Neuerscheinungen Musik

23.10.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Paul du Noyer: John Lennon. Seine Songs komplett von 1969-1980, Edition Olms, Zürich 2020, ISBN: 978-3-283-01296-0,

Der Musikjournalist Paul du Noyer präsentiert in diesem Band das Solowerk von John Lennon von 1969 bis kurz vor seiner Ermordung 1980. Er analysiert dabei Song für Song und liefert Hintergrundgeschichten dazu: Hinter den Songs von John Lennon steht nur eine Geschichte – die seines Lebens. (…) Lennon ging seine Lieder an, als seien es Episoden seiner Autobiografie. Jedes Lied ermöglicht einen Blick in das Innere des Menschen Lennon.“ (S. 8) Dabei war die Musik selbst seine wichtigste Quelle, daneben noch Lennons Interviews in der Zeit und eigene Interviews mit Weggefährten wie Yoko Ono oder Paul McCartney.

Analysiert werden zum Beispiel sein Lied „Cold Turkey“ über seine Drogenexperimente, mit dem er einer der ersten war, der dieses Thema in einem Song behandelt hat. Während seines Kampfes gegen die Ausweisung aus den USA schrieb er den Song „Nutopian International Anthem“, den Idealstaat Nutopia, einer Fantasiewelt, in der die Freiheit nicht durch Staatsgrenzen eingeschränkt wird. Oder seine Ballade „Nobody loves you (when you’are down and out)“ nach der Trennung von seiner Frau und am künstlerischen Tiefpunkt, ein Zeugnis seines Zynismus und Selbstmitleids. Einen Einblick in sein Seelenleben gewährt er auch in dem Song „Beautiful Boy“, über die Geburt seines zweiten Sohnes Sean, ein mit karibischen Steel-Pan-Klängen untermaltes Einschlaflied.

Im Anhang findet man noch eine Zeittafel, eine Auswahlliste einer Diskografie, die Lennons Arbeiten zu Lebzeiten und die allmähliche Verfügbarkeit von zusätzlichem Material in der Folgezeit vorstellt, ein Register und eine Liste der Rechteinhaber der Songs.

Dieses Buch  ist mit Begeisterung geschrieben, mit vielen passenden Bildern oder Auftritten versehen und gut strukturiert. Es gibt viele Details zu den Alben und Songs, und Hintergrundinformationen, um alles miteinander zu verknüpfen. Zahlreiche Bilder aus der Zeit geben einen authentischen Eindruck. Vor allem lernt man viel über den Menschen Lennon selbst und seine Musik.

Buch 2

Lesley-Ann Jones: John Lennon. Genie und Rebell, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-492-07018-8, 25 EURO (D)

Lesley-Ann Jones hat schon Musikbiografien wie Bohemian Rhapsody oder David Bowie geschrieben. Nun legt sie ein zeitgemäß konzipiertes und umfassend recherchiertes Buch zu John Lennons 80ten Geburtstag vor: Ich begebe mich zu Ehren des doppelten Jahrestages (…) auf ein paar Streifzüge durch sein Leben, sein Lieben und Sterben. Es ist ein Kaleidoskop, ein Sinnieren, ein Reflektieren. Wer war er überhaupt? (…) Ich möchte seine Widersprüche begreifen; herausfinden, wann und warum er starb.“ (S. 35)

Für das Buch hat sie Cynthia Lennon, George Martin, Klaus Voorman, Paul McCartney, Linda McCartney und viele enge Freunde interviewt.

Sie beschreibt die Herausforderungen, die er mit seiner Familie erlebte, die Auswirkungen auf seine Persönlichkeit, seine Beziehungen und sein kreatives Genie, auch als Solokünstler.

Die Autorin versucht sich mit seiner komplexen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, viele verschiedene Personen, die ihr Leben mit Lennon teilten oder in Schlüsselmomenten anwesend waren, kommen zu Wort. Sie sieht ihn als widersprüchlicher Charakter: „Es gibt keine fertige, endgültige Version seiner Person“. (S. 40) „Er war ein Wirrwarr an Widersprüchen. Eben noch verschmitzter Narr, im nächsten Augenblick verbitterter Narr, gemeiner Grobian oder auch Heulsuse.“ (S. 24)

Und: „Er verbrachte sein zu kurzes Leben mit der Überkompensierung der eigenen Verletzlichkeit und der Bildung eines undurchdringlichen Panzers.“ (S. 26)

Neben der Musik selbst gab ihm die Bindung zwischen ihm und Yoko Halt und Glück: „Zwei Seelenverwandte, die miteinander verschmolzen, allein gegen den Rest der vorurteilsbeladenen Welt machten sie Kritiker und Zyniker sprachlos und bewiesen uns, die wir es nicht glauben wollen, dass er wahre Liebe wirklich gibt.“ (S. 41) Yoko und ihr gemeinsamer Sohn Sean waren letztlich sein Lebensinhalt.

