Mentalisieren: Anmerkungen zur Gestaltung des Innenlebens

01.09.16
KulturKultur, Soziales, Debatte, Theorie, TopNews 

 

Von Franz Witsch

3. Teil: „Projektive Identifizierung“ oder unreflektiert existiert das Zeichen im Einklang mit dem Gefühl

Dem ersten und zweiten Teil zufolge (vgl. T01, T02) bedarf der Begriff der „politischen Lüge“ (Lügenpresse) der Interpretation in einem umfassenden sozialen Kontext; denn er existiert – wie alle Begriffe bzw. das Zeichen ganz generell – in reiner Form, sich selbst genügend, nicht. Für sich genommen ist das Zeichen tot; bzw. es existiert lebendig (verwendbar) nur in verinnerlichter Form. Das schließt einen (äußeren) sozialen Sachverhalt ein, auf den es verweist, den es freilich nicht eindeutig zu identifizieren vermag, – es sei denn in einem trivialen Kontext (der Tisch ist rund, Fritz ist 20 Jahre alt), in dem es um Verständnis- und nicht um Verstehens-Fragen geht, also um Fragen, die vorhersehbar und gewissermaßen konfliktfrei beantwortet werden können.

Triviale Gemüter scheuen Konflikte und illustrieren soziale Zusammenhänge daher gern mithilfe trivialer Beispiele, um sie auf so umstrittene wie komplexe soziale Zusammenhänge der Verständigung zu übertragen, als wären diese tatsächlich trivial oder einfach zu lösen; obwohl klar sein müsste, dass sie von den Verständigungsteilnehmern mental einiges abfordern, wenn sie sich denn tatsächlich verständigen wollen und nicht nur vorgeben, als wollten sie es; dabei muss man wissen, dass Verständigung nur auf der Basis von Verstehen möglich ist, und dass „Verstehen (äußerer wie innerer Vorgänge)“ keineswegs ein trivialer innerer Vorgang ist und Verständigung erst zu einer schwierigen Angelegenheit macht.

Detel beschäftigt sich in seiner Hermeneutik (GuV) mit dem Verhältnis von Verstehen und Verständigung im Sinne zweier getrennter (Begriffs-)Entitäten. Er verkennt, dass beide Begriffe zwar zu analytischen Zwecken, nicht aber „real“ getrennt voneinander verwendet werden können – frei im Sinne eines objektiven Idealismus’ Kant’scher Prägung, der der Meinung war, dass das, was zu analytischen Zwecken zurecht getrennt werden müsse, namentlich die Gefühls- und Erfahrungsebene (Erkenntnisse a-posteriori) einerseits und die Vernunft- und Verstandesebene (Erkenntnisse a-priori) andererseits, tatsächlich auch real getrennt existierten (vgl. DP3, S. 61): „Das, was analytisch auseinander zu halten sei, müsse es auch als real getrennte Entitäten der Erkenntnis geben“ (DP3, S. 190).

Was Kant methodisch umtrieb, nämlich die Frage, ob es im Unterschied zu erfahrungs-abhängigen Erkenntnissen (a-posteriori) auch erfahrungs-un-abhängige Erkenntnisse gebe (a-priori), was er bejahte, ist in gewisser Weise auf Vorgänge der Verständigung und des Verstehens übertragbar. Beide Begriffe sind „real“ voneinander nicht unabhängig, anders als Detel meint, der ganz offensichtlich zwischen „real“ (zusammengehörig) und „analytisch“ (zerlegen) nicht angemessen unterscheidend; das wäre aber zwingend, es sei denn, das (innere) Verstehen ist „trivial“, mithin widerspruchsfrei auf einer basalen Ebene gegeben, die es „real“ gar nicht gibt, es sei denn imaginär, pure (Wunsch-)Vorstellung, dazu zirkelschlüssig im Regress: „Semantische Gehalte, wie sie uns tagtäglich zu Gesicht und zu Ohren kommen, sind verstehbar, weil sie (grundlegend) verstehbar sind“ (DP4, S. 87). Um nicht zu sagen: „um Texte verstehen zu können, müssen sie verstehbar sein“ (ebd).

