Ich schwimme gegen den Strom


Bildmontage: HF

29.03.10
KulturKultur, Politik, TopNews 

 

von Anja Röhl

Ich schwimme gegen den Strom, da dreht sich der Strom um, schwimmt mir nach…, diesen Satz schrieb mir Ulrike Marie Meinhof in mein Poesiealbum als ich elf Jahre alt war. Und seriöse Journalistin, die sie war, gab sie auch die Quelle an: …von Heike Dotiné.

Ich habe das Album nicht mehr, aber ich sehe doch den Satz glasklar vor mir, wie er dastand und mir beinahe unbedeutend erschien.Von klein auf an hatte ich das Gefühl, dass vieles ungerecht war.  Das hat mich oft, in meinem Zimmer, wenn ich allein war, betrübt. Es tat mir leid, was Menschen weh tat, was gegen Schwächere geschah, was Kinder zum Weinen brachte.

Wenn ich meine Mutter durch die Zimmertüren weinen hörte, lief ich hinüber und wollte ihr helfen. Dazu stellte ich mich vor meine Mutter, meinem Vater in den Weg, breitete die Arme aus und sagte: „Pappi eisch!“ .

Nachbarskinder schrieen jämmerlich neben meiner Kinderzimmerwand und ich hörte Schläge, die sie doch nicht beruhigen konnten. Ich lief zu meiner Mutter, ob sie nicht rübergehen könne und hatte lange Diskussionen mit ihr, da man doch helfen müsse. Der Junge, mit dem ich auf unserem Hof immer spielte, wurde für seinen kleinen Bruder verprügelt, er meinte, das müsse er aushalten, ich war dagegen. Die Nachbarsfrau weinte  und ihr Mann tobte, laut und wütend. Ich klingelte an der Tür und fragte nach ihrem Sohn, ob der rauskäme, für eine Weile hörte sie dann auf zu weinen.

Im Kindergarten mussten wir dickbreiige Linsensuppe essen, in der harte Speckschwarte schwamm, die nicht runterzukauen ging, so lange man es auch versuchen mochte. Das fand ich ungerecht, denn man konnte sie nicht essen, es ging einfach nicht, aber wir bekamen keinen Nachtisch, wenn wir nicht aufaßen und mussten schummeln, aber ich wollte nicht schummeln.

Ein Mädchen musste allein schaukeln und spielen, weil sie eine schmutzige Unterhose hatte, das konnten wir beim Schaukeln sehen. Vor ihr hatten wir Angst und musterten sie von Ferne.

Die Erzieherinnen im Kindergarten meckerten, dass wir gefälligst schlafen sollten, doch wir konnten nicht auf Befehl schlafen, das müssen die Erwachsenen doch auch nicht, warum dann die Kinder?

Ein dickes Mädchen wurde auf der Klassenfahrt geärgert, ich konnte das nicht aushalten und lief zur Lehrerin, nicht um zu petzen, sondern zu diskutieren, was man da machen könne.

Ein Mädchen hatte taubstumme Eltern, die immer zu zweit kamen und die keiner verstand, einmal sah ich sie stumm mit ihren Eltern ganz viel „sprechen“, ich fand das bewundernswürdig. Es war gemein, dass keiner mit ihr spielen wollte und sie immer die schlechtesten Noten bekam, als sei sie dumm, obwohl sie doch etwas konnte, was keiner von uns konnte.

In den “Verschickungsheimen” von der Krankenkasse, in die wir alljährlich verschickt wurden, waren die  Erzieherinnen so streng, dass wir nicht mal mehr an Zuhause denken konnten. W ir durften nachts und beim Mittagsschlaf nicht zur Toilette gehen und fragten uns, was mit denen passiere, die trotzdem aufs Klo mussten?

Wenn wir Nägel knabberten, wurden uns die Hände ans Bett gefesselt.

Wir wurden ausgelacht, wenn wir uns weh getan hatten, wir wurden bedroht, ohne das wir wussten für was.

Der Satz:  “Du bist wie eine  Dreijährige!”, obwohl wir schon viel älter waren, traf unseren Stolz.

Immer waren wir ihnen zu wild, zu laut, bewegten uns zu viel.  Leukoplaststreifen wurden uns über den Mund geklebt, wenn wir zuviel geschwatzt hatten, oder über die Augen, wenn wir sie nicht schließen mochten beim Mittagsschlaf.

Manche Kinder hatten beide Eltern zuhause. Bei meiner Freundin Susann und mir war es so, dass unsere Eltern nicht zusammenlebten und wir daher oft lange warten mussten, bis unsere Väter uns abholten. Mein Vater hatte Geld und gab immer ganz viel davon aus, für neue Autos, für teure Urlaube, für gute Jacketts, er prahlte damit vor mir und sagte: „Was willst du haben, ich kaufe es dir!“ Ich fand es gemein, dass er meiner Mutter nichts davon abgab. Es gab Eisbecher  und Kinobesuche, aber dass er immer neue Autos fuhr, war mir peinlich.

