Santería, die afro-kubanische Volksreligion aus marxistischer Sicht


Bildmontage: HF

07.02.16
KulturKultur, Theorie, Internationales, Debatte, TopNews 

 

Von Gerd Elvers

Der vor wenigen Monaten stattgefundene Besuch  von Papst Franziskus in Kuba,  4 Jahre  nach seinem Vorgänger Ratzinger, hat erneut der Öffentlichkeit den Beweis geliefert, welche Wertschätzung der höchste Repräsentanten einer Weltkirche in einem überwiegend katholischen Land besitzt. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass ein Teil  der katholischen  Gläubigen zugleich in seinen Messen in Havanna und Santiago das Erscheinen eines Orishas gesehen haben, eines Symbols der Santería. Er reiht sich damit in die Reihe der Orishas (Orichas) ein, die als katholische Heilige wie Barbara, Lazarus, Maria (Santa de Caridad de Cobre, Patrona de Cuba) verkleidet in den Riten der Santería auftreten, ein Erbe aus der Sklavenzeit, als die Sklaven (vom Stamm der Yeruba) ihren afrikanischen Gottheiten die Gewänder von katholischen Heiligen überziehen mussten, verborgen vor den Augen der Sklaventreiber, um ihrer Religion treu zu bleiben. Später drang diese „schwarze Religion“ in die anderen kubanischen Schichten ein und wurden zu der wahren kubanischen „Volksreligion“, der schätzungsweise die Hälfte aller Kubaner anhängt.

Santería als Volksreligion – kein Aberglaube, Okkultismus oder Hexerei

Wenn also zwei kubanische marxistische Autoren (1) sich in der Publikation „Marx heute“, mit ihrer eigenen Volksreligion auseinandersetzen, wie es im Folgenden geschieht,  so können sie sich nicht so ohne weiteres „von oben herab“  in der Sprache der Diskriminierung in die Ecke des Aberglaubens, des Okkultismus und der Hexerei einordnen aus der Perspektive des arroganten Intellektuellen, denn es könnte ja sein – und ist es meistens – dass die Santería in der eigenen Familie praktiziert wird, und die eigene Ehefrau diese Religion praktiziert, wie in meinem Fall, und  dieser Religion auch im Ausland treu bleiben, darunter viele Dichter, Musiker, Immigranten in Deutschland, wie es Claudia Rauhut publiziert hat (2).

Vielmehr müssen sie sich fragen, über welchen sozialen und geistigen Prozess diese Religion von Generation zu Generation weiter vermittelt wird, in einem ständigen dynamischen Wandel,  ohne eine heilige Schrift, ohne eine Organisation wie Kirche, ohne eine bürokratische Hierarchie, ohne eine größere Öffentlichkeit und wenn, dann nur symbolisch verborgen wie im Fall von Franziskus. Trotz dieser „Einschränkungen“, die nicht das innere kulturelle Reichtum sondern nur Äußerlichkeiten betreffen,  wollen wir an dieser Stelle der Santería den Status einer „Religion“ zubilligen und nicht nur eines „Kultes“.

Sozialer Nährboden der Santería

Was ist also der soziale Nährboden, der ihr eine wachsende Dynamik verleiht? Lassen sich  aus diesem sozialen Nährboden auch weiterreichende Schlüsse auf die Gesellschaft als Ganzes ziehen? Und welche geistigen Bedürfnisse deckt diese Religion ab, ohne die Heilserwartungen anderer Religionen in einem Weiterleben im Paradies nach dem Tod? Welche geistige Inhalte sind für eine religiöse Aussage verantwortlich, der das Primitive, das Schamanenhafte des Geisterglaubens, und nicht zu vergessen – das Nationalgebundene (nicht Nationalistische) anhaftet, eines der drei  originären kubanische Schöpfungen  neben der Revolution und der Musikkultur, die teilweise mit der Santería verbunden ist: nationalbetont  und dennoch  dem Prozess der Globalisierung unterworfen?

Der soziale Nährboden für ihre aktuelle Dynamik soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. Darüber gibt es einige Literatur, die in Wikipedia unter dem Begriff Santería aufgelistet ist. Stichwörter: Die Politik generell, der Sozialismus speziell hat in Kuba einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, die auf Rationalität gründet, verloren, und damit Felder für „Irrationales“ frei gemacht; die Krise institutioneller  Organe wie Staat und katholische Kirche haben die  Religionen gefördert, die auf privater, selbstorganisierter Ebene existieren. Dazu zählen auch die amerikanischen protestantischen Pfingstbewegungen, messianische Fundamentalisten, Apokalyptiker und islamistische Bewegungen (3). In dieser Pluralität der religiösen miteinander konkurrierenden Angebote behauptet sich die Santería.

Eine neue kubanische Symbiose von Ludwig Feuerbach und Karl Marx

Weniger die sozialen Prozesse als die geistigen, die die Santería in ihrem Selbstverständnis nach ihrer eigenen Logik ausmachen, sollen im Mittelpunkt dieser Darstellung sein. Ich folge damit einer Methodik, die ich schon in der Darstellung des Religionsgründers und Revolutionärs Luther  angewandt habe (4), diesmal aber angelehnt an der Untersuchung zweier marxistischer, kubanischer  Autoren: Der symbolische Komplex der kubanischen Santería, und publiziert in der marxistischen Zeitschrift Marx Ahora, wie oben schon dargestellt.  Das Spannende dieser Untersuchung ist der Versuch,  die innere Logik einer Religion – früher als Opium des Volkes abserviert – zudem einer Volksreligion – ohne mit den weihevollen Attributen von Religionen aus sogenannten „Hochkulturen“ ausgestattet - mit marxistischen Begriffen  gerecht zu werden, ohne in die früheren Verurteilungen zu fallen, es mit Irrationalem tun zu haben.

Ideologiekritisch ist zu sagen, dass die beiden Autoren Ludwig Feuerbachs Form der Kritik, für den Religion nur auf persönlichen Erfahrungen wie Tod, Sterblichkeit und dem Verlangen nach Liebe beruhe, mit Marx verbinden, der  Religion auf die Zustände  der Gesellschaft zurück führte,  wonach die Religion Opium des Volkes sei und somit nicht dem alleinigen Diktum von Marx folgen wie dieser nach seinem Tod von Friedrich Engels in: Karl Marx über Feuerbach publiziert worden ist. Dazu muss man wissen, dass vor dem Parteitag 1994 bekennende Gläubigen von Religionen nicht Mitglied der kubanischen kommunistischen Partei werden konnten und erst in der politischen Bedrängnis durch den Untergang der Sowjetunion Fidel Castro diesen Passus strich, um die Verankerung  der Partei im Volk zu stärken. Man berief sich dabei vor allem auf den bekennenden Christen Frank País, ohne dessen logistische Unterstützung von Santiago aus Fidel den Kampf gegen Batista nicht siegreich hätte führen können.

