Neuerscheinungen Literatur

23.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Eva Mühlbacher: Zeitreisende. Deutsche Literatur für Entdecker. Teil 1 – von der Romantik bis zum ersten Weltkrieg, Dachbuch Verlag, Wien 2020, ISBN: 978-3-903-28319-2, 24 EURO (D)

In diesem Buch wird die deutsche Literaturgeschichte von der Romantik bis zum ersten Weltkrieg in einem etwas anderen Gewand präsentiert. Gedanken, Emotionen, Sehnsüchte und Gefühle stehen hier im Mittelpunkt, wobei die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart bisweilen verlassen werden: „Ziel ist es, fachlich richtige Informationen zu geben und trotzdem den Spaß am Aufspüren von Gedankenhorizonten fremder Zeiten nicht zu verlieren.“ (S. 13 unten) und „die Tiefe und die Vielfalt der Emotionen vergangener Jahrhunderte zu begreifen.“ (S. 15)

Dabei gibt es erstens keinen Anspruch auf Vollständigkeit, alle Autoren und Motive können aus Platzgründen nicht abgebildet werden. Zweitens werden einzelnen besprochenen Autoren mehrere literarischen Strömungen zuordnet und einzelne Werke ebenso.

Dies wird in verschiedenen Schwerpunkten präsentiert, die auch die einzelnen Kapitel abbilden: Sehnsucht als Lebenssinn, das Wesen der Natur, wider die Natur, Künstler als Grenzgänger, Spielarten der Schönheit, Beziehungsgeflechte, Europa als Schlachthof, die Welt von gestern, Zeitreise ins 21. Jahrhundert.

So wird zum Beispiel die Träumerin Annette von Droste-Hülshoff, die sich beim Anblick aus dem Fenster in die sie umgebende Natur hineinversetzt und dies in ihren Werken zum Ausdruck brachte, dargestellt. Oder Untote, so genannte Wiedergänger, in der Ballade von Gottfried August Bürger „Lenore“, in der eine junge Frau nach dem Krieg auf die Rückkehr ihres Verlobten wartet.

Packend ist auch die Geschichte des ungleichen Liebespaares Rainer Maria Rilke und der Philosophin Lou Andreas-Salomé, bei denen das reine Gefühl der Liebe bis an ihr Lebensende bestehen bleibt, die aber nicht zusammen sein können. Einen Kontrast bieten die Gedichte von Stefan Heym über den 1. Weltkrieg, die Verlust, Trauer, fehlende Hoffnung und Melancholie transportieren.

Im Anhang findet man noch eine Auflistung von Werken zum Weiterentdecken geordnet nach Kapiteln und eine ausführliche Bibliografie.

Dies ist ein spannender Streifzug durch die jüngere deutsche Literaturgeschichte. Zwischen dem Text gibt es immer wieder Zitate, die Emotionen in den Werken und deren spezielle Aussagekraft widerspiegeln. Ein gelungener Auftakt für den zweiten Teil. 

Buch 2

Tom Clancy/Mike Maden. Im Visier des Feindes. Thriller, Heyne, München 2021, ISBN: 978-3-423-27305-4, 23 EURO (D)

In diesem Thriller geht es um die Hinterlassenschaften des Jugoslawien-Krieges und den immer noch nicht abgeschlossenen Frieden auf dem Balkan. Es geht um die Provokation eines Krieges zwischen der Nato und Russland durch eine Gruppe serbischer radikaler Nationalisten und Revanchisten.

Der Terrorist Brkic wird vom Roten Flügel beauftragt, das bevorstehende Einheitsreferendum in Bosnien-Herzegowina zwischen Kroaten, Bosniaken und Serben zu stören. Außerdem plant Brkic auch ein Terroranschlag gegen Russland bei einer Militärübung, um einen Keil zwischen Russland und der Nato zu treiben und einen Krieg zu provozieren. Er und seine Organisation besitzen achtzig Sprengköpfe und ein Raketenleitsystem, das im Syrienkrieg gestohlen wurde.

Zufällig arbeitet Jack Ryan privat in Slowenien. Ryans Mutter hatte Aida Curic‘ Augenlicht, einer Geflüchteten während des Bosnienkrieges vor langer Zeit gerettet. Nun bittet seine Mutter ihn, nach ihr in Sarajewo zu suchen.

Beim Besuch des Nationalparks Triglav entgeht er einem Mordversuch verübt von einer Touristin. Wie sich dann herausstellt, wurde sie  der von einem geheimen Verbrechensnetzwerk geschickt, dessen Anführer Vladimir Vasilev wollte, dass Ryan sowie Ex-Senator Weston Rhodes aus Rache für den Tod seines Kollegen Tervel Zvezdev eliminiert werden sollte. Kurz vor dem Verhör wird die Attentäterin ermordet.

