Ratgeber absurd: Alexandra Bleyer „Propaganda“

30.11.20
KulturKultur, Debatte, TopNews 

 

Von Daniela Lobmueh und Hannes Sies

Ein Ratgeber, der uns angeblich gegen Propaganda helfen will, macht selber Propaganda. Gegen Putin z.B. und gegen Hacker, die Daten leaken: WikiLeaks und Julian Assange werden zwar nicht namentlich genannt, aber die Leitmedien-Kampagne gegen sie wird durch raffinierte Auslassungen und Verbiegungen unterstützt.

Warum ist „Propaganda“ ein absurder Ratgeber? Sicher brauchen wir Tipps, die uns dafür sensibilisieren, „woran man Propaganda erkennt und wie man sich vor ihren Verführungen schützen kann“ -so wirbt der Reclam Verlag. Absurd ist, dass die gelernte Historikerin Alexandra Bleyer uns zwar wie aus dem Lehrbuch 100 Seiten lang Propagandatechniken präsentiert, aber damit nicht in der Lage gewesen zu sein scheint, auch nur einen einzigen Fall von Propaganda aus unserer Medienwelt selbstständig zu entlarven. Zumal nicht die perfide Hasskampagne gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Einer Kampagne, der sie durch Auslassungen implizit beipflichtet und ihr sogar Propaganda-Munition liefert.

Mainstream-konforme Medien-Nichtkritik

Alle Beispiele, die Bleyers Abhandlung illustrieren, stammen aus der Geschichte, sind mithin lange verjährt und nur von historischem Interesse -ihr gutes Recht als Historikerin. Oder sie stammen aus den Mainstream-Medien, wo von anderen Propaganda-Kritikerinnen üble Machenschaften aufgedeckt wurden. An keiner Stelle ihres Buches, traut sich Bleyer, ihre Ratgeber-Erkenntnisse zu Propaganda auf unsere Leitmedien anzuwenden -und selbst einen Fall zu enthüllen. Dadurch entsteht insgesamt das Bild einer Warnerin vor Propaganda, die auch warnt, wie schwer diese bei eigenem Medienkonsum zu entdecken sei -ohne ihre Warnungen auf sich selbst anwenden zu können.

Alexandra Bleyer referiert etliche Fälle aus der Vergangenheit, wo unsere Leitmedien bei Verbreitung von Propaganda erwischt, am Ende einräumen mussten, dass sie falsch gelegen haben. Etwa die „Brutkastenlüge“ mit der Bush sr. den ersten Irak-Krieg rechtfertigte. Oder Saddams (nicht existierende, aber angeblich geheimdienstlich bestätigte) Massenvernichtungswaffen, mit denen Bush jr. und Tony Blair zehn Jahre später den zweiten Irak-Krieg rechtfertigten. Bleyer kritisiert sogar Donald Trump und seine Propaganda von Fake News bis zum Terror-Angriff auf den iranischen General Soleimani, der im Januar 2020 nebst unschuldigen Zivilisten per Drohne ermordet wurde. Auch dies bzw. die dazugehörige Kriegslüge sind aber von unseren Leitmedien bereits akzeptierte und verbreitete Fälle, die Bleyer nur nachplappert. Gibt es also nichts, was man unseren Leitmedien als aktuelle Propaganda vorhalten könnte? Ist das, was ARD, ORF, die ZEIT usw. uns heute vorsetzen, wirklich von A-Z ohne jeden Fehl und Tadel?

