Neuerscheinungen Biografien und Rückblicke


Bildmontage: HF

22.03.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Katrin Rönicke: Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2019, ISBN: 978-3-7017-3466-5, 22 EURO (D)

Beate Uhse war eine der einflussreichsten und fortschrittlichsten deutschen Frauen im 20. Jahrhundert. Sie gilt als eine der Wegbereiterinnen zu einer offeneren und freieren Gesellschaft und bekam sogar das Bundesverdienstkreuz.

Die Journalistin und Bloggerin Katrin Rönicke hat diese Biografie zu Beate Uhses 100. Geburtstag herausgebracht. Sie hat dafür zahlreiche Weggefährten interviewt, ihre Selbstzeugnisse analysiert und Archivmaterial ausgewertet. Sie möchte sie jenseits aller Klischees darstellen und hinterfragt ihre Rolle als Vorkämpferin einer modernen Sexualmoral.

Ihre in der Öffentlichkeit weniger bekannte Karriere als Pilotin, auch im 2. Weltkrieg wird ebenfalls nachgezeichnet. Nach dem Ende des Krieges verboten die Besatzungsmächte fliegerische Tätigkeiten. Dies stellte sie vor existentielle Probleme, wie bei vielen Frauen der damaligen Zeit. Um das steigende Bedürfnis nach offener Sexualität zu befriedigen, brachte Uhse eine Broschüre über die die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode heraus. Dies wurde ein Erfolg, den sie zum Start ihres Betu-Versandes auch mit Kondome und Büchern über die Ehe.

1951 entstand das „Versandhaus Beate Uhse“, das ein voller Erfolg wurde und Anfang der 1960er Jahre bereits fünf Millionen Kunden hatte. Unter dem altmodisch klingenden Namen „Fachgeschäft für Ehehygiene“ eröffnete sie 1962 in Flensburg das weltweit erste Geschäft für Erotikartikel. Interessant zu lesen sind auch die Widerstände ihrer Zeit, die im prüden Nachkriegsdeutschland aufkamen. Unzählige Anzeigen bei der Polizei gegen sie und ihr Geschäft gingen ein, da ihr Sortiment „gegen Zucht und Sitte“ verstoßen würde. Die Doppelbödigkeit dieser moralischen Entrüstung zeigte sich darin, dass sie immer mehr zahlende Kundschaft, vielleicht auch einige der moralischen Empörer darunter.

Als erfolgreiche Frau im Berufsleben war sie bekannt, sie hat bis auf die Ehe mit Ernst-Walter Rotermund nicht viel Privates von sich preisgegeben: „Hinter dieser Geschäftsfrau allerdings konnte sich die private Beate relativ gut verstecken. Sie hat stets selbst bestimmt, wie diese Privatperson im Spiegel der Medien erscheint.“ (S. 9)

Als Ratgeberin zur Sexualität und Erotik sowie des Tabubruchs der altmodischen Sexualität ist sie den meisten Menschen bekannt. Dass sie damit auch gut verdient und zu einer der erfolgreichsten Geschäftsfrauen in der Nachkriegsgeneration aufgestiegen ist, ist keine Schande. Diese Kritik von der Autorin daran ist etwas überzeichnet, sonst ist es eine sorgfältig recherchierte Geschichte ohne hagiographische Anwandlungen.