Mit der Symbiose von Feuerbach mit Marx steht nicht nur die Volksreligion der Santería zur Prüfung ihrer Konsistenz auf dem Prüfstand, sondern zugleich die marxistische Methodologie auf dem Prüfstand ihrer Tauglichkeit. Denn ein Vorwurf der angelsächsischen Vertreter eines offenen oder analytischen Marxismus  wie Jon Elster, Alex Callinicos, Ana Dienerstein im Erbe von Michel Foucault – und nicht zu vergessen - Ernesto Lacau, auf dem sich die griechischen Genossen berufen,  war, dass es dem Marxismus in seinen Instrumenten an einer wissenschaftlichen Modernität fehle, die die beiden Autoren mit ihrer Analyse nachliefern wollen, ohne dies explizit zu sagen. (5).

Marxistische Grundlagen der Analyse der Santería

Die kubanischen Autoren gehen von der Aussage von Marx aus, dass das Konkrete das Konkrete ist, weil es die Synthese der vielfachen determinierenden Faktoren ist, das heißt, die Einheit im Verschiedenen. Deshalb erscheint das Konkrete im Denkvorgang wie der   Prozess der Synthese als Ergebnis, nicht wie ein Punkt des Geteilten, obwohl es in Wahrheit ein Punkt des Geteilten ist…Diesen Text von Marx übersetzen sie für sich als theoretischen Ausgangspunkt ihrer Untersuchung über den symbolischen Komplex der Santería folgendermaßen:  „Über einen Prozess einer progressiven Synthese der Santería , der von den abstraktesten Determinanten zu den konkretesten fortschreitet, ist es möglich,  ihre Natur als ein  Konkretes in ihrer Ganzheit zu enthüllen, sowie als Determinanten einer organische Totalität von unabhängigen Momenten zu enthüllen“. In diesem Zusammenhang kommt dem Symbol als ein  „Zeichen“ oder Begriff für klar zu kennzeichnende Inhalte eine wesentliche Bedeutung zu. Symbolik: dynamisch-prozessual definiert: eine begrifflich kurz gefasste Methodik zur Identifizierung und Authentifizierung von komplexen Vorgängen.

Das Ziel der Autoren ist, die generelle Logik der internen Organisation der Santería als das komplex Symbolische zu enthüllen, das die Gottheiten (orishas) in der kubanischen Santería konfigurieren – ein Vorgang, der nichts Irrationales an sich hat, sondern die interne Ordnung des Glaubens nachvollzieht, als ein besonderes Universum der Formen des Denkens und des Handelns und der inhärenten Beziehungen in der sozialen (kulturellen) Praxis der kubanischen Individuen und Gruppen, mittels des Studiums der Verbundenheit der Objekte, ihrer Qualitäten und ritualen Aktionen, die mit diesem Kultus verbunden sind – Kultus im Sinn der Praxis der Religion.

Nicht an dieser Stelle behandeln wollen die Autoren eine Apologetik der Santería (die sich nach dem Studium der Komplexheit in diesem Artikel sowieso erübrigen würde), nicht weniger behandeln wollen sie, die historische Legitimität zu hinterfragen (die sich als Volkskirche ebenfalls erübrigt), noch sich in theologische Streitfragen aus der Sicht anderer Religionen verfangen (die für Außenstehende sowieso kein Thema sein können). Nicht ohne weiteres folgen können wir den Autoren, wenn sie auch die Sichtweise des „wissenschaftlichen Atheismus“ ausklammern wollen im Erbe von Marx und desavouiert durch die Kirchenverfolgungen in der sowjetischen Zeit. Natürlich haben die Autoren Recht, dass Marxisten sich nicht mit dem Mittel der Gnostologie, das heißt ohne Berührung mit dem Sinnlichen über die Wahrheit oder Falschheit von mythischen oder religiösen Bildern und Vorstellungen streiten können, im Sinne von Realität oder Irrtum. Andererseits kann man nicht an der Religion als eine Form der geistigen Produktion vorbeigehen, als eine Modalität des Denkens und des praktischen Handelns und verbunden damit  als ein Vehikel der Sozialisation der Individuen und Gruppen als soziale Institution und des Kultes.

Empirische Grenzziehungen

Die Autoren beschäftigen sich sodann mit Einschränkungen in ihrer Untersuchung der Santería. Die Beschränkung der Sozialisation auf das Individuum und die Gruppe bedeutet, dass wir es sich bei dem Kreis der Gläubigen um „flache Hierarchien“ handelt, die lokale Gruppen oder familiär  miteinander verbunden sind, die nicht auf überregionale und nationale Ebenen greifen, auch wenn die Globalisierung und die Migration weltverbreitend wirken, aber auch in der Fremde keine überregionalen Organisationen bilden. Aus der Staatsferne ergibt sich, dass sie allein auf sich gestellt sind, keine Plattform über moderne Medien besitzen, und dennoch ein informelles Netz unbekannten Ausmaßes bilden, zum Beispiel durch reisende Santeros, Experten des Kultes, eine Art Priestergemeinschaft, die eine Form der Jüngerschaft besitzen, als vermittelnde Ebene zwischen den Gläubigen und  den Göttern (Orichas). Vermittelt wird der Glauben nicht durch Medien oder Schriften, sondern ausschließlich oral, durch kultische Praktiken, durch Tanz, Trance. Darauf ist auch die breite Variation der einzelnen Kult-Formen bedingt, in Ostkuba anders als im Westen.

Regla de Ocha – Lukumi – Palo Monte

Durch Befragungen meiner Frau bin ich zur Meinung gekommen, dass das Santería-Modell der Autoren sich auf Westkuba (Havanna) bezieht und weniger auf andere Teile Kubas, ohne den Gesamtrahmen zu verlassen. Folgt man Wikipedia,  gibt es zwei diffenzierbare  afrokubanische   Kulte mit ähnlicher Tarnung. Die Santería im engeren Sinn ist die Regla de Ocha. Die Regla de Ocha (Lukumí), basiert auf den  Traditionen der Yoruba und ist besonders im Westen Kubas verbreitet. Die Nachfahren der Yoruba auf Kuba sind die Lukumí. Die Regla Conga (Palo Monte, Palo Mayombe) basiert auf den Kult anderer afrikanischer Stämme   und ist besonders im Osten Kubas verbreitet. Dazwischen gibt es  flexible Übergreifungen, Durchmischungen und Variationen, die von durchreisenden „Priestern“ je nach Gusto und örtlicher Anhängerschaft vertreten werden.

