Neuerscheinungen Sachbuch


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29.05.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-492-07033-1, 25 EURO (D)

Simone de Beauvoir (1908-1986) war eine französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin. Die Verfasserin zahlreicher Romane, Erzählungen, Essays und Memoiren gilt als Vertreterin des Existentialismus. In ihrer opulenten Biografie greift Kate Kirkpatrick greift auf bisher unveröffentlichte Tagebücher und Briefe zurück, und gibt einen Einblick in Beauvoirs Beziehungen, ihre Philosophie der Freiheit und der Liebe und ihr Wesen.

Kate Kirkpatrick weist nach, dass Simone de Beauvoir ein eigenständiger Charakter jenseits von ihrer Beziehung zu Sartre entwickelte, obwohl natürlich auch deren Beziehung ein Schwerpunkt des Werkes ist. Dabei arbeitet sie auch die Unterschiede zwischen ihrer Denkweise und zentralen Aspekten von Sartres Philosophie und zum Teil auch des Existenzialismus an sich heraus.

Ihre ständige persönliche Weiterentwicklung wird hier betont, das unvollkommene Wesen Mensch am Beispiel der französischen Denkerin detailliert dargelegt. Kirkpatrick legt die These vor, dass sie aus dem Grund Romane und Erzählungen schrieb, um eine lebendige Philosophie jenseits der akademischen Diskussion zu vermitteln und somit ihre Gedanken einem breiterem Publikum zugänglich zu machen.

Es wird auch die Diskrepanz zwischen ihrem öffentlichen Image und ihren intimen Wünschen und Gefühlen, die sie in ihren Tagebüchern und Briefen beschreibt, herausgearbeitet. Dadurch wird ein vollständigeres Bild von de Beauvoir gezeichnet. Trotz ihres überragenden Intellektes und ihrer facettenreichen Persönlichkeit war sie dennoch von Selbstzweifeln geplagt, was sie aber nicht von anderen Denkern von Weltrang unterscheidet.

Dies ist eine detaillierte Biographie von Simone de Beauvoir aus feministischer Sichtweise. Andere Biographien  über de Beauvoir konzentrieren sich auf ihre Beziehung zu Sartre. In diesem Buch wird offenbart, dass de Beauvoir ihr eigenes Leben führte und eine unabhängige Denkerin war, die uns auch heute noch etwas zu sagen hat.

Buch 2

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten, Unionsverlag, Zürich 2020. ISBN: 978-3-293-00556-3, 26 EURO (D)

In diesem Buch stellt der Schriftsteller und surrealistische Künstler Desmond Morris aus seinem reichen Erfahrungsschatz die Persönlichkeiten der surrealistischen Bewegung ungeschminkt dar. Mit 20 Jahren hatte Morris seine erste Gemäldeausstellung im Swindon Arts Centre. 1950 stellte er seine Gemälde gemeinsam mit Joan Miró im Rahmen einer Schau surrealistischer Werke in der London Gallery vorstellen. Gleichfalls 1950 schrieb und produzierte er zwei surrealistische Filme: Time Flower und The Butterfly and the Pin.

Morris sieht im Surrealismus mehr als eine Kunstbewegung, sondern eine Lebensweise der Rebellion gegen überkommene Werte vor allem aus dem viktorianischen Zeitalter. Im Laufe der Zeit wurde es zu einem internationalen Phänomen. Außerdem prägten das sinnlose Morden und die Zerstörungen des 1. Weltkrieges das Empfinden und die Arbeit von mehreren Anhängern der Bewegung wie Max Ernst oder Henry Moore. Morris beleuchtet die Vielfalt der Interpretationen der surrealistischen Philosophie, die dem Leben und den Praktiken der Künstler innewohnt.

Er zeichnet in einzelnen Kapiteln das Leben eines bestimmten Künstlers nach, ergänzt durch sein fotografisches Porträt und ein charakteristisches Kunstwerk. Dabei konzentriert er sich auf vielen Fällen in humoristischer Weise auf seltsame und extravagante Facetten der jeweiligen Persönlichkeit. Max Ernst war von den Surrealisten am innovativsten, er probierte immer neue Techniken aus und gab sich nie mit Erreichtem zufrieden. René Magritte provozierte gegen alles und jeden und war dabei vielfach beleidigend. Besonderes Augenmerk legt Morris auf die unterschiedlichen sexuellen Vorlieben und die wechselnden Beziehungen der Künstler. Ernster wird es bei der Beschreibung der Persönlichkeit der zentralen Figur des Surrealismus, André Breton. Dieser entwickelte sich vom spiritus rector immer mehr zu einem „Diktator“, der keinen Widerspruch duldete und andere Meinungen nicht zuließ. Die in seinem Manifest dargelegten Theorien entwickelte er zu Dogmen. Als sich Salvador Dali und andere weigerten, dies anzuerkennen, wurden sie aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen.

