Die andere Arbeiterbewegung im 1. Weltkrieg

12.12.08
KulturKultur, Arbeiterbewegung, Theorie, TopNews 

 

Buchtipp von Dieter Braeg

Doris Kaschulle (Herausgeberin)
"Die Pöhlands im Krieg"
Briefe einer Arbeiterfamilie aus dem 1. Weltkrieg

Dieses Buch, erstmals im Jahre 1982 im Pahl Rugenstein Verlag erschienen, müsste als Lesebuch an allen Schulen eingeführt werden, damit die Heranwachsenden lernen, wie wichtig  Frieden ist.  Das Buch enthält den Briefwechsels der Eheleute Anna und Robert Pöhland.  Die Familie Pöhland waren aktive Sozialdemokraten, ohne Partei- oder Funktionen in der Gewerkschaft. 

Sie lebten in Bremen. Trotz der unzumutbaren Belastung des Alltags, verloren sie nie ihr sozialistisches Endziel aus den Augen. Robert war Maurer. Anna arbeitete bis zu ihrer Verheiratung  im Jahre 1900 als Dienstmädchen. Sie verdiente sich später mit der Nebenbeschäftigung,  die Bremer Bürgerzeitung (sozialdemokratisches Parteiorgan) auszutragen, ein kleines Zubrot.

Am 2. Dezember 1914 hatte Karl Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite gestimmt und erklärt:
"Meine Abstimmung zur heutigen Vorlage begründe ich wie folgt. Dieser krieg, den kerines der beteiligten Völker selbst gewollt hat., ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedlungegebiete für das Industrie und Bankkapital. (...) Der krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Charakter und bisheriger Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu vertrauen, dass der Zweck für den sie Kräfte fordert, die Verteidigung des Vaterlandes ist."

Heute führt man Kriege im Namen des Kapitals und rettet es, wenn dann Mord&Totschlag nicht reicht, noch mit zusätzlichen Kapitalismusstützmilliarden. Ein Karl Liebknecht aber, der bitter nötig wäre, ist nirgendwo zu sehen und zu hören. Kein Protest, dass nach den Banken auch noch die Autoindustrie die vorsätzlich die Umwelt zerstört,  durch Volksknete gerettet werden soll, ohne das Volk zu fragen oder ihm die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel zuzusprechen.

Im Frühjahr 1915 wurde  auch Robert Pöhland eingezogen. Von da an schrieben sich die Eheleute fast täglich.

Hier ein Brief von Anna vom 5. 6. 1916

Mein geliebter herzensguter Mann!

Das Wetter scheint Pfingsten dort genau so gewesen zu sein wie hier, ich hatte auch eingeheizt.
Wir haben Dich sehr vermißt an den beiden Tagen, allerdings auch sonst. Ich war fast gemütskrank.
Mit meinem Traum hatte ich wirklich Qualen, das sind jetzt die zerrütteten Nerven. Habe immer so schreckliche Träume.
Du wirst wohl in der Zeitung von dem Verkauf von Knochen und Schälrippen bei Borchers gelesen haben, daß geht von der Militärbehörde aus. Da der Andrang in der Osterstraße  nicht mehr zu bewältigen war, wurde nun auf dem Schlachthof der Verkaufeingerichtet. Du glaubst nicht, was für eine Menge von Frau und Kinder da standen.
Auch ich wollte etwas haben, doch als ich bereits 1 Std. gestanden hatte, hieß es, daß die Karten, die man sich erst lösen mußte, verausgabt waren.
Na, da waren wir mit einigen Genossinnen bereit zu demonstrieren. Wir gingen zu den Frauen und sagten, daß wir zur Lebensmittelkommision gehen wollten. Es dauerte 1/4 Std., da hatten wir einige 100 Frauen, die hinzogen. Ein junges Mädchen trat öfter aus dem Zug und rief:
" Proletarier aller Länder vereinigt Euch!!! "‚ und wir riefen: Hurah!! Kein Schutzmann mukste, sie waren sehr ernst.
Ach Mensch, es war für mich ein Genuß, die Frauen mit ihren Körben und Taschen so erbittert zu sehen. Diese Erbitterung!
Auch die Soldaten schienen sich zu freuen. Alle, die unter den jetzigen Zuständen so leiden, freuten sich. Nun, wir waren achtdreiviertel  Uhr am Gebäude der Lebensmittelkartenausgabe, um  viertel nach Neun  kam der Senator Biermann.