Die Varianz der einzelnen Kultformen wie die große Zahl an Gottheiten ist auf die fehlende Kodifizierung und Normierung durch ein Schrifttum zurück zu führen. Es gibt niemanden, der als eine Art Hohepriester ex catedra sprechen kann. Damit entfällt auch ein kritischer theologischer Disput untereinander aber auch mit der Welt, also eine Theologie als ein geistiges Gerüst, das kritisch hinterfragt werden kann. Dies macht es Außenstehenden schwer, überhaupt einen Zugang zur Santería zu bekommen, da es auch an einen definitorischen, nach außen sichtbaren Kirchenraum fehlt, und falls es ihn gibt, wie in Sagua La Grande,  Matanza  oder das Haus meiner Schwiegermutter in Mayari ist er in einem Hinterhof  versteckt, aus dem die Trommeln und die Gesänge  auf ihn weisen.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Die Santería als Kult ist für Fremde weitgehend unsichtbar, wie auch die Götter für die Gläubigen in der Religion weitgehend unsichtbar sind und erst in Symbolen, die ihnen jeweils zugeschrieben werden, sichtbar werden. Dabei handelt es sich nicht um einen Geheimbund wie der Mithras-Kult in römischer Zeit, der an den Grenzen des Reiches für die Legionen der stärkste Konkurrent des Christentums war, wie Ausgrabungen am bayerischen Limes beweisen. Aus dem allem ergibt sich, dass in jeder Generation  – aus dem mystischen frühen Kuba heraus – die Religion ihre Attraktivität erneut beweisen muss, aus ihren Inhalten – über die noch zu reden ist – wie aber auch über ihre Kommunikationsformen, sozialen Gebräuche der kubanischen Kultur über Musik und Tanz bis zur Trance, als das „Typische“ von Kuba, wie es heute von außen gesehen wird und für die Touristen vermarktet wird. Dieses Typisch-Kubanische als kulturelles Lebensgefühl in der Zivilgesellschaft ist letztlich der Grund für die Überlebensfähigkeit der Santería.

Das Symbolische als zentraler Wert der Santería

Jede Religion arbeitet mit Symbolen. Das Kreuz ist das weit sichtbare Token des Christentums. Hinter ihm steht eine Heilsgeschichte zur Erlösung der Menschheit. Die kubanische Volksreligion kennt nicht ein solches Zeichen. Die Symbole lösen sich in vielfältige Objekte auf und sie erzählen keine „Geschichte“ von einem Anfang und Ende, von miteinander agierenden Akteuren. Die kubanischen Gottheiten sind da, von Anfang an, woher sie kommen, verliert sich im Mythos des Beginns der kubanischen Geschichte und davor in der ungeschriebenen Geschichte des afrikanischen Volkes der Yoruba. Jeder steht für sich, ohne ein Miteinander wie im griechischen Götterhimmel oder in der Gemeinschaft Jesu, jeder steht für ein Bedürfnis der Gläubigen, einige, die für besonders wichtig im kubanischen Leben erachtet sind, werden mit christlichen  Figuren bekleidet, Zeichen, dass sie noch aus der Sklavenzeit stammen, als sie noch in der Illegalität lebten.

Die äußere Konfiguration der Gottheit ist ein Ausdruck ihres immanenten kulturellen Sinnes, dessen Grenzen sie von anderen Gottheiten trennt. Die Gottheit ist eine Realität im Denken der Gläubigen, die sich in einer idealen Form präsentiert (das Meer, das Feuer, das Eisen), die nicht eine einfache Repräsentation dieser Realitäten ist als eine einfache Widerspiegelung. Tatsächlich handelt es sich um eine abstrakte Repräsentation, als Hinweis auf eine soziale Relation, die die menschlichen alltäglichen Begriffe überschreitet, in einem unbegrenzten Sinn. Dieses bedeutet, dass jeder Orisha ein Symbol darstellt, das heißt, eine bedeutende ideale Struktur, die in sich den Hinweis auf ein bestimmtes Objekt abgibt, unter Berücksichtigung einer Generalisation, die in sich das Prinzip der ultimativen Auflösung des in sich kondensierten Sinnes  beinhaltet. In seiner Potenz enthält er alle Manifestationen des Objekts und schafft die Möglichkeit, dass es sich unendlich im Bewusstsein der Gläubigen ausbreitet (6).

Auch hier kann der Hinweis auf andere Religionen hilfreich sein. Das Meer und das Feuer waren auch zwei der vier Bestandteile, einschließlich Luft und Erde, aus deren Komponenten sich das klassische Griechentum (Empedokles) die Erde vorstellte, sogar in einem symbolischen Sinn als sichtbare Konkretisierungen von Göttern, die als stoffliche Materialien der Natur synkretisierten, also Symbole wurden, wobei diese Vorstellungen weit von den richtigen Erkenntnissen der materialistischen Atomisten entfernt waren, denen Marx anhing, wenn er sich das universale Ganze als Komposition von Teilen vorstellte, von Punkten, wie wir oben ihn zitierten, (wobei die Stringstheorie als moderne Alternative zum kosmologischen Standardmodell nicht von eindimensionalen „Punkten“ ausgeht, sondern von zwei Dimensionen,  strings – Schnüren).

Man kann aber nicht davon ausgehen, dass ostafrikanische Stämme die klassische naturphilosophische Lehre kannten. Zumindest hat sich bei diesen Nachforschungen für mich sich das Rätsel gelöst, warum an meinem Haus am Rande von Mayari ständig ein Kontrollbähnlein nach der Stilllegung der Eisenbahnlinie vorbei fährt. Das Bähnlein will verhindern, dass Gläubige Eisennägel aus den Schienen reißen, um diese für ein Gebräu  von Schienennagel, Alkohol, Knochen eines Verstorbenen und Kräutern zu verwenden, deren Dämpfe die Priester inhalieren, um mit dem Geist von Verstorbenen in Verbindung zu treten. 

Die Sinnlich-mythologische Symbolik

Aber die bisherige Charakterisierung des Orishas als Symbol beinhaltet – obwohl unerlässlich – eine unzureichende Bedingung für das ganze Verständnis seiner Natur. Die folgenden gedanklichen Schritte der beiden marxistischen Autoren bestehen einerseits darin, seine mythische Natur zu enthüllen, andererseits seine religiöse. In seiner mythischen Bedingung ist die Gottheit eine Reflexion des Bewusstseins (der Gläubigen), ihr Denken und die Aktivität von einer Idee mit kulturellem Wert, also nicht nur als Ausdruck von einer Wirklichkeit (in der Idee), sondern von einem kulturellen Modell. In anderen Worten ist die Gottheit zwar eine Generalisation, aber es handelt sich um eine Verallgemeinerung, die sensorisch - sinnlich wahrnehmbar ist (sensorialmente perceptible). Gebunden an die konkreten Meere und Feuer, die sinnlich erfahrbar sind, existiert Das Meer und Das Feuer als solches – als komplementäre Zustände zum „Trockenen“. Ihrerseits konstituieren Das Meer und Das Feuer die allgemeine Matrix von unendlichen Entwicklungen – ideal-diskursiv.

