Neuerscheinungen Sachbuch


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27.03.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C. H. Beck, München 2020, ISBN: 978-3-406-74571-3 39,95 EURO (D)

Thomas Piketty ist Professor an der Ècole des hautes ètudes en sciences sociales in Paris. Nach seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ legt er ein monumentales Werk nach, das an den Vorgängerband anknüpft, aber eine radikalere Stoßrichtung hat. Er geht auf die zunehmende Ungleichheit in der globalisierten Welt ein und weist auch anhand von Statistiken, Grafiken  und Diagrammen nach, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt die Ungleichheit vergrößert hat.

Hier nur einige Beispiele: Die Schere der sozialen Ungleichheit geht auch weltweit immer weiter auseinander. Dabei stieg die Ungleichverteilung der Einkommen zwischen 1960 und 1998 von etwa 50 % auf 70 %.[1] 1 % der Weltbevölkerung besaß 2006 mehr als 50 % des gesamten weltweiten Vermögens. Auf die reichsten 10 % entfielen 2014 etwa 85 % des weltweiten Vermögens. (Gallas 2015, 19)

Auf 50 % der Weltbevölkerung entfällt weniger als 1 % des weltweiten Vermögens.  Das gesamte globale Vermögen betrug 2017 rund 280 Billionen US-Dollar gegenüber 125 Billionen US-Dollar im Jahr 2006.[2]

Die 1645 US-Dollar-Milliardäre, die es 2014 laut Forbes weltweit gab, hielten zusammen ein Vermögen von ca. 6,5 Billionen US-Dollar. Damit besaßen sie mehr als 5-mal so viel wie eine Hälfte der Weltbevölkerung (etwa 3,5 Milliarden Menschen) zusammengenommen.  70 % der Weltbevölkerung besitzen zusammengenommen etwa 3,3 % des Weltvermögens. 2008 gab es weltweit etwa 10,1 Millionen US-Dollar-Millionäre, davon 826.000 aus Deutschland). Zusammen verfügten diese 10,1 Mio. Millionäre, weniger als 0,2 % der Weltbevölkerung, über 40,7 Billionen US-Dollar. Dies entsprach fast einem Drittel des gesamten Vermögens auf der Welt.[3]

Dagegen lebten über 80 % der Weltbevölkerung 2009 von weniger als 10 US-Dollar am Tag. Über 50 % der Weltbevölkerung lebten 2005 von weniger als 2 US-Dollar am Tag., etwa 1,4 Milliarden Menschen, über 20 % der Weltbevölkerung,  lebten 2008 von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. 2005 hatten 48,3 % der Weltbevölkerung (3,14 Mrd. Menschen) ein Einkommen von weniger als 2,5 US$/Tag und 21,5 % der Weltbevölkerung (1,4 Mrd. Menschen) ein Einkommen von weniger als 1,25 US$/Tag. (Gallas 2015, 21)

1981 hatten noch 60,4 % der damaligen Weltbevölkerung (2,73 Mrd. Menschen) ein Einkommen von weniger als 2,5 US$/Tag und 42,2 % der Weltbevölkerung (1,91 Mrd. Menschen) ein Einkommen von weniger als 1,25 US$/Tag. Die Verbesserungen wurden jedoch fast ausschließlich in China erreicht. In „Entwicklungsländern“ sind nur die prozentualen Anteile durch die stark gestiegene Weltbevölkerung verringert worden, jedoch die absoluten Zahlen weiter gestiegen. Der Anteil der Einkommensarmen weltweit mit weniger als 3.470 US$/Jahr beträgt 78 %. Der Anteil der Einkommensreichen weltweit (mit mehr als 8.000 US$/Jahr) beträgt 11 %. (ebd., 22)

In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich auch mit den verschiedenen ökonomischen Ideologien auf der Suche nach den Ursachen dieser sozialen Krise. Dabei betrachtet er die Phänomene nicht nur unter ökonomischen Aspekten, sondern bezieht auch Wirtschaftsgeschichte, Politik, Gesellschaftswissenschaften und andere Teildisziplinen mit ein. Er entwickelt eine vehemente Kritik am Siegeszug des kapitalistischen Modells seit dem Ende des Staatssozialismus.

