Neuerscheinungen Erziehung und Schule


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03.04.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Markus Stecher/Romina Rauner: Unterrichtsqualität im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation, Median Verlag, Heidelberg 2019, ISBN: 978-3-941146-74-7, 38,90 EURO (D)


Das Buch will dabei helfen, die Qualität des Unterrichts im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation zu erhöhen. Das vorliegende Buch knüpft zwar an das 2011 erschienene Werk „Guter Unterricht bei Schülern mit einer Hörschädigung“ von Markus Stecher an, ist aber eine komplette Neubearbeitung. Unter Heranziehung neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen gibt es Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand, um die Potentiale von Schülern zu verbessern und damit ihre aktive Teilnahme.

Im ersten Teil des Buches geht es um Merkmale und Qualitäten einer praxisnahen sonderpädagogischen Diagnostik. Diese werden in ein Handlungsmodell zur Gestaltung diagnostischer Prozesse in sonderpädagogischen Kontexten überführt. Danach wird noch das wissenschaftsbasierte Modell zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung, die Webbasierte Sonderpädagogische Diagnostik vorgestellt. Der Autor Markus Stecher ist Gesamtleiter dieses Tools.

Im zweiten Teil werden fünf Qualitätsbereiche (Beziehungsgestaltung, Klassenführung, kognitive Aktivierung, Strukturierung, spezifische Qualitäten im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation) beschrieben und anhand von Praxisbeispielen veranschaulicht. Der Bereich spezifische Qualitäten im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation wird noch in sechs Untergliederungen zu den Sprachebenen Wortschatz, Grammatik und Aussprache vorgestellt.

Der dritte Teil behandelt den „Qualitätsrahmen Unterricht“ als Werkzeug, für die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht. Im Anhang findet man ein Literaturverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis.

Das Buch richtet sich insbesondere an Lehrpersonen, Studierende, Fachleiterinnen und Fachleiter an Seminaren sowie Referendarinnen und Referendare, die im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation tätig sind und das Ziel verfolgen, die Qualität ihres Unterrichts weiterzuentwickeln. Die einzelnen Inhalte bauen systematisch aufeinander auf, sind aktuell und die praktischen Beispiele werden verständlich beschrieben. Didaktisch ist das Buch hervorragend mit Abbildungen, Tabellen, verschiedenen Farbelementen und Zeichnungen aufbereitet. Die notwendigen Kompetenzen des Diagnostikers hätten aber ausführlicher thematisiert werden und Fort- oder Weiterbildungsangebote oder Institutionen im Anhang aufgelistet können. Ein eigenes kurzes Kapitel mit häufig in der Praxis gemachten Fehler und auftretenden Problemfelder hätte auch noch ergänzt werden können.

Buch 2

Barbara Ehring-Hüttemann / Hildegard Berger / Mechthild Everding-Kraß / Uschi Gohl / Sigrid Heermann: Handorfer Spielekartei für Voltigier- und Reitpädagogen, 4. Auflage Ernst Reinhardt, München 2019, ISBN: 978-3-497-02860-3, € [D] 46,00

Die Handorfer Spielekartei von fünf Pädagoginnen ist eine Sammlung von Spielen und Übungen zur Voltigier- und Reitpädagogik mit Kindern, die in der heilpädagogischen Praxis angewandt worden sind und sich bewährt haben. Hier werden in einer Karteibox über 140 Aktivitäten auf Karteikarten mit DIN A6 Format in der vierten Auflage präsentiert.

Die Spiele zur Voltigier- und Reitpädagogik sind nach Förderbereichen sortiert und farblich gekennzeichnet. Es erfolgt eine klare Zuordnung nach den Förderbereichen Körperwahrnehmung, taktile Wahrnehmung, auditive Wahrnehmung, visuelle Wahrnehmung, Visumotorik, verbale Kommunikation, Merkfähigkeit, Kreativität sowie Partnerschaft/Gruppenverhalten, was hilft, die richtige Übung für die individuellen Anforderungen des Kindes zu finden. Die Übungen haben teilweise das Pferd selbst zum Inhalt oder binden es in Verlaufe ein. Manche Übungen sind mit und oder Pferd konzipiert.

Wie Pferde wahrnehmen, interagieren und nach welchen Mustern sie reagieren könnten, das Beziehungsdreieck von Pferd, Pädagoge und Kind oder andere Informationen über das Pferd als Interaktionspartner und die pferdegestützte Pädagogik werden nicht extra angesprochen und als bekannt vorausgesetzt.

Die Spielekartei stellt eine wertvolle Fundgrube für alle dar, die mit Pferden und Kindern arbeiten. Die Karten stammen aus der Praxis und sind für andere Praktiker konzipiert worden. Manche Übungen sind allerdings nur grob geschrieben, da fehlen tiefere Informationen zu Lerninhalten und möglichen Problemen.