Schmuddel-Präsident Trump darf kritisiert werden

Gut, Bleyer kritisiert den aktuellen (gerade noch) US-Präsidenten -aber auch das ist nur wieder dem Mainstream nachgeplappert. Trump war bekanntlich der (zurecht) nie akzeptierte US-Präsident für unsere Medien -seine Propaganda darf leitmedial entlarvt werden. Bleyer platziert ihn im Text gleich zwischen Nordkorea und Goebbels. Aber wie sieht es mit anderen US-Präsidenten aus? Die Propaganda von Bush wurde von unserer Leitmedien zeitnah zu den damit gerechtfertigten Angriffskriegen nicht entlarvt. Erst im Nachhinein, als ihr Zweck im Dienste der Westmachthaber erfüllt war, also ist es keine große Kunst, sie jetzt zu kritisieren. Daher erscheint der Werbetext zum Buch recht übertrieben:

Hören wir das Wort Propaganda, denken wir an die Gleichschaltung der Medien in der NS-Zeit und vielleicht auch an fake news oder Verschwörungstheorien im Internet. Doch das ist nur ein Aspekt dieses vielschichtigen Themas. Schließlich ist Propaganda auch Teil politischer Kommunikation in Demokratien – man denke nur an Fotos von Ministerpräsidenten und Bundesministerinnen vor mannshohen Klopapierstapeln. Alexandra Bleyer sensibilisiert dafür, woran man Propaganda erkennt und wie man sich vor ihren Verführungen schützen kann. Denn Propaganda entfaltet ihre Wirkung nur, wenn man es zulässt.“ (Reclam-Klappentext)

https://www.reclam.de/detail/978-3-15-020540-2/Bleyer__Alexandra/Propaganda__100_Seiten

Bleyer nimmt in ihrem Eingangskapitel „Ein Werkzeug des Bösen?“ zu Propaganda Stellung: Es sei eben zu fragen, wofür Propaganda dient. Für Nazis? Für Rassengleichheit? Und wie sie arbeitet: Mit offenen Karten, seriösen Quellen, echten Fakten? Dann ist es „weiße Propaganda“ und eine tolle Sache. Zur PR der Konzerne steht sie auch eher positiv. Das alles erscheint zu schön um wahr zu sein -und man macht es sich zu leicht, wenn man einfach nur im Mainstream mit schwimmt. „Propaganda machen nur die anderen“ -diesen Satz will Bleyer in einer skurrilen Selbstverrenkung zugleich beherzigen und enthüllen. Kann das klappen?

Julian Assange: Die Dreyfus-Affäre des 21.Jahrhunderts

Ein Nachweis von Ratgebergüte wäre es, wenn Bleyer aktuelle Propaganda, wie etwa die fortgesetzte Dämonisierung von Julian Assange (bis hinein in Krimi-Unterhaltung) als ideologische Propaganda enthüllen würde. Wie unsere Leitmedien ihn mit einem manipulativ erstellten „Vergewaltigungsverdacht“ stigmatisierten und bis heute stigmatisieren -obwohl die Manipulation von Polizeiakten des Falles Assange jetzt bewiesen auf dem Tisch liegt. Nur leider nicht für gehorsame Leitmedien-Konsumentinnen. Denn dort wird dieser Jahrhundert-Propaganda-Skandal weiterhin abgewiegelt, vertuscht und verschwiegen -obwohl sogar Prominente sich schon für Assange einsetzten, machen Leitmedien seine Verfolgung nicht zum Thema, im Gegenteil. Das Thema bleibt in linke Politblogs verbannt, wo es nur wenige erreicht.

Künftige Geschichtsbücher werden den Assange-Skandal vermutlich neben die Dreyfus-Affäre der antisemitischen Kriegspropaganda in Frankreich stellen. Dann wird auch Bleyer den Fall Assange als Propaganda erkennen. Aber jetzt heult sie mit den Leitmedienwölfen gegen Hacker, Leaks und „gestohlene Daten“:

So kann ein Akteur auf den Ausgang von Abstimmungen und Wahlen (…) einwirken. Mit den Methoden dunkler Propaganda wie Cyberangriffen und dem Leaken von Daten der Gegenseite… Westliche Sicherheitsbehörden und Geheimdienste wie der deutsche Verfassungsschutz verdächtigen immer wieder Moskau -die russische Regierung weist die Anschuldigungen freilich zurück- in europäischen Staaten und in den USA mit Desinformationskampagnen mitzumischen, sei es in der US-Präsidentschaftswahl 2016, bei der Brexit-Debatte in Großbritannien oder bei den Gelbwesten-Protesten in Frankreich.“ S.89

