Neuerscheinungen Lebensfragen

03.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Steven Taylor: Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-3035-1, 19,90 EURO (D)

Um die psychosoziale Dimension von Epidemien und Pandemien stärker zu beleuchten, erschien im Herbst 2019 die englischsprachige Originalausgabe dieses Buches des Psychologen Steven Taylor nur wenige Wochen vor dem Ausbruch von COVID-19 im chinesischen Wuhan. Dies ist die deutsche Übersetzung.

Auf der Grundlage der wissenschaftlichen Literatur zu früheren Pandemien untersucht Steven Taylor die psychologischen Folgen von Pandemien und ihrer Bekämpfung. Er verdeutlicht, dass die Psychologie bei der (Nicht-)Einhaltung von Abstandsregelungen und Hygieneempfehlungen sowie beim Umgang mit der pandemischen Bedrohung und den damit verbundenen Einschränkungen eine wichtige Rolle spielt. Anhand zahlreicher Fallberichte erörtert er die vielfältigen Reaktionen. Abschließend skizziert Taylor Konsequenzen für die Planungen des öffentlichen Gesundheitswesens und entwirft Möglichkeiten eines gesamtgesellschaftlichen Umgangs mit einer solchen Krisensituation.

Zu Beginn stellt Taylor historische Daten und Zeugnisse dar, beginnend mit der Beulenpest im Mittelalter quer durch die Jahrhunderte. Dabei stellt er heraus, dass es in der Vergangenheit viel mehr Pandemien gab als Ende des 20. Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert.

Als Ursache für die Verbreitung von Pandemien erörtert er die Bedeutung von Superspreadern, die überproportional zur Ausbreitung von Infektionen beitragen, weil sie häufig anfälliger für Infektionen sind, eine schlechte Grundhygiene haben und mit vielen Menschen in Kontakt kommen (aufgrund ihres Berufs oder ihres sozialen Verhaltens). Superspreader sind besonders wichtig, wenn die Infektion eine lange Inkubationszeit hat, in der keine Symptome auftreten.

Er weist darauf hin, dass die wichtigsten Methoden zur Bewältigung von Pandemien auf Bildung und Verhaltensänderungen beruhen, bei denen die Psychologie eine große Rolle spielt. Er beschreibt vier Hauptmethoden zur Bekämpfung der Ausbreitung von Infektionen: Risikokommunikation durch öffentliche Bildung, Impfstoffe und antivirale Therapien, Hygienepraktiken und soziale Distanzierung.

Regierungen und Gesundheitsbehörden müssten eine klare Kommunikation für Vertrauensbildung in der Öffentlichkeit praktizieren, um die beschriebenen Methoden umzusetzen.

Taylor weist außerdem darauf hin, dass die psychologischen Auswirkungen von Covid-19 größer sein werden als die medizinischen Auswirkungen. Diese damit verbundene Angst hätte sich bei der Ebola-Epidemie und dem SARS-Ausbruch gezeigt.

Es gebe aber verschiedene Reaktionen auf Pandemien, die von Angst über Gleichgültigkeit bis hin zu Fatalismus reichen würden. Während viele Menschen die Risiken ignorieren oder ablehnen, reagieren andere mit Angst oder Furcht. Wenn Angst oder Furcht mäßig sind, hilft es im Umgang, aber wenn es schwerwiegend wird, sei es schwächend.

Pandemien lösen oft auch Stimmungs- und Angststörungen sowie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) aus. Einige Menschen, die ihre Angehörigen verlieren, leiden möglicherweise auch an Depressionen oder schwerem Kummer. In verschiedenen Studien fand man zum Beispiel heraus, dass 44% der Patienten und 10% der Krankenhausangestellten während der SARS später eine PTBS entwickelten.

Die Wahrnehmung von Gefahr und die Suche nach Schutz kann Menschen auch sehr irrational machen, die Chance für Betrüger und zweifelhafte Heilmitteln zuwenden. In der Vergangenheit waren Knoblauchketten, der Verzehr von Kiefernteer und das Essen von Rüben, Essig und Kimchee weit verbreitet. Das Indizieren von Desinfektionsmitteln in den USA ist die heutige Form davon.

