Das Wagenbach-Lesebändchen für die Krise: Geschichte der Spanischen Grippe

07.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Rezension von Hannes Sies

Mit einer Schweinegrippe-Episode beginnt das kleine Lesebändchen, ein neues Vorwort zur Corona-Lage hat man sich gespart. Dann geht es fulminant weiter mit der Spanischen Grippe von 1918/19, süffig im Readers Digest-Stil geschrieben, viele reißerische Pressezitate mit Fokus auf Skandale, eingeschoben anrührende Prominenten-Biographien (Kafka, Max Weber, etliche Virologen natürlich), historische Pikanterien Marke „Hätten Sie's gewusst?“ Etwa diese: Die Spanische Grippe erhielt ihren Namen am 27.Mai, als die Agentur Reuters meldete, dass auch der spanische König an der neuen Seuche erkrankt sei.

Der gediegene Wagenbach-Verlag präsentiert uns ein Buch der Kategorie „Corona-Zweitauflage“, dem zu wünschen ist, das es sich jetzt in Quarantäne-Zeiten besser verkauft als bei der Erstauflage 2009 zur Schweinegrippe. Die fiel wider Erwarten glimpflicher aus als die WHO und andere Experten erwartet hatten. Glück gehabt, denn die Impfkampagne dagegen war damals ein Debakel: Der Impfstoff Pandremix kam in Verruf, weil man am Antigen gespart und stattdessen ein Adjuvans, einen Verstärker, beigefügt hatte. Der machte Nebenwirkungen. Zum Skandal wurde es in Deutschland, als herauskam, dass Bundeswehr und Bundesregierung für ihre eigenen Mitglieder einen Adjuvans-freien Impfstoff bestellt hatten -nachdem sie Pandremix für die breite Bevölkerung freigegeben hatten. Einige unterstellten ferner der WHO, die Grippe-Alarm geschlagen hatte, korruptive Nähe zur Pharmabranche. Fazit: Deutsche Behörden blieben auf Pandremix sitzen, eine Pandemie blieb trotzdem aus.

Baldrian für die Hypochonderseele

Genug der Pandemie-Panik: Hier kommt das richtige Buch für jene, die sich auch in Coronazeiten gern damit beruhigen lassen, es sei ja alles schon mal da gewesen (und wir haben's doch überlebt). Die können vergnüglich unterhaltsam diese kleine Historie der Pandemien an einem ruhigen Nachmittag genießen. Kluge Leser können dagegen aufmerksam nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zur aktuellen Situation suchen und werden lehrreiche Details erfahren. Wilfried Witte, Historiker und Arzt, braucht immerhin neun Seiten, bis er erstmals das Wort „Verschwörungstheorie“ in den Mund nimmt -sehr viele Texte, die aktuell zu Corona verfasst werden, brauchen nicht so lange. Witte erzählt uns, dass auch damals, im Ersten Weltkrieg, gemutmaßt wurde, die neue Seuche sei eine Biowaffe. Nicht die USA oder China standen jedoch im Verdacht, diese entwickelt zu haben -sondern das wilhelminische Deutschland. Kein Wunder, nach den zweifelhaften Ruhmestaten der deutschen Chemikerzunft in Sachen Giftgaswaffen. Der Band bemüht sich aber auch um humoristische Einlagen, wie dieses Spottgedicht auf Panikmache.

Die Modekrankheit

In Berlin, der Residenza,

Auch in Wien und in Florenza,...

Überall herrscht Influenza.

Der Buchautor kommentiert: „ Die Verniedlichung der Influenza überdauerte die Zeiten eher als die Furcht vor einem Wiederauftreten der Seuche als verheerende Pandämie.“ Eine eingeflochtene und über acht Seiten ausgebreitete Kafka-Biographie besticht vor allem den Hypochonder durch Einzelheiten aus dem Leben eines tuberkulösen Genius, der die Literaturgeschichte bereicherte, auch dank seiner Gebrechen. Seine Freundin Milena Jesenska über die Schwindsucht in ihrem Kafka-Nachruf von 1924: „Sie verlieh ihm eine Feinsinnigkeit, eine mehr als rätselhafte, intellektuelle und schauderhaft kompromisslose Ästhetik; seine ganze intellektuelle Lebensangst bürdete er noch seiner Krankheit auf.“ Manch eingebildeter Corona-Kranker unserer Tage kann dies sicher nachempfinden. Ob Kafkas schwächliche Konstitution, er wog bei 1,80 Meter Größe nur 60 kg, oder seine ungesunde Umgebung schuld war? Seine Familie besaß eine Asbest-Fabrik in Prag, wo das heute wegen Lungenkrebs-Gefahr verbotene Eternit hergestellt wurde, und drängte den sensiblen Dichter, dort in seiner Eigenschaft als Jurist zu arbeiten -neben seiner verhassten Büro-Tätigkeit für die Arbeiter-Unfallversicherung. Er weigerte sich so gut er konnte, und litt an TBC: „Jedem Kranken sein Hausgott, dem Lungenkranken der Gott des Erstickens.“ (Kafka)

Tollkirschen aus Bulgarien

Die titelgebenden Tollkirschen pflückte der Autor in Bulgarien. Dort in den Karpaten lag das „Mekka der Therapie der Gehirnentzündung“, der Encephalitis lethargica. „Was hat sie mit der Spanischen Grippe zu tun?“, fragt der Autor und erläutert dies ausführlich: Sie trat im Gefolge der Influenza-Pandemie in den Jahren seit 1919/20 auf und ließ eine nicht geringe Zahl der scheinbar Genesenen vegetierend in Psychiatrien zurück. Eine Behandlung fand die Schulmedizin nicht, dafür aber ein Wunderheiler in Bulgarien. Aus Tollkirschen und anderen Zutaten, wie Tierkohle, Muskatnuss und Holzspänen, braute er einen Sud, der offenbar Wirksamkeit bewies. Was ihm Einladungen zu aristokratischen Leidenden einbrachte, nebst einem ihm ehrenhalber von diesen gekrönten Häuptern verliehenen medizinischen Doktorgrad.

So erfährt man allerhand rund um Grippe, Pandemien und Ärzte, auch weniger absonderlich Klingendes: Dass die Medizin erst in den 1930ern lernte, zwischen Bakterien und Viren zu unterscheiden. Wie der Völkerbund schon 1920 einen WHO-Vorläufer gründete, der schon von der Rockefeller Foundation finanziert wurde -zu einem Drittel (Bill Gates zum Vorbild?). Wie die UNO 1948 mit der WHO nachzog und diese ab 1952 ein Influenza-Kommitee installierte; wie sie heute Grippe als ein Hauptarbeitsgebiet betreibt und einen der Virologen mit der Organisation beauftragte, der 1933 das Influenzavirus entdeckt hatte. Wie die Schweinegrippe zu ihrem Namen kam, obgleich sie wohl von Vögeln zu uns (und von uns zum Schwein) sprang. Kurzum: Durchaus die richtige Lektüre für unsere Corona-Zeiten. (Rezension von Hannes Sies)

Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne: Die Geschichte der Spanischen Grippe. Wagenbach Verlag, Berlin 2020, 2.Aufl., 122 Seiten. Mit Abbildungen

Buch 12,– € / E-Book 7,99 €

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/754-tollkirschen-und-quarantaene.html







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