielte sich in Zeitläufen als die von entscheidenden Epochenumbrüchen geprägt wird, und die Brüder haben dies nicht nur immer reflektiert, sondern sind an verschiedenen Stellen auch aktive Beteiligte dieser zeithistorischen Ereignisse gewesen.“ (S. 6f)

Insgesamt wird festgehalten, dass das Verhältnis „durch viel mehr Gleichberechtigung, viel mehr gegenseitige Achtung“ geprägt war, als man bisher wahrzunehmen bereit war. (S. 18)

Durch die Berücksichtigung der neuen Quellen kann das Verhältnis der beiden Brüder genauer erfasst werden, das Buch bietet also einige neue Erkenntnisse. Die Edition so authentisch wie möglich zu behalten, wird erreicht. Zusammenhang wird durch die Anmerkungen hergestellt. Es ist aber leserfreundlicher, das Inhaltsverzeichnis nicht an den Schluss, sondern an den Anfang zu setzen. Auch die editorischen Anmerkungen wären am Anfang besser aufgehoben.


Buch 2

Leoni Hellmayr: Der Mann, der Troja erfand. Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann, wgb Paperback, Darmstadt 2021, ISBN: 978-3-534-27349-2, 20 EURO (D)

Die Autorin Leoni Hellmayr stellt in diesem Buch den Aufstieg Heinrich Schliemanns vom Kaufmannsjungen bis zum weltberühmten Archäologen vor. Dabei ordnet sie seine Lebensereignisse wie auch seine beruflichen Taten in den größeren Zusammenhang der Zeitgeschichte ein. Dazu gibt es Kartenmaterial und historische Abbildungen.

Schliemann wird als jemand charakterisiert, der keinen Stillstand ertrug, der eine innere Unruhe und eine andauernde Rastlosigkeit Zeit seines Lebens verspürte: „Im Prinzip war er immer unterwegs. Bewegung und Rastlosigkeit, oft körperlich und geistig, gehören als feste Größe in sein Leben – seine verzweifelte Suche nach etwas, vielleicht nach sich selbst, offenbar auch.“ (S. 8)

In Schliemanns Leben schien sich alles um den Mythos zu drehen, was schließlich so weit ging, dass er einen eigenen Mythos um sich selbst herum erschuf.

Seine spannungsreiche Beziehung zum damaligen Nestor der deutschen Archäologie Ernst Curtius steht ebenso im Vordergrund wie Schliemanns Geltungsdrang, als wegweisender Archäologe wahrgenommen zu werden. Im damaligen Griechenland war er ein Held. Seine Beisetzung war ein Staatsbegräbnis, an dem sogar der König Georg I. teilnahm.

Auch der private Schliemann und vor allem sein Verhältnis zu Frauen werden beleuchtet. Erstaunlich ist die Tatsache, dass er zwölf (!) Sprachen fließend beherrschte.

Die Autorin sieht Schliemann bis heute als „höchst umstrittene Figur. Doch gerade die Widersprüchlichkeit seines Charakters und die Leidenschaft seines Handels machen ihn neben seinen archäologischen Entdeckungen und seinem überaus bewegtem Leben zu einer Persönlichkeit, die selbst im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Faszination verloren hat.“ (S. 283)

Nach sehr kritischen und negativen Werken über Schliemann und seine Person ist diese Biografie einer Balance zwischen den Schattenseiten Schliemanns und seinem tatsächlichen Wirken sowie seinen Verdiensten. Ohne Schliemanns Imponiergehabe rechtfertigen zu wollen, wird er als ein Wegbereiter der modernen Archäologie gesehen. Schliemann wird wahrscheinlich immer ein umstrittener Forscher und Mensch bleiben, dieses Buch ist kein finales Endprodukt.


Buch 3

Peter Zudeick: Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt. Vom Ende deutscher Kanzlerschaften, Westend, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-864-89338-4, 18 EURO (D)

In diesem Buch erzählt der Journalist Peter Zudeick aus Anlass des baldigen Abgangs von Angela Merkel das glanzlose Ende deutscher Kanzlerschaften.

Zu jeder Person gibt es eigene Kapitel. Die Kanzlerschaften werden in den wichtigsten Stationen vorgestellt. Dabei stehen aber die Gründe für das glanzlose Ende im Vordergrund. Am Ende jedes Kapitels werden tabellarisch die wichtigsten Lebensdaten präsentiert.