Westliche Sicherheitsbehörden und Geheimdienste wie der deutsche Bundesnachrichtendienst bestätigten auch Saddams (nicht existierende) Massenvernichtungswaffen -aber das hat Bleyer hier schon wieder vergessen bzw. es konnte ihren treugehorsamen Glauben in aktuelle Leitmedien-Verlautbarungen nicht dauerhaft erschüttern. Warum? Weil Propaganda nur die anderen machen? Die von RT und Sputnik?

Obwohl Wikileaks eine zentrale Rolle beim Leak der Clinton-Mails zugeschrieben wurde und dies in der menschenverachtenden Hexenjagd auf Julian Assange eine große Rolle spielt, vermeidet Bleyer seine Erwähnung. Sie rechtfertigt implizit die Folterhaft des Wikileaks-Gründers, den gegen ihn laufenden Schauprozess in London und seine Auslieferung in die USA, wo ihm allein wegen der Publikation von Dokumenten über US-Kriegsverbrechen ein Todesurteil droht. Kurzum: Alexandra Bleyer macht sich damit zur Komplizin der Begleit-Propaganda eines der schlimmsten Verbrechen unserer Zeit.

Napoleon, Krimis und Eheratgeber

Alexandra Bleyer ist Expertin für Napoleon, speziell die politische Propaganda in Österreich zur Zeit der napoleonischen Kriege. Dort sieht sie den Beginn moderner Propaganda, weil der Kaiser von Frankreich in einem eigens eingerichteten Amt die Presse kontrollierte. Einige nette Anekdoten dazu gönnt sie den Leserinnen. Bleyer kommt auch schon auf der zweiten Seite zur Erkenntnis:

Weder ist Propaganda Geschichte, noch gibt es sie lediglich in fernen Ländern wie dem diktatorisch regierten Nordkorea, wo die staatliche Jubelpropaganda zum Systemerhalt beiträgt: ‚Auch in einer liberalen Demokratie wird Propaganda gemacht‘, bekräftigt der amerikanische Philosoph Jason Stanley 2015 im Interview mit der ‚ZEIT‘ -und damals war Donald Trump noch gar nicht US-Präsident.“ Bleyer S.2

Natürlich: Donald Trump, den wollen die Leitmedien geprügelt sehen (nicht, dass er es nicht verdient hätte -aber kritisches Denken sieht anders aus). Kritikfähigkeit entbehrt sie zuweilen auch bei historischen Texten, etwa wenn sie den Rassisten Gustave Le Bon vorbehaltlos als Begründer der Massenpsychologie feiert. Oder wenn sie Edward Bernays als schlauen PR-Experten nennt, ohne zu erwähnen, wie Bernays seine PR-Methoden im Dienste großer Konzerne und im Einklang mit der CIA zum Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Guatemalas missbrauchte: United Fruit bekam seine Bananen-Plantagen wieder indem ein ganzes Land in Blut gebadet wurde. Das alles spricht für eine tendenziell einäugig-rechtslastige Weltsicht der Autorin.

Bleyer ist neben ihrer akademischen Sparte als Historikerin auch gefeierte Krimi-Autorin, deren Bestseller sogar verfilmt wurde (so etwas sei wie ein „Lottogewinn“ für eine Autorin, schreibt sie selbst dazu). Zuvor versuchte sie sich an Erziehungs- und Eheratgebern. Entsprechend salopp schreibt sie auch über Propaganda, was eine große Lesbarkeit bewirkt -leider bei rapide abnehmender inhaltlicher Qualität. Ob beim ernsten Thema Propaganda, die Völkermord, Angriffskriege, Massenmorde, Folter usw. rechtfertigt und überhaupt erst möglich macht, ihr plappernder Stil immer angebracht ist, ist wohl Geschmackssache.

