Neuerscheinungen im transcript Verlag

08.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Najine Ameli: Die neue Share Economy: Bibliotheken der Dinge. Gemeinschaftliche Nutzungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5221-5, 35 EURO (D)

Mit der Massenproduktion von Waren und Alltagsgütern seit der Industrialisierung haben ökologische Probleme zugenommen. Die Sharing Economy im heutigen Sinne erfährt seit ihrem Aufkommen eine stetig wachsende wirtschaftliche Bedeutung, wobei sich das Ressourcennutzungsverhalten in der Gemeinschaft das Konsumentenverhalten weg von traditionellen Besitzmodellen verändert. Trotzdem gibt es noch immer eine Kluft zwischen der Bereitschaft und tatsächlichen Umsetzung in der Praxis. Najine Ameli zeigt in diesem Buch auf, wie sich Bibliotheken der Dinge seit einigen Jahren in Nordamerika und Europa verbreiten und als Leihstationen für eine breite Palette von Gebrauchsgegenständen einen Weg zur Überwindung dieser Kluft aufzeigen können. Dies ist eine erfolgreich abgelegte Dissertation an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

Die Kluft zwischen der Bereitschaft zur Nutzung der Bibliothek der Dinge und tatsächlichen Umsetzung in der Praxis erklärt Ameli damit, dass sich solche Einrichtungen erst seit 2010 vermehrt gründen und ein solcher Prozess Zeit brauche, um sich zu entfalten. Bibliotheken der Dinge würden sich mehr verbreiten, wenn ihre Defizite bei der Nutzerfreundlichkeit (alltagsfreundlicher Liefer- und Rücknahmeservice) behoben werden. Dazu werden in durch verschiedene Design-Tools Verbesserungsvorschläge in den Bereichen Produkt, Service und System gemacht. Eine möglichst breite Palette verspricht dabei mehr Aussicht auf Erfolg: „Gelingt es, sie so nutzerfreundlich zu gestalten, dass sie ungefähr 25 Prozent der Einwohner ihres Quartiers erreichen und dies in mehreren Quartieren und Städten, dann ist ein kritischer Schwellenwert erreicht, der die bisherige auf dem Nutzen-durch-Besitz-Prinzip basierende Konsumweise umkippen lassen sollte.“ (S. 240)

Das Konzept der Bibliothek der Dinge ist leicht in urbane Leitbilder einer Sustainable City, Sharing City oder Smart City integrieren. Sie ermöglichen einen intelligenten Umgang mit Ressourcen und grauer Energie und verbessen die Lebensqualität der Einwohner damit. Graue Energie ist diejenige Energie, die bei der Herstellung von Produkten anfallen, die sinken würde, wenn weniger Dinge produziert werden müssten.

Die Autorin weist eindrücklich nach, dass eine Bibliothek der Dinge bestehende Barrieren für gemeinschaftlichen Konsum überwinden und so zu ressourcensparenden und energieeffizienteren Lebensstilen und Quartieren in Städten führen kann. Die Methodik ist durchdacht und die Arbeit lösungsorientiert. Sie gibt Handlungsempfehlungen für zivilgesellschaftliche Initiativen und kommunalpolitische Entscheidungsträger an die Hand, das sie für eine nachhaltige Quartiersentwicklung nutzen können. 

 

Michael Bachmann/Asta Vonderau (Hrsg.): Europa. Spiel ohne Grenzen. Zur künstlerischen und kulturellen Praxis eines politischen Projekts, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-2737-4, EURO (D)

In die Diskussion um die Grenzen Europas führt der Band einen multiperspektivischen Spielbegriff ein. Dieser fragt „nach der kulturellen und künstlerischen Konstitution politischer Europa-Projekte ebenso wie nach jeden anderen, gelebten Europas, die in mehr offiziell-institutionellen Zuschreibungen nicht aufgehen; und spezifisch nach den Praktiken ihrer Konstitution – auf der Ebene von Ausstellungen oder Kunstprojekten; und auf der Ebene alltäglichen Handels, etwa durch Migrationswege und individuelle Lebensentwürfe.“ (S. 10) Die Beiträge des Sammelbandes untersuchen die Spiel- und Freiräume, die sich in der Inszenierung und performativen Konstruktion verschiedener Europas ergeben, aber auch die normativen Dimensionen und Ausgrenzungen.