Konrad Adenauer wurde von seiner eigenen Partei aus dem Amt gedrängt, weil er partout nicht abtreten wollte. Sein Nachfolger Ludwig Erhard galt von Beginn an als Übergangslösung und scheiterte auch an der eigenen Partei. Kurt Georg Kiesinger wurde nach drei Jahren abgewählt, weil der damalige Koalitionspartner mit der FDP weiterregieren wollte. Willy Brandt wurde „Opfer von Intrigen seiner eigenen Leute, denen die Guillaume-Affäre gelegen kam, um Brandt zum Rücktritt zu drängen“. (S. 12) Helmut Schmidt war zuletzt umstritten in der SPD und scheiterte auch am Koalitionspartner FDP.

Gerhard Schröder stürzte sich ohne Not in Neuwahlen und verlor. Ein wichtiger Anlass für seinen Niedergang war der fehlende Rückhalt in seiner Partei wegen der Agenda 2010. In den letzten Jahren seiner wechselhaften Amtszeit werden eine „Kohl-Müdigkeit“, „Wechselstimmung“ und die Hängepartie von Schäuble als Nachfolger von Kohl diagnostiziert.

Angela Merkel hat auf eine weitere Amtszeit verzichtet, weil der Rückhalt in der eigenen Partei bröckelte: „Ihr Verzicht auf Parteivorsitz und nochmalige Kanzlerkandidatur waren Signale des Scheiterns. Und in der Corona-Pandemie geriet ihr für die Geschichtsbücher geschaffenes Bild endgültig ins Wanken.“ (S. 197)

Im letzten Teil geht es um den Nachhall und die Rezeption der ehemaligen Kanzler. Ein immer wiederkehrendes Phänomen wird herausgestellt: Im Laufe der Zeit treten negative Ereignisse oder Wahrnehmungen und das Gesamtbild des Politikers erscheint in einem freundlicheren Licht.

Im Anhang gibt es noch ein Literaturverzeichnis und die Anmerkungen.

Krisensymptome während der gesamten Amtszeit, Stimmungstiefs, Abstürze und Wiederauferstehungen wie bei Kohl werden ausführlich geschildert. Auch die Analysen des glanzlosen Endes und die Gründe dafür sind in den meisten Fällen zutreffend. Bei Brandt gehen die psychischen Krisen etwas unter, bei Kiesinger seine NS-Vergangenheit.

Spannend ist die Veränderung der Wahrnehmung der Zeit des Kanzlerschaft und der jeweiligen Personen aus der Retrospektive bzw. Erinnerung.


Buch 4

Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft, 3., aktualisierte und ergänzte Auflage, transcript, Bielefeld 2021, ISBN: 978-3-8376-5931-3, 25 EURO (D)

Karl Hepfer legt mit seiner Analyse die Strukturmerkmale des Verschwörungsdenkens frei. Mit den Mitteln der Erkenntnistheorie und anhand zahlreicher Beispiele erhellt er, was Verschwörungstheorien von unseren „normalen“ Theorien unterscheidet und wie es ihnen gelingt, alle unsere Filter für unsinnige Erklärungen zu umgehen.

Dabei liefert Hepfer eine philosophische Analyse. Dabei geht es um theoretische Grundstrukturen und um die systematische Frage, wie diese unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit formen, aus ontologischer und erkenntnistheoretischer Sicht. Die Analyse besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil legt den Schwerpunkt auf wissenschaftstheoretischen Auffälligkeiten, der zweite beschäftigt sich mit typischen inhaltlichen und praktischen Kennzeichen von Verschwörungstheorien.

Hepfer geht von der Grundthese aus, dass der Glaube an Verschwörungstheorien von der Hoffnung getrieben wird, eine komplizierte Wirklichkeit auf einfache Weise zu erklären und die Ereignisse dadurch zugleich in einen übersichtlichen Sinnzusammenhang einzuordnen.

Die Neuauflage wurde um eine Analyse der Corona-Verschwörung erweitert und zeigt, warum Verschwörungstheorien insgesamt gerade im Kontext der Covid-19-Pandemie hoch im Kurs stehen. Die Pandemie macht zwei Merkmale des Verschwörungsdenkens besser sichtbar, die vorher noch nicht in gleicher Stärke wahrzunehmen waren: die Rolle des Internets als Multiplikator und der Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Glaubens an Verschwörungen und einem allgemeinen Vertrauensverlust in die Arbeit der Regierung.