Auf diese (triviale) Weise wird das Problem der (äußeren) Verständigung mental (innerlich) entschärft, sodass sich das Problem einer konfliktgesteuerten Gestaltung des Innenlebens, der Fähigkeit zu mentalisieren (BuF), nicht stellt; ergibt sich das innere mentalisierungsaufwendige (innere) Verstehen einer Sache doch aus eben dieser (äußeren) Sache; wozu dann die innere Sicht auf eben diese Sache noch bemühen? Sie ist belanglos, Verständigung überflüssig oder vorhersehbar gegeben.

Um es einfacher zu sagen: Es ist nicht zu befürchten, dass das Innenleben von negativen Gefühlen allzu stark in Anspruch genommen wird; es geriete nicht allzu sehr unter Spannung. Wenn doch, wird’s auch schon mal „cholerisch“, auch gewalttätig. Gewalt ist in dieser Hinsicht ein Mittel, von eigenen Anteilen abzulenken, zumindest für den Moment. Der reicht zuweilen, um Katastrophen im Kleinen (privat) wie im Großen (politisch) auszulösen, bzw. sich, wie wir es in der Politik immer wieder erleben, in eine „Nummer“ hinein zu manövrieren (Russland-Sanktionen, kalter Krieg, Militarisierung nach außen und innen, „wir schaffen das“), aus der es kein Entrinnen mehr gibt, es sei denn um den Preis eines Gesichtsverlustes.

Von sich abzulenken bedeutet: negative Gefühle (das Innere) werden nicht versprachlicht, oder es wird „projektiv identifiziert“: (innere) Gefühle werden in eine äußere Sache projiziert – gewöhnlich in Begleitung von Gewalt oder cholerischen Anfällen, weil das Subjekt unfähig ist, Innen-Außen-Differenzen zu versprachlichen; es differenziert nicht zwischen Innen (der Vorstellung einer Sache) und Außen (der Sache selbst), als sei schon die Vorstellung (einer Sache) „real“ (die Sache selbst), als habe sich die Realität der Vorstellung (über die Realität) zu fügen, sodass es zu einer konfliktgesteuerten Überprüfung der Vorstellung an der Realität nicht mehr kommt. Oftmals hochgradig mit Gefühlen aufgeladene Vorstellungen über die Realität nistet sich im Innenleben ein. Damit scheitert die Externalisierung des Gefühls (vgl. DP4, Klappentext); dieses wird in die Vorstellung projiziert, nicht in die äußere Sache selbst. Auf diese Weise entziehen sich (negative) Gefühle (ohne reale äußere Sache) der intersubjektiven Versprachlichung bzw. der Verarbeitung in Gestalt einer sprachgestützten externen Verständigung, eine Form von Gefühlskontrolle auf Kosten sozialverträglicher und lebendiger Kommunikation, als ginge es buchstäblich um „nichts“; stimmt: für einen Choleriker ist immer schon alles klar, noch bevor er auch nur das Geringste verstanden hat.

