TATORT kontra Machtelite: Das perfekte Verbrechen


Bildmontage: HF

21.03.20
KulturKultur, TopNews 

 

Politische Filmkritik von Hannes Sies

Muss ein Kriminalfilm immer als reaktionär-rassistische Propaganda daher kommen? Nein, es geht auch anders, wie der geradezu fast sozialkritische TV-Film  „Das perfekte Verbrechen“ (D 2019) aus der Tatort-Reihe zeigte. Kommissarin Karow und ihr Kollege Rubin ermitteln dort im Milieu einer Elite-Law-School, im Plot nach dem Muster eines echten Falles aus Italien: 1997 wurde in Rom eine Jurastudentin aus dem Hinterhalt im Hof der Fakultät erschossen. Zuvor hatten zwei Dozenten das perfekte Verbrechen in einem Seminar thematisiert: „Es ist unmöglich einen Mord aufzuklären, wenn der Täter kein Motiv hat und die Tatwaffe nie aufgefunden wird.“ Diesen Satz zitieren die Studenten wiederholt im Tatort (Erstausstrahlung 15.3.2020 ARD), wo eine chinesische Jurastudentin auf gleiche Weise stirbt. Doch hier wird die Tatwaffe gefunden und der Fall aufgeklärt. Täter war ein Oberschicht-Sprössling, in Verdacht geriet einer der Jurastudenten, ein Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen (Vater Altenpfleger). Im echten Fall von 1997 konnte kein Täter ermittelt werden, die Jura-Dozenten wurden jedoch sechs Jahre später nach einem Indizienprozess wegen fahrlässiger Tötung verurteilt (schrieb als Hintergrund zur anpreisenden Filmankündigung TVmovie).

„Das Kolloquium“ ist eine Juristenseilschaft, die in höchste Ämter, Ministerien, Bundestag, EU-Gremien, große Kanzleien und Unternehmen vordringt.  So raffen sie offenbar viel Geld bei schmutzigen Geschäften zusammen und helfen sich dabei heimlich gegenseitig. Im Film wird die Machtelite des Juristenzirkels vielschichtig dargestellt. Einerseits sind es Dunkelmänner, die unfair um Macht und Geld intrigieren, dann changiert ihr Sektenboss jedoch zum dunklen Ehrenmann. Er kennt sogar den klugen Kommissar, der einst auch Jura studierte und und die Elitisten auf Latein verspotten kann -und sein Beamtensalär teils in Aktien anlegt. Zwar schwelgen die jungen Eliteschnösel meist in Luxus und halten sich für was Besseres. Aber sie nehmen ausnahmsweise auch einen hochbegabten Underdog in ihren Geheimzirkel auf -nachdem dieser sich ihren perversen Ritualen unterwirft, Befehle befolgt und Loyalität zeigt. Andererseits erfährt man am Rande, dass sie Anschläge fürchten, weil ihre Väter sich als Wirtschaftsjuristen an der Ausplünderung Griechenlands in der Finanzkrise bereicherten.

Nebenbei loben sie einen ihrer Elitefreunde, er sei schon zum vierten Mal Vater geworden, denn man „...kann ja das Kinderkriegen nicht der Unterschicht überlassen“. Aufnahmeritual des Kolloquiums ist ein Gerichtsprozess, dessen Richter der Debütant ist. Angeklagt ist, wie man erfährt, in der mittelalterlichen Tradition, auch Tieren einen Gerichtsprozess zu machen, eine Ratte:

„Der Angeklagten wird vorgeworfen, dass sie fremdes Eigentum bewohnt, tödliche Krankheiten verbreitet und sich in unerhörtem Ausmaß vermehrt. Sie stellt damit eine permanente und existenzielle Bedrohung des Menschen dar und dieser Bedrohung muss Einhalt geboten werden. Daher fordert die Anklage die Todesstrafe.

Jedes Lebewesen hat das Recht auf Leben. Wenn dieses Leben aber auf Grund seiner Natur eine Bedrohung für die Allgemeinheit darstellt, muss dieser Bedrohung Einhalt geboten werden. Darum fordere ich lebenslängliche Verwahrung in Quarantäne.

Eine Handlung ist genau dann richtig, wenn sie die Summe des Gemeinwohls einer Gemeinschaft maximiert. Es ist also ganz im Sinne des Utilitarismus, der Forderung der Anklage zu folgen und die Angeklagte zum Tode zu verurteilen. Hiermit ist das Urteil rechtskräftig.“

Ein gefährliches Spiel des Tatort-Drehbuchs: Nachdem man eine Spielfilmlänge sehen konnte, wie luxuriös die verworfene Machtelite in protzigen Villen lebt, die eigentlich öffentliche Gebäude sein sollten. Die Klimadebatte zeigt schließlich, wie gemeinschädlich unsere Geldeliten ihre Prunksucht ausleben, mit ihren CO2-strotzenden und sich wie Ratten vermehrenden Privatjet-Geschwadern und  Luxusyacht-Flotten. Auch andere im übertragenen Sinne  „tödliche Krankheiten“ zum Schaden unseres Gemeinwesens könnte man den Geldeliten zuschreiben: Cum-Ex-Gaunereien, Finanzkrisen, Umweltverschmutzung, Ausbeutung, Steuerflucht usw. Doch die ARD-Inszenierung lässt es hier bei subtiler Andeutung.

Das verurteilte Tier wird in eine Miniatur-Guillotine gesteckt, aber vor der Enthauptung dringen die Tatort-Kommissare ein und nehmen den Mörder fest. Auch der Elite-Geheimzirkel entgeht einer Auflösung und kann weiter seine Machtspielchen treiben. Letzte Einstellung ist die Ratte, die sich, offenbar im Tumult entkommen, ihren Weg aus über die Wiese vor der Luxusvilla bahnt.

 

Vgl.

a.     Politische Obduktion? Soko SED am Tatort DDR

b.    https://www.rubikon.news/artikel/kriminelle-propaganda

      http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=71650&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=4477e5a58e1







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