Das Buch enthält einige neue Blickwinkel auf die Erfolge und Herausforderungen des prominentesten Mitgliedes der erfolgreichsten britischen Band und ihre Auswirkungen, die der Erfolg auf ihn, seine Bandkollegen, ihre Familien und Freunde hatte. Es ist ein flüssig zu lesendes Buch, das nicht nur für Lennon oder Beatles-Fans zu empfehlen ist. Hervorzuheben ist der umfangreiche Anhang mit einer Chronik der wichtigsten Ereignisse, Stimmen von prominenten Personen über Lennon und die Beatles, Literatur, den Anmerkungen und einem Register. Außerdem gibt es eine Übersicht der Alben mit den Beatles, die besten Beatles-Compilations, John Lennon gewidmete Songs und die Lieblingssongs der Autorin.

 

Buch 3

Campino: Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-492-07050-8, 22 EURO (D)

Bei seiner Premiere als Autor beschreibt Campino von den Toten Hosen seine zweite fußballerische Leidenschaft neben Fortuna Düsseldorf, den FC Liverpool. Dies hat viel mit seiner eigenen Kindheit und Herkunft zu tun. Seine Mutter war gebürtige Engländerin und erzog ihre Kinder zweisprachig. Seine Großmutter in England und die häufigen Besuche auf der Insel sorgten für eine frühe Identifikation, die darin gipfelte, dass er Im März 2019 nahm er die britische Staatsbürgerschaft annahm: „Die Liebe zur Musik, zum Fußball und meinem Cornwall hat sich fest in mir verschraubt, und als ich Punk wurde, war England die Antwort auf jede Frage, die mich interessierte.“ (S. 15)

Seitdem er ein kleiner Junge war ist er Fan des FC Liverpool, noch heute fährt er zu allen Spielen, die mit Tourleben, Studioaufnahmen oder der Freizeit irgendwie vereinbar sind. Dabei „lebt er sein Englischsein aus, mein Bedürfnis dazugehören und es fühlen zu können.“ (S. 18) Mögliche Flugverbindungen nach Liverpool hat er während seinen Auftritten immer im Blick. Dort wohnt er immer im Hope Street Hotel, derselbe Ort, wo das Team des FC Liverpool vor Heimspielen übernachtet. Von seinen Reisen und den Spielen erzählt er ausführlich, ebenso von den Pubs, der Stimmung im Stadion und über seine Freundschaft zu Trainer Jürgen Klopp. Und gesteht, dass er in zu gewissen Spielen eine Kerze in der nahegelegenen Kirche anzündet. Auch Auswärtsfahrten und die darum kreisenden Erlebnisse zum Beispiel in Neapel werden vorgestellt.

Die erste Meisterschaft von Liverpool seit 30 Jahren und 3 Monaten erlebt er auf Sylt, die er mit dem Lied „Imagine“ von John Lennon feiert. Dies ist der Höhepunkt und zugleich Schlusspunkt des Buches, das lange Warten hat ein Ende und das Mitfiebern hat sich gelohnt.

In dem flüssig geschriebenen Buch erfährt man aber mehr als Fußball. Seine enge Beziehung zu England, seine Prägungen in der Jugend haben auch etwas Autobiografisches. Für das nächste Buch mit der nächsten Meisterschaft sollte es nicht so lange dauern.

 

Buch 4

Alice Harnoncourt (Hrsg.): Nikolaus Harnoncourt Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2020, ISBN: 978-3-7017-3508-2, 22 EURO (D)

Vier Jahre nach dem Tod ihres berühmten Mannes hat seine Witwe Alice Harnoncourt einige unveröffentlichte Schriften aus seinem Nachlass zusammengestellt und durch einige andere bereits veröffentlichte Aufsätze ergänzt.

Dies sind insgesamt 15 Essays und Reden über Musik, die eine Zeitspanne von Mitte der 1960er Jahre bis 2006 abdecken. Dabei wird die gesamte Spannweite der Musikwissenschaft abgedeckt. Es geht um die Geschichte der Musik, die Aussagekraft der Musik in verschiedenen Kontexten, die Bedeutung der Alten Musik, Themen der zeitgenössischen Aufführungspraxis, das musische Denken im Schulunterricht, das Erlernen des Hörens von Musik oder die Erklärung der frühen Mehrstimmigkeit. Vibrato, Cembalo, die Schönheit des Klangs bei Monteverdi und vor allem die musikalische Ausbildung werden ebenfalls behandelt. Diese Texte sind nicht aufeinander bezogen und bilden keine inhaltliche Einheit. Jedes ist für sich und dem historischen Kontext und Anlass zu lesen, von daher überschneiden sich manche Themen und Aussagen.