Irrtum, nichts versteht sich von selbst; schon gar nicht die Verarbeitung (Versprachlichung) v.a. negativer Gefühle, selbst wenn sie noch gar nicht so massiv negativ wahrgenommen werden, vielleicht lächerlich erscheinen mögen; scheut man sich indes, sie früher (als zu spät) zu verarbeiten, könnten sie sich auch untergründig zuspitzen, mag sein zu einem viel späteren Zeitpunkt, dann aber vielleicht unvorbereitet und unkontrolliert, anhand eines anderen Anlasses, weil der ursprüngliche Grund gar nicht mehr präsent oder rekonstruierbar ist. Dann droht vollkommende Orientierungslosigkeit, von der man durch Gewaltlösungen ablenken will. Die Politik zeigt es tagtäglich. Die Spannungen in der Welt nehmen zu und Politiker tun bis zum bitteren Ende so, als hätten sie auf verantwortliche Weise alles im Griff. Dabei projizieren sie unvermeidliche (sich zuspitzende) Spannungen oder anschwellende negative Gefühle permanent in den Anderen (den politischen Gegner, z.B. Putin, ist schuld), um ihn im Falle nicht mehr der Versprachlichung zugänglicher Spannungen als äußeren Feind oder äußere Bedrohung auszumachen, um eigene Anteile an wachsenden Spannungen auszublenden, schon indem tatsächliche Konflikte nicht angemessen versprachlicht werden – aus Überzeugung, weil man Putin tatsächlich für einen Teufel hält, schließlich hat er was gegen Schwule oder redet mit dem Front National, Trump etc. Oder man will etwas, was sich in Zeiten eines wachsenden Protektionismus unvermeidlich ist (Q10), nämlich die USA nicht verärgern. Eine Katastrophe: Auf diese Weise werden Konflikte seit Jahren von der westlichen Politik ignoriert, nur um sie systematisch auf Feldern purer Gewalt zu inszenieren, auf denen die tatsächlichen Konflikte keine Rolle spielen. Es sind dies ökonomische Konflikte, die nach einem anderen Wirtschaftssystem, der Abschaffung des Kapitalismus, schreien. Die will man natürlich nicht lösen; stattdessen führt man lieber Kriege nach innen (Einsatz der Bundeswehr im Inneren) wie nach außen (gegen Syrien, Libyen, Irak etc.), immer aber gegen böse Teufel, bis die Welt absolut nicht mehr kontrollierbar ist (vgl. Q06, Q07, BB093, S. 15).

So macht es die westliche Politik und tut dabei so, als könne sie kein Wässerchen trüben, während sie zugleich die Bürger auffordert, private Vorsorge zu treffen: Lebensmittelvorräte und Bargeld für zehn Tage anzulegen, um sich gegen Kriege und Katastrophen zu wappnen. So etwas nennt sich dann Zivilschutz (vgl. Q01, Q02, Q03, Q04, Q05).

Was hier ziemlich harmlos als verantwortliche Politik formuliert wird, ist in Wirklichkeit eine bodenlose Frechheit, die von eigenen Anteilen einer wachsenden globalen Konfrontationen ablenkt, davon, dass man systematisch (im Grunde seit der Wende) in wachsendem Maße eine Politik der Konfrontation betreibt, in der Verständigung auf der Basis von Verstehen keine Rolle spielen soll und zwar ausdrücklich, wie der US-amerikanische Politologe George Friedman, Chef der nachrichtendienstlichen Denkfabrik „Stratfor Global Intelligence“, ganz offen in der Art eines „neuen Faschismus’“ sinngemäß sagt (Q09, ab Min.6:50): Wesentlich für die USA sei es, seine Feinde (in Vietnam, Afghanistan, Irak …) „aus der Balance“ zu bringen, nicht sie zu besiegen und so dumm zu sein, „eine Demokratie aufbauen“ zu wollen (vgl. auch Q08).

Hier bemüht man den anderen zu verstehen, um ihn zu zerstören. Zurück bleibt als Basis der Verständigung die Gewalt, eine aufgezwungene Verständigung, für die man merkwürdig unaufgeregt plädiert. So etwas kann, wie uns die Vergangenheit lehrt, in eine Katastrophe führen, die man letztendlich, wenn auch nicht wortwörtlich, will. Schlimm ist, dass sich hierzulande kein Politiker dagegen wehrt. Steinmeier bildet da keine Ausnahme; was er da betreibt, ist wahltaktisch motiviert (vgl. Q11) ohne die geringste nachhaltige Wirkung. Wenn’s drauf ankommt, kriechen sie alle vor Uncle Sam.

Um wenigstens Philosophen, Psychologen und Therapeuten zur politischen Stellungnahme zu ermuntern, damit sie die Welt nicht immer nur verstehen, sondern auch ändern (vgl. Marx’ „Thesen über Feuerbach“), und sei es für’s erste auch nur, indem sie „reale“ und nicht nur weltabgewandt eingebildete Konflikte (Putin, der Teufel) benennen, um sie einer Versprachlichung zugänglich zu machen, ist es vielleicht sinnvoll, den eben beschriebenen sozialen Sachverhalt auf eine bedeutungsphilosophische Grundlage zu stellen, zumal bedeutungsphilosophische Momente in der von Bateman und Fonagy verfassten umfassenden Studie zur Borderline-Persönlichkeits-Störung (BPS, vgl. BuF), von der schon (in T01und T02) die Rede war, eine erhebliche Rolle spielen, die, wie gleich deutlicher werden soll, ein Verwandtschafts-Verhältnis begründen zwischen Menschen, die weitgehend als „normal“ gelten (z.B. Politiker) und Menschen, die an einer BPS leiden.