Insgesamt gesehen tragen die Übungen dazu bei, die Wahrnehmungsfähigkeit eines Kindes und das Erkennen von Signalen zwischen ihm und dem Pferd zu schulen. Außerdem werden soziale Kompetenzen und die Empathiefähigkeit des Kindes verbessert, was wiederum zu mehr Selbstbewusstsein führt. Grob- und Feinmotorik beeinflussen die differenzierte Koordination der Bewegungsabläufe.

 

Buch 3

Hans-Uwe Otto/Hans Thiersch/Rainer Treptow/Holger Ziegler (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit, Ernst Reinhardt Verlag, 6. Auflage, München , ISBN: 978-3-497-02745-3, 79,90 EURO (D)

Rund 200 Autoren und Autorinnen stellen in diesem Handbuch den Stand der Sozialen Arbeit in ihrer theoretischen Diskussion, Forschung und Praxis dar. Die Beiträge fassen die zentralen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, machen Probleme und neue Aufgaben deutlich und geben Impulse für notwendige Entwicklungsaufgaben der Sozialen Arbeit.

Dies ist die überarbeitete sechste Auflage. Dafür wurden über die Hälfte der Beiträge aktualisiert und teilweise umfassend überarbeitet. Zum Teil erhielten sie einen neuen Themenzuschnitt, unterschiedliche Aspekte zu einem Sachverhalt wurden gebündelt, gestrafft oder ergänzt. Eine Reihe weiterer Texte wurde neu in das Handbuch aufgenommen, um jüngsten Entwicklungen und aktuellen Fragestellungen wie Flucht und Migration, Inklusion, Diversität und Heterogenität Rechnung zu tragen. Auf disziplinärer Ebene hat die Soziale Arbeit einen Bedeutungszuwachs international vergleichender Forschung zu verzeichnen, der Bereich des Qualitätsmanagements ebenfalls. Beide werden hier mit größerer Intensität behandelt. Das Herausgeberteam wurde um Rainer Treptow und Holger Ziegler erweitert.

Die Stichworte sind alphabetisch aufgeführt. Ein systematisch orientiertes Verzeichnis verdeutlicht Verbindungslinien und Korrespondenzen zwischen einzelnen Beiträgen. So sind einzelne Beiträge mehreren Überschriften zugeordnet, die nach dem Inhaltsverzeichnis folgen. Im Sachregister wird man auf der Suche nach detaillierten Begriffen fündig, so dass Verbindungen zwischen einzelnen Aspekten und ganzen Sachgebieten möglich sind. Mit einem individuellen Zugangscode man auf www.handbuch-soziale-arbeit.de das komplette Handbuch auch online lesen, durchsuchen und die Beiträge mit eigenen Notizen versehen.

Das Handbuch ist auf aktueller Grundlage und unter Berücksichtigung von aktuellen Entwicklungen und Fragestellungen geschrieben, wobei Gesetzesänderungen bis zum Jahre 2018 enthalten sind. Sie sind in gesellschaftliche und soziokulturelle Entwicklungen eingebettet und haben insgesamt gesehen eine hohe Qualität. Bei der Auswahl der Beiträge wird ein breites Spektrum abgedeckt, nur die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Soziale Arbeit und Gerontologie fehlen.

 

Buch 4

Hans-Helmut Decker-Voigt/ Dorothea Oberegelsbacher/ Tonius Timmermann: Lehrbuch Musiktherapie, 3., aktualisierte Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-8252-5295-3, 39 EURO

Musiktherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend in einer breiten Skala von Tätigkeitsbereichen und Praxisfelder quer durch alle entwicklungspsychologischen Phasen hindurch etabliert. Dieses Lehrbuch stellt die theoretischen Grundlagen, Behandlungstechniken und klinischen Anwendungen der Musiktherapie dar. Die praktische Anwendung wird für verschiedene Alters- und Entwicklungsstufen mit je typischen Störungsbildern und Konflikten beschrieben und mit Falldarstellungen illustriert.

Das Buch besteht aus drei Teilbereichen. Im ersten Teil geht es um Grundlagen: Nach einer Definition werden Praxisfelder, Indikation, Forschungsstand, Musikinstrumente und ihre Symbolik, Praxeologie, Improvisation, Rezeption, das Wort, das Zusammenspiel mit anthropologischen und ethologischen Aspekten sowie die Geschichte der Musiktherapie behandelt.

Entlang dem Lebenszyklus werden die Einsatzbereiche und Möglichkeiten der Musiktherapie veranschaulicht. Dies sind der pränatale Raum, der postnatale und präverbale Raum (0-2), die Kleinkindphase (2-6), die späte Kindheit (6-12), Pubertät (12-16), die Adoleszenz (16-28), die mittlere Lebensphase (28-60), die Zeit zwischen 60 und 75 sowie der letzte Lebensabschnitt. Alle Kapitel bestehen aus einem Dreischritt: Erstens Normalverlauf und Störungsmöglichkeiten, zweitens Beispiele aus der Praxis und drittens Theoriebildung.