Die sinnliche Aneignung als Bejahung des Gegenstandes nach Marx

Ohne dass es die Autoren erwähnen, ist die sinnliche Wahrnehmung und die sinnliche Vereinnahmung und Aneignung eine wichtige Begriffskategorie des jungen Marx in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten. Die sinnliche Aneignung (ein triviales Beispiel: Essen und Trinken) ist nach Marx die Bejahung des Gegenstandes, also – wenn man so will – die Überwindung der Entfremdung. Diese Betonung des Sinnlichen beim jungen Marx ist ein weiterer Beweis seiner Moderne, weil das sinnlich Erfahrbare im Alltäglichen für moderne Soziologen  ein wesentlicher Motor der Bewusstseinsbildung und Aktionen von Menschen in Zeiten der Revolten sein kann wie Gramsci und Ana Dienerstein darlegen. Aus der zeitlichen und räumlichen Ferne Afrikas erfasst der sinnliche Mythos die heutigen Gläubigen in Kuba. Das textgebundene Christentum hingegen gibt höchstens in einem sinnlichen Ableger – den Pfingstbewegungen – einen Eindruck von der mythologischen Wirkung auf Gläubige.

Der Orisha (Spanisch: Oricha) ist nach den Autoren nicht allein mythologisches Symbol für den Menschen, um sich von seinen faktischen vitalen Grenzen, mit geschärften Empfindungen zu befreien, um sich in einem ewigen übernatürlichen Sein zu stärken, in einer vorbestimmten Weise des Glaubens, deren Sicherheit und Wahrheit akzeptiert werden, ohne Theorien oder Praktiken zu demonstrieren. Sondern er konstituiert sich als eine sakrale Realität, nicht nur unterschiedlich zu profanen Realitäten, sondern konfrontiert mit feindlichen und chaotischen Potentialen. Frontal zu diesen erhebt sich vor dem menschlichen Sein die furchterregende Macht gegenüber dem Sakralen und die Gefahr, durch die Macht des Chaos, der Unordnung und der Anomia  alle Bindungen zum Sakralen aufzugeben. Anomia beschreibt nach Wikipedia den individuell-psychischen Zustand eines Menschen, der durch gesellschaftliche  ausgelöst wird. Er ist charakterisiert durch unzureichende  soziale Integrität und die daraus entspringenden Empfindungen von Entfremdung, Macht- und Hilflosigkeit sowie Einsamkeit.

Es ist daher vordringlich, eine adäquate Beziehung mit ihm einzugehen und sich auf diesem Wege den Schutz vor den Bedrohungen durch das Chaos zu vergewissern.  Und endlich ist die Gottheit (Orisha) eine übernatürliche Realität, unterschiedlich von Anfang an und entgegen dem Natürlichen, unerklärlich für die Kräfte des Naturgegebenen, fähig, sich urplötzlich in den natürlichen Verlauf des Geschehens  von Wohltaten der Menschen einzumischen und eine determinierte Form der Organisation des Lebens über sie einzunehmen: in der Form des religiösen Kultes. Das heißt, einen spezifischen Typus von Aktivitäten in der Aneignung der Realität, mit ihren korrespondierenden Normen, Priestern und Vorschriften – geleitet von einer symbolischen Kommunikation mit der Gottheit und, in der ultimativen Instanz, um ihren guten Willen und ihre Wohltaten zu gewinnen (7). All dies bedeutet letztlich, dass der Orisha ein religiöses Symbol ist. Auf diese Weise objektivieren sich die Gottheiten der kubanischen Santería im Raum als religiöser topos.

Der symbolische Raum für den Orisha

Die alltägliche und unmittelbare Gegenwart der Gottheit realisiert sich  für den Gläubigen im Raum des Heiligen, dem genuinen Tempel, in seiner Wohnung oder Hof, den der Mensch für den Orisha eingerichtet hat, um ihm sein permanentes Opfer anzubieten und die Nähe zu ihm zu sichern, damit der Orisha seine Bitten anhört, um ihn zu belohnen oder zu bestrafen. Es handelt sich um einen genuinen symbolischen Raum, in dem profane, alltägliche  Objekte eingeschlossen sind, die sich  dem religiösen Leben erschließen und ein neues Gefühl  für die Beziehung mit dem Übernatürlichen entwickelt. In meinem Haus besteht dieser Tempel aus mehreren „Hausaltären“, eine Ecke im Wohnzimmer, verborgen hinter der Eingangstür, ausgestattet mit einer leeren Zigarettenschachtel, einer erloschenen Kerze, ein Foto von Maria de Cobre, der Patronin Kubas.

Aber in Ostkuba geht es nicht nur um die alles dominierenden Orishas. Hier existiert zusätzlich eine Form des Geisterglaubens der Verstorbenen, die beruhigt, belobigt oder gar bestraft werden. Sie haben keine Macht wie die Orishas, sondern sind von den Irdischen beeinflussbar. Auf einem Gesims meines Schlafzimmers ist eine immerleuchtende kleine farbige Lampe angebracht, ein Foto des verstorbenen Schwiegervaters, eine oft brennende Kerze, ein Zigarrenstumpen. Die profanen Dinge sollen den Übergang des Irdischen zum Überirdischen erleichtern und eine Kontrolle über das Jenseitige erleichtern. Stört oder belästigt der Tote die Lebenden in ihren Träumen, wird das Foto des Toten mit  dem Altar für einige Nächte nach außen verbannt, sozusagen als Strafe. Auch hier ist ein Vergleich mit anderen Religionen angebracht. Die häusliche Nähe kennen sowohl die Römer mit ihrem speziellen „Hausgott“ wie das bajuwarisch-katholische Christentum mit dem „Herrgottswinkel“ in der „Guten Stube“. Die  räumliche Nähe mit den Heiligen eröffnet den Gläubigen den permanenten Dialog mit ihnen, vereinfacht also den Kontakt ohne auf aufwendigere Zeremonien in besonders geweihten privaten Versammlungsräumen verzichten zu müssen.

Heilige Steine

Zu den 4 Grundelementen der Santería zählen geweihte  Steine, zumeist Gerölle, neben dem Eisen das Symbol des Irdischen, die otán heißen.  In ihnen wird der übernatürliche Orisha  sichtbar, hörbar, berührbar, also vielfach sensitiv, angebetet, weil in denen die absolute Macht der Götter kondensiert ist. Bei einer Wanderung entlang der Südküste nahe Siboney stieß ich auf einem einsamen Strand auf einen Mann, der verschiedenfarbige Gerölle am Strand aufgelesen hatte und mit ihnen meditierte. Er hatte sich von einer Gruppe von gefangenen Häftlingen, die am Feldrand pausierten, separiert und zum Meer begeben, um dem Orisha der Gefangenen, Maria de Cobre, in seiner verschiedenartigen Gestalt zu huldigen. In der größten Wallfahrtskirche Kubas, nahe Santiago waren lange Zeit Fürbitten von Gefangenen in einem Vorraum aufbewahrt, in denen sie ihr jämmerliches Schicksal beklagten und Maria um Barmherzigkeit baten, hinter der sich in den Augen der Gläubigen ein mächtiger Orisha verbirgt.