Halten wir fest: (1) Ohne Verständigung kein Verstehen und umgekehrt, und ohne Verstehens- oder Projektionsarbeit des Subjekts ist das Zeichen als Medium der Verständigung tot; lebendig existiert das Zeichen zunächst, bevor es zum externen Medium wird, in verinnerlichter Form: in Verbindung mit einer verinnerlichten Bedeutung („ich meine“), die (2) in einem weiteren Schritt in das Zeichen projiziert wird („ich sage“), das dann als externes Medium die Verständigung zwischen mindestens zwei Subjekten vermittelt (vgl. DP2, S. 21ff, DP3, S. 118ff). Dabei entstehen Bedeutungsdifferenzen, die dem Zeichen – Worten, Begriffen, Texten, Zeichenketten etc. – im Moment seiner Verwendung zugeschrieben werden. Kommunikationsteilnehmer laden das Zeichen mit unterschiedlichen Bedeutungsgehalten auf in der Erwartung, dass andere Teilnehmer darauf eingehen (3). Diese drei Schritte gehen mit Bedeutungsdifferenzen einher, wie sie auch Luhmann (u.a. in GdG) postuliert, freilich ohne auf jene drei Schritte ausführlicher einzugehen.

Ohne Bedeutungsdifferenzen plapperten wir nur nach, so wie Otfried Höffe (HOO) den Kant (vgl. auch DP3, S. 11, 187f); ohne sie gebe allenfalls die Erwartung, bedeutungsidentisch und konfliktfrei nachzuplappern, aber eben keine innerlich gefühlte, spannungsgeladene Verpflichtung oder Motivation der Kommunikationsteilnehmer, aufeinander in differenzierender Weise einzugehen.

Dieser soziale Sachverhalt ist so einfach wie die Tatsache, dass die meisten Debatten so geführt werden, als wäre er den meisten Debattenteilnehmern fremd. Ist er nicht und dennoch debattieren oder diskutieren sie so (z.B. Höffe den Kant), als sei er ihnen fremd. Vermutlich weil sie mit verletzten Erwartungshaltungen und damit verbundenen negativen Gefühlen – dem Verlierer in sich (DP3, S. 92-99) – nicht umgehen können; oder sie glauben, sie hätten’s nicht nötig und diskutieren nach Gutsherrenart; so klingt der Höffe (in HOO) in der Tat.

Es ist ferner – in Ergänzung zu (1), (2) und (3) – unvermeidlich, dass Erwartungshaltungen unter Kommunikationsteilnehmern immer wieder mal verletzt werden. Das ist wie mit den Bedeutungsdifferenzen: Bedeutungen bleiben nicht das, was sie (in der Vorstellung) eines Subjekts sind (scheinen), wenn es einen sozialen Sachverhalt beobachtet, d.h. beschreibt und dabei nicht umhin kommt, ihn von anderen Sachverhalten, seiner Umgebung oder Umwelt, zu unterscheiden. Das geschieht grenzwertig, Grenzen verschiebend, sozusagen verletzend, im Verhältnis zur Umgebung (Luhmann, vgl. T01, S. 5, T02, S. 4). Ohne Grenzverletzungen wäre eine Beschreibung des Sachverhalts gar nicht möglich. Ja, es gebe im Bewusstsein des Subjekts gar keinen Sachverhalt.