Meine Mutter sagte, sie verdiene nur 300 Mark im Monat, dafür müsse sie den ganzen Tag bis abends um sechs arbeiten, mein Vater sagte, für ein gutes Mittagessen müsse man mindestens 50 Mark hinlegen, sonst tauge es nichts und stand meist erst gegen Mittag auf.

Meine Mutter erzählte mir, dass mein Vater nur unregelmäßig 150 Mark im Monat für mich zahle, es oft „vergesse“. War ich ihm also nicht mal drei Mittagessen wert?

Die Amerikaner warfen mit Napalm auf Kinder. Was ist Napalm, fragte ich meine Mutter und sie erklärte, dass es ein Feuer sei, das auf der Haut nicht aufhöre zu brennen, auch wenn man es mit Wasser löschen würde. Was hatten denen, die die Bomben warfen, die Kinder getan?

Ich fragte meine Mutter, was denn Atom sei, meine Mutter wies auf ein Lexikon, in dem ich las, dass von einem brennenden Menschen nur ein dunkler Fleck auf dem Asphalt übrig geblieben war.

Oft sagten größere Jungen, Mädchen können das nicht, aber warum sollten wir etwas nicht ebenso gut können?

Frauen sind dümmer als Männer, sagte mein Kunstlehrer, als ich nach einer Steckdose fragte.

Neger sind dümmer als Weiße, sagte ein weißer zu einem schwarzen Mann in einem Buch von James Baldwin, und sie spuckten sein Mädchen an, und beschimpften sie als Hure, wenn sie mit ihm ginge.

Die Indianer bei Karl May wurden ermordet, nur weil sie so gutgläubig waren und der weiße Mann ihr Gold wollte.

Mit den Kindern in den Baracken, am Ende unseres Viertels, durften wir nicht spielen, da durften wir nicht einmal hingehen, es seien Zigeuner, hieß es, sie kamen nie in den Kindergarten oder in die Schule, wo blieben sie?

Die Begegnung

Ich begegnete Ulrike Meinhof als ich fünf Jahre alt war.  Mein Vater nahm mich eines Tages mit in eine Wohnung, die ich noch nicht kannte. Auf einem blauen Sofa saß da eine Frau. Wir  spielten lange schweigend  “Mensch-ärgere Dich nicht” und am Ende weinte ich, weil ich gegen meinen Vater und sie verloren hatte. Mein Vater lachte dazu. Da geschah etwas, was ich nie vorher erlebt hatte.  Die Frau stand auf und sagte mit einer klaren und ein wenig dunkel gefärbten Stimme, es sei unmöglich für ein Kind, gegen zwei Erwachsene zu gewinnen und ich hätte recht, dass ich weine, denn es sei ein ganz dummes Spiel.

Da ergriff mich das erste Mal dieses Erstaunen, das ich später immer wieder in ihrer Gegenwart fühlte.  Sie, eine erwachsene Frau, Freundin meines Vaters, war auf meiner Seite. Es war eine Art Aufwachen, und die Erkenntnis, dass es Erwachsene gab, die Kinder verstanden, sich in sie hinein versetzen konnten, sie in Schutz nahmen.

Später fuhr mich Ulrike Meinhof immer nach Hause.  wenn ich bei meinen Geschwistern gespielt und eingehütet hatte. Auf den langen Autofahrten erklärte sie mir, dass meine Mutter nicht böse sei, wie ich beklagte, sondern arm dran, da mein Vater zu wenig Geld für sie zahle und sie ruhig zum Gericht gehen solle, er hätte genug davon. Sie erklärte mir auch, dass Menschen oft nur unzufrieden seien, weil sie zu wenig bezahlt bekämen oder keine Anerkennung für die Schwere der Arbeit, die sie leisteten, aber jeder Mensch eben Anerkennung bräuchte, ein Recht darauf habe. Sie erklärte mir, dass Menschen, die hart zu ihren Kindern seien, oft selber traurig darüber sind, dass sie so hart seien, weil sie denken, das müssten sie so machen, so sei es richtig, weil es eben alle so machten, aber das sei in Wahrheit falsch, man solle immer alles so machen, wie man selbst es für richtig fände.

Als ich mit elf Jahren einmal Bauchweh hatte, bettete sie mich auf ihr Sofa und deckte mich mit ihrer weichen Decke zu und als mein Vater rein kam und mich auslachte, weil, wie er fand, ein deutsches Mädchen nicht weinen dürfe und Tageschmerzen keine Krankheit seien, fuhr sie ihn an und sagte, dass er das wohl kaum beurteilen könne und sich rausscheren solle.

