Neuerscheinungen Romane

18.10.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt. Roman, Dumont, Köln 2020, ISBN: 978-3-8321-8151-2, 18 EURO (D)

Die Geschichte handelt von der Mühlenstadt Commonwealth im Bundesstaat Washington während des Ersten Weltkriegs. Sie ist eine sozialistische Gemeinschaft und fernab vom Rest der Zivilisation. Charles Worthy gründete die Stadt, um bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter und bessere Lebensbedingungen für ihre Familien zu schaffen. Es ist ein soziales Experiment und ein Traum für alle und scheint zu funktionieren.

Vom 1 Weltkrieg und einer sich rasch ausbreitenden Influenza-Epidemie blieben die Bewohner noch verschont. Dennoch existiert ein Klima der Angst und Hysterie und Gerüchte über die Folgen der Epidemie breiten sich auch innerhalb von Commonwealth aus. Die Stadt führt eine strenge Quarantäne durch und postiert Wachen an der einzigen Straße.

Bei ihrer Wache bemerken der Sohn des Stadtgründers Philip Worthy und sein Freund Graham Stone einen hungernden und scheinbar kranken Soldaten, der versucht, die Stadt zu betreten, bittet er sie um Unterkunft. Die beiden stehen nun vor ethischen und existentiellen Fragen: Sollen sie ihn zurückweisen und ihn außerhalb der Stadt sterben lassen? Siegt die Mitmenschlichkeit über die Angst, dass die Epidemie sich in der Stadt ausbreitet und alles Leben auslöscht?

Die Entscheidung, die hier nicht verraten werden soll,  ist wegweisend für die beschleunigten Ereignisse des Romans. Sie setzt Konflikte in der Stadt frei und droht die Einwohner zu spalten. Dies wird spannend erzählt: Die Charaktere sind gut beschrieben, die Geschichte ist dynamisch und gleichzeitig ein Spiegelbild der Ängste und Projektionen der Bewohner.

Der Autor verwebt geschickt die Kriegsereignisse, die Influenza-Epidemie und die US-amerikanische Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem nie langweilig werdenden fiktionalen Roman. Auch das ethische Dilemma der Rettung von Leben versus die individuelle Sicherheit und das der näheren Angehörigen stellt Fragen an den Leser, wie man sich in einer solchen Situation wohl verhalten würde. Wobei dies in Zeiten der aktuellen Pandemie gar nicht so fiktional ist.

Buch 2

John Niven: Die F*uck-It-Liste. Roman, Heyne Hardcore, München 2020, ISBN: 978-3-453-26847-0, 22 EURO (D)

Der schottische Autor John Niven liefert eine Geschichte, die in den USA in naher Zukunft im Jahr 2026 spielt. Mit dystopischen Zügen, Donald Trump hat zwei Amtszeiten im Weißen Haus verbracht und die Gesellschaft ist dramatisch verändert worden. DIe Waffengesetze sind noch lascher geworden, Einwanderung ist kaum mehr möglich, Minderheiten besitzen kaum noch Rechte und die Abtreibungspolitik ist strenger als je zuvor. Die USA steht kurz davor, ein Polizeistaat mit Law-and-Order-Parolen zu werden.

Innerhalb dieser Gesellschaft spielt Frank Brill die Hauptrolle in diesem Roman, der eher ein Thriller ist. Brill war früher Journalist einer Kleinstadtzeitung und ihm wurde als liberal denkender Bürger Knüppel zwischen die Beine geworfen. Er ist ein entschiedener Gegner von Trumps „Make America great again“ und von Fake News. Brill scheint sein ganzes Leben lang Pech gehabt zu haben und hat gerade eine Diagnose erhalten, dass er bald sterben wird. Den Tod vor Augen wird seine ganze Wut über die gesellschaftlichen Zustände und seines eigenen Lebens offenbar. So erstellt er eine F*uck-It-Liste, in Form einer Bucket-Liste mit einem Unterschied: Auf der Liste stehen 5 Namen von Personen, von denen er glaubt, dass sie für das Leiden in seinem Leben verantwortlich sind - den Tod seiner Frau und seines kleinen Sohnes bei einer Schießerei in der Schule und den Tod seiner Tochter nach einer illegalen Abtreibung. Brill macht sich auf den Weg, um diese Todesfälle zu rächen und die dafür verantwortlichen Personen zur Rechenschaft zu ziehen. 