Analog dazu gibt es ohne die Erfahrung einer Verletzung von Erwartungshaltung den Begriff der Erwartungshaltung nicht. So wie es positive Gefühle auch nur vor dem Hintergrund einer Erfahrung negativer Gefühle gibt. Diese werden zusammen mit der Bedeutung, resp. Bedeutungsdifferenzen in das Zeichen (Medium) projiziert. Es repräsentiert damit ein (inneres) Defizit, das als negatives Gefühl „wahr“-genommen wird unter der Bedingung, dass jenes durch beständige Verwendung verinnerlichte Zeichen, siehe oben, nicht in einem trivialen Sinne (d.h. gemeint wie gesagt) verwendet (projiziert) wird, als könne das (verinnerlichte) Zeichen einen (äußeren) Gegenstand eindeutig identifizieren; das passiert nur in der Vorstellung. Dann wäre die Projektion ein rein innerer Vorgang und das Verhältnis zur äußeren Welt wäre bedroht, auf sozialverträgliche Weise (gewaltlos) nicht mehr kommunizierbar.

Bateman und Fonagy bezeichnen in ihrer BPS-Studie diese Art und Weise der Verwendung eines Zeichens, genauer: die Projektion der verinnerlichten Bedeutung des Zeichens in das (externe) Zeichen, als „projektive Identifizierung“ (vgl. BuF, S. 141). Sie ist als eine wesentliche Eigenschaft einer BPS anerkannt, im Sinne einer notwendigen Bedingung, die allerdings, wie in T01 und T02 näher beschrieben, als Eigenschaft auch bei Menschen beobachtet werden kann, die als „normal“ gelten oder nicht an einer BPS erkrankt sind. Das könnte vielleicht das Verwandtschaftsverhältnis zwischen sogenannten normalen Menschen und BPS-Patienten begründen (vgl. T02, S. 5).

Die Frage ist, welche zusätzlichen Eigenschaften gegeben sein müssen, damit es zur BPS kommt. Jedenfalls sind beide Bevölkerungsgruppen, schlicht gesagt, nicht in der Lage, Bedeutungsdifferenzen zu kommunizieren. Klar ist, dass BPS-Patienten massiv darunter leiden und durch eine vollkommen unzureichende Affektkontrolle zum Ausdruck bringen, dass ihnen die Mittel (im Sinne einer Eigenschaft) fehlen, Bedeutungsdifferenzen zu ignorieren, wie z.B. Politiker sie – wie oben beschrieben – zweifellos besitzen und deshalb – anders als BPS-Betroffene – zur Affektkontrolle in der Lage sind. Das schließt nicht aus, dass beide Bevölkerungsgruppen nicht in der Lage sind, negative Gefühle zu kommunizieren. Die eine Gruppe knallt, um es populär zu sagen, durch (keine Affektkontrolle), während die andere Gruppe Probleme und eigene Anteile an ihnen ignoriert, aussitzt oder verdrängt; um es populär zu sagen: sich verpisst. Merkel ist hier eine Meisterin ihres Faches, mehr noch als ihr Vorgänger Kohl, der seine Gegner, z.B. den Geißler, auch schon mal öffentlich abwatschte.

Wie eben angedeutet spricht Luhmann in einem vergleichbaren Zusammenhang, wiewohl ohne den Projektionsbegriff explizit zu bemühen, von Bedeutungen oder Bedeutungs-Differenzen, die beim „Beobachten“ eines sozialen Sachverhalts oder bei der Interpretation eines Begriffs, der jenen Sachverhalt repräsentiert, entstehen (vgl. auch BB125, S. 65, 68). Das Subjekt beobachtet: es beschreibt einen Sachverhalt, indem es ihn „bezeichnet“ und „unterscheidet“ in Abgrenzung zur „Umwelt“ jenes Sachverhalts – grenzwertig, Grenzen verletzend. Dabei kommt es zur Beziehung zwischen „System“ (Sachverhalt) und seiner wiederum systemtheoretisch beschreibbaren „Umwelt“. Das führt zu Spannungen, in Luhmanns Worten etwas beschönigend zu „Asymmetrien“ (ebd), die, weniger beschönigend, ein Spannungsverhältnis begründen, das Subjekte voraussetzt, die freilich in Luhmanns Systemtheorie (zur Beschreibung und Erklärung gesellschaftlicher Strukturen) keine Rolle spielen (vgl. BB127, S. 78).