Verschwörungstheorien in der Pandemie weisen einige Besonderheiten auf. Die Pandemie hat erstens direkte Folgen für den Alltag aller Menschen, das Wirkumfeld ist größer als bei anderen Situationen. Zweitens haben die politischen Entscheidungen zur Eindämmung die Verbreitung und Akzeptanz direkt befördert durch die Verlagerung der Diskussion in den virtuellen Raum. Der Protest bringt anstatt wie bisher homogener Randgruppen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen von demokratischem bis undemokratischem Spektrum zusammen, die sich nicht voneinander abgrenzen. Außerdem trage der „Schlingerkurs“ der Regierung nicht dazu bei, Vertrauen zu schaffen. (S. 161) Die letzte Besonderheit liegt darin, dass es Profiteure der Krise gibt, die sich klar benennen lassen. Regierungen und Firmen der privaten Wirtschaft.

Hepfer geht hier mit philosophischen Methoden und Ansätzen vor. Er zeigt anhand von vielen aktuellen Beispielen für Verschwörungstheorien, wie diese Theorien funktionieren, weshalb auch intellektuelle und rationale Menschen darauf reinfallen können und was ihnen entgegengesetzt werden kann. Es steht auch die Argumentationslogik oder Unlogik von deren Verbreiter*innen im Mittelpunkt. Wünschenswert wären noch Argumentationsstrukturen in der Diskussion mit Anhänger*innen in der Öffentlichkeit oder im privaten Umfeld.

Als Einführungswerk ist das Buch sicherlich hilfreich, andere – wie auch im Literaturverzeichnis vorgestellt – gehen mehr in die Tiefe bzw. widmen sich bestimmten Schwerpunkten.


Buch 5

Thomas Straubhaar: Grundeinkommen jetzt! Nur so ist die Marktwirtschaft zu retten, NZZ Libro, Basel 2021, ISBN: 978-3-907291-52-8, 23 EURO (D)

Die Pandemie entlarvte und verstärkte ökonomische Ungerechtigkeiten heutiger Sozialstaatsmodelle. Thomas Straubhaar, Professor für VWL an der Universität Hamburg, führt in diesem Buch aus, was das bedingungslose Grundeinkommen ist, welche Ziele es verfolgt und wie es finanzierbar ist.

Das Buch ist ein starkes Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das „Herzstück eines New Deal des 21. Jahrhunderts“. (S. 238)

Im digitalen Zeitalter wird der Anteil der Wertschöpfung durch Maschinen und nicht mehr durch Arbeitskräfte erwirtschaftet: „Damit kann ein Steuersystem nicht mehr primär auf Arbeitseinkommen setzen, Einkünfte aus dem Einsatz von unermüdlichen Robotern, automobilen Fortbewegungsmitteln und künstlicher Intelligent sind steuerlich identisch zu behandeln wie Einkommen aus menschlicher Arbeit.“ (S. 233) Es erfüllt besser die Herausforderungen des 21. Jahrhundert als alte Regelungen.

Das Konzept könnte Armut zu bekämpfen und allen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Niemand wäre mehr auf Sozialhilfe oder illegale Tätigkeiten angewiesen, um zu überleben. Das Konzept bricht mit allen paternalistischen Forderungen nach bestimmten Verhaltensweisen und staatlichen Sanktionen für Sozialgeldbeziehende.

Das Konzept bedeutet ein ausbalanciertes Zusammenspiel aus Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit. Niemand müsste zur Existenzsicherung mehr Arbeiten annehmen, die den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen nicht entsprechen. Stattdessen könnten die Menschen Arbeiten nachgehen, die ihnen wirklich gefallen und in denen ihre Stärken sinnvoll zum Tragen kommen. Die individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung bekommt einen neuen Schub.

In Krisenzeiten wie jetzt würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen vor Not und Armut durch Verdienstausfälle bewahren. Auch Menschen, die durch die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz an Maschinen verlieren, könnten von dem Konzept profitieren. Nicht beliebte Arbeiten müssten künftig angemessen bezahlt werden, damit es weiterhin genug Anreiz für Menschen gäbe, diese Tätigkeiten zu verrichten.

Ein Buch, das die Vorteile des bedingungslosen Grundeinkommens ausführlich schildert und vor allem einem ihrer Gegenargumente, der angeblichen Unfinanzierbarkeit, entgegentritt.

Dies kann leicht mit der Argumentationslogik des Buches von Fritz Reheis verbunden werden. Für ihn ist Resonanz der Schlüssel zu einem neuen Verständnis von Nachhaltigkeit. Er hinterfragt dabei den ständigen Drang nach mehr und die Gleichsetzung von Glück mit materiellem Wohlstand. Nur wenn der Mensch die soziale Mitwelt, natürliche Umwelt und personale Innenwelt als Resonanzräume erfährt, wird nachhaltige Entwicklung möglich. Dabei deutet er Nachhaltigkeit in erster Linie als Zeitphänomen.