Die Stärke seiner Argumentation liegt in dem Zusammenspiel zwischen Kapitalismus und Eigentumsrechten, die die Grundlage für die wachsende soziale Ungleichheit darstellen. Er greift das bürgerliche Recht auf Eigentum an und will zwar keine egalitären, aber doch vergleichbare Lebensverhältnisse erreichen, die Ungleichheit in der gröbsten Form beseitigt. Dabei stellt er Gleichheit als ethisches und menschenrechtliches Ziel dar, sondern als Zukunftsfrage für das Zusammenleben heutiger und künftiger Generationen.

Die Krise des Kapitalismus und die Bekämpfung von sozialer Ungleichheit werden schon mal treffend herausgearbeitet und auch so benannt. Dann folgen die Vorschläge und Maßnahmen, wie und mit welchen Mitteln dieses hehre Ziel erreicht werden kann. Dabei setzt er auf eine Stärkung von staatlichen und supranationalen Organisationen und Umverteilung durch eine neue Steuerpolitik und Enteignungen von Kapital. So fordert er ein universelles Einkommen, eine progressive Steuer auf Einkommen, Vermögen und Kohlestoffemissionen. Gleichzeitig eine stärkere staatlich oder transnational gelenkte Wirtschaftspolitik auf ökologischer Grundlage und eine demokratischere Beteiligung von marginalisierten Kontinenten, Ländern, Organisationen oder Gruppen. Zum Beispiel schlägt er einen supranationalen europäischen Staat vor, der die Umsetzung seiner fiskalischen und ökonomischen Leitlinien durchsetzen könnte. Globalisierungskritische Protestbewegungen werden auch immer wieder genannt oder zitiert.

Das Ziel ist eine neue Form von demokratischem Sozialismus für das 21. Jahrhundert, das jedoch auch seine Schwächen hat. Die staatssozialistischen Systeme des Warschauer Paktes sind an ihrem Dirigismus, Zentralismus und Autoritatismus zugrunde gegangen. Manche der Vorschläge bleiben auch auf den ersten Blick gesehen etwas unrealistisch. Andere dagegen, vor allem fiskalische und antikapitalistische, sind zu begrüßen.

Die Stärke des Buches liegt auf jeden Fall in der Bennennung der Ursachen von sozialen Ungleichheiten und die daran anschließende Kapitalismuskritik. Eine Überwindung des Kapitalismus ist in dieser Art selten so offen gefordert worden. Die in Frankreich so heftigen ablehnenden Reaktionen auf das Buch deuten schon darauf hin, dass die politische und wirtschaftliche Elite Angst bekommt. Ein Buch, das aufrüttelt und als Manifest für eine gerechtere Welt dienen kann.

Buch 2

Thomas Leinkauf: Geschichte der Philosophie Band VI. Die Philosophie des Humanismus und der Renaissance, C. H. Beck, München 2020, ISBN: 978-3-406-31270-0, 44 EURO (D)

In der vierzehnbändigen Geschichte der Philosophie wird die Entwicklung des abendländischen Denkens durch alle Epochen bis zur Gegenwart dargestellt. Dies ist der Band VI, der den Zeitraum zwischen 1350 und 1600 abdeckt und die Periode zwischen Frühhumanismus und Spätrenaissance behandelt. Der Autor Thomas Leinkauf, Professor für Philosophie an der Westfälischen Universität in Münster, legt hier ein beeindruckendes Werk vor. Hier wird vor allem der sich neu entfaltenden studia humanitatis heraus, dass das alte System der artes liberalis entweder ablösen oder sich neben ihm platzieren, entsprechend der Hauptdisziplinen Sprache, Ethik, Poesie und Historie.