Das symbolische Opfer im heiligen Raum

Den Orishas werden Opfer in vielfältiger Gestalt dargeboten, um einen Raum für die Orishas von exzellentem Wert zu schaffen, als ein religiöses Opfer in einem entschiedenen Moment im Prozess der Begriffsbildung (conceptualización) des Symbolismus der Göttlichkeit, über der sich die symbolische Natur enthüllt.  Die Opfergabe ist eines der ritualisierten Objekte, assoziiert mit dem Kult. Das Opfer dient also nicht vordergründig als ein Geschenk des Menschen, um die Gottheit günstig zu stimmen, sondern seine Darreichung schafft erst den inhärenten heiligen Raum, in dem der Orisha  erreichbar wird, um als Wahrsager zu dienen.  Das Opfer ist also die alltäglichste Form der Verbindung zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, eine die sich auf die Ablösung von dem trivial Natürlichen  stützt. Die Vorstellung herrscht vor, dass diese Loslösung vom Natürlichen erst es ermöglicht, dass in strikter Weise mit dem Willen der Orishas korrespondiert werden kann, um über das  Schicksal (des Opfernden) in seinem Sinn zu bestimmen (8).

Während die Opferung über die Tugend der Weihe wirkt, einschließlich die Hinwendung zur Abbildung des Heiligen, zur Ansprache an den Orisha und  der Geschenke für ihn kann sich das reale Unvermögen, als Menschen den Heiligen tatsächlich zu erreichen, in eine symbolische Macht verwandeln. Das deswegen, weil  der Vorgang der Opferung zu jener totalen Aktivität und Raserei aufsteigen kann, wo die erforderliche Kontrolle der Riten die Kräfte und den Willen der Menschen überfordert und sich im Bewusstsein der Menschen ein Kräftespiel entfaltet, dessen Ergebnis  das Unglück, der Tod ist oder das Glück, die Fortuna, das Abenteuer, das Leben. Anders gesagt: Die Nähe zum Göttlichen kann den Gläubigen verbrennen oder zur Apotheose führen. Für Priester, die ihre Vermittlung zum Göttlichen nicht als Scharlatanerie verstehen, ist ihr Dienst im Ritus immens anstrengend, wie ich bei einer kubanischen Bekannten in Deutschland erlebt habe. Nach der Vermittlung des Ritus der Santería in meiner häuslichen Umgebung war sie so erschöpft, dass sie für Wochen vom Kult Abstand nehmen musste.

Die große Weltenmutter, der Orisha Yemayá

Wie andere Religionen auch – zu verweisen ist auf  die Inkakultur der PachaMama  in Peru und Bolivien (9) , aber auch auf den katholischen Kult um die Mutter Gottes – hebt sich der Orisha Yemayá aus der Vielfalt der Orishas heraus  Er (oder sie) stehen für die „meeresgebundene Mutterschaft“ (maternidad marina). Die Objekte, mit denen sie identifiziert wird, sind Meeresschnecken und Muscheln, Perlen und Korallen, die aus der Tiefe des Meeres kommen und mit denen die Altäre geschmückt werden. Vielleicht steckt dahinter auch der praktische Grund, dass derartige Objekte für eine Karibikinsel leicht zu erlangen sind, d.h. dass ihr sensorisches Abbild leicht zu erschließen ist. Es sind universale  Objekte, die im Generellen das Kosmische repräsentieren, wie es das karibische Meer und der Ozean sind, über dem die Sklaven einstmals aus Afrika gekommen sind und das sie heute von ihrer alten Heimat trennt,  und im Speziellen die Mutterschaft und die Vorgänge um die Geburt (Gynäkologie), die Fruchtbarkeit des Bodens, der Tiere und der Menschen.

Das Ästhetische in der Santería

In diesen Objekten lässt sich das Symbolische der Gottheit ausmachen in einer sehr spezifischen Weise: der Ästhetik und der Schönheit: Die großen perlmuttartig glänzenden Meeresschnecken, die man auf den Stränden auflesen kann, in denen sich der Wind fängt und zu einem geheimnisvollen Rauschen umgewandelt wird , wenn man die großen Schnecken ans Ohr hält, die Perlen aus den Muscheln, die man zu kostbaren Halsketten verwenden kann, die buntfarbenen Korallen. Ein Teil dieser Meeresschnecken, die man an einsamen Stränden auf dem Weg von Moa nach Baracoa auflesen kann, dürften fossil sein, das heißt, dass in der vor-kolumbianischen Zeit indigene Fischer sie aus größerer Meerestiefe geholt haben, um sie auf ihren Speisezettel zu setzen.

Chromatischer Symbolismus, oder was haben der deutsche Expressionismus mit der Santería gemeinsam?

Wie die Meeresprodukte haben die (reinen) Farben ihre symbolische Bedeutung in der Santería in höherer  Abstraktheit als die Produkte des Meeres aber in vergleichbarer ästhetischen Qualität und Sensibilität (10).  Markant und verführerisch für die Fantasie sind die unterschiedlichen Farben mit bestimmten Ritualen und entsprechenden Orishas verbunden.  Mit ihrem Licht, dem Glitzern, dem Halo als Lichthof der Sonne sind sie der christlichen Symbolik in der Form des Heiligenscheins der römischen Aura und der spätrömischen christlichen Kaiserfamilien als Mosaiken in Ravenna ähnlich, ohne dass man den Sklaven als die ursprünglichen Schöpfer der Farbgebungen unterstellen kann, dass ihnen diese Verwandtschaft bewusst war.

Vielmehr kommen der Abstraktheit des Symbolismus  die – kalten – reinen – Farbgebungen entgegen, weit entfernt von logischen und kulturellen Bestimmungen, die die heutige totale Subjektivität der Postmoderne entspricht. Der chromatische Symbolismus hat eine bestimmte Fähigkeit des Ausdrucks und des Einflusses über die Psyche, die nicht nur in den kollektiven Riten für einzelne Orishas eingehen, sondern die mit einer singulären Kraft jeden Augenblick des Kultes prägen und zwischen den Farben und dem individuellen wie dem kollektiven Menschsein eine übersinnliche Verbindung herstellt. Diese Gegenwart der Farben ist nicht willkürlich, sondern impliziert eine besondere Form der symbolischen Aneignung der Farbe mit religiösen Funktionen. In unseren westlichen Gesellschaften wird in ähnlicher Form der reinen Farbe eine besondere Bedeutung für die Psyche zugesprochen wie das Revolutionäre und die Liebe dem Rot, das Naturhafte dem Grün oder die Ruhe dem Blau. Dies haben sich die Expressionisten des „Blauen Reiters“ zu Nutzen gemacht, wie der Russe Alexej Javienski mit seinem rot leuchtenden „Bildnis des  Tänzers Sacharoff“, oder Franz Marcs Gemälde „Kühe, gelb – rot – grün von 1911.