(Zigarrenhersteller Carl Friedrich Biermann 1872 bis 1923. War ab 1911 Vorsitzender des Nationalliberalen Vereins)
Er verfärbte sich, als er die Menge vor der Tür sah, er stand gerade vor mir, und ich brachte ihm unsere Wünsche vor. Da sagte er, wir möchten 5 bis 6 Frauen wählen, mit denen er beraten wolle. Es wurden außer mir noch die Fr. Becker, Fr. Hackmack und ein Mann gewählt.
Eine Sitzung von 1 1/2 Stunde bewirkte eine Abhilfe.  - Na, hättest mit dabei sein müssen. Ich saß direkt neben ihm und brachte zuerst daß, was uns so bedrückte, vor.
Ich hatte mir eine Schnitte Brot mit dem alten grauen Schmalz mitgenommen, im Fall der Hunger zu schlimm würde, das holte ich aus der Tasche und hielt es ihm unter die Nase und fragte ihn, ob er meinte, daß man dabei arbeiten könne? Wochenlang bekämen wir kein gescheites Mittagessen, und unser Geruchssinn hätte uns nicht verlassen, wir könnten wohl die Bratendüfte noch riechen und beobachten, was für schöne Conserven und andere Früchte in ihre Häuser geschleppt würden. Wir dagegen bekämen Schweinekartoffeln und trocken Brot.
Er gab zu, daß alle Waren sehr teuer geworden wären. Darauf frug ich ihn, ob er denn meinte, daß die Unterstützung auch reichte. Er wurde verlegen und sagte, daß er garnicht wisse, wieJ viel die Frauen bekämen. Ich sagte, das es sehr traurig wäre, wenn er das nicht wisse.
Jetzt ärgern sich die Frauen, die nicht mitwaren, daß sie das nicht mit erlebt haben. Es war gleich stadtbekannt. Allen Leidenden hat es Mut gemacht.
Verzeihe, daß ich meistens über den Vorgang geschrieben habe, doch ich bin ganz voll davon. Nächstes Mal gehe ich auf Deinen Brief noch näher ein.
Sei von allen gegrüßt und geküßt.
Deine Anna.

Robert fiel im Oktober 1916. Hier sein letzter Brief vom 21.10. 1916:

Meine herzgeliebte teure Frau!
Kann Dir nicht eher wieder einen Brief schreiben, als bis ich von Dir Briefpapier erhalten habe. Bin gegenwärtig beim Arzt.

Weil ich aber stundenlang im kalten zugigen Hausflur stehen und warten sollte, ging ich in den Garten. [. . .j Es hatte vergangene Nacht tüchtig gereift und gefroren.
Gegessen habe ich nun schon 2 Tage fast garnichts. Sowie ich etwas zu mir nehme, muß alles wieder unverdaut heraus. Als ich heute morgen um 4 Uhr zur Arbeit wollte, erging es mir wieder genau sowie gestern. Legte mich dann, weil zu matt, noch einige Stunden hin, wo ich schnell fest einschlief, weil ich, wenn auch noch sehr schlecht, aber doch mich ausstrecken konnte, denn die anderen Kameraden waren ja zur Arbeit. Wie viel lieber wäre ich auch mit gegangen. Denn in dieser Pesthöhle komme ich noch um.

Ich glaube, es kommt auch nur von der Pestluft. Denn sobald ich in frischer Luft sein kann, fühle ich mich wohl. Komme ich nach unten, wird mir ganz schlecht.
Nun, was ich schreiben wollte: In diesen paar Stunden "Ermattungsschlaf"  hatte ich einen solch schönen Traum. zu Hause bei Euch und ruhte in Euren Armen. Wie wo mir dazu mute. Ich konnte vor Glückseligkeit keine Worte, nur  Tränen der Freude und des Schmerzes hervorbringen. Gleich darauf wachte ich auf -  und befand mich in dem schwarzen Loch..
Ach, was ist das hier für ein Elend.
Herzl. Gruß von Eurem
unglücklichen  Robert.

Dieses Buch, diese Briefe sind proletarische Widerstandsliteratur  und Gesinnung gegen den Krieg. Sie beweisen wie die damalige Arbeiterbewegung in der Lage war, bewusst und kritisch aufzutreten. Das muss man heute schmerzlich vermissen.
Die Briefe von  Anna und Robert Pöhland berühren aber auch Themen wie Kunst und Literatur, Kindererziehung oder gleichberechtigte Beziehungen von Mann und Frau.
Mit der ältesten Tochter der Pöhlands, Klärchen Krebs,  hat die  verstorbene Historikerin Doris Kachulle viele Stunden geredet und Auskunft bekommen über die Zeit und die Eltern. Dieses Buch gibt Auskunft  zum Leben und Denken einer klassenbewußten  Arbeiterfamilie vor und im 1. Weltkrieg. Die Kahulles waren auf theoretische Schulung bedacht und hatten das "Kapital" von Karl Marx studiert und Robert vertrat den Standpunkt, dass imperialistische Rüstungs- und Kriegspolitik niemals Vaterlandsverteidigung ist.
Die Neuausgabe, erschienen im PapyRossa Verlag,  wurde um weitere Briefe ergänzt und mit einem Vorwort von Rolf Becker und Karl Heinz Roth sowie einem Nachwort von Jörg Wollenberg versehen.
Zu den Briefen gehören sehr viele historische Anmerkungen, die deutlich werden lassen, wie sehr die deutsche Sozialdemokratie gespalten war. Zusätzlich  entsteht auch ein Zustandsbericht, wie  die Lebensumstände  während des Krieges in einer größeren Stadt, in diesem Falle Bremen,  gewesen sind.

Dieter Braeg

Doris Kaschulle (Herausgeberin)
"Die Pöhlands im Krieg" Briefe einer Arbeiterfamilie aus dem 1. Weltkrieg
314 Seiten - PapyRossa Verlag, Köln 2006. ISBN 978-3-89438-347-3  17,90 €

 

 







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