Das Werk beginnt mit einer sehr ausführlichen Überblicksdarstellung: Dort werden die Begriffe Humanismus und Renaissance definiert und von der Scholastik abgegrenzt. Weiterhin wird der Disziplinen-Kanon bestimmt, die Rezeption der Antike, Methode, Wissen und Wissensformen dargestellt. Der Humanismus wird als wichtige Zäsur in der Entwicklung der Philosophie gesehen, da sie „in seiner Gesamtausrichtung auf die Wirklichkeit, die durch Sprache, Willen und Individualität bestimmt ist, das Allgemeine, Universale, Intelligible nur noch als sprachlich gefaßtes Sein, d.h. als Begriff, als gewolltes Sein, d.h. als Haltung und als einzelnes Sein, Wirklichkeit besitzt.“ (S. 63) Die bestimmenden Elemente und Themen wie Individuum, Selbst, Ich, Würde werden auch behandelt.

Weiter geht es mit dem Bereich Sprache und Poetik. Dies gliedert sich in die drei sprachbezogenen Teildisziplinen der studia humanitatis: Grammatik/Dialektik, Rhetorik und Poetik. Die Gesamtentwicklung des Sprachproblems wird als stufenhafte Anreicherung dargestellt, in der immer alle der drei Grundformen präsent waren und diskutiert worden sind. Dabei werden einzelne Denker wie Petrarca, Boccaccio, Cincio usw. vorgestellt.

Der Bereich der Ethik folgt danach, die „durch das Phänomen der reflektierenden Selbst-Präsenz gekennzeichnet ist, die sich gerade auch im Verhältnis von Willensaktivität und der Entfaltungskraft setzt.“ (S. 237) Die verschiedenen Ethik-Typen des humanistischen Diskurses („bonum cummune“-Ethik, „voluptas“-Ethik, Kontemplations-Ethik, „miles christianus-Ethik, eine Nutzen-und Kalküls-Ethik, eine höfische Ethik, Ethik des heroischen Individuums) werden dabei angesprochen.

Der politische Diskurs zwischen 1350 und 1600 kommt dann auf die Agenda. Dieser bewegt sich in dem Spannungsbogen zwischen demokratisch-republikanische Theoriemodelle, die in kleinen Stadtrepubliken der Frühhumanismus ausgeprägt worden sind, und absolutistischen, zentralistischen Theoriemodellen, die vor dem Hintergrund der Ausbildung der großen Flächen und Territorialstaaten diskutiert worden sind. Leonardo Bruni, Matteo Palmieri, Niccolo Machiavelli und Jean Bodin werden ausführlicher besprochen.

Danach geht es um die Vorstellungen über Geschichte. Das geschichtliche Bewusstsein entwickelte sich zur Bedingungen der Möglichkeit der späteren, in verschiedener Intensität erfolgenden „Historisierungen“ der Wirklichkeit. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gibt es Ansätze einer wissenschaftlichen Beschäftigung. Verschiedene Beispiele der Historiographie von Petrarca bis Bodin werden einzeln präsentiert.

Die beiden Komplementärbegriffe Schönheit und Liebe werden dann untersucht. Dabei wird eine schrittweise Verfolgung vom Was zu Wie, von der Ontologie zur Ästhetik, von der Didaktik zur Rhetorik aufgezeigt.

Abschließend werden Theoriemodelle der Magie, Alchemie, Astrologie und des Hermetismus, die „allesamt Systeme einer zeichenhaften Kodifikation, die stabile Verhältnisse zwischen heterogenen oder zumindest unterschiedlichen Seienden und ganzen Seinsbereichen auf Basis von Analogiemodellen voraussetzt.“ (S. 400)

Im Anhang findet man noch die Anmerkungen, Literatur, ein Personenregister und ein Sachregister.