Es gibt keinen Kosmos, wo nicht eine irisierende Ordnung existiert, wo das Licht sich nicht in eine Serie von verschiedenen Farben zerteilt, wie das Sonnenlicht in das Spektrum der Regenbogenfarben, wo das Licht also nicht die qualitative Verschiedenheit der supra-naturalen  Welt ausdrückt. Somit erweisen  das Licht und die Farben sich als fähig, eine korrekte Beziehung zwischen dem Kult mit Farben und den göttlichen Wesen herzustellen. Die chromatische Ordnung stellt sich als eine notwendige Bedingung für den Opfernden  im Kult und in der ritualen Geste dar, die sich in der Kleiderfarbe der Opfernden ausdrückt. Deshalb sind die Farben eines der Mittel, die die Verbindung zwischen den Menschen und den Orishas herstellen.

Kleiderfarbe als religiöses und Liebes-Signal für Kubaner

Die Farbe in der Santería ist trotz ihrer sinnlichen Wirkung abstrakt, ein Wert an sich und in sich, die einem bestimmten Orisha entspricht. Ihre Wirkung entspringt zwar einer „reinen Ästhetik“, aber als Attribut zu bestimmten Orisha . Sie ist nicht mit goldenen oder silbernen Farbgebungen verbunden, deren Wert sich aus ihrem kostbaren Material ergibt. Welche Farbe in der Kleidung eines gläubigen Kubaners vorherrscht, ist nicht zufällig. Weiß gekleidete Kubaner und vor allem die Frauen symbolisieren ihre Anhänglichkeit zu hochrangigen Orishas und sind Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung, die mit einem Blick viel über die Persönlichkeit eines Kubaners aussagt. So trug eine schwarze Bekannte von mir bei unserem Flug von München nach Varadero  einen weißen Anorak als Signalfarbe für ihren Geliebten, der  sie im kubanischen Flughafen, ganz in Weiß gekleidet, empfing. Beide waren sich einig, dass somit ihre Liebe unter dem besonderen Schutz des Heiligen stand.

Der Symbolismus der Zahlen  

Während die Objekte des Meeres eine hohe sensitive und somit auch körperliche Wirkung haben, sind Zahlen wie die chromatische Farben im höchsten Grade abstrakt und dennoch ebenfalls Teil des Symbolismus der Santería mit magischer Wirkung. Zwar ist der Zahlensymbolismus anderen Religionen nicht total fremd aber zumeist nur als Attribute zu heiligen Geschichten: heilige Dreifaltigkeit, 11 Jünger, usw., die sodann auch in der Architektur in der Konstruktion von romanischen oder gotischen Kirchen eine Rolle spielen können. Für eine Religion, in der der Symbolismus den höchsten Grad an Abstraktheit besitzt, ist die Abstraktheit von Zahlen kein Hindernis, ja man kann sagen, dass beides sich entspricht.

Im religiösen Denken allgemein und im Denken der Santería im  Besonderen ist vieles in Zahlen eingebettet, betreffend Strukturen, Funktionen, Formeln und numerische Gesetze, einschließlich der Menschen und der Gottheiten. Wer die Zahlen kennt, kennt die Geheimnisse des Heiligen und Profanen, des Natürlichen und des Übernatürlichen, des Menschlichen und des Göttlichen. Die numerische Exaktheit – offenkundig  in den oben erwähnten Beschreibungen – im Einsatz von Materialien, Ausrüstungen Ingredienzen, Teilen und Einheiten von  Substanzen braucht man für die  magischen Riten, wenn sie wirken sollen. Zum Beispiel braucht man für das Orakel des diloggún 16 Korallen, die man auf die Matte legt, oder 8 Kokosnussschalen, die man in den Schildkrötenpanzer legt beim Orakel des écuele.  In diesen  Fällen sind die Zahlen Attribute zu bestimmten Riten.

Vom Ritus zur Lotterie und zum Aberglauben

Sie können aber auch eine eigene Gewichtigkeit haben als absolute Einheiten, unabhängig von den anderen Zahlen.  Sie dienen nicht zum Rechnen, Summieren, Dividieren, sie wirken nur aus sich allein, denen die Priester (santeros oder babalaos) bestimmte Bedeutung geben, aus alten Traditionen heraus. Kein Wunder, wenn viele Menschen sich dazu verleitet sehen, Zahlen für profane Zwecke beim Wetten zu benutzen. In Kuba beteiligen sich viele Menschen an einer Lotterie, die offiziell verboten ist und dennoch praktiziert wird. Einmal in der Woche wird in Miami, Florida, eine Zahl zwischen 1 bis 100 ausgelost und in Windeseile über Handys über das ganze Land bekannt gemacht. Zuvor sind lokale Wettannehmer von Haus zu Haus gezogen und haben in kleinen Zettelchen von ihrem übersichtlichen Wettkreis Zahlen aufgenommen und dafür Pesos nacional eingezogen, zumeist Summen unter einem Dollar. Da nur eine Zahl immer gezogen wird und es viele Wetter mit unterschiedlichen Zahlen gibt, ist der Wettvermittler immer auf der sicheren Seite, weil er weniger an Siegesprämie auszahlt als er einnimmt. Jede Zahl von 1 bis 100 steht für ein Symbol, sodass die Wetter  100 unterschiedliche Symbole im Kopf haben, denen sie wechselnde Bedeutungen zuweisen. Viele führen ein Buch mit Hunderten von Siegeszahlen, die schon ein- oder mehrmals gezogen worden sind und brüten oft stundenlang über ihre Eintragungen, um ein geheimes System der Götter in der Abfolge der Zahlen zu erkennen.

Für mich ist hiermit der Schritt von der Religion zum Aberglauben vollzogen. Natürlich könnte man als Atheist alles in Bausch und Bogen als Aberglauben verdammen, aber hier soll die Santería Ernst genommen werden, schon allein weil sie eine für Kuba authentische Volksreligion ist, der Millionen von Menschen anhängen, einschließlich meine eigene Familie. Wo aber die Grenze zum Aberglauben ziehen?   Ich meine dort, wo die Santería widersprüchlich wird und ihre eigenen Werte verrät. Sie wird widersprüchlich, weil zu fragen wäre, warum denn die Priester nicht ihr „Insider-Wissen“  um die Zahlen nutzen, um sich an den Wetten zu beteiligen. Die Santería versündigt sich gegen ihre eigenen Werte, weil das Ergebnis der Ziehung zufällig ist, also gerade der Ordnung widerspricht, für die die Santería einsteht. Zufall ist ein Teil des Chaos in der Welt, das die Santería eingrenzen will. Dies sieht die Mehrheit der Anhänger genau so. Es gibt zwar Orakel, aber nie in die Richtung, die Zahl zu erfragen, die demnächst beim Lotto ausgespielt wird. Die absoluten Zahlen repräsentieren das Heilige, hinter dem Orishas stehen. Ein Gläubiger müsste nach der inneren Logik seiner Religion wissen, dass ein Missbrauch auf die Spieler zurück fallen könnte. Nur haben das viele unter den Gläubigen nicht verstanden.