Den Anfang macht Regina Römhild, die sich mit den kulturellen Praktiken beschäftigt, die sowohl die historischen Erfahrungen als auch die auf mögliche Zukunftsszenarien gerichtete Visionen „Anderer Europas“ als kosmopolitische Interventionen ins Spiel bringen. Es wird herausgearbeitet, welche Alternativen zu einem aus der jeweilige Perspektive hegemonialen Europa implizit oder explizit entworfen oder praktiziert werden und wie diese Praxis im Sinne einer mit den anderen geteilten, sozialen Imagination produktiv gemacht wird.

Danach stellt den NSK-Staat, den das Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst 1992 gründete. Dieser Staat verfügt über keine Territorien, sondern manifestiert sich überall da, wo seine Bürger kreativ tätig werden, und trägt einen performativen und paneuropäischen Charakter. Dieses Kunstprojekt trägt und vernetzt sich selbst und generiert sich performativ immer neu. Anschließend stellt Annika Wehrle die Rimini Protokoll-Produktion „Cargo Sofia“. Dies ist ein Transit-Theater, wo die Zuschauer auf der Ladefläche eines LKW Platz nehmen. Die Thematisierung von Grenzen und das Spiel mit Grenzverläufen innerhalb der Inszenierung wird dargestellt und die Frage gestellt, inwieweit mittels ästhetischer Strategien stereotypisierende Europabilder ausgerufen und zur Disposition gestellt werden.

Kornelia Ehrlich skizziert dann die Europäisierung von unten in der slowenischen Hauptstadt Ljubljanas durch lokale Kreativakteure, die sich damit implizit zur städtischen Formierung der Stadt zu einer „creative city“, die Kultur vor allem aus einer verwertungslogischen Perspektive konzipiert. Anhand dreier Beispiele wird aufgezeigt, wie sich die Akteure mit ihren Praktiken in ein Verhältnis zur Formalisierungsstrategie der offiziellen Seite setzen. Julia Gehres behandelt dann mit der Frage, inwieweit sich im Verlauf der Geschichte Grenz-, Raum- und Identitätsbilder sowie die Formen des kulturellen Austauschs und der Kommunikation in Venedig verändert haben und wie Akteure das heutige Venedig zur Selbstinszenierung nutzen. Dies geschieht mit dem Augenmerk auf dem spezifischen Phänomen des Karnevals.

Caroline Herfert beschäftigt sich mit der Um- und Abgrenzung Europas in Relation zum „Orient“ und nimmt dabei Wien als Schauplatz von Grenzsetzungen sowie Grenzüberschreitungen in den Blick. Dabei untersucht sie die „Türkenstücke“ im Theater in der Josefstadt. Stefanie Watzla präsentiert dann das Schauspielervirtuosentum als transnationales und transkulturelles Phänomen der Theatergeschichte mit Schwerpunkt auf Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen im Europa des 19. Jahrhunderts.

Dorothea Volz untersucht die Geburtsstunde des Mythos des Orientexpress anhand der Jungfernfahrt des Zuges. Sie stellt dabei die These auf, dass der Orientexpress real und imaginär als mobiler Grenz- und Verhandlungsraum kultureller Identitäten zwischen Europa und seinem Anderen gesehen werden kann. Friederike Gersner geht dann auf die Rezeption des Cakewalk in Europa. Der Cakewalk war einer der ersten schwarzen Tänze aus den USA, die in Europa zur Mode wurden. Gersner wirft dabei einen Blick auf die zeitgenössische, europäische Rezeption des Cakewalks in der Presse, der Kinematographie und im Zirkus und untersucht inwiefern in Europa um die Jahrhundertwende anhand des Cakewalks Authentizität und Imitation als kulturelle Werte verhandelt werden.