Es gibt im Allgemeinen zwei Arten von Menschen, die Informationen über potenzielle Gesundheitsbedrohungen suchen und verarbeiten. Einige Menschen suchen nach Informationen („Überwachung“) und andere vermeiden Informationen („Abstumpfen“). Wenn Menschen von Krankheiten bedroht sind, setzt das Verhaltensimmunsystem (BIS) ein und emotionale Motivatoren wie Angst werden ausgeprägter. Bakterien und Viren sind zu klein, als dass wir sie sehen könnten. Daher konzentrieren wir uns auf die Hinweise, die wir spüren können, einschließlich schädlicher Gerüche und visueller Hinweise wie Menschen, die husten oder niesen.

Anschließend geht Taylor auf die Frage ein, wie Risiken am besten kommuniziert werden können. Während Fakten und Statistiken wichtig seien, seien emotionale Appelle und einzelne Geschichten oft lebendiger, konkreter und anregender. Die Aufklärung der Menschen darüber, wie sie sich besser schützen können, kann auch ein besseres Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben geben. Insgesamt gesehen plädiert er aber für eine Kombination von emotionalen und faktenbasierten Nachrichten.

Die Risikowahrnehmung der Menschen hänge entscheidend von unserer Wahrnehmung der psychologischen Distanz ab. Erstens von der räumlichen Entfernung der Krankheit, zweitens von der zeitlichen Distanz (gab es die Bedrohung schon oder ist sie neu?), drittens die soziale Distanz  (sind unmittelbare Familie und Freunde gefährdet?) und viertens die die Wahrscheinlichkeit, selbst krank zu werden (Risikogruppe).

Als Risikomanagement hebt er neben der Bedeutung von Impfungen hebt zwei spezifische Bereiche hervor, in denen Regierung und Gesundheitsorganisationen besser vorbereitet werden müssen: verbesserte Risikokommunikation und Behandlung psychischer Gesundheitsprobleme.

Dies ist eine prägnante Zusammenfassung der psychologischen Auswirkungen von Pandemien des augenblicklichen Wissensstandes auf Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen. Es beschreibt in einer vernünftige Art des mentalen Umgangs mit Pandemien und ist vorausschauend in Bezug auf die Art und Weise, wie sich die Reaktionen auf COVID-19 zu entwickeln scheinen. Für Vertreter von Behörden, Politik und Psychologie sowie die interessierte Öffentlichkeit ein Wissensgewinn.

 

Buch 2

Sonja Edenharder/Kristina Marita Rumpel: Das Glück ist auf dem Weg. Kartenset für Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, Mankau Verlag, Murnau 2020, ISBN: 978-3-86374-534-9, 24,95 EURO (D)

Dieses Kartenset will durch Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit durch positive Affirmationen nach dem Konzept des FlowBirthing begleiten. FlowBirthing möchte ein Bewusstsein schaffen, das Weiblichkeit und die Fähigkeit zu gebären wieder als Geschenk begreift, denn im Einklang mit sich selbst erleben Frauen den Geburtsprozess als Quelle ungeahnter innerer Kraft und Inspiration. Affirmationen sind positive Bestätigungen und Grundlage eines gezielten Mentaltrainings für die Geburtsvorbereitung, Geburt und die Zeit danach. Wenn sich Gedanken und auch Glaubenssätze durch die regelmäßige Anwendung von Affirmation dauerhaft verändern, dann ändern sich auch nach einiger Zeit das Verhalten und Gefühle. Es setzt auf eine selbstbestimmte Schwangerschaft und ein positives Geburtserlebnis ohne Ängste oder bangen Fragen.

Das Set besteht aus 80 Affirmationskarten für Schwangerschaft und Geburt, 20 Partner-Affirmationskarten, 20 Affirmationskarten für Wochenbett und Stillzeit sowie einem Booklet mit 16 Seiten.

Im Booklet werden Sinn und Wirkung von Affirmationen gezeigt und die Arbeit mit den Affirmationskarten und die verschiedenen Möglichkeiten des Einsatzes ausführlich erklärt. Neben diesen können die Karten natürlich auch individuell eingesetzt werden.

Das Kartenset richtet sich an schwangere Frauen und deren Partner oder Partnerinnen. Außerdem sind sie für die Arbeit mit werdenden Müttern oder Familien konzipiert und zur Hilfe von Fachkräften wie Hebammen, Gynäkologen, Doulas und Pflegepersonal geeignet. Sie können durchaus ein positives Geburtserlebnis fördern, frühere schlechte Erfahrungen (traumatische Geburtserfahrungen usw.) entgegenwirken und für eine Stärkung der eigenen Persönlichkeit während der Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit sorgen. Wichtig ist aber die regelmäßige Anwendung der Affirmationen, da sonst keine dauerhafte Veränderung negativer Gedanken oder die Vorstellung schlimmer Szenarien erzielt werden kann.

