„Paranormale Logorrhö“: Untypisch vulgäre Entgleisung der SZ gegen die NDS


Bildmontage: HF

17.09.19
KulturKultur, Debatte, TopNews 

 

Von Hannes Sies

„Herr Müller war, lange her, mal Planungschef im Kanzleramt, in der Ära Brandt...“ So beginnt die Süddeutsche Zeitung (SZ) ihre gegen Albrecht Müller, den Gründer des bekannten Blogs „Nachdenkseiten“, gerichtete Hasstirade. Wo? Auf der Titelseite, gleich neben dem Leitartikel über den „starken Mann“ Boris Johnson. Die SZ-Journalisten verstecken sich selbst in der Anonymität, ihre persönlichen Angriffe gegen Müller hinter Ironie der weniger feinen Art. Mit billigster Häme machen die gemeinen SZ-Schreiberlinge sich über den altgedienten Sozi her, der einst SPD-Geschichte geschrieben hat:

„Gemeine Kritiker.. sagen ihm nach, er leide, wie mancher älterer Herr, an der Ignoranz der Menschheit, die sich keinen Deut für ihn interessiert, obwohl er doch alles viel besser weiß. Seit Beginn der Regierung Kohl denkt er darüber nach (daher der Name seines Politblogs), warum niemand auf ihn hört...“ SZ 14./15.9.2019 S.1)

Die SZ: ehedem links-, heute neoliberal

Die SZ war, lange her, mal eine linksliberale Zeitung. Dann liefen ihr erst die Leser weg, dann die Anzeigenkunden und schließlich alle guten Mitarbeiter. Heute ist sie eine neoliberale Mainstream-Gazette, in der Bilderberg-treue Kalte Krieger wie Stefan Kornelius u.a. für NATO und Aufrüstung trommeln, Putin dämonisieren und ansonsten eine rapide alternde Abonnentenschaft mit gehoben Konsumtipps sowie müder Unterhaltung bedient wird. Gelegentlich hängt sie sich noch an „Recherchenetzwerke“, um Reste ihres zerbröselnden Image mühsam aufrecht zu erhalten.

Aber jetzt keilt die schon halbkomatöse SZ plötzlich wie irre geworden gegen einen Nestor der sozialliberalen Revolution vor 50 Jahren: Albrecht Müller kam ins Kanzleramt, weil er als Wahlkampfleiter von Willy Brandt diese Ikone der SPD mit dem hierzulande ersten modernen Medienwahlkampf zum Kanzler machte. Womit Müller den Westdeutschen auch die erste nicht-CDU-geführte Regierung, die Bildungs- und Arbeitsmarktreformen der 70er, Brandts Entspannungspolitik und letztlich 1989 die Wiedervereinigung bescherte.

Als Pensionär betreibt Albrecht Müller, inzwischen auch erfolgreiche Autor medienkritischer Bücher, seit Jahrzehnten eines der erfolgreichsten Linksblogs: Die Nachdenkseiten (NDS), die an guten Tagen sicher mehr Leser finden als der trübe Webauftritt der ihn angiftenden SZ. Ist es der pure Neid der selbsternannten „Qualitäts“-Journaille einer abgehalfterten Holzpresse, die ihr Rückgrat längst bei den wenigen Großindustriekunden abgegeben hat, die dort noch Anzeigen schalten?

SZ bewirft Müller buchstäblich mit Scheiße

Und wie wollen die SZ-Redakteure Albrecht Müller auf der Titelseite ihrer Wochenendausgabe fertig machen? In dem sie ihn als alten, marginalisierten Außenseiter hinstellen, der paranoiden Verschwörungstheorien anhängt, natürlich ganz ironisch. Denn Müller und seine NDS haben es gewagt, Fragen zur offizielle US-Regierungsversion des 9/11-Anschlags zu stellen. Jener Version, die in ihrem Abschlussbericht über den Einsturz des World Trade Centers sogar den dritten der zerstörten Türme „vergessen“ hat und somit ungefähr so glaubwürdig ist, wie jener Abschlussbericht zum Kennedy-Mord, der weismachen wollte, Einzeltäter Oswald hätte mit einer „magischen Kugel“ JFK aus drei Richtungen gleichzeitig durchsiebt. Unglaubwürdig? Aber wer solche Fragen zu stellen wagt, der muss ja ein paranoider Verschwörungstheoretiker sein und daher mit solchem (hate-speech-würdigem) Spott überzogen werden:

„Hat nicht eine von den Systemmedien totgeschwiegene Studie des Lehrstuhls für paranormale Logorrhö in Transsilvanien nachgewiesen, dass Albrecht Müller, begleitet von Thilo Sarrazin, an mitternächtlichen Geheimkonferenzen auf dem Schloss des Grafen Orlok teilnahm? ...Aber wer dieser Kolumne nun gleich wieder Verschwörungstheorien vorwerfen will, dem antworten wir mit Albrecht Müller: Wir stellen nur Fragen.“ SZ ebd.