Asta Vondreau stellt anhand von zwei Orten und Spielen die Konstitution Europas in künstlerischer und alltagsweltlicher kultureller Praxis und Beobachtbarkeit dar. Dies sind das von der österreichischen Künstlergruppe Goldextra konzipierte Computerspiel „Frontiers“ und ein Spiel namens „Gangsterläufer“, das Jugendliche auf den Dächern und Straßen des Berliner Stadtteils Neuköllns praktizieren. Azahdeh Sharifi setzt sich mit Theater und Migration aus einer europäischen Perspektive auseinander. Für ihn spiegeln sich die Fragmente einer Geschichte der Migration in der fragmentarischen Form jenes Theaters, das durch Migration gekennzeichnet ist.

Kerstin Poehls behandelt dann Migration im musealen Raum und konzentriert sich dabei auf Migrationsausstellungen auf der griechischen Insel Lesbos. Der Beitrag von Anika Marschall über Flüchtlingspolitik beim Zentrum für Politische Schönheit und die tödlichen Folgen von Grenzpolitik rundet den Sammelband ab. Kurzbiographien der Autoren findet man noch im Anhang.

Hier werden künstlerische und kulturellen Ansätze und Praktiken von unten auf Europa sichtbar gemacht, die unterschiedliche Blickwinkel mit viel Kreativität offenbaren. Manchmal sind die vorgestellten Projekte spannender als die Beantwortung der eigentlichen Ausgangsfrage. Hier ist besonders der NSK-Staat oder Cargo Sofia zu nennen. Der künstlerische Blickwinkel von Geflüchteten oder Migranten selbst auf Europa hätte noch hinzugefügt werden können. Zum Beispiel  One day I went to *idl, ein Berliner Theater- und Musikprojekt von und mit 13 jungen Refugees und postmigrantischen Jugendlichen, das sie in Zusammenarbeit mit den Künstlern Theresa Henning und Adrian Figueroa sowie dem britisch-nigerianischen Musiker Afrikan Boy realisiert haben.

 

Heiner Bielefeldt/Michael Wiener: Religionsfreiheit auf dem Prüfstand. Konturen eines umkämpften Menschenrechts, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-4997-0, 32,99 EURO (D)

Religionsfreiheit wird nicht nur in der Praxis vielfach verletzt, sondern ist auch Gegenstand politischer Auseinandersetzungen ganz grundsätzlicher Art. Die größten Hindernisse ihrer konsequenten Verwirklichung bestehen in der Gestalt des politischen, kulturellen und religiösen Autoritarismus. Auch von liberaler Seite wird ihr Skepsis entgegengebracht, nämlich durch traditionelle religiöse Wertvorstellungen und Überzeugungen, die einem Pluralismus zuwiderlaufen könnten. Das Buch will zur „normativen Konturierung der Religionsfreiheit im Gesamt der Menschenrechte“ beitragen. Michael Wiener ist seit 2006 im UN-Hochkommissariat für Menschenrechte tätig und hat in seiner Arbeit die UN-Sonderberichterstattung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit unterstützt. Heiner Bielefeldt hatte zwischen 2010 und 2016 das Mandat des UN-Sonderberichterstatters über Religions- und Weltanschauungsfreiheit inne. Die Thesen im Buch stützen sich auf ihr praktisches Engagement und langjährigen Erfahrungen.

Dabei wird eine doppelte These vertreten: Einerseits soll aufgezeigt werden, dass die Religionsfreiheit ein Menschenrecht ist. Dabei wird „Widerspruch“ eingelegt „gegen die in vielen Varianten vorgebrachte Einschätzung, dass die Religionsfreiheit in die Systematik der Menschenrechte nicht sinnvoll hineinpasse, weil sie von Hause aus klientelistisch ausgerichtet ist, mit dem Freiheitsanspruch der Menschenrechte ganz oder teilweise kollidiere und eher auf Differenz als auf Gleichheit ziele.“ (S. 17)

Andererseits wird vertreten, dass ohne das Ernstnehmen der Religionsfreiheit die Menschenrechte unvollständig seien. Wenn diese wegfielen, wäre die Kohäsion und Überzeugungskraft der Menschenrechte im Ganzen in Gefahr.