Wenn die Kinder nach ihr riefen, weil sie noch nicht schlafen konnten und mein Vater meinte, sie verwöhne sie, wenn sie immer wieder zu ihnen ginge, sie sei zu weich, zu nachgiebig, dann sagte sie, dass Kinder ein Recht darauf hätten, dass die Eltern nach ihnen schauen, wenn sie Sorgen haben und sie dazu da sind,  zu trösten und Mut zuzusprechen.

Wenn sie mit meinem Vater Streit gehabt hatte, sagte sie zu mir, dass es wegen seiner Erziehung sei und er nichts dafür könne, da sein Vater ihn in seiner Kindheit schlecht behandelt hätte.

Wenn im Fernsehen Flugzeuge gezeigt wurden, die krachende Bomben abwarfen über Hütten, die in Flammen aufgingen und Kinder, die aus diesen Hütten liefen, weinten und schrieen, und brannten, dann saß Ulrike lange stumm da und sagte dann, man müsse verhindern, was da geschehe und dass noch zuwenig dagegen getan würde und es keinen Grund dafür gäbe, dass diese Kinder dort weniger wert seien als unsere Kinder hier und dass es die Gleichgültigkeit sei, die man bekämpfen müsse.

Ein anderes Mal sagte sie mir, dass Kinder, die in Heimen aufwachsen, weil es ihnen an Liebe und Anerkennung fehle, oft rauh wirkten, aber dahinter nur ein weicher Kern verborgen sei, den sie nicht mehr zeigen mögen, weil sie zu oft erlebt hätten, dass man ihnen nicht zuhöre.

Einmal erlebte ich bei einem Ausflug, dass sie weinte, da sie ein Schaf versehentlich mit einer Schere ein wenig verletzt hatte, so dass es blutete. Da lachten die anderen sie aus, wie sie nur so empfindlich sein könne.

Sie mochte kein Gewehr im Zimmer stehen sehen, weil sie es an Krieg erinnerte, wie sie sagte, so dass mein Vater sein Kleinkalibergewehr, auf dass er sehr stolz war, in den Keller tragen musste.

Als sie einmal im Fernsehen auftrat und die anderen ihre Worte umdrehen wollten, blieb sie ruhig und überzeugte allein durch Vernunft und Argumente.

Als ich verzweifelt war und allein, in Schule und Internat von Unrecht umgeben, schrieb sie mir tröstende Worte und sagte, dass ich mir Freunde suchen müsse und es nur so ginge, sich zu wehren und ich jederzeit zu ihr kommen könne und dort wohnen und sie vielleicht dort eine Schule für mich suchen könne, die Kinder sich jedenfalls sehr über mich freuen würden.

Dann kam Josi, mit der zusammen ich immer ihre Briefe gelesen hatte und fragte, ob ich es noch nicht wisse, Ulrike werde wegen Mord gesucht und ich schrie und dachte, sie habe meinen Vater umgebracht und was dann wohl meine Geschwister machen würden, ich also sofort zu ihnen müsse. Aber dann erklärte sie es mir genauer, dass es etwas Politisches sei und es nur ein Plakat gäbe und keinen Beweis und dass es eine Gruppe gewesen und sie nur mit aus dem Fenster gesprungen sei. Und dass es ungerecht sei, dass es nur über sie ein “Wegen Mord gesucht” – Plakat in allen Fernsehsendern gegeben habe, obgleich es gar keinen Mord gab und ganz andere Leute geschossen hatten, das fanden wir beide, und dann beruhigte ich mich wieder, denn nun glaubte ich gar nichts mehr.

Wer weiß, dachte ich, wie sie alle wieder lügen würden, wie sie schon immer gelogen hatten, erstmal abwarten, da will ich mir eine eigene Meinung bilden.

Und als dann die Erzieherin mit der Heimleiterin zusammen  mich zu sich riefen und fragten, was denn sei, warum ich so weine und als ich antwortete, dass sie die Mutter meiner Geschwister sei, und als sie dann darauf beharrten, um so einen Menschen lohne es nicht zu weinen, da schwieg ich eisern, sah aus dem Fenster, wo die Bäume sich im Wind bogen und dachte bei mir: Die wissen nicht, was ich weiß, mir kann keiner was über Ulrike erzählen, ich habe meine eigene Meinung.

www.anjaroehl.de

 


VON: ANJA RÖHL


Replik von Peter Alexa zum Beitrag von Dirk Weber (Ursprungsbeitrag: "Ich schwimme gegen den Strom") - 04-04-10 14:56
Replik von Dirk Weber zum Beitrag von Peter Alexa (Ursprungsbeitrag: "Ich schwimme gegen den Strom") - 03-04-10 14:37
Beitrag von Peter Alexa zu Dirk Webers Leserbrief
zum Artikel "Ich schwimme gegen den Strom"
 - 01-04-10 14:41
Leserbrief von Dirk Weber zum Artikel "Ich schwimme gegen den Strom" - 31-03-10 14:19




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