“Brecht” – der neue Zweiteiler von Heinrich Breloer


Bildmontage: HF

11.02.19
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Von Franz Witsch

Es gibt Filme, die anziehend auf mich wirken – unbenommen davon, dass es aus meiner Sicht Gründe geben mag, sie einer beißenden Kritik zu unterziehen. So wie es Menschen geben mag, die sexuell anziehend auf mich wirken, ohne dass ich viel von ihnen halten muss. Vielleicht dass Affinitäten kommunikative Zugänglichkeit suggerieren, die etwas in der Vorstellung versprechen, was sie im realen Leben nicht zu halten vermögen.

Wie dem auch sei – jedenfalls lasse ich mich von Heinrich Breloers Doku-Dramen berühren. So von “Brecht”, seinen neuen Zweiteiler, der auf der gerade angelaufenen diesjährigen Berlinale vorgestellt worden ist, den vorab (am 22.02. 2019) zu sehen man mich einlud. Außerdem ergab sich die Gelegenheit, mit dem Brecht-Darsteller Burghart Klaussner (Das weiße Band, Elser) ein paar Worte zu wechseln.

Aus all dem entspann sich eine kurze Besprechung, die noch etwas ausführlicher Eingang finden wird in einen längeren Aufsatz unter dem Titel: “Die herrschende Sozialtheorie: nicht gesellschaftsfähig”, 2.Teil: “Moralisieren auf der Basis einer nicht mit sich selbst identischen Moral”.

Der 1.Teil “Verdinglichen im Modus psychischer Äquivalenz” kann eingesehen werden unter: http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf. Beide Teile gehören zu einer umfassenderen Abhandlung unter dem Titel “Mentalisieren: Anmerkungen zur Gestaltung des Innenlebens”.

Zum besseren Verständnis der Besprechung seien ihr ein paar Absätze aus dem 2.Teil vorangestellt. Sie werden in etwa wie folgt lauten:

»Sozialtheorien sind wie das Schreiben von Texten moralisch motiviert als käme ihnen ein Innenleben zu. Natürlich sind es Menschen, die Sozialtheorie treiben, denen ein Innenleben zukommt, das allerdings in jenen Theorien seine Spuren hinterlässt. Sie legen zumindest – ggf. schwer zugängliche – “Mutmaßungen über Jakob” (Uwe Johnson) nahe über das, was auf welche Weise innerlich bewegt, wenn auch – genereller und umfassender formuliert: wie das Subjekt aus dem Innenleben heraus soziale Beziehungen in Verbindung mit gesellschaftlichen Ganzheitsvorstellungen gestaltet, die wiederum – abstrakt und konkret zugleich – auf einen fassbar-äußeren Gegenstand, einem (Real-) Allgemein-Interesse im Sinne einer logischen Entität verweisen könnten (vgl. T07-1, S. 90ff), namentlich auf unmittelbar einklagbare Grundrechte auch für Straftäter.

Das wäre dann für ein beliebiges Subjekt, d.h. in einem universell-ganzheitlichen Sinn, von handlungsrelevanter Bedeutung, die auch für den Straftäter seine Zugehörigkeit zum gesellschaftlichen Ganzen unkündbar sicherstellt, mithin ein beliebiges Subjekt überhaupt erst gesellschaftsfähig machen könnte (ebd), vorausgesetzt es will und könnte (vorenthaltene) Grundrechte einklagen.

Eine derartige unter bestimmten Bedingungen mögliche Gesellschaftsfähigkeit umschreiben psychoanalytisch angehauchte Sozialtheoretiker wie Herbert Marcuse u.a. gern mit dem Eigenschaftswort “emanzipiert”, ohne freilich jene Bedingungen genauer und von praktischer Relevanz für ein beliebiges Subjekt zu spezifizieren, dazu angetan, auf sozialverträgliche Weise zu mentalisieren bzw. das Innenleben zu gestalten.

Ohne handlungsrelevante Perspektive für ein beliebiges Subjekt machen jene Ganzheitsvorstellungen auf Dauer schwer zu schaffen, dann nämlich, wenn sie das Subjekt dazu verurteilt, Vorstellungen zu bleiben: dem Innenleben nicht zu entrinnen, indem sie auf (stark verinnerlichte) Objekte wie “Nation” oder “Rasse” verweisen, die eine Zugehörigkeit zum gesellschaftlichen Ganzen lediglich vorspiegeln resp. imaginieren (ebd), ein Versprechen, das sie ggf. nicht halten, wenn das Subjekt positive Gefühle mit “seiner” Nation oder zur “eigenen” Rasse vermissen lässt und auch zu sich selbst genau dann, wenn es sich denn zu einem positiven Verhältnis zur Nation genötigt sieht, zumal ohne mentale Disposition, der Nötigung zu widerstehen oder zu entkommen.