Zunächst wird herausgestellt, dass die Subjekte der Religionsfreiheit die Menschen sind, nicht die Religionen oder Weltanschauungen als solche. Danach wird eine Kritik politischer Projekte vorgenommen, die darauf abzielen, die emanzipatorische Orientierung der Religionsfreiheit ideologisch umzudeuten. Danach geht es um das Komplementärpinzip, in dem versteckte Formen von Diskriminierung diskutiert werden. Anschließend wird die Religionsfreiheit in den Kontext anderer Menschenrechte gestellt, der Meinungsäußerungsfreiheit und der Forderung nach Geschlechtergleichheit. Weiter geht es mit der menschenrechtlicher Konturierung staatlicher Säkularität, wonach dem Staat die Aufgabe zukommt, einen offenen Raum für die diskriminierungsfreie Entfaltung der Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Orientierung zu schaffen. Es folgt ein deskriptiver Überblick über Verletzungen der Religionsfreiheit in aller Welt.

Danach wird ein exemplarischer Überblick über die Rechtsprechung internationaler Organe zur Religionsfreiheit vermittelt. Weiterhin geht es um Gewaltakte, die im Namen der Religion begangen werden und die Frage, welchen Beitrag die Religionsfreiheit leisten kann, um dies zu unterbinden. Im letzten Kapitel wird herausgestrichen, dass die Bedeutung der Religionsfreiheit auch darin besteht, dass sie den säkularen Menschenrechtsansatz für Gewissensüberzeugungen, weltanschauliche Orientierung und individuelle wie gemeinschaftliche religiöse Praxis ausdrücklich offenhält. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis.

Hier wird ein ganzheitlicher Menschenrechtsansatz, in dem Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Geschlechtergleichheit, Minderheitenrechte usw. zusammengehören, der an sich richtig ist. Religionsfreiheit sollte immer an eine säkulare Demokratie gekoppelt sein, also an eine Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen. Ein weiteres wesentliches Element für die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz von Religionsfreiheit ist die Theorie und Praxis des interreligiösen Dialogs, also gleichberechtigten, respektvollen und kritischen Meinungsaustausches untereinander, ohne Absolutheitsanspruch irgendeiner Religion. Dasselbe gilt auch gegenüber Vertreter des Atheismus und Agnostizismus, deren Kritik an Religionsgemeinschaften an sich hingenommen werden muss. Gleichzeitiger Zusammenarbeit sollte auch in gesellschaftlichen und weltanschaulichen Fragen ein Dialog auf Augenhöhe möglich sein.

 

Thomas Prennig:  Pfarrerskinder in der DDR Zwischen Privilegierung und Diskriminierung. Eine habitustheoretische Analyse im Anschluss an Norbert Elias und Pierre Bourdieu, transcript, Bielefeld 2019, ISBN: 978-3-8376-4848-5, 39,99 EURO (D)

Die Biographien von Pfarrerskindern in der DDR stellen einen Idealtypus besonderer Güte dar: Der Widerspruch einer umfangreichen familiären Bildung und der kategorischen Verweigerung staatlicher Bildungsabschlüsse kreierte einen einzigartigen Habitus privilegierter Außenseiter. Der Ausschluss aus der höheren Bildung hob die exponierte Stellung von Pfarrerskindern nochmals hervor, unterstrich deren Andersartigkeit und legitimierte jedwede Form der Sonderbehandlung in positive wie negative Hinsicht. Wie sie sich mit den damit verbundenen Zuschreibungen auseinandergesetzt haben, wird in diesem Buch analysiert. Der Kultursoziologe Thomas Prennig hat 32 Pfarrerskinder interviewt, die ihren Schulabschluss zwischen 1975 und 1985 in der DDR gemacht haben. Dies ist gleichzeitig seine Dissertation an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt.

Mittels biografischer Leitfadeninterviews wurde dargestellt, wie sich eine äußerlich getroffene Unterscheidung am Beispiel des Ausschlusses von Pfarrerskindern vermittelt über den Habitus praktisch manifestiert und legitimiert. Die Deutungsangebote des Elternhauses und dessen Umfeld und zum anderen die staatlichen Organe der öffentlichen Sphäre waren dabei entscheidend. Die Analyse der biografischen Interviews gab Auskunft darüber, welche Strategien von den Akteuren umgesetzt und etabliert wurden, die heterogen waren.