Die Geschichte wird aus Franks innerem Monolog und Rückblenden zu vergangenen Zeiten in seinem Leben erzählt. Die Frage, ob es nun eine Rechtfertigung für seine Selbstjustiz gibt und man so etwas wie Empathie für ihn und seine Lage empfinden kann, begleitet das Buch. Die gefährlichsten Menschen sind diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben.

Es ist eine dunkle Geschichte der Rache innerhalb eines dystopischen Zukunftsszenarios. Gewöhnliche Menschen sind voller Hass: Anstatt eine Liste von Dingen zu erstellen, die er noch in seinem Leben sehen oder tun würde, bevor er stirbt, kennt Brill nur das Gefühl der Rache. Brill wird als das Produkt einer entmenschlichten Gesellschaft und Politik beschrieben, das seine Mörder selbst hervorbringt. Ein tiefgehender Thriller aufbauend auf realen Gegebenheiten.

Buch 3

John Grisham: Das Manuskript. Roman, Heyne, München 2020, ISBN: 978-3-453-27306-1, 22 EURO (D)

In seinem neuen Roman werden Elemente des früheren Werks auf Camino Island zum Teil aufgenommen, eine von Mystery-Autoren bevölkerte Ferieninsel in Florida. Hurrikan Leo wütet über die Insel, mehr als zehn Menschen sterben. Darunter ist auch Nelson Kerr, ein ehemaliger Prozessanwalt und Romanautor, bei dem er Zweifel gibt, ob sein Tod tatsächlich eine Folge des Hurrikans war. Der Buchhändler Bruce Cable, ein Freund und gelegentlich Herausgeber und Berater von Kerr, hat da seine Zweifel, als er gebeten wird, die Leiche zu identifizieren. Da die örtliche Polizei genug mit den Folgen des Hurrikan zu tun hat, ermittelt er auch aufgrund von Loyalität zu seinem Freund und des mangelnden Umsatzes des Buchladens zusammen mit Bob und Nick Sutton, dem einzigen Angestellten von Cable auf eigene Faust.

Es gibt genügend Leute, denen Kerr, der sonst als sympathischer Typ beschrieben wird, auf die Füße gestiegen ist und die ein Motiv für einen Mord hätten. Ein ehemaliger Mandat von Kerr, ein Verteidigungsunternehmer, der illegal High-Tech-Militärs an den Iran und Nordkorea verkaufte. Geldwäscher und verschiedene Unternehmer, deren obskuren bis illegalen Aktivitäten Kerr ans Licht brachte.

Die Handlung bietet einen wechselnden Spannungsbogen, die Charaktere sind auf hohem Niveau dargestellt, wie man es von Grisham gewohnt ist.  Die Hauptfigur Cable ist zwar ein hintergründiger Charakter, seine Trinkerei nervt aber auch zu einem gewissen Grade. Was eine sprachliche Meisterleistung darstellt, ist die Beschreibung des Hurrikans, der neben den Toten Häuser, Hotels und Schaufenster verwüstet. Die zusammenfallenden Bäume, verstopfte Straßen, die heulenden Winde, die trostlose Verwüstung werden hervorragend lautmalerisch beschrieben. Wahrscheinlich nimmt Grisham damit Bezug auf den realen Hurrikan Michael aus dem Jahre 2018, der in Florida erhebliche Verwüstungen anrichtete.

Für das spannende Buch wäre es gut, den Vorgängerband Camino Island zu kennen, dringend erforderlich für das Verständnis ist es aber nicht.