 

Buch 3

Annette Heizmann: Der Hildegard Code. Neun heilsame Wege, Patmos, Ostfildern 2020, ISBN: 978-3-8436-1209-8, 24 EURO (D)

Hildegard von Bingen gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich unter anderem mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der auch deutliche Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen enthält, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit.

Die Religionspädagogin und Theologin Annette Heizmann erschließt die althergebrachten Lebensweisheiten der Mystikerin Hildegard von Bingen für eine ganzheitliche Lebensweise in der Gegenwart. Sie zeigt dabei neun Wege auf, die Körper, Geist und Seele stärken. Dabei geht es um „unsere Beziehung zu uns selbst, zu den Menschen, die wir lieben, und zu Gott.“ (S. 11) Als visuelle Orientierungspunkte kann man das Buch auch durch Bilder oder Symbole nutzen.

Nach einer Einleitung werden die neun Wege in einzelnen Kapiteln beschrieben. Dies sind im Einzelnen Liebe, Lebensmittel als Heilmittel, Lebensrhythmus, Geist der Freude, Fasten und Reinigung, Kraftorte, Grünkraft, Licht und Seelenkräfte, Wege zu Gott und der eigene Weg. Anschließend folgt ein Kapitel, wo man in Form von eigenen Notizen den eigenen Lebensweg neu aufschreiben kann, der mit Fragen eingeleitet wird. Eine Biografie Hildegard von Bingens wird dann präsentiert. Danach geht es um die Frage, ob Hildegard von Bingen die Erfinderin der ältesten Geheimsprache (Lingua ignota) ist und den Sinn dieser Sprache und dieser Schrift zu ihrer Zeit. Nach einem kurzen Nachwort findet man noch ein Verzeichnis der Schriften von Hildegard von Bingen, ein Verzeichnis der Schriften über sie und ein Verzeichnis der Schriften zur Lingua ignota und den Litterae ignota. Außerdem gibt es die Abbildungsnachweise, Anmerkungen und Informationen über die Autorin.

Das Buch ist also keine Biografie über Hildegard von Bingen, sondern spiritueller Natur. Der damit verbundene Sprachstil ist zuweilen zu abgehoben und religiös-überbordet. Wenn man sich davon nicht abschrecken lässt, kann man für sich selbst aus den althergebrachten Weisheiten Hildegard von Bingens einiges mitnehmen.

 

Buch 4

Mechthild Schroeter-Rupierer: Für immer anders. Das Hausbuch für Familien in Zeiten der Trauer und des Abschieds. Vollständig überarbeitete & neugestaltete Ausgabe, Patmos Verlag, Ostfildern 2020, ISBN: 978-3-8436-1267-8, 25 EURO (D)

Familien tun sich oft schwer, mit Verlust, Abschied und Tod umzugehen und gemeinsam einen Ausdruck dafür zu finden. Die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupierer vermittelt in diesem Buch für Familien aus ihren eigenen Erfahrungen hilfreiches Wissen darüber, wie man damit präventiv, im Ernstfall und über den Verlust hinaus diese Krise bewältigen kann. In dieser zweiten Auflage sind ergänzende Erfahrungen der Autorin eingeflossen.

Im ersten Abschnitt geht es darum, wie man dem Tod begegnet. Dazu wird geschildert, wie man mit Kindern über Abschied, Tod und Vergänglichkeit ins Gespräch kommen, ihnen mit Hoffnungsbildern helfen kann. Passend für jede Altersstufe von unter vier Jahren bis zum Jugendlichen wird danach an vielen Beispielen, wie man Tod erklärt oder einen bevorstehenden Tod mitteilt. Verschiedene Trauerreaktionen von Kindern werden auch durchgegangen. Danach werden die notwendigen Schritte nach einem Todesfall von der Beantragung des Totenscheins bis zum Testament aufgelistet, es gibt Links zu möglichen Kosten und anderen Fragen. Verschiedene Rituale des Trauerns kommen dann zur Sprache und die Möglichkeiten, wenn ein persönlicher Abschied nicht funktioniert. Anschließend werden noch häufig auftretende Fragen rund um den Tod beantwortet.

Wann und wie spreche ich mit meinem Kind über einen bevorstehenden Tod?

Ab welchem Alter kann ich ein Kind mit zur Beerdigung nehmen?