Spannend ist vor allem die Tatsache, dass die Deutungsmuster immer noch wirken und die Praxis der Personen beeinflussen, obwohl sich die gesellschaftlichen Bedingungen seit der Wende vollkommen verändert haben. Außenseiter von damals sind auch häufig heute noch Außenseiter, die Erzählungen der Akteure spiegeln nach wie vor die Überzeugung wider, anders als die Mehrheit zu sein. Eingeübte Verhaltensmuster durch einen staatlichen Eingriff haben als eine längere Verweildauer als gemeinhin angenommen. Dies lässt sich vielleicht auch auf staatliche und politische Maßnahmen zur Marginalisierung von Gruppen und Personen und der Segregation übertragen, dazu müssten weitere Forschungen unternommen werden.

 

Gabriele Klein: Pina Bausch und das Tanztheater. Die Kunst des Übersetzens, transcript, Bielefeld 2019, ISBN: 978-3-8376-4928-4, 34,99 EURO (D)

Pina Bausch ist eine weltberühmten Choreografin, Kyoto-Preisträgerin und eine herausragende Avantgardistin des modernen Ausdruckstanzes. Zusammen mit dem nach ihr benannten Wuppertaler Ensemble inszenierte sie weltweit anerkannte Stücke und beeinflusste nachhaltig die internationale Tanzszene.

Gabriele Klein präsentiert eine neue Sichtweise auf die Arbeit des Tanztheaters Wuppertal: Die Entwicklung und Aufführung der Stücke, die Weitergabe von choreografischem Material und die Reaktionen der Öffentlichkeit werden als komplexe, voneinander abhängige und wechselseitige Übersetzungsprozesse dargestellt. Die künstlerischen Produktionen stehen im Mittelpunkt. „Produktion meint in diesem Buch das Zusammenspiel von Arbeitsprozess (Stuckentwicklung, Wiederaufnahmen, Weitergaben), jeweiligem Stück und dessen Aufführungen sowie der Rezeption. Dieses Zusammenspiel soll mit einem besonderen Fokus auf die 15 internationalen Koproduktionen exemplarisch aufgezeigt werden, die in diesem Buch erstmalig zusammen untersucht werden.“ (S.11) Eine Praxeologie des kulturellen und ästhetischen Übersetzens wird als tragfähiges Schlüsselkonzept für die Erforschung von Tanz und Kunst eingeführt.

Bei ihren Ausführungen geht die Autorin nicht linear vor, sondern fasst die Kapitel in unterschiedliche Module, wo jeweils ein Aspekt einer Tanzproduktion behandelt wird. Nach einer längeren Einleitung folgt das Kapitel „Stücke“. Erstmals werden dabei die Stücke Pina Bauschs in Werkphasen eingeteilt, die Werkphasen beschrieben, die charakteristischen Aspekte der künstlerischen Schaffens über die Stücke hinweg herausgearbeitet und in ihren jeweiligen historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext eingebettet. Das Kapitel „Compagnie“ stellt alle künstlerischen Mitarbeiter in ihren Lebensläufen gemeinsam vor, beschreibt die Sichtweisen von Pina Bausch auf ihre Tätigkeiten und umgekehrt und fragt nach den Formen der Zusammenarbeit und nach den individuellen Sichtweisen auf die gemeinsame Arbeit. Das Kapitel „Arbeitsprozess“ beschäftigt sich mit den künstlerischen Arbeitsprozessen sowie die Weitergabe von Stücken an jüngere Tänzer und an andere Tanzvcompagnien. Danach folgt das Kapitel „Solotänze“ in dem die Übersetzung von Körper/Tanz in Schrift/Text im Mittelpunkt steht. Das Kapitel „Rezeption“ fragt nach dem Verhältnis von Stück, Aufführung, Wahrnehmung und Wissen. Es untersucht die Reaktionen von Tanzkritikern einerseits und die Sicht von Zuschauern andererseits. Das Kapitel „Theorie und Methodologie“ stellt die wesentlichen Charakteristika einer Praxeologie des Übersetzens sowie de methodologischen Grundlagen einer Produktionsanalyse vor und reflektiert die zuvor vorgestellten Übersetzungsprogramme einer Tanzproduktion vor diesem Hintergrund. Im letzten Kapitel wird die temporale Einordnung der Stücke des Tanztheaters vorgenommen und grundsätzlich der Begriff des Zeitgenössischen diskutiert.