Buch 2

Christina Hecke: Mal ehrlich. Mein Blick hinter unser Leben, Patmos Verlag, Ostfildern 2020, ISBN: 978-3-8436-1218-0, 24 EURO (D)

Die Schauspielerin Christina Hecke legt ein hier ein intellektuell anspruchsvolles, spirituelles Buch über das Leben vor. Aus ihrer Sicht hat man alles, was unser Leben prägt, unbewusst oder bewusst selbst gewählt oder wenigstens mitgestaltet. Sie hat diesem Buch ihr Leben als roten Faden zugrunde gelegt, was aber nicht aus Selbstdarstellung geschieht, sondern um Phänomene des Zusammenlebens exemplarisch zu betrachten: „Unzählige grenzgängerische wie universelle, menschliche wie skurrile Momente und Erlebnisse in meinem bisherigen Leben haben in mir ein Weltbild reifen lassen, das eben keine Handlungen oder Gedanken ohne Verantwortung mehr zulässt. Sei es nur die Eigenverantwortung oder auch die damit verwobene Verantwortung des Einzelnen im Verhältnis zu und mit anderen. Denn der Einzelne ist nie getrennt vom Ganzen. Im Kern sind wir alle EINS. Nichts bleibt ohne Folgen.“ (S. 7)

Dies wird in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt. Außerdem zeigt sie anhand verschiedener Situationen, wie sie Selbstliebe, die Akzeptanz des freien Willens und eine Form von Weitsicht angeeignet hat. Auch auf ihren Beruf als Schauspielerin, die Welt des Fernsehens und des Theaters, Alkohol und durchgefeierte Nächte geht sie kritisch ein. Dies alles kulminiert in der Wahl: „fremde Ideale oder ein wagemutiges Selbst als Teil des Wir.“ (S. 269)

Wer hier eine von den üblichen Starbiographien erwartet hat, wird enttäuscht sein. Dies ist ein schon fast philosophisches Buch über die Einstellung zum Leben, die Entdeckung des Selbst sowie die Freiheit der eigenen Entscheidung, was anhand von biographischen Erfahrungen geschrieben wurde.

 

Buch 3

Täve Schur: Was mir wichtig ist, Verlag Neues Leben, Berlin 2020, ISBN: 978-3-355-01893-7, 20 EURO (D)

Täve Schur gilt als deutsche Sportikone. Er war neunmaliger Sportler des Jahres in der DDR, so häufig wie kein anderer Sportler. Als jeweils erster Deutscher konnte er die Weltmeisterschaft der Amateure und die Internationale Friedensfahrt gewinnen. Nach seiner sportlichen Karriere war von 1958 bis 1990 Volkskammerabgeordneter für die FDJ, SED bzw. PDS. Von 1998 bis 2002 gehörte Schur der PDS-Fraktion im Deutschen Bundestag an. Mit fast 90 Jahren lebt er in seinem Geburtsort Heyrothsberge im heutigen Sachsen-Anhalt.

Täve Schur wird auch in hohem Alter in Briefen um seine Meinung gebeten. Seine Auskünfte gehen oft über das konkrete Problem hinaus und sind auch über den Tag hinaus von Belang, weshalb sie in diesem Buch einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. In verschiedenen Kapiteln antwortet er auf bestimmte Fragen, in dem er auch auf seine biografischen Erlebnisse eingeht, die sich aber alle um Lebensthemen drehen: Sport, Hausbau, Bildung/Lernen, der Gang in der Politikbetrieb, Doping in der DDR, der Umgang mit Mauer und Stasi, ostdeutsche Identität, Fragen des Alters, Haltung zur Zukunft. Zwischen den Antworten zitiert er aus einigen ihm zugeschickte Briefe. Einige persönliche Bilder aus seiner aktiven Laufbahn und aus den letzten Jahrzehnten werden auch gezeigt. Seine wichtigsten Lebensstationen sind im Anhang zusammengefasst.

Seine Reflektionen über den eigenen Werdegang lassen einen offenherzigen, bescheidenen und zufriedenen Menschen erkennen. Auch wenn man noch zwischen den Zeilen liest, dass ihn seine Nichtberücksichtigung für die Hall of Fame der deutschen Sportler wurmt.