Darf man selbst einen Sarg bemalen?

Wie können wir als Familie die Beerdigung mitgestalten?

Kann ich meinen Kindern zumuten, den Verstorbenen nochmal zu sehen?

Wie können Eltern ihren Kindern mitteilen, dass sie gemeinsam mit ihnen zur Aufbahrung gehen möchten?

Wie kann ich meinem Kind bei Glaubensfragen in der Trauer eine Hilfe sein?

Danach werden verschiedene Traueranlässe angesprochen und Tipps zur Bewältigung gegeben. Dies sind im Einzelnen Tod der Großeltern, Tod eines Geschwisterkindes, Tod eines Elternteils, Totgeburt eines Kindes, Tod durch Suizid, Tod eines Haustieres, Abschied bei einer Scheidung. Anschließend geht es um häufige Trauerreaktionen (Gedanken, Gefühle, Handlungen) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und wichtige Aspekte, die die Trauerzeit positiv beeinflussen können. Es werden weiterhin für verschiedene Altersstufen gezeigt, wie Kinder ihre Trauer zeigen und Hinweise zur Trauerbegleitung gegeben. Auch der Austausch in Kinder- und Jugendtrauergruppen wird angesprochen. Danach wird aufgezeigt, wie man die eigene Widerstandsfähigkeit, Lebenskrisen wie Tod, Trennung und Trauer stärken kann. Aspekte der geschlechtsspezifischen Trauer und verschiedene Trauertypen runden diesen Abschnitt ab.

Danach gibt es Ideen und Anregungen, wie man lernt, mit der Trauer zu leben. Dies sind die Sammlung von Erinnerungen, Möglichkeiten, Feste im Jahreskreis, kirchliche und weltliche Feiertage in die Trauerzeit, miteinfließen zu lassen oder die Gestaltung von Gedenktagen. Worauf man bei einer neuen Partnerschaft achten sollte und wie Kinder darauf reagieren können, wird dann noch kurz angesprochen.

Im Anhang gibt es eine ausführliche Liste von Literaturhinweisen: Bilderbücher zum Thema Trauer und Abschied, Kindersachbücher zum Thema Trauer, zu den Themen Suizid und Scheidung für Kinder und Erwachsene, Bücher für trauernde Jugendliche, für Eltern und Filme.

Abgesehen vom zu kurzen Abschnitt über neue Partnerschaften bietet das Buch sehr gute Anregungen und Tipps vor allem für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Es ist weitgehend aus weltlicher Sicht und weniger aus religionsspezifischer Sicht geschrieben und schildert viele Beispielsfälle. Ärgerlich sind allein die durcheinandergewürfelten Seitenzahlen. Gut ist: Es besteht die Möglichkeit, via Facebook oder Mail die Autorin, bei Fragen oder Anregungen zu kontaktieren. Die Adressen findet man auf der letzten Seite des Nachwortes.

 

Buch 5

André Vauchez: Geschichte und Erinnerung, Aschendorff Verlag, Münster 2019, ISBN: 978-3-402-13244-9, 24,90 EURO (D)

André Vauchez, französischer Mittelalter- und Kirchenhistoriker mit dem Schwerpunkt der  Geschichte christlicher Spiritualität im Mittelalter, stellt in diesem vielfach ausgezeichneten Buch eine Biografie von Franz von Assisi und seiner Zeit vor. Dieses Buch erscheint erstmals in deutscher Sprache.

Franz‘ Lebensthema war die bedingungslose Nachfolge Christi. Arm wollte er es dem armen Christus gleichtun. Nicht nur den Menschen, sondern auch Tieren, Pflanzen und der gesamten Natur wollte er das Evangelium von der Liebe Christi verkündigen. Und mit dieser Botschaft gewann er schon zu Lebzeiten keineswegs nur Freunde.

Der eigene Vater verstieß ihn. 1206 enterbte Pietro Bernardone seinen Sohn vor den Augen des Bischofs von Assisi. Der wohlhabende Kaufmann hatte sich das Leben seines Sohnes Giovanni Battista Bernardone anders vorgestellt. Er wollte ihn zum Kaufmann machen und ließ ihm eine gute Ausbildung zuteilwerden. Der Sohn lernte Lesen, Schreiben, Rechnen, Latein und Französisch.