In diesem Fall kann von einer Verbindung zu einem Real-Allgemeinen, als Außen einer verdinglichenden Spezifizierung zugänglich, auf das sich das Subjekt ohne jede Nötigung emanzipiert beziehen kann (vorenthaltene Grundrechten einklagen), nicht die Rede sein kann.«

Die folgende Filmbesprechung bezieht sich auf den eben entwickelten sozialen Sachverhalt der Nötigung und lautet wie folgt:

»Es ist dies eine Nötigung, die der neue auf der diesjährigen Berlinale präsentierte Zweiteiler “Brecht” (Regie: Heinrich Breloer) im jungen Brecht (1898-1956) gleich nach Beginn des Ersten Weltkriegs eindrucksvoll transportiert: Der junge Brecht (Tom Schilling) rettet sich durch seine Kunst, über die er seine Einstellung gegen den Krieg zum Ausdruck bringt sowie Anfeindungen von außen (negative Gefühle) verarbeitet, freilich, wie später deutlicher werden soll, fragil, zumal instrumentalisierbar: in verschlüsselter Form (vgl. T06, S. 62ff), die Fähigkeit zur Empathie begrenzend, gleichwohl, absurd aber wahr, Empathie zu imaginären Objekten wie “Nation” oder “Vaterland” einfordernd. Von Imaginationen (verinnerlichte Objekte wie Arbeiterklasse, Oktoberrevolution, Stalin, Völker – hört die Signale etc.), ist Brecht, wenn auch in scharfer Abgrenzung zu geläufigen Imaginationen (wie Nation und Vaterland), auch nicht frei. Das konstituiert Brechts so gebrochenes wie nur eingeschränkt von Distanz geprägtes Verhältnis zur Macht. Also doch: Stalin, ein Massenmörder! Aber erst als er die Geheimrede Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag 1956 in den Händen hielt.

Das schließt ein, dass er zeit seines Lebens über seine Kunst mit den Mächtigen in Staat und Gesellschaft, die auch nach 1956 uneingeschränkte Solidarität einforderten, aber auch mit Familienangehörigen und Theater-Kollegen, ziemlich hilflos in spannungsgeladene Konflikte geriet, die sozialverträglich zu bewältigen jeden, gerade junge Menschen, überfordern müssen unter den gegebenen sozial-ökonomischen Verhältnissen.

Brechts Intimleben: seine Art zu lieben, mit Gleichgesinnten umzugehen, von Tom Schilling und Burghart Klaussner (als erwachsener Brecht) gut in Szene gesetzt, lässt das nicht unberührt, sodass er seelische Entlastung bis ins Erwachsenenalter hinein nicht finden konnte. Das nagte an seiner Gesundheit.

Das Spiel nicht nur der beiden Brecht-Darsteller Klaussner und Schilling zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es, ohne routiniert zu wirken, mit und in den Figuren lebt, sowie zeigt, dass das Private vom Gesellschaftlichen nicht zu trennen ist; mehr noch: dass es eine Verbindung gibt, freilich lediglich gespürt, kaum diskutierbar. Wie auch? Vor einer Spezifizierung oder verdinglichenden Verbegrifflichung der Verbindung, die über bloßes Spüren hinausgeht, schreckt die Sozialtheorie bis heute zurück (vgl. WPF, S. 14), um so gut es irgend geht ihr Verhältnis zur Macht als ungebrochen erscheinen zu lassen; wie um der Macht zu bedeuten: seht her, ich bin kritisch, aber nützlich in eurem Sinne; ihr braucht mich. Ich verdiene auskömmlich dotierte öffentliche Ehre und Präsenz.

Es ist dies eine mentale Disposition, die bei der Vorab-Aufführung des Films am 22. Feb. 2019 zum Ausdruck kam durch eine Frage an den Regisseur Heinrich Breloer.

Der Film, so bereitete ich die Frage vor, zeige auf beeindruckende Weise die Hilflosigkeit des Denkens und der Kunst gegenüber den Mächtigen insbesondere in der DDR. Ließe sich das vielleicht auch auf unsere Verhältnisse übertragen? Heinrich Breloer antwortete sinngemäß wie um den Film lobpreisende ARD-Größen nicht zu verwirren:

Nein! Dem Denken wie dem Denker komme bei uns große Macht zu. Und dann der naive Satz: Man könne in Deutschland alles sagen, alles filmen, ohne Repressionen, Gefängnis etc. zu befürchten. Zu befürchten steht, dass Heinrich Breloer mit dieser Antwort ein rein akademisches Interesse bedient, auch in sich selbst transportiert.

Enttäuschend. Man fragt sich, wozu dieser Film, wenn er, ohne es tatsächlich zu sagen, nur bedeuten will, dass wir auf einer “Insel der Glückseligkeit” leben? – wie übrigens auch “Das Leben der Anderen” und “Werk ohne Autor” von Florian Henckel von Donnersmarc.

Später, im Gespräch, vertrat Burghart Klaussner die gleiche Auffassung wie Breloer: die Hilflosigkeit des Denkens gegenüber der Macht sei auf unsere Verhältnisse nicht übertragbar.

Als sage den Filmemachern ihr Film – allen Lobpreisungen zum Trotz – weniger (zu) als mir. So gesehen verfehlt bzw. reduziert der Film sein Thema, umfassender begründet: wenn er systemaffirmativ, getrennt von einem umfassenderen Kontext, gedeutet werden kann, in den wir (in Deutschland) nicht – und wenn, lediglich herablassend, der Macht allzu gefällig – involviert sind; eine Deutung, die sich, die Antworten zeigen es, förmlich aufdrängt, während ich – ziemlich naiv – im Film vielleicht nur mehr sehen wollte, als in ihm drin steckt.«

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

Quellen:

T06: Franz Witsch, Psychopathologisierung sozialer Strukturen.

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 56-83)

T07-1 (9.1): Franz Witsch, Verdinglichen im Modus “psychischer Äquivalenz”. http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 84-96)

WPF: Franz Witsch, “Eine fantastische Frau” (Filmbesprechung).

http://film-und-politik.de/WIF-Akt.pdf (S. 14)

 







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