Buch 6

Glenn Jäger: Diego Maradona. In den Farben des Südens, Papyrossa, Köln 2021, ISBN: 978-3-89438-763-1, 16, 90 EURO (D)

Am 25.11.2020 ist Diego Maradona, einer der größten Fußballer aller Zeiten, im Alter von 60 Jahren verstorben.

Glenn Jäger beschäftigt sich in diesem Buch mit Titel und Triumphen, den bleibenden Szenen Maradonas und fragt nach den Verhältnissen, die ihn prägten und nach seiner politischen Haltung, die er bezog.

Jenseits seiner Ballkünste entfachte Maradona die Liebe vieler Menschen, wie die Reaktionen nach seinem Tod eindrücklich zeigten. In seiner Person verdichteten sich laut Jäger gleich mehrere Sehnsüchte: „Erstens die nach einem Fußball, der nicht von dieser Welt zu kommen scheint. Zweitens die nach Würde, nach Aufrichtigkeit, ja nach Freude, bisweilen gar nach einem Freudenfeuer; und damit verbunden: nach Achtung, ganz gleich, wo du herkommst und wie es das Schicksal mit dir meint, kurz: danach Mensch zu sein. Und drittens, daraus folgend, die nach einer anderen Welt, frei von Armut, Unterdrückung, Krieg.“ (S. 11) Er verlieh den genannten Sehnsüchten „die Aura des Möglichen“. (Ebd.)

Jäger beschreibt die Verhältnisse in „Villa Fiorino“, dem Armenviertel, aus dem er stammte und auf das er dennoch immer mit Stolz zurückblickte. Außerdem wie die Militärjunta die sportlichen Erfolge des jungen Maradona zu instrumentalisieren versuchte ebenso wie seine sportlichen Stationen bei Boca Juniors, Barcelona, Neapel, Sevilla und sein Comeback bei Boca Juniors. Die Weltmeisterschaften im argentinischen Nationalteam mit dem Höhepunkt des Titels 1986 in Mexiko und seine Trainerstationen folgen danach. Maradonas Therapie, die Begegnung mit Fidel Castro auf Kuba und seine politischen Stellungnahmen kommen dann zur Sprache. Maradonas Kampf gegen Imperialismus in Lateinamerika, für einen lateinamerikanischen Weg der Unabhängigkeit und seine Bemühungen in Bolivien und Venezuela werden dann vorgestellt. Mediale Vereinnahmungen und Zuschreibungen, die rassistischen und klassischen Beschimpfungen von Gegnern als „Schwarzkopf“ sowie die Unzulänglichkeiten und Widersprüche in Maradonas Leben und Handeln werden anschließend herausgearbeitet. Maradonas Einstellungen zu Religion und zu Päpsten und die heroischen Heiligsprechungen seiner eigenen Person folgen danach.

Im Abschlusskapitel wird der Versuch unternommen, das Vermächtnis Maradonas und bleibende Bilder zu benennen: „Was Maradona nicht schwerfiel: ‚Die Armen zu verstehen‘, entstammte er doch aus ihrer Mitte. Und wer auf sie herabsah, bekam es mit ihm zu tun. Es war ihm Auftrag, immer wieder ihre Partei zu ergreifen; und mehr noch: für eine Welt einzutreten, die den Widerspruch zwischen Arm und Reich hinter sich lässt.“ (S. 250)

„Wer ihn vielleicht am besten verstanden hatte – das zeigte sich noch einmal bei seinem Tod – das sind jene aus einfachen Verhältnissen, aus Südamerika, aus Süditalien, ja aus dem globalen Süden. (…) Sie hatten gespürt: er ist einer von uns, mit all seinen Widersprüchen – in einer Welt voller Widersprüche.“ (S. 234)

„Was von dem politischen Maradona bleibt: Er hat die großen Bruchlinien markiert und sich in bedeutenden Fragen positioniert.“ (S. 247) „Maradona dürfte das Zeug dazu haben, viele Jahrzehnte, möglicherweise die Jahrhunderte zu überdauern.“ (S. 248)

Dieses Buch ist eine Hommage an den Menschen und Fußballer Maradona, die manchmal etwas unkritisch ausfällt. Was aber im Kern überzeugend dargelegt wird ist der politische Maradona, der eine Sensibilität für soziale Verhältnisse zeigte, gegen Granden von Verbänden, Gesellschaft und andere Eliten rebellierte und kein Blatt vor den Mund nahm, diejenigen anzuprangern, die benachteiligte Bevölkerungsgruppen und Menschen aus ärmeren Regionen verachten. Und es wird gezeigt: Maradonas Popularität ist nicht nur auf sportliche Erfolge und sein Ausnahmekönnen als Fußballer zurückzuführen.









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