Der dritte Teil besteht aus Reflexionen der vorherigen Bereiche: Dort geht es um die berufliche Identität, die Einordung in den Rahmen der Psychotherapie und um einen Ausblick auf Forschung und Ausbildung sowie Adressen von Organisationen. Außerdem gibt es noch ein Sachregister.

Zur Vertiefung mit einem Teilthema findet man am Ende eines jeden Kapitels Literaturempfehlungen zur Vertiefung.

Die enge Beziehung der Musiktherapie zu Medizin, Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik wird hier deutlich gemacht. Das Werk hat aber nicht nur Lehrbuchcharakter, sondern ist durchaus anwendungsorientiert: Es erläutert anhand von praktischen Fallbeispielen die Verfahren und Anwendungsgebiete, die Heilungserfolge und kreativen Impulse der Musiktherapie. Hervorzuheben ist der umfangreiche Überblick über Ausbildung/Weiterbildung und Adressen.

 

Buch 5

Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen, Patmos Verlag, Ostfildern 2018, ISBN: 978-3-8436-1011-7, 39 EURO (D)

 

Ursula Wirtz hat seit 1982 eine private psychotherapeutische Praxis, lebt und arbeitet in Zürich, auch als Supervisorin mit Einzelnen und Teams mit einem Schwerpunkt im Bereich der Psychotraumatologie. Sie ist Dozentin, Lehranalytikerin und Supervisorin am Internationalen Seminar für analytische Psychologie Zürich, ISAP und Ausbildnerin für Jungsche Psychologie in Osteuropa.

In diesem Buch gibt sie Einblick in ihre langjährige Praxis mit schwer traumatisierten Menschen. Anhand von Fallberichten zeigt sie Wege aus der Krankheitsfalle und gibt Hoffnung: Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen kann die Tür zur spirituellen Dimension öffnen und uns reifer und weiser werden lassen.

In ihren Ausführungen wendet sie sich neben psychoanalytischen Vorbildern sich den kollektiven philosophischen, weltanschaulichen und auch den transzendierenden spirituellen Dimensionen zu, die in der individuellen Verarbeitung von existenziellen Krisensituationen eine Rolle spielen können. Dabei verweist sie auch auf bekannten Persönlichkeiten aus externen Bereichen wie Carl Jaspers, Paul Celan, Donald Kahlsched, Eugen Drewermann, Nelly Sachs, Etty Hillesum, Hannah Arendt, Jean Améry, Immanuel Kant und Therapeuten wie Chhim Sorheara.

Der Grundstock ihrer Überlegungen bildet aber die Analytische Psychologie C. G. Jungs und deren konzeptuellen Perspektiven auf die Verarbeitung von traumatischen Störungen. Sein Roten Buch ist für sie eine enorme Fundgrube an Material zu schwierigsten Zuständen der Seele und die spirituellen Dimensionen. Dort arbeitete Jung seine traumatischen Erfahrungen quasi mit kunsttherapeutischen Methoden durch: über viele Jahre hinweg gestaltete er seine Träume, Imaginationen und Visionen sprachlich und bildhaft-symbolisch höchst differenziert aus. Sie arbeitet die verschiedenen Aspekte der Wandlung und Transformierung von traumatischen Erfahrungen und sieht dieses Werk schließlich als einen möglichen Weg zur Bewältigung und Integration. Außerdem wird die Komplementarität im therapeutischen Prozess, der Beziehungsmodus, Aspekte der Passung und der wechselseitigen dynamischen Interaktion.

In vielen Bildern, Beispielen und mit vielen Zeugnissen wird das Zerbrechen, das Leiden, die Verzweiflung, der Mord an der Seele  und auch die transformierende Kraft des Leidens skizziert und mit Bildern und Plastiken von Betroffenen illustriert.

Die Auseinandersetzung mit der traumatischen Erfahrung findet weniger über die symbolische, künstlerische und philosophische Auseinandersetzung mit den inneren Bildern.

Die Voraussetzung dafür ist eine strukturierende, haltgebende therapeutische Beziehung möglichst kontinuierlich, in der das Erlebte gemeinsam getragen werden kann. Die therapeutische Beziehung ähnelt einer archetypische Idee eines Feldes in unterschiedlichen Facetten: als intersubjektives Feld, als interaktives Feld, als potentieller oder Übergangs-Raum, oder als das analytische Dritte als dem eigentlichen Gegenstand der Analyse. Dieses Feld entsteht aus der intersubjektiven Interaktion von Therapeutin und Patientin, besitzt aber dennoch seine eigene Subjektivität.

Sie zeigt eindrücklich aus, wie Menschen traumatische Erfahrungen in den Kontext ihrer Lebensgeschichte integrieren können. Ihre klinisch-psychologischen Erfahrungen in Therapie, Supervision und in der Ausbildung von Therapeuten werden immer wieder herangezogen. Therapeuten können aus dem Fundament der Trauma-Behandlung ihren Horizont für ihre eigenen Behandlungsmethoden erweitern, wenn sie von C. G. Jungs konzeptuellen Perspektiven auf die Verarbeitung von traumatischen Störungen überzeugt sind.

 







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