Das Buch ist fachlich überzeugend und auch systematisch gut aufgebaut. Die Überblicksdarstellung gibt einen Rahmen für die einzelnen Schwerpunkte ab. Diese bestehen alle aus einer Einleitung, dann kommen verbindende Gemeinsamkeiten zur Sprache und dann einzelne Denker. Ein Standardwerk für die abendländische Philosophie zwischen 1350 und 1600.

Die einzige Sache, die stört, ist die Konzeption der Reihe. Die abendländische Philosophie ist nur ein Teil der weltweiten Philosophie und besitzt keinen hegemonialen Charakter. Eine Globalgeschichte der (interkulturellen) Philosophie wäre ein Desiderat der Zukunft.

 

Buch 3

Geschichte für alle e.V.: Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 5.vollständig überarbeitete Auflage, Sandburg Verlag, Nürnberg 2017, ISBN: 978-3-930699-91-9, 25 EURO (D)

Das ehemalige Reichsparteitagsgelände zählt zu den größten baulichen Relikten des Nationalsozialismus in der BRD. Dies war die größte Propagandaveranstaltung im Nationalsozialismus, die massenhafte und von oben organisierte Darstellung der „Volksgemeinschaft“. Dabei stand Adolf Hitler im Mittelpunkt: „Auf ihn waren die Architektur der Aufmarschgelände und die angetretenen Massen beim Appell ausgerichtet, er nahm die Paraden ab, ihn zu sehen und ihm zuzujubeln, war das wichtigste Nürnberg-Erlebnis.“ (S. 9)

 Das 1994 unter dem Titel „Geländebegehung“ erstmals erschienene Buch erscheint nun in vollständig überarbeiteter und aktualisierter Form unter einem neuen Titel die fünfte Auflage. Es beruht auf der langjährigen Erfahrung von Geschichte für Alle e.V., aber auch auf Forschungen in Archiven und Bibliotheken sowie der Arbeit im und mit dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Neuere Quellen und zahlreiche neue Abbildungen wurden eingearbeitet.

Das Buch bietet einen ausführlichen Rundgang über das Gelände, eine Darstellung des Geschehens der Reichsparteitage, eine Baugeschichte des Geländes und eine kritische Würdigung des Umgangs mit diesem baulichen Erbe seit 1945.

Mit dem Bau des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände wurde 2001 auf dem Areal eine Ausstellung geschaffen. Ergänzend dazu gibt es einen eigenen Rundgang über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in 14 Stationen. In weitegehend chronologischer Reihenfolge kommt man dabei zu den Standorten der wesentlichen Bauten. Diese werden im ersten Kapitel präsentiert. Am Anfang ist eine Skizze aus dem Jahre 1935 zur Orientierung abgebildet.

Danach stehen die Reichsparteitage selbst im Mittelpunkt. Zu Beginn gibt eine Chronologie, dann wird das Programm des Reichsparteitages 1937 als Beispiel abgedruckt. Der Umgang der Nazis mit dem letzten demokratischen Oberbürgermeister Hermann Luppe, sein nationalsozialistische Nachfolger Willy Liebel als Mitbauherr des Areals, Julius Streicher und „Der Stürmer“, die Reichsparteitagsfilme von Leni Riefenstahl, Frauen bei den Reichsparteitagen, die „Nürnberger Gesetze“, die Lichtpropaganda, der Zusammenhang zwischen dem Reichsparteitagsgelände und der Zwangsarbeit und dem System der Konzentrationslager, das Deportationslager in Langwasser, der gescheiterte Anschlag des Antifaschisten Helmut Hirsch, die Rolle des Rundfunks, der Wochenschau und des Fernsehens bei den Reichsparteitagen sowie die Bildproduktion zum Massenereignis Reichsparteitag kommen dort zur Sprache.

Anschließend folgt eine ausführliche Betrachtung der Baugeschichte des Geländes. Die Nutzung des Geländes vor 1933, Speers Baumodell des Geländes, die architektonische Aussagekraft, die Karriere von Franz Ruff, der die Kongresshalle auf dem Gelände baute, die Karriere von Albert Speer, deren architektonische und städteplanerischen Helfer, das Lagergelände für die Teilnehmer der Reichstagsparteitage und die Infrastruktur des Geländes werden dort behandelt.