Dies ist also kein Kunstbuch an sich, wo surrealistische Kunstwerke analysiert und seziert werden, sondern ein kurzweiliges Buch über Künstlerpersönlichkeiten des an Individuen so reichen Surrealismus. Offen und direkt beschreibt er seine Eindrücke über die schrägen Persönlichkeiten, meist mit Witz und Charme. Bei den sexuellen und erotischen Vorlieben entsteht manchmal der Eindruck des Klatsches und der pointierten Enthüllung um ihrer selbst willen. Er deutet den Surrealismus als radikale Rebellion gegen bestehende Strukturen und betont dabei die Philosophie und die Ziele des Surrealismus an sich. Nebenbei enthält diese wertvolle Primärquelle der surrealistischen Bewegung auch tolle Fotografien der Künstler und ihrer Werke.

Buch 3

Daniela Schwegler/Stephan Bösch: Landluft. Bergbäuerinnen im Porträt, 2. Auflage, Rotpunktverlag, Zürich 2017, ISBN 978-3-85869-752-3, 37 EURO (D)

In der Reihe der Thurgauer Autorin Daniela Schwegler über starke Frauen in außergewöhnlichen Berufen, die als Männerdomäne gelten, porträtiert in diesem Buch 12 Frauen zwischen 18 und 87 Jahren aus unterschiedlichen Regionen der Schweiz, die aus ihrem Leben als Bergbäuerinnen erzählen. Die jüngste ist Doris Martinelli, die auf dem familieneigenen Hof im Tessin arbeitet und die älteste ist Edith Freidig mit 87 Jahren aus Lenk bei Bern. Die Bilder der Bergbäuerinnen und der sie umgebenden Natur stammen vom Fotografen Stephan Bösch.

Zu Beginn eines jeden Porträts wird der Hof beschrieben (Lage, Höhe, Größe, Art der Bewirtschaftung, Tiere). Der Hof wird abgebildet und ein kleiner Vorspann leitet das Porträt ein. Am Ende findet man Bilder der Arbeit auf dem Hof und der dort lebenden Menschen. Außerdem gibt es noch einen speziellen Wandertipp, um die schöne Umgebung genießen zu können.

Dort wird zum Beispiel die vierzigjährige Sandra Böhm aus dem Appenzeller Land porträtiert. Sie arbeitete zunächst als Grundschullehrerin, war dort aber nicht glücklich. Sie machte eine Lehre in der Landwirtschaft und lebt heute mit ihrem Mann und vier kleinen Kindern auf einem Biohof, den sie bewirtschaften. Dabei spielt das wenige Geld, was sie verdienen, eine Nebenrolle. Sie selbst sagt, dass diese Arbeit sie ausfüllt und ihr einen Lebenssinn und dass sie das Leben in der Natur liebt.

Regula Imperatori baute den Biohof Obere Muolte im Westen der Schweiz allein mit ihren vier Kindern auf. Dann lernte sie ihren jetzigen Mann, ebenfalls Bauer, kennen. Er verpachtete seinen eigenen Hof und zog zu ihr. Seitdem bewirtschaften sie den Hof nach biologischen Kriterien zusammen: Sie ziehen Rinder für Talbauern auf, halten Mutterkühe, zwei Pferde und drei Esel, haben einen Garten zur Selbstversorgung und bewirtschaften Wald. Bald wollen die beiden ihren Kindern den Hof übergeben und kürzer treten.

Dies sind unterschiedliche Frauen mit verschiedenen Biografien. Sie alle eint ihre Liebe zu ihren Tieren und ihre Leidenschaft für das Leben und Arbeiten in der freien Natur. Sie wollen keine Karriere machen, sondern sehen die harte körperliche Arbeit und das Leben mit und in der Natur als sinnerfüllend an. Oft klingt fast philosophisch eine Einheit mit der sie umgebenden Bergwelt an, die Schönheit der Natur und einfache Sachen im Leben werden hervorgehoben und gewürdigt. Dabei wird trotz der Schönheit der Natur kein Postkartenidyll gezeichnet, sondern auch Träume, Probleme und schwere Lebensspannen deutlich angesprochen.