Im Hintergrund schwingt immer sein Werk „Musik als Klangrede“ mit. Das Buch ist zugleich eine Einführung in die Geschichte der Musik bis etwa 1800 als auch in die Bedeutung der Musikpraxis jener Zeit. Wie Harnoncourt dort betont, geht es nicht primär darum, Alte Musik mit alten Instrumenten zu spielen, sondern die zu jedem Musikstück gehörende Praxis zu rekonstruieren. Die Rückbesinnung auf ein verstehendes Hören, der Versuch versuchen, sich die vielen Sprachen und Stile der Musik vergangener Jahrhunderte wieder zugänglich zu machen, waren sein Anliegen. Grundaussagen dieses Werkes schimmern durch die Texte durch.

Dieses neue Buch führt zu einem vertieften und erweiterten Musikverständnis im Sinne von Harnoncourt. Für manche Texte ist ein gewisses Vorwissen erforderlich, es ist keine einfache Lektüre. Auf jeden Fall eine Fundgrube für Musikwissenschaftler und Musikliebhaber.

Buch 5

Silke Leopold: Leopold Mozart. „Ein Mann von vielen Witz und Klugheit“. Eine Biografie, Bärenreiter/Metzler 2019, 29,99 EURO (D)

Silke Leopold legt zum 300. Geburtstag von Leopold Mozart eine Biografie des Vaters von Wolfgang Amadeus vor.

Sie will zeigen, dass Leopold Mozart „viel mehr“ ist „als der Vater seines Sohnes“: „Hineingeboren in eine Zeit und in ein Umfeld, in dem die alten Herrschaftsverhältnisse und die konfessionellen Schranken ebenso beharrlich verteidigt wurden wie sie brüchig geworden waren, verstand sich Leopold Mozart als ein Mittler zwischen den Welten – ein Jesuitenschüler, der mit Protestanten Freundschaften schloss, ein Bürgersohn, der dem Adel diente, ein Geiger, der als Schriftsteller zu reüssieren hoffte. Und er war ein Mann, der mit offenen Augen durch die Welt reiste und sich nicht nur über die Künste und Wissenschaften seine eigenen Gedanken machte, sondern auch über die Lebensverhältnisse der Menschen in einem Europa, in dem die Aufklärung nicht mehr allein ein philosophischer und gesellschaftspolitischer Diskurs innerhalb der Eliten war, sondern alle Lebensbereiche zu durchdringen schien.“ (S. 8) Sie möchte weiterhin „Leopold Mozart auch als Komponisten neu betrachten“, darunter vor allem die Bedeutung seines „Versuch einer gründlichen Violinschule“. Nicht als „vermeintlich minderbegabte Vater eines genialen Sohnes, sondern ich in die musikalischen Kontexte seiner eigenen Zeit stellen.“ (S. 8f) Dabei stützt sie sich vor allem auf die Briefe der Mozarts. 

Leopold Mozarts unterschiedlichen Lebensstationen und Fähigkeiten kennzeichnen die Kapiteleinteilung: Nach dem Sohn des Buchbinders folgen Abschnitte über den Musiker, den Komponisten, den Schriftsteller, den Wegbereiter, den Ratgeber und den Großvater.

Zusammenfassend charakterisiert die Autorin Leopold Mozart als einen Mann, „dessen Interessen weit über die Musik hinausreichten, der belesen und gebildet, weltmännisch und kultiviert gewesen war, der die Welt bereist und bei Kaisern und Königen zu Gast gewesen war, und dennoch jemand, mit der der Umgang nicht leicht gefallen war.“ (S. 243)

Im Anhang findet man eine Zeittafel, wo in der linken Spalte die Ereignisse um Leopold Mozart und in der rechten Spalte sonstige Ereignisse der Zeitgeschichte oder Musik dargelegt sind. Außerdem gibt es dort noch die Anmerkungen, eine Bibliografie, ein Register und einen Bildnachweis.

Silke Leopold holt in dieser Biografie Leopold Mozart aus seinem Schattendasein und beschreibt ihn als eigenständigen Charakter und Musiker mit seinem Werk „Violinschule“, nicht nur als Vater von Wolfgang Amadeus. Dabei stellt sie die unterschiedlichen Facetten seines Charakters und seiner Bildung heraus und wie er den gesellschaftlichen Aufstieg schaffte.  Natürlich wird er auch als Vater und Manager seines berühmten Sohnes beschrieben, auch die Gründe für die Entfremdung von Vater und Sohn, die bis zu Leopolds Tod anhielt. Eine sehr ausführliche und kompetente Biographie mit einigen Farbbildern bzw. edlen Aufmachung und dem Bemühen, Leopold in die Zusammenhänge der Geschehnisse seiner Zeit einzuordnen.

 







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