Viele ausführliche Werke über eines der bekanntesten Tanzensembles der Welt gibt es nicht. Das Buch bietet neue Perspektiven auf den Arbeitsprozess, die Mitglieder und die Rezeption des Tanztheaters Wuppertal und die Arbeit von Pina Bausch. Es gibt auch einen authentischen Einblick mit Interviews von verschiedenen Protagonisten und Zuschauern.

 

Andrea Hausmann (Hrsg.): Handbuch Kulturtourismus im ländlichen Raum. Chancen – Akteure – Strategien, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-4561-3, 29,99 EURO (D)

Im ländlichen Raum noch gibt es noch viel ungenutztes Potenzial im Bereich Kulturtourismus. Initiativen auf Landes- und Bundesebene sind mit dem Ziel gestartet, über die Entwicklung und Vermarktung kulturtouristischer Angebote auch die Entwicklung ländlicher Regionen insgesamt anzustoßen. Der Band benennt weiterführende Anregungen für mögliche Strategien und Erfolgsfaktoren. Experten aus der Kulturtourismusforschung, -praxis und -beratung geben Einblicke in verschiedene Aspekte des Kulturtourismus im ländlichen Raum. Dabei werden sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite betrachtet und praxisnahe Handlungsempfehlungen gegeben.

Dieses Buch entstand aus den Ergebnissen des 2018 in Münster stattfindenden Fachkongress „Kulturtourismus im ländlichen Raum“. In der Einleitung beschäftigt sich Andrea Hausmann mit dem Begriff des Kulturtourismus, den Gründen für dessen Zunahme im ländlichen Raum, Projekten auf Bundes- und Landesebene in den letzten 10 Jahren und stellt die einzelnen Beiträge vor.

Stefan Forster stellt den Kulturtourismus in ländlichen Räumen der Schweiz vor. Dann berichtet Verena Teissl aus den Erfahrungen in Tirol, bevor Yvonne Pröbstle Zahlen, Fakten und Beobachtungen aus der „Kulturtourismusstudie 2018“ präsentiert. Heike Bojunga und Thomas Feil behandeln dann mögliche Erfolgsfaktoren und Katja Drews versetzt sich in die Nutzerperspektive und fragt, was den ländlichen Raum als touristisches Reiseziel ausmacht. Elke Witt skizziert die Potentiale der WelterbeCard als Marketinginstrument. Philipp Holz stellt anhand des Praxisbeispiels aus der „Zugspitz Region“ die digitalen Potentiale für die Vernetzung der Akteure im ländlichen Raum vor. Zum Schluss präsentiert Matthias Burzinski die Schritte zur Erneuerung des Kulturtourismus in NRW. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Bei Professionalität, Vermarktung und Vernetzung im Bereich Kulturtourismus auf dem Lande gibt es Nachholbedarf. Hier werden Erfolgsstrategien, Probleme und Herausforderungen von Fachleuten grundlegend auf hohem Niveau dargestellt. Ein grundlegendes Essay über die Verbindung von Natur und Kultur in Form von literarisch-historischen Wanderwegen hätte noch ergänzt werden können: Der Kall-Trail, der Heinrich-Böll Weg und der Hemingway-Trail als Teil „Historisch-Literarischen Wanderweg“ in der Eifel. Oder der literarische Rheingau mit Wanderungen auf den Spuren der Romantik. Viele Orte in der Schweiz werben auch damit, mit Autorinnen und Schriftstellern auf Wanderschaft zu gehen.

 







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