Seinen Optimismus, der ihn sein Leben lang begleitet hat, gibt in diesem Buch weiter: „Ich bin ein notorischer Optimist, obwohl ich die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme durchaus sehe. Ich ignoriere auch nicht die Bedrohungen, die sich aus der neuerlichen Hochrüstung und dem wachsenden Nationalismus ergeben. (…) Aber alles ist Menschenwerk: Krisen und Konflikte, Katastrophen und Kriege. Wenn diese von Menschen gemacht werden, bedeutet es auch, dass sie von Menschen überwunden oder verhindert werden können. Wir sind nicht hilflos einem Schicksal oder einer außerirdischen Macht ausgeliefert.“ (S. 183)

Seinen Charakter, seine Werte und seine Lebenseinstellungen lernt man über die Fragen hinaus in diesem Buch näher kennen. Dabei nimmt zwar auch der Sport einen Platz ein, aber nicht den entscheidenden. Letzte Gewissheiten möchte er auch nicht liefern, dafür hat er in seinem Leben zu viele Änderungen von politischen und gesellschaftlichen Systemen durchlaufen.

 

Buch 4

Beatrix Borchard: Clara Schumann. Musik als Lebensform, Olms, ISBN: 978-3-487-08620-0, 29,80 EURO (D)

Am 13. 9. 2019 jährt sich der Geburtstag der berühmtesten deutschen Musikerin des 19. Jahrhunderts zum 200. Mal. In den letzten Jahren ist durch die Schumann-Briefausgabe umfangreiches weitgehend unbekanntes Quellenmaterial erschlossen worden. Es erlaubt einen neuen Blick auf das familiäre, künstlerische und soziale Netz, das sich Clara Schumann im Laufe ihrer Karriere aufgebaut hat und von dem sie getragen wurde – Personen wie ihre bisher weitgehend unbekannte Mutter, Marianne Bargiel, ihr wichtigster künstlerischer Partner, Joseph Joachim, die Familie Mendelssohn sowie die Kinder und die Schülerinnen stehen dafür.

Beatrix Borchard fügt diese neue Quellenlage, das vor allem aus der Auswertung des Robert-Schumann-Hauses Zwickau stammt, zu einer erweiterten biographischen Annäherung an Clara Schumann zusammen: „Im vorliegenden Buch wird unter der wechselnden Perspektiven langjähriger Forschung vor allem Clara Schumanns brieflicher Umgang mit der Diskrepanz zwischen Rollenerwartung, professioneller Ausbildung und künstlerischer Ausdrucksnotwendigkeit vorgestellt und befragt (…). (S. 8) Im Zentrum stehen Briefe und Briefdialoge, die für ihr Leben und ihre Arbeit zentral waren. Dabei zeigt Borchard, dass ihre Erziehung zur Musikerin und die Musikausübung später ihren gesamten Lebenslauf geprägt hat und somit zur Lebensform wird.

Am Anfang des Buches werden in einer Synopse die einzelnen Lebensphasen von Clara und ihrem Mann Robert zusammengetragen. Claras Stationen werden auf der linken Spalte, die von Robert auf der rechten Spalte abgedruckt, Verbindendes wie ihre Heirat in der Mitte.

Dann folgt der kommentierte Abdruck der Briefe und Briefdialoge, was einen Einblick in ihr persönliches Netzwerk erlaubt und ihre Persönlichkeit schildert. Im Anhang ist noch ein von Joachim Draheim zusammengestelltes Werkverzeichnis zu finden. Außerdem gibt es dort noch ein Abbildungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Zu Recht wird in diesem Buch die Liebe zur Musik als Grundstock ihres Lebens und der Weltsicht bezeichnet. Diese teilte Clara mit ihrem bekannten Ehemann, dem zweiten Grundstock in ihrem Leben. Durch ihre vielen Auftritte und Reisen dachte Clara Schumann kosmopolitisch, aufklärerisch und fortschrittlich. Sie war nicht nur eine der bedeutendsten Klaviervirtuosinnen ihrer Zeit, sie war überdies eigenständige Komponistin und Musikpädagogin und auch noch Mutter von acht Kindern, was vielfach vergessen wird. Hier werden nicht nur die wichtigsten Stationen von Clara Schumanns außergewöhnlicher Karriere präsentiert, sondern vermitteln darüber hinaus auch ein lebendiges Bild ihrer Zeit.

