Buchtipp: Elend im Ruß

30.07.08
KulturKultur, Saarland, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Joseph Roths Reportagen aus dem Saargebiet neu aufgelegt.

Von Stefan Gleser

Vor Jahren lobte die Peter-Imandt-Gesellschaft die Hörkassette der „Briefe aus Deutschland“ von Joseph Roth (1894 – 1939): „Roth ist ein treffsicherer Beobachter. Vor allem aber gleichen seine Reportagen einer aufgegangen Patience: Jedes Wort steht am richtigen Platz.“

Der Gollenstein-Verlag aus Merzig veröffentlich die Reportagen Joseph Roths aus dem Saargebiet in einer neuen Edition. Roth arbeitete unter zwei Voraussetzungen. Ein objektiver, sachlicher, ausgewogener Bericht ist eine Illusion. Was im Reiseführer steht, interessiert ihn nicht. So entstanden sieben gestochen scharfe Momentaufnahmen aus dem Alltag. Roth veröffentlichte sie unter dem Pseudonym „Cuneus“ in der liberalen „Frankfurter Zeitung“ um die Jahreswende 1927/28  Die Saar war französisches Hoheitsgebiet und die Verwaltung lag in den Händen des Völkerbundes.

Roth stammte aus dem östlichen Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Um dieses Land rauften sich Polen, Österreicher, Russen und Ukrainer. Vielleicht daher die Teilnahme für das umstrittene Saarland und Lothringen.

Joseph Roth steht neben uns und berichtet live aus dem Hartz-IV-Land, dem Land des Angstsparens, der schwindenden Kaufkraft. Er schildert detailliert wie eine Frau anderthalb Stunden lang versucht, eine Hose zu kaufen und es dann lässt.

Roth ist ein Realist, weil er Phantasie hat. Er jagt der  Melancholie der Schlagsahne in den traurigen Kaffeehäusern nach. Die Schlagsahne tagträumt das junge Mädchen, in dem er schon die müde, ausgemergelte Proletarierfrau von morgen erahnt, weg vom Staub der Aktendeckel, vom Staub, der die Strassen überzieht, vom Staub in der Wohnung, weg vom Freund, der nicht vorhanden ist.

Die unabhängige Revolutionärin Angelica Balabanoff spricht in Neunkirchen über den Faschismus in Italien. „Ihre Stimme wird groß, steht vor ihr, überragt sie, erfüllt den Raum, zerbricht den Rauch in der Luft, übertönt Geplätscher und Geschirr.“ Die sozialistische Partei habe Mussolini genährt, jetzt herrsche er durch übelsten Terror und sei nicht nur ein Feind der Arbeiter sondern des Weltfriedens, weil er das römische Reich wieder errichten wolle. Der Papst habe aufgefordert, Gott zu danken, weil Mussolini einem Attentat entgangen sei. Roth aus dem katholischen Österreich spürt die feinsten Nerven der katholisch geprägten Zuhörer. Vergleicht die Rednerin Mussolini mit Judas wird der Abscheu körperlich spürbar; wird der der Papst kritisiert, fühlt er ein unterirdisches Murren. Abgenutzte Bezeichnungen können sich zu biblischen Zorn aufschwingen. Bei einem jungen Mann, der sich zu Wort meldet, vernimmt Roth den Apparatschik, den Bürokraten aus dem Parteibüro, den Mann der Schreibmaschine. Roth sammelt die immerwährende Müdigkeit der abgehärmten Arbeiterfrauen ein. Die tägliche Fron formte ihre Gesichter, als seien sie männliche Denker.

Roth fährt in ein Bergwerk ein: „Ich habe nur eine einzige Sehnsucht: fünf Minuten aufrecht stehen.“  Das Grubenpferd ist  ein „Tier aus Finsternis. Blind und stumm. Es sieht nicht, und es wiehert nicht.“  Er fragt einen Bergmann, ob man die Arbeitsbedingungen nicht besser gestalten kann. Roth wird ausgelacht. Man bräuchte keine „bequemen Schächte. Wir brauchen nur eines: mehr Arbeit und mehr Geld.“ Roth bündelt seine Erfahrung: „Wenn die `Rentabilität` wichtig ist, kann die Humanität nicht bestehen.“

Roth ist in seinen Reportagen eine überzüchtete, überreizte Wahrnehmungsmaschine, die alles aufsaugt und in bester Prosa wiedergibt.

Selbstverständlich wurde Joseph Roth auf Grund seiner Berichte in der lokalen Presse scharf angegriffen. In Saarbrücken gebe es nicht nur Ruß, sondern auch eine Barockkirche.

In Gesprächen mit einem Rechtsanwalt und einem Warenhausbesitzer ist
der am öffentlichen Leben interessierte Saarländer besser informiert und aufmerksamer als sein Klassenkamerad im „Reich“. Roth führt es auf die politische Situation des Saarlandes zurück, die eine gespannte Wachsamkeit fordere.

Dem Verlag ist zu danken, dass er die „Briefe“ freigeschaufelt und mit einem informativen Nachwort von Ralf Schock und zeitgenössischen Fotos versehen hat. Allerdings sollte man Buch dessen, der als Flüchtling im Armenhospital verreckte, nicht gerade in der Bel Etage des Spielkasinos vorstellen.

Audio-Bücher sind zu erwerben unter:
http://www.peter-imandt.de/

Joseph Roth
Briefe aus Deutschland
Mit unveröffentlichten Materialien
und einem Nachwort von Ralph Schock,
herausgegeben in der Reihe „Spuren“
176 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
Format 11,5 x 19 cm
Buchgestaltung C. Pom
ca. € 18,-
ISBN 978-3-938823-23-1
Auslieferung September







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