Der Umgang mit dem Reichsparteigelände seit 1945 wird danach in verschiedenen Etappen vorgestellt. Der Reichsparteitagstourismus im „Dritten Reich“ und heute und die Möglichkeiten der historischen Bildung werden dort ebenfalls thematisiert.

Im Anhang findet man noch ein Personenregister, einen Bildnachweis, die Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis.

Dies ist ein ausführlicher Überblick über das Reichsparteitagsgelände in der Nazizeit und nach 1945. Es werden sehr viele Originalquellen, historische Fotos aus der Zeit des „Dritten Reiches“ und nach 1945 gezeigt, die dem Buch einen lebendigen Charakter geben und den informativen Text visualisieren. Die Bandbreite historisch-pädagogischer Bildung hätte ausführlicher sein können, was gerade Lehrer für einen Besuch mit Klassen angeht.

 

Buch 4

Gilles Kepel: Chaos. Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen, Verlag Antje Kunstmann, München 2019, ISBN: 978-3-95614-320-5, 28 EURO

Gilles Kepel gilt als einer der bedeutendsten Soziologen Frankreichs und renommierter Kenner der arabischen Welt sowie des politischen Islam und des radikalen Islamismus. In diesem Buch beschreibt er die gesamte politisch-religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Nahen Ostens, des Irans und Nordafrikas seit 1973. Der Krieg zwischen zahlreichen arabischen Staaten und Israel begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, auf dem Sinai und den Golanhöhen, die sechs Jahre zuvor von Israel im Zuge des Sechstagekrieges erobert worden waren.. Nach der zweiten Kriegswoche waren die Syrer vollständig aus den Golanhöhen abgedrängt worden. Im Sinai waren die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte derweil zwischen zwei ägyptischen Armeen durchgebrochen, hatten den Sueskanal (die alte Waffenstillstandslinie) überschritten und eine ganze ägyptische Armee abgeschnitten, bevor der UN-Waffenstillstand am 24. Oktober 1973 in Kraft trat.

Danach beschreibt er den Aufstieg von Saudi-Arabien und der verschiedenen Emirate am Golf, der Ölpreisschock dürfte Älteren noch bekannt sein. Ihr geostrategischer Gegner wurde nach der Revolution von 1979 der Iran, was der Autor vor allem durch die verschiedene Auslegung des Korans begründet. Die schiitischen Länder Saudi-Arabien und Emirate gegen den sunnitisch geprägten Iran. Die zahlreichen Kriege zwischen Sunniten und Schiiten und der allmählich sich herausbildende radikale Islamismus gegenüber der westlichen Welt werden eingehend beschrieben. Den Dschihad bis heute unterteilt Kepel in drei Phasen. Der Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan war die erste Phase, der Aufstieg der Terrororganisation al-Qaida mit dem Höhepunkt 9/11 als zweite Phase und dem so genannten Islamischen Staat, der im Irak und Syrien Teile unter seine Kontrolle brachte und die Terroranschläge in Europa als noch nicht abgeschlossene dritte Phase.

Die Ereignisse des Arabischen Frühlings, die Kriege in Syrien und im Jemen, der Kampf der Warlords in Libyen, Israel und seine Nachbarn, die innenpolitischen Spannungen im Libanon und auch zum Teil die massenhafte Flucht nach Europa werden ebenfalls angesprochen. Wichtige Personen, Organisationen und Bündnisse in der arabischen Welt werden erläutert, geopolitische Karten dienen zur Visualisierung. Im Anhang gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und ein Register.

Dies ist die Zusammenfassung der jahrzehntelangen Forschungen des Autors zur arabischen Welt. Der Titel wird den verschiedenen Ereignissen nur zum Teil gerecht. Der Zerfall staatlicher Ordnung ist nur in Teilbereichen innerhalb dieser langen Zeitspanne zu sehen. Passender wäre Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas von 1973 bis heute.