Die symbolische Inbesitznahme der Orishas durch Tanz, Pantomime  und Trance

Das Symbolische par excelence für jede Gottheit (in der Vorstellung der Gläubigen) sind  die Gläubigen, die ihren Körper mit Tanz, Trance und allgemein über den Kult für die Orishas bereitstellen. Deshalb hat sich die Analyse des Symbolischen der Santería  bisher darauf konzentriert, wie die Integration der  Inbesitznahme der Gläubigen durch die Gottheiten funktioniert. Die vorrangige Art der symbolischen Inbesitznahme erfolgt  dadurch, dass durch die Hingabe der Gläubigen über den Kult die göttlichen Energien auf die menschlichen Wesen  überstrahlen. Diese Vereinnahmung macht ihn zum Besessenen. Im Deutschen wird stammeswörtlich dies in schöner Weise deutlich: Die „Inbesitznahme“ macht besessen. Der Tanz vor dem Altar des Orishas unter dem Wirbel von drei Trommlern ist das Mittel, das Göttliche zu absorbieren. Die Ähnlichkeit mit dem Tanz der indischen Hindus vor dem  Gott Shiva mit Mantra-Gesängen drängt sich auf. Auch hier ist das Ästhetische bemerkenswert. Der Rhythmus der Trommeln und die Gesänge der Gläubigen befolgen nach der Meinung der kubanischen Autoren den Gesetzen der Schönheit. (11).

Der christliche Kult lebt ebenfalls von  Gesängen. Die Kraft des Gesanges beseelte Christen seit der Antike: Wer singt, betet zweimal, quis cantat bis orat (12). Die Kirchenmusik hat von Haydn bis Bach Unsterbliches hervor gebracht. Aber welch ein Unterschied! Die „Hochkultur“ der Chöre braucht zu ihrer Produktion in Kirchenräumen bei jeder  Aufführung einen großen Aufwand, zu dem im laizistischen Zeitalter immer weniger Menschen bereit sind, und immer mehr CD-Platten zur Erzeugung einer Klangkulisse in sakralen Räumen eingesetzt werden, was in der Santería ein Unding wäre, weil sich auf digitale Weise keinen Raum für einen Orisha erzeugen ließe.

Trance –  Gemeinschaftserlebnis oder religiöser Wahn?

Die Tänze stellen eine Form der symbolischen Wiedererschaffung (retrocapción)  der Gläubigen dar in Bezug auf die kollektiven Kräfte, die in der Gottheit entfremdet und zugleich personifiziert sind: Wiedererschaffung, die sich über das Opfer (im Kult) verwirklicht. Die symbolischen Tänze der Santería sind heilige Tänze, so als ob das Heilige sie aus dem Blickwinkel seiner  expressiven Intention beachtet, aus der Perspektive seines profunden kulturellen Gefühls. Anders formuliert: Die Tänzer fühlen sich von dem Orisha, dem sie ihre Tänze darbieten, besonders beachtet und glauben, dass seine Kräfte auf sie übergehen.

Das symbolische Opfer durch den menschlichen Körper erfährt seinen Höhepunkt in der Trance, also in einem Zustand, wo sich die normalen mentalen Funktionen über ein Medium sich in einen paranormalen Zustand in einem strengen Sinn verwandeln, das heißt, in der Idee von Trance, als eine Idee des Übernatürlichen. Subjektiv erlebt der Gläubige das Übernatürliche im Zustand der Trance, diese folgt  aber einem bekannten Muster, der schon oft durchexerziert worden ist,  und den die Gläubigen auch während der Kultausübung erwarten, also als imaginäre, ideelle Vorstellung. In der Trance – eine Art geistige Berauschung – erfährt der Ausübende die Ausweitung seines Bewusstseins ins Unendliche und nähert sich der unendlichen Existenz des Orishas. Diese Erfahrung, die zumeist der Priester macht (santero, babalao), kann nicht als ein religiöser Wahn und mentale Raserei abgetan werden, weil seine Manifestation nach einem vorbestimmten kultischen Muster und im Sinn der gemeinschaftlichen Regeln erfolgen, auf die der Priester achtet. Um sich als Priester den Teilnehmern in den Zeremonien anzunähern, um sie  „mit seinem Schweiß zu salben“, hilfsbereit  zu sein, Prophezeiungen zu formulieren, Ratschläge zu geben, von den Teilnehmern Opfergaben zu verlangen, Botschaften an die Abwesenden zu versenden, Krankheiten zu diagnostizieren, Heilmittel zu verschreiben, ist er angehalten,  nach den stereotypischen Regeln den Kult zu zelebrieren. Er steht im Dienst des göttlichen Wissens über die übernatürlichen Macht des Meeres, des Feuers, des Eisens mit seinem menschlichen Körpers.

Unterscheidung der Santería zum Schamanentum

Oft wird die Santería auf die gleiche Stufe mit dem Schamaismus gestellt. Die beiden  Autoren stellen aber die Unterschiede klar dar. Der Irrtum entsteht wohl durch Äußer-lichkeiten der beiden Kults  durch Trance, Tanz, Trommeln, Medium usw. In der Santería gewinnt der Priester nicht die Dominanz über den Orisha. Seine Seele  verlässt nicht den Körper, um im Himmel sich zu vereinen oder in die Hölle abzusteigen. In diesem Sinn ist die Trance nicht ekstatisch, sie umschließt nicht den Aufstieg des menschlichen Wesens zum Gott, um sich mit ihm enthusiastisch zu vereinen. Die Trance bleibt ein Symbol, eine Idee, als eine spirituelle Transformation, die eine neue subjektive Sicht der Wirklichkeit vermittelt, in der der psychologischen Praxis allerdings mag es schwierig sein, zwischen verschiedenen Erlebnisformen der Psyche zu unterscheiden.

 

 

Respekt vor einer ehemaligen Sklavenreligion

Die Santería ist mit den Sklaven in die Karibik gekommen. Es war das Einzige, was sie von ihrer Heimat mit sich nehmen konnten, aufs Schärfste bewacht von ihren christlichen Herren, die sie mit Gewalt zwangen, in Zusammenarbeit mit der katholische Kirche, das Christentum äußerlich zu übernehmen. Das Einzige, was sie unternehmen konnten, war die christliche Symbolik der Heiligen zu übernehmen, um insgeheim ihre alten Götter anzubeten mitsamt ihren kultischen Traditionen. Es zählt zur Ironie dieser Geschichte, dass der Zwang, in die Symbolik zu fliehen, in das Abstraktum, wo das spezifisch Stammes-Afrikanische weitgehend abgestreift wurde,  ein so abstrahierter Ritus sich auch  für andere kubanische Gesellschaftsschichten wie Mestizen und Weiße öffnete.