Hinten im Buch gibt es eine geografische Karte der Schweiz, wo die einzelnen Höfe verzeichnet sind.

Dies sind Porträts beeindruckender Frauen mit einem eigenen Kopf. Die Art der Porträts ist gut gelungen. Die Autorin hält sich im Hintergrund, es werden viele Zitate benutzt und damit unmittelbare Einschätzungen gegeben. Wobei sich hier keine der Frauen wichtig nimmt, es klingt immer eine bestimmte Art von Zufriedenheit, im Leben das Richtige zu tun, keinen übermäßigen Konsum zu brachen und Respekt vor der Natur heraus.

Buch 4

Joachim Nölte. Potsdam. Was es wurde, was es ist. Mit Hörbuch „Potsdamer ABC“, Edition Terra, 2. Auflage, Berlin 2019, ISBN: 978-3-942-91339-1, 18 EURO (D)

Dieses Buch stellt die Stadtgeschichte Potsdams von ihren Anfängen bis in die Gegenwart vor. Es basiert auf der illustrierten Ausgabe „Potsdam. Wie es wurde, wie es ist“ aus dem Jahre 2018. Der Inhalt wurde erweitert und aktualisiert. Hier wird die „außergewöhnliche Geschichte einer außergewöhnlichen Stadt erzählt“, die keiner „stetigen Aufwärtslinie“ folgte: „Potsdams Geschichte verlief – wie anderer Städte auch – im Zickzack. Mit Blütezeiten, Zerstörungen, Entbehrungen, Versäumnissen. Die Geschichte Potsdams ist ein typisches Bild deutscher Geschichte.“ (S. 4)

In der vorderen Innenseite findet man die Herrscher Preußens angefangen vom Großen Kurfürsten bis zu Wilhelm II. Zwei spezielle Potsdamer Daten werden erklärt, dann folgen 10 Kapitel zur den verschiedenen Etappen der Stadtgeschichte. Zunächst werden die Anfänge bis zu den verheerenden Folgen des 30jähirgen Krieges beschrieben. Danach folgen in einzelnen Kapiteln die preußischen Herrscher unterbrochen durch ein Kapitel über die Zeit nach 1789 und die „Befreiungskriege“. Die postmonarchistische Zeit ab 1918 über die NS-Herrschaft bis hin zur Judenverfolgung und dem Ende des 2. Weltkrieges und den Zerstörungen kommt dann zur Sprache. Die Stadtentwicklung in der SBZ und der DDR bis hin zur Wende wird dann vorgestellt. In einem Epilog wird kurz auf die Entwicklung Potsdams seit 1990 eingegangen.

Im Anhang findet man ein Personenregister, ein Glossar mit militärhistorischen Begriffen, Literaturempfehlungen und Leseproben anderer Bücher des Verlages. Außerdem ist dort der Text zum Hörbuch „Potsdamer ABC“ abgedruckt. Dort werden Stichwörter von A-Z zur Stadtgeschichte präsentiert. Dass Hörbuch kann auf einer im Buch abgedruckten Internetseite abgerufen werden.

Potsdam hat eine lange, bewegte und wechselvolle Geschichte, die in weiten Teilen ausführlich beschrieben wird. Herrschaftsgeschichte der Hohenzollern und ihre Beiträge zur Stadtentwicklung, Mitbegründer der Potsdamer Kulturlandschaft wie Lenné, Schinkel oder die Hugenotten aber auch das alltägliche Leben bilden eine angenehme Synthese. Die Potsdamer Konferenz und deren weltpolitischen Weichenstellungen kommen allerdings viel zu kurz, die Zeit nach 1990 mit der Neuorientierung hätte auch ausführlicher sein können. Eine Zeitleiste der wichtigsten Daten der Stadtgeschichte im Anhang zum schnellen Nachschlagen hätten auch noch hinzugefügt werden können. Gut ist, dass die weltanschauliche Toleranz und Vielfältigkeit in der Stadtgeschichte hervorgehoben wird.