Kepel schafft es, trotz der Fülle des Stoffes wesentliche Entwicklungslinien darzustellen und in einen Zusammenhang zu bringen. Sein Ziel, westliche Leser über politisch-religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zu informieren, erreicht er weitgehend. Natürlich kann nicht alles in einem einzigen Buch abgehandelt werden, dafür gibt es die Hinweise im Literaturverzeichnis. Außerdem präsentiert er Lösungen, wie Europa heute mit den verschiedenen Krisenherden, die auch Erbe ihrer Kolonialpolitik sind, umgehen kann.

Buch 5

Christopher Kemp: Die verlorenen Arten. Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen, Verlag Antje Kunstmann, München 2020, ISBN: 978-3-95614-291-8, 25 EURO (D)

Jedes Jahr finden und beschreiben Wissenschaftler bis zu 18 000 neue biologische Arten, die in den Sammlungen naturkundlicher Museen lagern, aber bislang noch keinen oder einen falschen Namen haben. Jede dieser Arten musste erst aus den Archiven hervorgeholt und bestimmt werden, damit man von ihrer Existenz erfährt. Manch ein Exemplar liegt so lange unerkannt in den Archiven, dass seine Art bereits ausgestorben ist, ehe sie erkannt und beschrieben wird. Erst wenn man weiß, dass es eine Art gibt, kann man anfangen, sie zu erforschen, unsere Kenntnisse über die Prozesse ihrer Evolution zu vertiefen und die vielschichtigen Ökosysteme zu verstehen, in denen die Arten vorkommen. Nur so kann die Artenvielfalt geschützt und das Artensterben eindämmt werden: „Den meisten Schätzungen zufolge gibt es auf unserem Planeten rund zehn Millionen biologische Arten, aber noch nicht einmal zwei Millionen davon haben wir mit einem Namen verbunden. Der Rest der biologischen Vielfalt auf der Erde bleibt unerkannt.“ (S. 14)

Die Sammlungen naturkundlicher Museen und Archive der Arten müssen besser genutzt, schneller und durch mehr Personal bearbeitet und die Finanzierung gesichert werden: „Die Sammlungen sind in mehrfacher Hinsicht konkret von Nutzen. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler beispielsweise vergleichen, welche biologischen Arten zu verschiedenen Zeiten in einer bestimmten Region gelebt haben, und so die Auswirkungen des Klimawandels besser zu verstehen. Wir können die Sammlungen nutzen, um die Ausbreitung invasiver Arten und Krankheiten in Ökosystemen nachzuvollziehen.“ (S. 20)

Im Hauptteil des Buches erzählt der Autor Geschichten aus den weltweiten Sammlungen, die unterteilt in Wirbeltiere, wirbellose Tiere, Botanik und Fossilien sind. In der Mitte des Buches gibt es noch farbige Abbildungen verschiedener Exponate. In einem Ausblick geht es nochmals auf die Gefährdung von Sammlungen ein: „Aber die Sammlungen sind auf der ganzen Welt bedroht – durch Nachlässigkeit, durch mangende Finanzierung, durch schrumpfende personelle Ausstattung, durch Kriege und durch die Vorstellung, ein hochauflösendes Bild eines Objekts sein ein Ersatz für das Objekt selbst.“ (S. 250)

Das Buch ist aber nicht nur ein Plädoyer der Taxonomie in und außerhalb von naturkundlichen Museen, sondern gibt auch einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeit verschiedener Institutionen. Bei der Bedrohung der Biodiversität auf der Erde ein wichtiges Buch.