Zudem gewannen die Sklaven trotz ihrer Inklusion über das Alltagsleben vielfältige Kontakte mit dem gewöhnlichen Leben in Kuba. Auf diese Weise rächten sich die Orishas und ihre Anhänger an den Erniedrigungen, die sie durch die katholischen Sklavenherren erlitten hatten. Als einstige Sklavenreligion fordert sie den Respekt von jedermann ab. Diesen Respekt müsste vor allem das Christentum ihr zollen, war das Urchristentum doch selber ein Sklavenreligion gewesen. Es mag diese „Seelenverwandtschaft“ der Grund für die heutige gegenseitige Duldung sein, so dass  der Übergang von einer zur anderen Religion „fließend“ ist, und meine Frau keine Schwierigkeiten damit hat, von den Messen des Papstes mit Begeisterung zu erzählen.   

Santería: nicht primitiv sondern hoch komplex

Wegen ihres afrikanischen Erbes wird sie allgemein von nicht Eingeweihten als primitiv abgewertet. Aber wie wir gesehen haben ist die Santería  eine höchst komplexe Religion, die an ihren Symboliken gemessen nicht als „primitiv“ bezeichnet werden kann. Auch fällt es schwer, sie als „Naturreligion“ abzuqualifizieren, gemessen an den Schriftreligionen, die von sogenannten europäischen „Hochkulturen“ nach Amerika kamen. Ohne staatliche Unterstützung wie Steuergeldern, ohne imposante Kirchen lebt sie allein von dem Enthusiasmus ihrer Gläubigen, und diese Staatsferne macht vielleicht ihre Stärke aus. So bleibt sie unbehelligt von der Krise der Institutionen, die nicht nur Kuba erfasst hat. Darin gleicht  sie den evangeliaren Bewegungen, die in Lateinamerika ebenfalls Hochkonjunktur haben. Was scheinbar zu ihrem Nachteil geriert, ist ihr Vorteil.

Sie ist die autochthone kubanische Volkskirche, die geschichtslos aus der Zivilgesellschaft lebt, deren Sklavengeschichte sich im Mythos der Vergangenheit verliert, ohne aus ihrer Tragik einen eigenen Mythos des Opferganges wie das Christentum zu machen. An Stelle einer Geschichtenerzählung ist das Göttliche da, scheinbar von Anfang an, unbewegt wie die Steine, die etliche Orishas repräsentieren. An Stelle von Geschichten stehen die Symbole als Kürzel, als Zeichen für die Eingeweihten, die aber nicht als Mitglieder eines Geheimbundes zu verstehen sind. Wer in einer Straße von fern die Trommeln der Zeremonie hört, ist herzlich eingeladen, teilzunehmen, sich in den Kreis der Singenden und Tanzenden einzureihen, ohne viel Aufwand. Es ist vielleicht diese Einfachheit des Zutritts, der Teilnahme, die den Erfolg dieser Religion ausmacht, die ohne missionarischen  Eifer um neue Mitglieder wirbt. Es reicht, dass der Nachbar dabei ist, um mit seinen Kindern zu tanzen.

Es ist schon gesagt worden, dass die sandería-Religion Bestandteil der kubanischen Kultur ist, eine der originären Schöpfungen neben der Revolution und der kubanischen Leichtigkeit zu leben, man könnte sie zu einem der Weltkulturerben der UNESCO machen, wenn sie auf andere Erdteile zu verpflanzen wäre. Diese Globalisierung geht aber nur in Begleitung mit dem kubanischen Menschen und seiner Musik, ohne ihn würde sie verkümmern und ohne die Santería wäre auch nicht die originäre Musik der Salsa möglich, die als Exportgut weltweit wirkt. Es ist das  afrikanische Erbe der Trommeln, die neben der amerikanischen Trompete, der spanischen Gitarre und des europäischen Klaviers das Instrumental-Kompositorische der Salza ausmacht.

Die beiden kubanischen Autoren haben aus meiner Sicht bewiesen, dass der analytische Marxismus in der Lage ist, mit seinen Instrumenten,  Begriffen, Methoden einen so schwierigen Komplex wie ihre Religion gültig zu interpretieren. Sie haben sich von dem Diktum von Marx, dass Religion Opium fürs Volk sei, nicht irre machen lassen. Feuerbach hat auf die andere mögliche Interpretation von Religion aufmerksam gemacht, als ein Weg der Sozialisation in Richtung einer Bürgergesellschaft. Die Santería ist kein demagogisches Instrument wie der Hinduismus in der Hand des indischen Ministerpräsidenten Mori, um Jagd auf Andersdenkenden zu machen, von den mörderischen Fehlinterpretationen des Islam durch muslimische Staaten ganz zu schweigen. Aber so ganz politisch neutral ist auch die Santería nicht. Sie will auf religiösen Wegen das Chaos in der Welt bekämpfen, sie ist harmonieorientiert, mit ihrem religiösen Willen will sie Krankheiten bekämpfen und die Not von vielen lindern. Dies sind Aktionsfelder, auf denen die Politik auch tätig ist. Aber soweit Politik und Religion sich in die Quere kommen, herrscht auch hier gegenseitige Duldung und Toleranz.

Literatur

 

1.   Rosa María de Lahaye Guerra, Rubén Reinaldo Zardoya Lureda,:El complejo simbólico de la Santería cubana, in: Marx ahora, La Habana, 2011 pp. 127

2. Claudia Rauhut:  Santería  globalisiert in Kuba, Tradition und Innovation in einer afrokubanischen Religion, Ergon-Verlag, Würzburg, 2012

3.  Ana Celia Perera Pintado, Nuevos movimientos religiosos. Retos al escenario político cubano, Psychologisch-soziologisches Zentrum, La Habana, in Temas, Dezember 2013, pp.63

4. Gerd Elvers: Martin Luther: Revolution, Verräter der Bauern und die Linke heute, in- www.revolution-heute.de

5. Gerd Elvers: 10 Jahre sozialistische Theorie und Geschichte der Revolution und die Weltkrise heute, in: www.revolution-heute.de

6.  Autoren, p.129

7.  Autoren, p. 129

8. Zwei Autoren, p 131

9. Gerd Elvers: www.revolution-heute.de

10.  el simbolismo cromático, zwei Autoren, p. 134

11. zwei Autoren, p. 137

12. Rudolf Neumann: Abgesang. In vielen Gemeinden verschwinden die Chöre, in: Süddeutsche Zeitung 30./31. Januar 2016

 

Gerd Elvers

Februar 2016

Oberhausen, Donau

 







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