Ohne seine Umwelt wäre jener Sachverhalt, eine von vielen Trivialitäten, die Luhmann bemüht und – das Soziale ontologisierend – für grundlegend hält, nicht beschreibbar, geschweige begreifbar. Und weil der Vorgang der Beobachtung (bezeichnen, unterscheiden, Grenzziehung) wiederum der differenziellen Beobachtung zugänglich ist, können wir mit Luhmann von einer differenziellen Eigenschaft sprechen, die dem Zeichen, z.B. einem Begriff, generell zukommt.

Nur dass bei Luhmann das innerlich gefühlte Defizit – der „Verlierer in uns“ (DP3, S. 92, 98f) – keine rechte Würdigung erfährt: Das Subjekt und das, was in ihm vorgeht oder wie es sich fühlt, spielt in seiner Systemtheorie (zur Beschreibung und Erklärung der Gesellschaft) keine Rolle und zwar auf eine andere Weise keine Rolle als dies bei Foucault und Detels Hermeneutik (vgl. DP4, S. 89f), aber auch in Heideggers Hermeneutik, von Detel heftig kritisiert (aaO, S. 126-136), der Fall ist.

Und es sei daran erinnert, dass das Subjekt auch bei Jacques Lacan keine Rolle spielt; oder sagen wir es mit Luhmann so: es spielt wiederum auf eine andere (differenzielle) Weise, als dies bei Detel, Foucault und Heidegger der Fall ist, mithin tiefergehend keine Rolle. Oberflächlich gesehen scheint es eine Rolle zu spielen; schließlich verwendet Lacan das Wort „Subjekt“, für das er, wie an anderer Stelle beschrieben (T01, S. 3), den Begriff „Mangel“ prägte, eine grundlegende Eigenschaft des Innenlebens (des Subjekts), ein Gefühl der „Entfremdung“, das „unhintergehbar zu akzeptieren“ sei (vgl. BIC-DES, S. 29) und die Verwendung von Zeichen(ketten) begleitet:

Jedes verwendete Zeichen (Wort, Begriff, Text etc.) erzeugt nachfolgend einen Mangel, eine Differenz, die jenen Mangel, eine Unzufriedenheit, ein negatives Gefühl, erzeugt, wie gerade gesagt, den Verlierer in uns, der zur Verwendung eines nachfolgenden Zeichens treibt, mithin dazu führt, dass die Motivation, zu verstehen und sich zu verständigen, aufrechterhalten bleibt, eben um jene innerlich gefühlte Eigenschaft des Mangels, ein mehr oder weniger schlechtes Gefühl, zu verarbeiten – dadurch, indem das Gefühl oder das, worauf es gegenständlich (einen Gegenstand beschreibend) verweist, wiederum gefühlserzeugend versprachlicht wird, im Vorfeld der Versprachlichung mit positiven Gefühlen besetzt wird; sodass gilt: Kommunikation ist begleitet von einer Ambivalenz der Gefühle, von Gefühlsschwankungen.

Oder aber die Kommunikation wird nachhaltig (nicht nur vorübergehend, weil man z.B. auch mal schlafen muss) unterbrochen; Bindungen werden explizit oder implizit verweigert, wenn Gefühlsschwankungen aus dem Ruder laufen, Spannungen, v.a. negative Gefühle, nicht ertragen werden; dann kommt Kommunikation zum Erliegen oder nimmt, wenn sie sich öffentlich aufdrängt (nicht zu vermeiden ist), gewalttätige Formen an (Kriege, Rhetorik der Gewalt, Ignoranz, Verleugnung etc.), eben wenn Erwartungshaltungen verletzt werden, einer Verarbeitung durch Versprachlichung im Kontext „intakter“ Bindungen nicht mehr zugänglich (vgl. BuF, S. 147f).