Buch 6

René Stauffer: Roger Federer. Die Biografie, Piper, München 2019, ISBN: 978-3-492-05763-9, 25 EURO (D)

Roger Federer besitzt viele Superlative in der Geschichte des Tennissports: Mit insgesamt 310 Wochen führte Federer die Weltrangliste bislang am längsten an. Er hält den Rekord für die meisten Grand-Slam-Titel im Einzel bei den Herren (20) und hat bis dato 101 Einzel- und acht Doppeltitel gewonnen. Federer wurde fünfmal zum Weltsportler des Jahres gewählt und damit so häufig wie kein anderer Sportler. Er ist einer von acht Spielern, die im Laufe ihrer Karriere alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens einmal gewonnen haben. Mit acht Einzeltiteln ist er der Rekordsieger in Wimbledon Mit sechs Siegen ist Federer Rekordhalter bei den ATP Finals.

René Stauffer besitzt seit Jahren eine persönliche Nähe zur Tennislegende und gibt in diesem Buch seine neue umfassende Biografie über Roger Federer heraus. Darin zeichnet er seine berufliche und persönliche Entwicklung, seine Methoden, seine wichtigsten Menschen, sein Erfolgsgeheimnis und Krisen und Triumphe nach, dessen Karriere noch längst nicht beendet ist.

Das Buch beginnt nicht chronologisch, sondern nach seiner unfreiwilligen Krise 2016 und seinem Comeback mit dem Sieg am Australien Open 2017 mit Mitte 30 und der Fortsetzung des Tennis-Märchens zur Rückkehr an die Nummer 1 der Weltrangliste. Danach geht es um die Persönlichkeit und die beispiellose Karriere Federers, wo der Autor einen Schnitt macht und mit Federers Anfängen als Sportler beginnt. Im Zwiespalt zwischen Fußball und Tennis entscheidet sich der junge Roger für letzteres, ein gute Wahl. Seine weitere Entwicklung im nationalen Leistungszentrum der Schweiz, der Anteil seiner Eltern am frühen Erfolg und seine Flegeljahre als junger Tennisprofi werden geschildert. Sein Erfolgsrezept ist neben seine Leidenschaft für das Tennis sein ausgeprägter Wille zur ständigen Verbesserung.

Man erfährt, wie Federer auch nach seinen ersten Grand-Slam Siegen nicht abgehoben ist und weiter an sich gearbeitet hat. Durch seine Familie und seine Kinder rückte er auch abseits des Platzes immer mehr in eine Vorbildrolle hinein. Er interessiert sich für die Weiterentwicklung des Tennis, wird lockerer im Umgang mit Fans und Journalisten, engagiert sich für wohltätige Zwecke und gründet eine Stiftung zur Bildungsförderung. Federer selbst kommt als intelligent, sprachgewandt, nachdenklich und bodenständig rüber, der ohne Starallüren auszukommen scheint. So perfektionistisch er beim Tennis ist, so entspannter ist er in seiner wenigen Freizeit und im Kollegenkreis, was Interviews mit Nadal oder Djokovic nahelegen.

Denn er spricht drei Sprachen fließend und hat Witz. Daneben engagiert er sich mit viel Herz für wohltätige Zwecke und hat selbst eine Stiftung zur Bildungsförderung gegründet. Kurzum, Federer brilliert nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Er ist in dieser Hinsicht der kompakteste Tennisspieler aller Zeiten und ein Beispiel für seine jungen Nachfolger. Neben diesem kommt auch sein näheres Umfeld zu Wort. Der Einfluss seiner Coaches, die Rolle seiner Frau Mirka und seiner Eltern auf sein Leben wird ebenfalls beleuchtet.

In dieser Biografie stehen nicht die sportlichen Erfolge Federers, sondern eher er als Mensch und Persönlichkeit im Mittelpunkt, der den Spagat zwischen Professionalität im Sport und Menschlichkeit im Privaten schafft. Somit taugt er nicht nur als sportliches Vorbild für Millionen von jungen Tennisspielern, sondern auch als integrere Persönlichkeit des Weißen Sports.

 


[3] https://qmro.qmul.ac.uk/xmlui/handle/123456789/1461

 







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