Buch 4

Nicolas Sparks: Wenn Du zurückkehrst. Roman, Heyne, München 2020, ISBN: 978-3-453- 27174-6, 20 EURO (D)

Die Geschichte dieses Romans von Nicolas Sparks spielt in New Bern, North Carolina. Trevor Benson, ein Chirurg, diente früher als Armeearzt in Afghanistan, ist die Hauptfigur. Nach einer Explosion wurde er verletzt und verlor seine Finger. Als er von dem Tod seines geliebten Großvaters erfährt, zieht Trevor in sein Haus, um sich um die Bienenstöcke zu kümmern, und beschließt dort, das Haus zu reparieren.

Er selbst dachte an ein abgeschiedenes Leben, in dem er sich auf Genesung, Gesundheit und Bienen konzentriert. Doch das ist nur von kurzer Dauer: Sein Weg kreuzt den von Natalie, die im Büro des Sheriffs arbeitet. Er verliebt sich auf den ersten Blick in sie, aber trotz ihrer Zurückhaltung ihm gegenüber, lässt er nicht locker und versucht sie zu gewinnen. Der anfängliche Glaube eines Stalkings verflüchtigt sich je weiter sich die Geschichte fortschreitet und die näheren Umstände enthüllt werden. Eine andere geheimnisvolle Person, auf die Trevor trifft,  ist die junge Callie, von der aber nicht mehr verraten werden soll.

Sparks bietet keine spektakuläre Handlung, die mit Dramatik oder großartigen zeitgeschichtlichen Bezügen einhergeht. Die Spannungskurve des Romans basiert auf der Entwicklung der Charaktere und ihre Beziehung zueinander, nicht durch die Reaktion auf bestimmte Ereignisse.

Die Geschichte wird aus Trevors Sicht erzählt. Es ist eher eine Schilderung von skurrilen Geschehnissen in einer Kleinstadt mit romantischen Episoden und detaillierten lautmalerischen Beschreibungen. Es bietet großartige Beschreibungen der Natur, der Stadt, der Bienenzucht und der Charaktere, mit denen Trevor in Kontakt kommt. Alles interessante Charaktere, besonders die von Natalie und Callie, allerdings erst auf den zweiten Blick. Die Beschreibungen seines Großvaters und der Bienenzucht bieten auch ein lesenswertes Panorama.

Ein flüssig zu lesender Roman mit vielen spannenden Charakteren, der zwar gut, aber nicht außergewöhnlich geschrieben ist.

Buch 5

Jean-Paul Dubois: Jeder bewohnt die Erde auf seine Weise. Roman dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-28240-8, 22 EURO (D)

Dieser Roman von Jean-Paul Dubois gewann den französischen Literaturpreis Prix de Goncourt 2019 und wurde von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver ins Deutsche übersetzt.

Die Geschichte spielt eigentlich in einem heruntergekommenen Gefängnis in Montreal, Quebec. Hier ist Paul Hansen, der Held des Romans, interniert und blickt in Gedankensprüngen durch mehrere Zeitebenen auf sein Leben zurück und führt Dialoge mit den Geistern seiner Vergangenheit. Patrick, ein Hells-Angels-Biker, ist sein Zellengenosse. Vor seiner Inhaftierung war ein lange Jahre war er Superintendent bei The Excelsior, einer exklusiven kanadischen Residenz, wo er unauffällig und zufrieden seine Arbeit verrichtete. Die Erinnerungen an die Zeit vor der Haftzeit beginnen bei seiner Geburt im französischen Toulouse, über Dänemark im Seebad Skagen, an der Nordspitze von Jütland gelegen, bis in den Norden Kanadas.

Die Geschichte ist eine biografische Aufarbeitung des eigenen Lebens von Paul Hansen, einem der eher einen Anti-Helden oder tragischen Helden verkörpert. Sein Vater, ein protestantischer Pastor, seine Hündin Nouk und seine Frau Winona, eine indigene Kanadierin, spielen dabei Nebenrollen. Gleichzeitig wird die Situation in einem Gefängnis beschrieben, wo zwei verschiedene Männer sich eine kleine Zelle teilen. Im Gegensatz zu seinem Zellengenossen, einem hartgesottenen Mitglied der Hells Angels ist Hansen ein melancholischer, gefühlvoller und empathischer Charakter, der seinen Tagträumen von Freiheit und einem Leben draußen freien Lauf lässt. Die Beantwortung der Frage, warum Hansen im Knast gelandet ist, durchzieht den gesamten Roman.