Nach diesem Vorfall fährt Ryan nach Sarajewo, um Aida Curic aufzuspüren. Zunächst scheitert er an seinen Bemühungen und bereitet sich auf seinen Rückflug in die USA vor, als Aida selbst in seiner gemieteten Wohnung auftaucht. Die beiden stolpern in eine Affäre, bis in der letzten Nacht seines Aufenthalts in Bosnien die beiden durch korrupte serbische Polizisten bedroht werden. Am nächsten Tag überlebt Ryan einen weiteren Mordversuch eines Attentäters in seiner Wohnung. Um herauszufinden, was hinter all dem steckt, beschließt er länger in Bosnien-Herzegowina zu bleiben.

Dieser nach dem Tod von Clancy geschriebenen Thriller ist in großen Teilen in derselben Weise geschrieben. Es gibt fast keine Pausen in der Handlung, die Spannung wird hochgehalten und der Roman ist mit viel Action versehen. Viele technologische Feinheiten werden immer wieder eingeflochten, worunter die Charakterisierung der Hauptcharaktere etwas leiden.

Hier spielt auch die aktuelle politische Situation eine Rolle, Bosnien-Herzegowina ist ein weiterhin gespaltenes Land: die nicht aufgearbeiteten rassistischen Praktiken im kroatischen staatenähnlichen Verbund Herceg-Bosna während des Bosnienkrieges, Schweigeminuten im kroatischen Parlament und in Kirchen für Selbstmorde von Kriegsverbrechern. Serbien die sich nicht nur in Bosnien-Herzegowina in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einmischen, sondern auch in Kosovo oder Montenegro. Eine gute Hintergrundrecherche des Autors.

 

Buch 3

Joris-Karl Huysmans: Lourdes. Mystik und Massen. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Hartmut Sommer, Lilienfeld, Düsseldorf 2020, ISBN: 978-3-940357-65-6, 22 EURO (D)

Lourdes ist einer der weltweit meistbesuchten Wallfahrtsorte und liegt in Südwestfrankreich in der Nähe der spanischen Grenze. Die Wallfahrt nach Lourdes begann mit einer Serie von insgesamt 18 Marienerscheinungen vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858. Der Ort zieht seither Millionen von Pilgern an, darunter viele Kranke, die sich vom Wasser, dem Wunderheilungen zugesprochen werden.

Angeregt von der literarischen Auseinandersetzung mit Lourdes, vor allem bei Emile Zola, ging der Schriftsteller Joris- Karl Huysmans 1906 nach Lourdes, um sich von diesem Ort zu überzeugen. Daraus und aus früheren Besuchen des Wallfahrtortes entstand 1906 das Buch „Les foules de Lourdes“ (Die Massen von Lourdes), das nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Huysmans berichtet von zwei Seiten von Lourdes, sowohl dem Ort des Übernatürlichen als auch einem christlichen Basar mit Massen von christlichen Pilgern.

Huysmans spricht über die Stadt als Stadt und über Pilgerfahrten, indem er die Menschenmengen beschreibt, die zu den Schreinen gehen. Der Autor erzählt dabei aus einer Perspektive zwischen überzeugtem Glauben und den Skeptikern stellt, die alles in Frage stellen, was Lourdes darstellt. Bestimmte Passagen wie der Symbolik der Kerzen oder den Beschreibungen bestimmter Wunder zeugen von der emotionalen, spirituellen, dynamischen und inspirierenden Kraft des Ortes. Der Autor spricht die Leser außerdem über die Heiligtümer selbst an, wodurch eine eigene Reflektion erforderlich ist.

Huysmans gelingt eine gute Kombination von Geschichte, Ort, und emotionalen Glaubensüberzeugungen, die sprachliche und stilistische Schilderung hat hohe Qualität. Es ist aber eher nicht als Roman zu bezeichnen, sondern als Reisebericht zu deuten. Huysmans erzählt den Lesern von seinem Aufenthalt und spricht über das, was er sieht und wahrnimmt. Um das Buch besser einordnen zu können, empfiehlt sich zuvor die kurze Lektüre des Nachwortes von Hartmut Sommer.

Buch 4

Jürgen Heimbach: Die Rote Hand. Kriminalroman, Unionsverlag, Zürich 2020, ISBN: 978-3-293-20899-5, 13,95 EURO (D)

Arnolt Streich Fremdenlegion. Schon gar nicht auf Gesellschaft anderer., sein Boss, ist cholerisch und wenn er Streich das Gehalt zahlen soll, muss Streich nachverhandeln. Für den Boss Bommel, ein Gewinnler des Wirtschaftswunders, bewacht er Garagen, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht zu viel Unsinn anrichten. Für ihn, den Eigenbrödler genau richtig. Aber unbefriedigend.

In der Zeitung steht dieses Mal sogar was Interessantes. Ein Waffenschieber wurde ermordet. Georg Pucherts. Dass Streich wie nebenbei mittgeteilt wird, dass sich ein paar Typen - nach ihm erkundigt haben, lässt Streich sogar vergessen Zigaretten zu kaufen.