Da Logorrhö übersetzt sprachlicher Dünnschiss bedeutet, kann man wohl ohne Übertreibung sagen, dass diese „Qualitäts“-Journalisten hier einen ihnen missliebigen Buchautor (Müllers bald erscheinendes neuestes Buch soll auch die SZ in ihrer neoliberalen Angepasstheit kritisieren -Zufall?) mit Scheiße beworfen haben, übrigens ein bei niederen Primaten nicht unübliches Verhalten. Zudem erklären die SZ-Scheißewerfer Albrecht Müller -natürlich alles nur ironisch gemeint- zum Kumpel des rechtsradikalen Rassisten Sarrazin, obwohl Müller Sarrazin immer bekämpft hat, und setzen sein Hinterfragen von US-Regierungspropaganda -natürlich auch nur ironisch gemeint- mit „Verschwörungstheorie“ gleich.

Verschwörungstheorie!“: SZ-Propagandaschema ist 300 Jahre alt

In dieser unsagbar platten und verlogenen Parodie haben die läppischen Möchtegern-Satiriker der SZ sich nicht einmal zurückhalten können, Müller auch noch der Humorlosigkeit zu zeihen. Da sich all dies gegen einen Kritiker der Macht- und Medieneliten richtet, steht dieses SZ-Pamphlet in der Tradition von Hofschreiberlingen, die intellektuelle Gegner ihrer Herrschaften seit jeher als marginalisierte, paranoide Außenseiter verbellt haben. Wie der französische Soziologe Luc Boltanski historisch belegte, handelt es sich bei dieser Zuschreibung um ein Standard-Schema westlicher Machteliten, um gegen soziale und politische Forderungen bzw. deren intellektuelle Protagonisten zu polemisieren.

Bereits im England des 17.Jh. wurde so der radikale Puritanismus gegeißelt, der deutsche Philosoph Max Scheler psychologisierte das Stereotyp sozialdarwinistisch zum „Ressentimentmenschen“, laut Scheler oft Kommunisten oder Juden (Boltanski S.321f.). Der zum „Außenseiter“ deklassierte Intellektuelle würde, so Boltanski, meist mit Paranoia bzw. der Neigung zur „Verschwörungstheorie“ in Verbindung gebracht. Dabei bediene man sich

„Schemata, die im Übrigen immer noch zur Verfügung stehen und jedes Mal reaktiviert werden können, wenn in einer besonders heiklen gesellschaftlichen Situation neuerlich Kritik laut wird und die Klasse der Verantwortlichen -d.h. diejenigen, die die Machtdispositive kontrollieren- es für dringen geboten hält, die Grenze zu festigen zwischen den wahren Eliten (ihnen selbst) und der Masse jener anmaßenden und gefährlichen Individuen, die ihre Autorität anfechten...“ (Boltanski S.319).

Zwischen eines dieser anmaßenden gefährlichen Individuen und die von ihm angefochtenen Autoritäten wirft sich jetzt die alte Tante SZ mit all ihrer vergilbenden Pressemacht. Man kann Albrecht Müller einiges vorwerfen, etwa dass er trotz seiner sicher üppigen Pension seine Prominenz ausnutzt, um einen Löwenanteil der im linken Spektrum nicht eben reichlich sprudelnden Spenden abzugreifen. Zumal sich Müllers Bücher dank dieser Prominenz weit besser verkaufen als die vieler jüngerer Kritiker. Aber so einen hämischen Hasskommentar, wie ihn die SZ sich jetzt geleistet hat, hat er sicher nicht verdient.

Verteidigung von Albrecht Müller gegen die SZ-Attacke:

Die Süddeutsche polemisiert gegen die NachDenkSeiten und ihren Herausgeber

Boltanski, Luc: Rätsel und Komplotte: Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt 2015.

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