Dies ist eine durchaus gelungene Charakterstudie von Jean-Paul Dubois, über einen Mann auf der Suche nach sich selbst und der Verarbeitung seiner Vergangenheit. Mit mehr Wendungen hätte man die Spannungskurve noch etwas steigern können und so die Geschichte abwechslungsreicher gestalten können.

Buch 6

Karen-Susan Fessel: In die Welt. Roman, Querverlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-89656-284-5, 20 EURO (D)

In diesem Buch legt Karen-Susan Fessel einen Roman vor, wo eigenwillige Charaktere in Beziehungen zueinander stehen und auf der Suche nach sich selbst sind. Hauptperson ist Nell, die lange Zeit in Berlin gelebt hat und nun wieder in eine norddeutsche Kleinstadt zurückehrt, wo sie in ihrer Jugend lebte und ihre ältere Mutter zu Hause ist. Sie wurde von ihrer Partnerin just verlassen und sie will in einer neuen Umgebung für ein Jahr als Auszeit zu sich selbst finden und sich um ihre Mutter kümmern. Ihr Sohn ist schon längst aus dem Haus und lebt im Ausland. Den einzigen, den sie in Berlin zurücklassen muss, ist ihr guter Freund und Vertrauter Jack.

Dort angekommen trifft sie schnell auf frühere Bekannte und lässt sich auf eine Beziehung mit einer früheren Klassenkameradin ein. Die Begegnung mit ihrer Mutter ist eine einzige Enttäuschung, denn sie will nicht von ihr umsorgt werden. Doch sie lernt auch neue Menschen kennen. Der Zimmermann Louis ist so einer, der auch gerade auf der Sinnsuche und nach seinem Platz im Leben ist. Als Zukunftsperspektive kann er eine Werkstatt übernehmen und dauerhalf bleiben. Er ist ein geheimnisvoller und sensibler Charakter, der sich selbst als nicht integriert sieht.

Nell und Louis verstehen sich sofort, da sie auf unterschiedliche Weise die Frage nach Geborgenheit und einem festen Platz im Leben beantworten müssen. Auch Beate, die ein Hotel leitet, stellt sich die Frage, ob dies schon alles in ihrem Leben gewesen ist oder ob sie nochmal woanders neu anfangen soll.

Der Roman spielt jedoch nicht nur in der Gegenwart. Es werden immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit der einzelnen Personen eingestreut, aus denen sich dann der Charakter zusammensetzt und manche Verhaltensstruktur erklärt.

Ihr früheres Leben in Berlin bekommt ein Gesicht, als Jack sie überraschend besucht aus Angst, in Nells Leben keine Rolle mehr zu spielen. Dadurch wird Nell klar: Sie befindet sich in zwei verschiedenen Welten und sie muss entscheiden, zu welcher sie in Zukunft gehören will. Dabei spielen die Beziehungen zu den Personen eine große Rolle. Aber auch Ihre familiäre Vergangenheit hat sie auch noch nicht aufgearbeitet. Neben der Beziehung zu ihrer Mutter steht auch ihr Vater im Mittelpunkt, wo unverdaute Erlebnisse wieder hoch kommen.

Vielleicht hat der Roman biographische Züge, Fessel ist in Meppen im Emsland aufgewachsen. Die Suche nach dem Selbst, der eigenen Identität und nach einem Ort im Leben, wo man sich zu Hause fühlt und die eine Liebe des Lebens, einen Menschen, mit dem man die vielen offenen Fragen des Lebens teilt durchzieht den Roman. Fessel schreibt emotional, einfühlsam und schafft es, verzwickte, geheimnisvolle und unvollkommene Charaktere und deren Sehnsüchte prägnant zu beschreiben. Dabei schafft sie es, Homosexualität als alltägliche Kategorie in Zusammenleben zu skizzieren.

 







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