Denn auf dem Weg zum Boxclub wird Streich abgefangen. Ein paar Typen, sehen gefährlich aus, hatten nach Streich gefragt. Schon zwei solcher Vorkommnisse.  die Typen in dem eleganten französischen Wagen. Und etwas über die Rote Hand herausbekommen. Die kämpfen mit allen ihnen „von Oben“ zur Verfügungen gestellten Mitteln gegen die Aufständischen in Algerien, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Dafür brauchen sie Waffen. Puchert war Waffenhändler… Streich dämmert es

Die Franzosen sind ihm auf der Spur, wollen ihn für ihre Zwecke einspannen, gegen Geld, viel Geld, die über seine Vergangenheit in der Legion Bescheid wissen. Damals hatte er sich neben anderen Heldentaten besonders durch eine besonders barbarische hervorgetan. Streich soll herausfinden, in welcher der Garagen ein bestimmtes Auto abgestellt ist. Es ist das Auto eines Waffenhändlers, der in jener Zeit der FLN für deren Unabhängigkeitskrieg Algeriens Waffen und Munition liefert. Die dubiosen Franzosen erweisen sich als Mitglieder der Roten Hand, einer Organisation des französischen Geheimdienstes, die die Führer der FLN, deren Waffenlieferanten und andere Unterstützer der algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen ausschalten sollte. Nach einem Hinweis von Streich gelingt es, in einer der Garagen das Auto des Waffenhändlers inklusive Insassen zu zerbomben. Da bei dieser Aktion einige Dinge für die Attentäter schief laufen, wird Streich weiter von ihnen verfolgt.

Dabei gelingt es Jürgen Heimbach die fiktive Geschichte des Arnolt Streichs inklusive des Anschlags auf den Waffenhändler Mühlbauer mit dem realen Agieren von „DIe rote Hand“ in Deutschland in der Zeit von 1956 bis 1960 zu verknüpfen: Während sich die BRD und Frankreich wieder annähern, besteht seitens der BRD kein Interesse den Aktionen der Roten Hand größere Bedeutung beizumessen oder gar öffentlich gegen sie vorzugehen.

herrscht draußen der Krieg zur Unabhängigkeit Algeriens und der Terror der Roten Hand, in den Streich hineingezogen wird – mit allen Konsequenzen.

Eine spannende Story und zudem eine Anregung, sich mit der Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens und deren Begleitumständen zu beschäftigen.

In einem mehrseitigen Nachwort beschreibt Jürgen Heimbach ausführlich die Fakten zu Fremdenlegion unter der Beteiligung deutscher Legionäre, FLN, Rote Hand sowie der Umgang in der Bundesrepublik mit den Attentaten des französischen Geheimdienstablegers.

Heimbach hat umfangreich recherchiert und die Ergebnisse sorgfältig in die Handlung eingebunden.

Buch 5

Jean-Christophe Grange: Die letzte Jagd. Thriller, Lübbe, Köln 2020, ISBN: 978-3-7857-2709-6, 22 EURO (D)

Nach einigen Jahren als Lehrer an der Polizeiakademie von Cannes-Écluse weit weg von Tatorten kehrt Inspektor Niémans im neuen Roman von Jean-Christophe Grange zurück auf die Ermittlerbühne.

Er wird mehr oder weniger offiziell von hochrangigen Beamten der nationalen Polizei beauftragt, ein zentrales Büro einzurichten, das für die Durchführung von Ermittlungen in den Gendarmerien des Landes zuständig ist, die mit außergewöhnlichen Verbrechen konfrontiert sind, die im Land immer häufiger vorkommen. Niémans zögert nicht, den neuen Posten anzunehmen und wählt überraschend als Assistentin Ivana Bogdanovic aus, deren Können er schätzt. Von nun an gehen die beiden gemeinsam auf Verbrecherjagd.

Ihre erste Mission führt sie nach Freiburg im Breisgau im Schwarzwald. Jürgen von Geyesberg, Erbe einer wohlhabenden deutschen Adelsfamilie, wurde enthauptet und kastriert im Wald von Trusheim im Elsass gefunden. Dort haben sich Mitglieder der Aristokratie für die jährliche Jagd versammelt. Der Tatort des grausamen Verbrechens erinnert an die Rituale der Pirsch, einer alten Jagdtradition, die seit Generationen in der Familie Geyersberg praktiziert wird, und die ein jeder Jagdteilnehmer kennt.

Die Methodik der Pirsch wird auf die Menschenjagd angewendet: Die genaue Kenntnis des Reviers, das alleinige Verfolgen der, immer näher auf Schussentfernung herankommen, jede Bewegung abwägen und Vorfreude auf die Beute. Der Leser im Laufe der Ermittlungen ausführlich ein in diese jahrhundertealten Traditionen, auch Praktiken aus der Zeit des Endes des Nationalsozialismus tauchen wieder auf.

Dies ist eine außergewöhnliche Story, die tief in die aristokratischen Traditionen der Jagd eintauchen. Die Hintergründe wurden ausführlich recherchiert, die Atmosphäre packend beschrieben. Nazi-Analogien als Synonym des Bösen werden immer wieder von Krimiautoren benutzt, von daher ist dies kein belebender Faktor mehr. Spannung kommt auch so genug auf.

 

 







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