Nach einer unbekümmerten Jugend und ehrgeizigen Träumen von hohen Ritterwürden wurde Franz von Assisi 1205 durch das Miterleben eines Kriegszuges in Apulien krank und innerlich umgewandelt. Bei einem Gebet in San Damiano fühlte er sich von der dortigen Kreuzikone persönlich angesprochen. Die Legende berichtet, Christi Stimme habe zu ihm gesprochen: "Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät." Sodann führte Franz von Assisi ein mönchisches Büßerleben in Gebet und strengem Verzicht und stellte zerfallene Kapellen in seiner alten Heimat wieder her.

Fortan zog er als Wanderprediger durch das Land, wie einst Jesus in Armut und Demut. Bei den einen, insbesondere auch dem hohen Klerus, erntete er dafür nur Hohn und Spott, andere schlossen sich ihm an: Sie trugen das Gewand der armen Leute - eine grobe Tunika mit Kapuze und einen Strick als Gürtel.

Der Nährboden für die armen Brüder wie Franziskus sie selbst nannte, war im 13. Jahrhundert bereitet. Die Gesellschaft befand sich im Umbruch. Die Städte blühten auf, die Menschen zog es weg von den bäuerlich dominierten Strukturen, hin zu städtischen Lebensformen. Das zeitigte dramatische Veränderungen in allen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich wuchs, Autoritäten wurden hinterfragt und die Kritik an der unfrommen und ausschweifenden Lebensweise auch hoher kirchlicher Würdenträger nahm zu.

Die neue Saat der Bettelorden ging auf. Doch damit standen Franziskus und seine Gefährten dem Glanz und der Glorie von Papsttum und höfischem Zeremoniell entgegen. Aber was keiner für möglich hielt, geschah: Papst Innozenz III. gewährte Franziskus 1209 eine Audienz. Und das Kirchenoberhaupt erkannte die Regel der armen "Franziskaner" an. Ein Traum soll dafür den Ausschlag gegeben haben: Innozenz habe gesehen, wie der arme Franz von Assisi die reiche, aber kippende Kirche stützte. Damit gewann die arme Bewegung selbst an Macht, bald schlossen sich ihr auch Frauen an.

1219 reiste Franz als Missionar nach Palästina und schloss sich dem Kreuzfahrerheer an, das auf dem Weg nach Ägypten war. Er versuchte mit dem Sultan während des fünften Kreuzzugs in Gesprächen Frieden zu schaffen. Erfolg hatte er zwar nicht damit, aber seine Mission wurde legendär. Nach seiner Rückkehr stellten sich neben gesundheitlichen Problemen jedoch auch Schwierigkeiten mit seinem Orden ein. Er fand die Ordensbrüder in Uneinigkeit vor und trat daraufhin von der Leitung der Gemeinschaft zurück.

Zwei Ereignisse vor seinem Lebensende halten sein Andenken bis heute jedoch überaus lebendig. 1224 empfing er auf dem Berg La Verna die Wundmale Christi. Und ein Jahr zuvor erfand Franziskus das Weihnachtskrippenspiel - mit lebenden Figuren. In einer Felsnische bei Greccio standen zwei Tiere: ein Ochse und ein Esel. Mit ihnen und seinen Brüdern stellte Franz das Weihnachtsgeschehen nach. Als Franziskus am Abend des 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle starb, war es für ihn wie ein Triumphzug. Nach seinem Tode besaß der Orden der Franziskaner mehrere zehntausend Mitglieder.

Die Stärke von André Vauchez 'Buch liegt im Bestreben, den Geist des Engagements Franz‘ für eine neue Form der Auslegung des Glaubens herauszuarbeiten. Er bricht somit mit dem traditionellen Mönchtum, indem er in die Welt hinausgeht und Obdachlosigkeit und Sprache zu Hauptaktionen der Seelsorge macht. Die Erhöhung der Armut kann nicht zu Entbehrungen führen, da sie spirituelle Werte und soziale Innovationen mit sich bringt. Es bezieht sich aber auch auf viele frühere religiöse Erfahrungen. Die erfolgreiche Einmischung von Franz und seinen Anhängern in die spirituellen Bestrebungen einer Epoche, insbesondere in städtischen Gebieten, dient in hohem Maße den Interessen einer außer Kontrolle geratenen und protestierenden kirchlichen Institution, die dringend der Erneuerung von Bewegungen bedarf, ohne es zu stürzen. Die historische Einordnung von Franz von Assisi und seiner Leistungen in die Kirchengeschichte macht das Buch zu einer spannenden Spurensuche.







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