Das Buch besteht zum großen Teil aus Text und einigen Grafiken und bietet mit ca. 350 Seiten und einem Hörbuch für den Preis eine Menge. Es ist geeignet als Hintergrundwissen für einen Besuch der Stadt zur Einordnung der zahlreichen Sehenswürdigkeiten.

 

Buch 5

René Stauffer: Roger Federer. Die Biografie, Piper, München 2019, ISBN: 978-3-492-05763-9, 25 EURO (D)

Roger Federer besitzt viele Superlative in der Geschichte des Tennissports: Mit insgesamt 310 Wochen führte Federer die Weltrangliste bislang am längsten an. Er hält den Rekord für die meisten Grand-Slam-Titel im Einzel bei den Herren (20) und hat bis dato 101 Einzel- und acht Doppeltitel gewonnen. Federer wurde fünfmal zum Weltsportler des Jahres gewählt und damit so häufig wie kein anderer Sportler. Er ist einer von acht Spielern, die im Laufe ihrer Karriere alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens einmal gewonnen haben. Mit acht Einzeltiteln ist er der Rekordsieger in Wimbledon Mit sechs Siegen ist Federer Rekordhalter bei den ATP Finals.

René Stauffer besitzt seit Jahren eine persönliche Nähe zur Tennislegende und gibt in diesem Buch seine neue umfassende Biografie über Roger Federer heraus. Darin zeichnet er seine berufliche und persönliche Entwicklung, seine Methoden, seine wichtigsten Menschen, sein Erfolgsgeheimnis und Krisen und Triumphe nach, dessen Karriere noch längst nicht beendet ist.

Das Buch beginnt nicht chronologisch, sondern nach seiner unfreiwilligen Krise 2016 und seinem Comeback mit dem Sieg am Australien Open 2017 mit Mitte 30 und der Fortsetzung des Tennis-Märchens zur Rückkehr an die Nummer 1 der Weltrangliste. Danach geht es um die Persönlichkeit und die beispiellose Karriere Federers, wo der Autor einen Schnitt macht und mit Federers Anfängen als Sportler beginnt. Im Zwiespalt zwischen Fußball und Tennis entscheidet sich der junge Roger für letzteres, ein gute Wahl. Seine weitere Entwicklung im nationalen Leistungszentrum der Schweiz, der Anteil seiner Eltern am frühen Erfolg und seine Flegeljahre als junger Tennisprofi werden geschildert. Sein Erfolgsrezept ist neben seine Leidenschaft für das Tennis sein ausgeprägter Wille zur ständigen Verbesserung.

Man erfährt, wie Federer auch nach seinen ersten Grand-Slam Siegen nicht abgehoben ist und weiter an sich gearbeitet hat. Durch seine Familie und seine Kinder rückte er auch abseits des Platzes immer mehr in eine Vorbildrolle hinein. Er interessiert sich für die Weiterentwicklung des Tennis, wird lockerer im Umgang mit Fans und Journalisten, engagiert sich für wohltätige Zwecke und gründet eine Stiftung zur Bildungsförderung. Federer selbst kommt als intelligent, sprachgewandt, nachdenklich und bodenständig rüber, der ohne Starallüren auszukommen scheint. So perfektionistisch er beim Tennis ist, so entspannter ist er in seiner wenigen Freizeit und im Kollegenkreis, was Interviews mit Nadal oder Djokovic nahelegen.

Denn er spricht drei Sprachen fließend und hat Witz. Daneben engagiert er sich mit viel Herz für wohltätige Zwecke und hat selbst eine Stiftung zur Bildungsförderung gegründet. Kurzum, Federer brilliert nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Er ist in dieser Hinsicht der kompakteste Tennisspieler aller Zeiten und ein Beispiel für seine jungen Nachfolger. Neben diesem kommt auch sein näheres Umfeld zu Wort. Der Einfluss seiner Coaches, die Rolle seiner Frau Mirka und seiner Eltern auf sein Leben wird ebenfalls beleuchtet.

In dieser Biografie stehen nicht die sportlichen Erfolge Federers, sondern eher er als Mensch und Persönlichkeit im Mittelpunkt, der den Spagat zwischen Professionalität im Sport und Menschlichkeit im Privaten schafft. Somit taugt er nicht nur als sportliches Vorbild für Millionen von jungen Tennisspielern, sondern auch als integrere Persönlichkeit







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