Sie erläutert etwa Propaganda-Methoden am eigenen Beispiel, wie sie ihren Ehemann zu einer Urlaubsreise nach Tralala überreden konnte. Statt Urlaubsglück wäre ihr vielleicht wenigstens dann und wann die Lektüre von wirklich kompetenten Büchern zum Thema Propaganda zu empfehlen, etwa von Rainer Mausfeld „Warum schweigen die Lämmer?“, den sie nicht als Quelle nennt (wir werden hier demnächst Mausfelds neues Buch rezensieren: „Angst und Macht“). Aber womöglich täuscht Bleyer ihre bodenlose Naivität und Kritikunfähigkeit den Leitmedien gegenüber ja auch bloß vor? Dann wäre die scheinbar auf Mausfelds Propaganda-Bestseller verweisende Überschrift ihres Abschlusskapitels „Kein Schweigen der Lämmer“ am Ende doch kein Zufall. In dem Kapitel erklärt Bleyer fröhlich, dass dank ihres Ratgebers die Gefahr, auf Propaganda hereinzufallen, jetzt vorbei sei:

„Wieviel besser haben wir es hier und heute in einer Demokratie mit Presse- und Meinungsfreiheit! Wie haben die Wahl, ob wir Desinformation als Teil der politischen Information hinnehmen wollen -oder ob wir Fake News eine Abfuhr erteilen und jenen, die uns irreführen wollen, Grenzen aufzeigen.“ (Schlussabsatz S.100)

Fazit: Putin wars!

Alexandra Bleyer sieht Propaganda nicht bei ihren eigenen Medien, die sie jetzt und heute als Quellen nutzt, sondern nur in der Vergangenheit und bei den Feinden unserer Leitmedien-Macher: Donald „Fake News“ Trump, Nordkorea, Putin, China, Orban (den sie völlig unkritisch auf eine Stufe mit demvon USA und Westmedien terrorisierten Chavez stellt bzw. das sozialistische Venezuela nur durch die Leitmedien-Propagandabrille sehen will, S.70). Das ist deshalb absurd, weil sie immer wieder vor genau dieser Blindheit warnt. Und weil sie selbst sehen müsste, dass diese Leitmedien eben noch z.B. die Brutkastenlüge verbreiteten. Warum sollte jetzt und heute alles stimmen, jeder als Feind dämonisierte Schurke auch wirklich nur ein Schurke sein? Hat Putin wirklich all das verbrochen, was ihm die Leitmedien unterstellen? Bleyer meint: Ja! Vom MH17-Abschuss über der Ukraine, Giftgas in Syrien bis zur Manipulation von Brexit- und Trump-Wahl -Putin wars!

Von der Mainstream- und Leitmedien-kritischen Literatur, die mittlerweile Legion ist, will Bleyer nichts mitbekommen haben (obwohl sie Uwe Krüger „Mainstream“ sogar auf ihrer Literaturliste hat). Etwa von der ARD-Kritik der ARD-Dissidenten Klinkhammer und Bräutigam. Und bei Kritik an der Hasspropaganda gegen Julian Assange, am Assange-Prozess, am Totschweigen der Verletzung seiner Menschenrechte in unseren Leitmedien? Da hält Alexandra Bleyer sich anscheinend die Ohren zu und summt : „Wieviel besser haben wir es hier und heute in einer Demokratie mit Presse- und Meinungsfreiheit!“

Bleyer, Alexandra: Propaganda. 100 Seiten, Reclam-Heft Stuttgart 2020

https://www.reclam.de/detail/978-3-15-020540-2/Bleyer__Alexandra/Propaganda__100_Seiten

http://www.alexandrableyer.at/de/footer/Meine_Erfolge.pdf

 

Anti-Assange-Propaganda, Beispiel aus dem Krimi-Sektor:

Anti-WikiLeaks-Film ‚West of Liberty‘: ZDF soll sich bei Assange entschuldigen!

http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews%5btt_news%5d=72651&tx_ttnews%5bbackPid%5d=56&cHash=dbb8332ef8

 

 







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