Buch 5

Peter-Michael Diestel: In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit. Rückblicke, Das Neue Berlin, Berlin 2019, ISBN: 978-3-360-01338-5, 22 EURO (D)

Diestel war Dezember 1989 war Diestel Mitbegründer der Christlich-Sozialen Partei Deutschlands (CSPD) und im Januar 1990 der Deutschen Sozialen Union (DSU), deren Generalsekretär er bis Juni war.  Von März bis Oktober 1990 war Diestel Abgeordneter der Volkskammer und von April bis Oktober stellvertretender Ministerpräsident und als Nachfolger von Lothar Ahrendt Minister des Inneren der DDR. Im Juni 1990 verließ er die DSU und wurde am 3. August CDU-Mitglied. Am 1. Juli 1990 unterzeichnete er gemeinsam mit Wolfgang Schäuble den Vertrag über den Abbau der Grenzanlagen zwischen der DDR und der Bundesrepublik.

Als „DDR-Zeitzeuge“ (Selbstbezeichnung) möchte er in diesem Buch die seit der Einheit vorherrschende DDR-Sicht zu revidieren und differenzieren und einen ernüchternden Beitrag zu den bevorstehenden Jubiläen leisten (Klappentext). Er selbst habe gerne in der DDR gelebt, aber will auch die Vorzüge der Wende (das Herstellen der „nationalen Einheit“, Meinungsfreiheit) nicht missen. Diese Vorzüge der Wende nutzte er selbst für sich manifest: 2001 wurde Diestel vom Gericht wegen Untreue verwarnt; außerdem musste er 20.000 Mark spenden. Diestel hatte im Sommer 1990 eine Villa im brandenburgischen Zeuthen, die bis dahin als Gästehaus des DDR-Innenministeriums genutzt wurde, weit unter Wert erworben. Er kaufte das 3500 Quadratmeter große Seegrundstück von seinem Ministerium für 193.000 Mark  geschätzt auf Grundlage des Preisgesetzes der alten DDR; die Immobilie soll aber 770.000 Mark wert gewesen sein.

Einblicke in den damaligen Politikbetrieb und spricht über seine Zeit in der politischen Verantwortung über die Wende von 1989/90 und der nachfolgenden Fehler bei der „Wiedervereinigung“. Bis auf einflussreiche und meinungsbildende Kreise vor allem in Westdeutschland werden dies wohl die wenigsten bestreiten.

Die Rolle von westdeutschen Politikern, die über die Vorgänge in Ost-Berlin und über die gewählte Regierung bestimmen wollten, wird hier ausgebreitet. Beweisen kann er es nicht, ob man ihm Glauben schenkt, muss jeder selbst wissen.

Angeblich hätte er ein Ministeramt in Bonn haben können, aber er habe aus Lokalpatriotismus abgesagt. Beweisen kann er es nicht, ob man ihm Glauben schenkt, muss jeder selbst wissen.

Geschmacklos wird es dann, wenn er den langjährigen Spionagechef der Stasi, Markus Wolf und die ehemaligen Mitarbeiter der Stasi über den grünen Klee lobt.

Das Buch enthält ständige Zuspitzungen und Polarisierungen, ohne dass es wohl niemand lesen würde. Es stellt sich auch die Frage, warum er 30 Jahre gewartet hat, um dies alles zu erzählen. Wie auch immer seine Thesen bewertet werden: Seine Egozentrik und Selbstdarstellung nerven im Laufe der Lektüre. Seriösere Zeitzeugen der DDR und der Wende und seriösere Kritiker der Zeit nach der Wende als ihn gibt es genug.







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