Es versteht sich von selbst, dass, wenn das Subjekt und das, was und wie etwas in ihm vorgeht, keine Rolle spielt, wie insbesondere und ganz explizit bei Luhmann der Fall, – dass dann der Begriff des intersubjektiven Kontextes auch nicht sinnvoll verwendbar ist. Dann wird hypostasiert, was das Zeug hält. Das macht Luhmann ganz bewusst, allerdings ohne den Begriff „Hypostase“ zu verwenden; eben weil, wie Marx schon zu Hegel anmerkte, bei Luhmann nicht Subjekte, sondern Abstraktionen in Beziehung zueinander stehen oder treten. Und so braucht Luhmann nur ein „einzelnes“ Subjekt, einen von der Welt isolierten Kaspar Hauser, um seine Systemtheorie bedeutungsphilosophisch einzukleiden. Denn selbstverständlich können unterschiedliche Bedeutungen durch ein und dieselbe Person in ein Zeichen bzw. eine Zeichenkette projiziert werden, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Verwendungszusammenhängen, die merkwürdigerweise mindestens zwei Subjekte und das, was zwischen ihnen und in ihnen vorgeht, gar nicht bedürfen, um einer Beschreibung zugänglich zu sein.

Bei aller Kritik ist aber auch „(das Prinzip der) Nachsicht“ (vgl. GuV, 384-391; DP4, S. 86f) angebracht, denn in einem hat Luhmann gewiss recht, indes ohne dass er den folgenden Satz ausspricht, dessen Sinn sich aber aus vielen seiner Ausführungen vielleicht herauslesen lässt: „wir begreifen uns (…) nicht ein für allemal“ (DP2, S. 165). Müssen wir auch nicht, bzw. wir können gar nicht immer alles punktgenau begreifen, während es uns um Verstehen und Verständigung nicht-trivialer Sachverhalte (1+1=2) zu tun ist. Urteilen resp. schnelles Verstehen („parsen“, wie Detel in GuV [Anm.45] anmerkt) ja, aber eben nicht (nachhaltig) begreifen.

Habermas bemüht in einem vergleichbaren und ergänzenden Kontext den Begriff des „unproblematisches Hintergrundwissens“ (vgl. DP2, S. 165, DP4, S. 20, 124), das nicht besonders viel Anlass zur Reflexion gibt. Unreflektiert existiere das Zeichen im Einklang mit dem Gefühl: „als problemloser, festgefügter sozialer Sachverhalt“ (DP2, S. 165), als käme dem Zeichen eine eindeutige Bedeutung zu, vielleicht ja eine notwendige Illusion, insbesondere um zu lernen (DP2, S. 147), z.B. eine Sprache. Eine solche Eindeutigkeit müsse es Habermas zufolge indes nicht nur illusionär, sondern „real“ geben, freilich „unter bestimmten, nicht hintergehbaren sozialen Kontextbedingungen“, andernfalls sei die Sprechakttheorie nicht haltbar (vgl. MP1, S. 123). Tatsächlich dürfe ein Sprechakt „nicht vollständig von einem kontingenten Hintergrundwissen abhängen, wenn die formale Pragmatik ihren Gegenstand nicht verlieren soll“ (TK1, S. 450).

(wird fortgesetzt)

 

Quellen:

BB088: Franz Witsch, EU und ihre Politiker agieren wie geistig umnachtet

Hamburg, 12.07.2015

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis100.pdf (S. 24-25)

BB093: Franz Witsch, Es gibt keinen Anti-Amerikanismus, aber massive Kritik an den USA

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis100.pdf (S. 15)

BB125: Franz Witsch, Spielt der Mensch in der Sozialtheorie eine Rolle?,

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis200.pdf (S. 64-70)

BB126: Franz Witsch Egomanie: die Realität hat sich vor dem Denker zu verbeugen. Zum Gesellschafts- und Subjektbegriff bei Niklas Luhmann.

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis200.pdf (S. 72-77)

BB127: Franz Witsch, Philosophie ohne Gegenstand: Zur Systemtheorie Luhmanns.

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis200.pdf (S. 78-82)

BIC-DES: Christoph Bialluch, Das entfremdete Subjekt. Subversive psychoanalytische Denkanstöße bei Lacan und Derrida. Mit einem Vorwort von Klaus-Jürgen Bruder, Gießen 2011 (Psychosozial-Verlag)

BuF: Anthony W. Bateman, Peter Fonagy, Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Gießen 2008, zit. nach 2014

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 1. Teil: Zum Begriff der Teilhabe. Norderstedt 2015 (1. Auflage 2009)

DP2: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 2. Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012

DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 3. Teil: Vom Gefühl zur Moral, Norderstedt 2013

DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 4. Teil: Theorie der Gefühle, Norderstedt 2012 (zit. n. 2015)

GdG: Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankf./M. 1998

GuV: Wolfgang Detel, Geist und Verstehen, Frankf./M. 2011

HOO: Otfried Höffe, Immanuel Kant, München 2000, 1.Auflage 1983

MP1: Franz Witsch, Materialien zur Politisierung des Bürgers, Bd.1: Ökonomische und moralische Voraussetzungen einer sozialverträglichen Gesellschaft, Norderstedt 2015

MVS: Franz Witsch, Mentale Voraussetzungen einer Militarisierung sozial-ökonomischer Strukturen. Vortrag auf der Jahrestagung der NGfP (Neue Gesellschaft für Psychologie) in Berlin vom 05. bis 08. März 2015, in KuK, S. 203-214

http://film-und-politik.de/Politik/NGFP-MVS.pdf

Q01: Gesellschaft: Bundesregierung: Bürger sollen Lebensmittel und Bargeld bunkern

DWN vom 21.08.2016

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/21/bundesregierung-buerger-sollen-lebensmittel-und-bargeld-bunkern/

Q02: Bundesregierung bereitet sich auf Notstand vor. Noch unter Verschluss gehaltenes Konzept setzt auch auf Vorsorgemaßnahmen vonseiten der Bevölkerung

Telepolis vom 06.08.2016

www.heise.de/tp/artikel/49/49056/1.html

Q03: Für den Ernstfall planen. Und eine Kiste Mineralwasser bereithalten. Die Bundesrepublik bekommt wieder ein Konzept für die zivile Verteidigung

Telepolis vom 21.08.2016

www.heise.de/tp/artikel/49/49184/1.html

Q04: So will die Bundesregierung im Kriegsfall reagieren

faz.net vom 21.08.2016

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/f-a-s-exklusiv-so-will-die-bundesregierung-im-kriegsfall-reagieren-14398973.html

Q05: Maßnahmen für Krieg: Bundesregierung spielt Wehrpflicht und Rationierung von Lebensmitteln durch

DWN vom 24.08.2016

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/24/bundesregierung-spielt-wehrpflicht-und-rationierung-von-lebensmitteln-durch/

Q06: Konfrontation als Ziel, gfp vom 22.08.2016

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59423

ergänzend:

Fjodor Lukjanow, Logik der Konfrontation: das interne Motiv

http://www.laender-analysen.de/russland/pdf/RusslandAnalysen320.pdf

Q07: Reinhard Merkel, Syrien: Der Westen ist schuldig. Wie hoch darf der Preis für eine demokratische Revolution sein? In Syrien sind Europa und die Vereinigten Staaten die Brandstifter einer Katastrophe. Es gibt keine Rechtfertigung für diesen Bürgerkrieg, FAZ vom 02.08.2013

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/syrien-der-westen-ist-schuldig-12314314.html

Q08: Stratfor: USA wollen deutsch-russische Allianz verhindern

DWN vom 17.03.2015

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/03/17/stratfor-usa-wollen-deutsch-russische-allianz-verhindern/

Q09: auf Youtube: Stratfor: US-Hauptziel seit einem Jahrhundert war Bündnis Russland und Deutschland zu verhindern

https://www.youtube.com/watch?v=9fNnZaTyk3M

Q10: Steuern: Milliarden-Strafe für Apple: US-Regierung warnt EU vor negativen Folgen, DWN vom 31.08.2016

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/31/milliarden-strafe-fuer-apple-us-regierung-warnt-eu-vor-negativen-folgen/

Q11: Russland-Sanktionen rücken auf den Prüfstand. Außenminister Steinmeier will von einer „Phase der Konfrontation“ zu einem „belastbaren Verständnis gemeinsamer Sicherheit“ kommen, Telepolis vom 31.08.2016

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49286/1.html

TK1: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankf./M. 1995, 1.Auflage 1981

T01: Franz Witsch, Störfall oder das Zeichen will nichts mehr bedeuten

http://film-und-politik.de/Politik/K14-T01.pdf

T02: Franz Witsch, Begreifen, was man sagt

http://film-und-politik.de/Politik/K14-T02.pdf

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz