Neuerscheinungen Geschichte


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23.03.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Akara Iriye und Jürgen Osterhammel (Hrsg.): Geschichte der Welt: 1945 bis heute, C. Beck Verlag, München 2013, ISBN: 978-3-406-64106-0, 48 EURO (D)

Die Metaebene der weltweiten Entwicklung wird in dieser Reihe „Geschichte der Welt“, eine Kooperation zwischen den beiden Verlagen C.H.Beck und der Harvard University, vorgestellt Diese ist auf sechs Bände angelegt, dies ist der letzte Band der Universalgeschichte. Nicht einzelne Ereignisse stehen hier im Mittelpunkt, sondern sind längerfristig wirkende Mechanismen von Bedeutung. Akara Iriye und Jürgen Osterhammel sind Herausgeber dieser Reihe.

Der sich nach der Potsdamer Konferenz abzeichnende Kalten Krieg und die damit verbundene Blockkonfrontation, das Auftauchen neuer weltpolitischen Akteure und die Ausbreitung einer neuen Weltordnung werden vom ersten Kapitel von Wilfried Loth dargelegt.

Danach geht es um die ökonomischen Entwicklungen, die anhand der Türmetaphorik – offen oder geschlossen- von Thomas W. Zeiler vorgestellt wird. Die Systemblöcke wie die NATO, der Warschauer Pakt und die als Blockfreie oder Dritte Welt bezeichneten Länder waren lange Zeit prägend. Die Globalisierung und Digitalisierung vor allem nach dem Ende des Kalten Krieg fokussieren sich zum angeblichen „Ende der Geschichte“ (Fukuyama).

Danach beschäftigen sich Beitrag von John R. Mc Neill und Peter Engelke mit den ökologischen Problemen in ihrem Beitrag „Mensch und Umwelt im Zeitalter des Antropozän“. Der Ausdruck Anthropozän, der sich aus den beiden altgriechischen Wörtern ‚Mensch‘ und neu‘ zusammensetzt,  ist ein Begriff zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Der Begriff wurde 2000 vom niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene Stoermer erstmals genannt.

Petra Gödde stellt in ihrem Beitrag in ihrem Beitrag „Globale Kulturen." Einen offenen Kulturbegriff vor. Migration und Kosmopolitismus werden von einer Gegenbewegung des Nationalismus und Rassismus bedroht. Der Kulturbegriff wird aber zu stark mit den ökonomischen Entwicklungen vermengt. Dagegen ist ihr Abriss über Menschenrechte in einer globalisierten Welt ganz gut, wobei die Kritik am westlichen Modell der Menschenrechte zu kurz kommt.

In dem letzten Beitrag "Die Entstehung einer transnationalen Welt" beschreibt Iriye  die Ebenen und die allmähliche Durchsetzung des Transnationalismus und die immer wieder zu beobachtender Rückfälle in nationalistische Denk- und Handlungsmuster. Die Vernetzung der Menschheit ist für Iriye ist auch die Blaupause für die weitere Entwicklung der Menschheit. Auch Probleme sind nur international zu lösen, die (imaginierte) Nation wird zur Fußnote des 21. Jahrhundert.

 

Die verschiedenen Entwicklungen, die in den einzelnen Kapiteln behandelt werden, werden im letzten Beitrag „Entstehung einer transnationalen Welt“ in ein Gesamtbild der Gegenwart transportiert. Die sich zum Teil widersprechenden Entwicklungen wie die festen Grenzen im Kalten Krieg und die sich zur selben Zeit entwickelnde Globalisierung und die Anfänge der Digitalisierung werden auf hohem Niveau dargestellt. China als kommende Supermacht und sein ökonomischer Imperialismus und seine real existierendes Ausgreifen in alle Bereiche der Welt (Afrika, Seidenstraße usw.) hätten noch ausführlicher dargestellt werden können.

 

Buch 2

Dieter Langerwiesche: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne. Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3- 406-72708-5, 32 EURO (D)

„Denn im Frieden und in guten Zeiten haben Staaten und Privatleute eine mildere Gesinnung, weil sie nicht unfreiwillig in eine Zwangslage geraten. Der Krieg dagegen ist, weil er die reichlichen Mittel zum täglichen Unterhalt entzieht, ein gewaltsamer Lehrer und stimmt das leidenschaftliche Streben der Menge ihrer gegenwärtigen Lage gleich.“ (Thukydides 3,82-84.)

Der antike Historiker Thukydides entwirft hier ein anthropologisches Modell für den Zusammenhang menschlichen Handelns mit den jeweiligen Lebensverhältnissen für die Zeit des Peloponnesischen Krieges. Anthropologische Grundkonstante ist die stets gleich bleibende menschliche Natur. Die Aktualisierung ihrer Möglichkeiten erfolgt in variabler Weise durch Angleichung abhängig von den jeweils obwaltenden Lebensverhältnissen in diesem Kontext Parteienstreit, Krieg oder Frieden und Wohlstand und als Rückkoppelung durch einen empirischen Lernprozess Sammeln von Erfahrung.

Der emeritierte Tübinger Historiker Dieter Langewiesche knüpft an diese antike Vorstellung des Krieges, indem er seiner Untersuchung über Ursachen, Funktionen und Rechtfertigungen über die Kriege des 18. bis 21. Jahrhunderts mit demselben Titel überschreibt. Dabei geht er auf Kriege in Europa und Kriege in anderen Kontinenten auf den Spuren europäischer Staaten ein. Es soll hier keine Ereignisgeschichte im Vordergrund stehen, sondern die Frage: Warum haben immer wieder Menschen Krieg für unverzichtbar gehalten, um ihre Ziele zu erreichen? Vor allem, warum die Staatengemeinschaften der Vereinten Nationen nicht auf den Krieg als letztes Mittel verzichten können.

In der Einleitung spannt der Autor den Bogen der Ideen- und Rechtfertigungsgeschichte des Krieges als Fortschrittsgedanke von Kant bis zu heutigen „humanitären Interventionen“. Danach folgt ein Kapitel über Europas Kriege vom 18.-20 Jahrhundert, die für die globale Ordnung verantwortlich waren. Hier werden die napoleonischen Kriege über die beiden Weltkriege bis zum „Krieg gegen den Terror“ analysiert. Anschließend geht es um friedliche und kriegerische Revolutionen in der Moderne. Angefangen von den Revolutionen in Frankreich und Nordamerika, über die russische Revolution bis hin zu Entstehung der Türkei. Die Verbindung zwischen Nation, Nationalstaat und Krieg werden danach an vielen Beispielen ausgebreitet, bevor im letzten Kapitel die koloniale Frage im Mittelpunkt steht. Die Kriege in kolonialen Räumen, die deutschen Kolonialkriege in Afrika und die Befreiungskriege gegen die Kolonialherren werden dabei präsentiert. Danach werden die wichtigsten Thesen für das europäische 19. und 20 Jahrhundert zusammengefasst. Hier heißt es: „Das unermessliche Leid, das Kriege immer wieder aufs neue über Menschen gebracht haben, hielt sie nicht davon ab, immer wieder aufs neue ihre Zukunftshoffnungen mit dem Instrument des Krieges verwirklichen zu wollen. Je entschiedener ihr Wille zum Bruch mit der Vergangenheit, umso entschiedener ihre Bereitschaft, dafür Gewalt einzusetzen- Revolutionsgewalt und Kriegsgewalt. Mit ihr wollte und will man auch weiterhin eine bessere Zukunft erzwingen. Der Nationalstaat gehört zu dieser Zukunftsvision.“ (S. 410)

Außerdem wird die provokante Frage gestellt, ob die EU der Garant für das Ende des Krieges in Europa sei. Dabei gibt er einen wenig hoffnungsvollen Ausblick: „Die oft beschworene europäische Wertegemeinschaft ist kein Ersatz für eine präzise institutionelle Absicherung gegen die Versuchung zur Macht (…). Die europäischen Werte haben zu keiner Zeit die Politik der Zukunftsgestaltung durch Krieg und Gewalt eingedämmt. (…) Das Europa der gemeinsamen Kultur und das Europa der Kriege waren vielmehr zwei Seiten einer einzigen Medaille. (…) Die Geschichte Europas der Kriege beenden zu wollen, auf den Krieg als Kraft zur Zukunftsgestaltung zu verzichten, ist eine fundamentale politische Entscheidung gegen die Geschichte, keine Folge gemeinsamer europäischer Werte, welche die Geschichte für uns bereit hielt.“ (S. 420ff)

Langerwiesche sorgt mit seinen vor allem auf die Gegenwart bezogene Thesen für Aufsehen. Ganz gleich wie man dazu steht. Ein sehr spannend zu lesendes Buch, wobei es nur verwundert, warum nicht der Kalte Krieg zwischen den Machtblöcken und deren Stellvertreterkriege an der Peripherie näher untersucht worden sind. Die Thesen des Buches werden sicherlich für viele Kontroversen und Diskussionen sorgen, soviel scheint sicher.

 

Buch 3

Edith Sheffer: Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im „Dritten Reich“, Campus, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-593-50943-3, 29,95 EURO (D)

In diesem Buch geht es um die Verstrickung des österreichischen Kinderarzt und Heilpädagoge Johann Friedrich Karl Asperger (1906-1980) in der NS-Politik in Wien. Er prägte das  später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus.

Asperger war nach eigenen Aussagen in den Nachkriegsjahren und den Darstellungen seiner Weggefährten Gegner der Nationalsozialisten. Dieses Bild eines makellosen Arztes bekam erste Risse, als Historiker Herwig Czech darauf hinwies, dass Asperger im Rahmen der „Kinder-Euthanasie“ in der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof auf der Baumgartner Höhe in Wienmehrere Kinder an die Anstalt am Spiegelgrund überwiesen habe, in der etwa 800 Mädchen und Jungen ermordet wurden.

In diesem Buch behauptet die Autorin nach der Auswertung von Akten und in Anlehnung an Czechs Ergebnisse,  dass seine Diagnosen auf der Dichotomie von „wertem“ und „unwertem“ Leben beruhten und er somit als geistiger Erfüllungsgehilfe der nationalsozialistischen Rassenideologie war.

Die sozialdarwinistisch geprägte Rassenideologie des Nationalsozialismus bekannte sich vorbehaltlos zur Maxime, dass sich sowohl auf Ebene der Individuen als auch der Völker und Staaten immer der Stärkere durchsetzen werde. Dieser habe damit ein naturgesetzliches Recht auf seiner Seite. Alle entgegenstehenden religiösen und humanitären Aspekte würden sich letztlich als widernatürlich erweisen. Nur jenes Volk könne sich auf Dauer in diesem stetigen „Kampf ums Überleben“ bewähren, das seine Besten fördere und notwendigerweise alle die eliminiere, die es schwächen. Außerdem könne sich nur ein möglichst rassereines Volk im „Kampf ums Dasein“ behaupten. Zur Erhaltung oder Verbesserung der nordisch-germanischen Rasse müssten daher die Gesetze der Eugenik beziehungsweise der (biologistisch ausgerichteten) Rassenhygiene streng beachtet werden; das heißt, die Förderung der „Erbgesunden“ und die Beseitigung der „Kranken“. Diese müssten im Sinne einer natürlichen Auslese „ausgemerzt“ werden. Die so verstandene Eugenik wurde schließlich die Grundlage der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik und in den Rang einer Staatsdoktrin erhoben. Der Grundsatz der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ diente zur Begründung der Ermordung von Geistes- und Erbkranken sowie körperlich schwer Behinderten im Rahmen der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus.

Neun Kinder, die er als „Belastung“  für die Gesellschaft ansah, wies er in die Anstalt am Spiegelgrund ein; zwei von ihnen starben. Als medizinischer Berater für die NS-Verwaltung erstellte er Gutachten für Schulen, Jugendgerichte und die HJ. Für die Autorin war Asperger ein Mittäter eines Diagnoseregimes, als die Einsetzung der menschlichen Eugenik, um das Menschsein neu zu definieren und zu katalogisieren. Nicht gewünschte Verhaltensweisen dienten zur Verfolgung und Vernichtung von Menschen, was die gesamte Psychiatrie im Nationalsozialismus beherrschte: „Es ist schwierig, Aspergers Rolle im Kindereuthanasieprogramm mit seinem Ruf in Einklang zu bringen, er habe sich sein Leben lang für behinderte Kinder eingesetzt.“ (S. 16) Sie spricht von einem „janusköpfigen Verhalten Aspergers: „Er sprach sich für eine intensive und individualisierte Betreuung von Kindern aus, bei denen er Fähigkeiten erkannte. Auf der anderen Seite ordnete er Internierung von Kindern an, die in seinen Augen keinen Nutzen für die ‚Volksgemeinschaft‘ hatten.“ (S. 16)

Dies erlaubt eine neue Sichtweise auf Aspergers Rolle im Nationalsozialismus. Das Bild von ihm muss aufgrund dieser Fakten revidiert werden. Dies steht bei vielen Ärzten, Psychiatern und Heilpädagogen, die im „Dritten Reich“ gewirkt haben, wohl noch aus.

 

Buch 4

Georg Brunold (Hrsg.): Handbuch der Menschenkenntnis. Mutmaßungen aus 2500 Jahren, Galiani, Berlin 2018, ISBN: 978-3-86971-164-5, 39 EURO (D)

In diesem Handbuch macht der Philosoph Georg Brunhold einen Streifzug durch die Menschenkunde von den Anfängen der Weltliteratur bis in die unmittelbare Gegenwart. Mutmaßungen und Erkenntnis über das Wesen des Menschen und sein Handeln gehen dabei eine Synthese ein. Dabei steht nicht nur im Mittelpunkt, etwas über seine Mitmenschen und den Umgang mit ihnen zu lernen, sondern auch etwas über sich selbst: „Aber die Stimmung in diesem Handbuch machen nicht Fachbuchstoff und theoretische Abhandlungen, sondern Exkursionen in die Kulturgeschichte von Menschenbildern, deren elementare Macht Epochen bildet, über diese hinauswirkt und verbindet. (…) Hierin liegt aber die Unentbehrlichkeit von Anthologien. Ohne Tauchgänge in diese bleibt jene ein Buch mit sieben Siegeln. Dazu brauchen wir den Originalton aus der Tiefe der Zeiten.“ (S. 16)

Nach einem Vorwort werden angefangen von Homer bis Alexander Kedves in chronologischer Reihenfolge Auszüge von Texten über die Menschen und ihr Verhalten präsentiert. Brunold stellt vor diesen Texten deren Autor und die Entstehungsgeschichte sowie den Inhalt der Abhandlung in roten Buchstaben vor.

So lernt man vom antiken Aristoteles etwas über Altersstufen und Lebenseinstellungen; Maimonides setzt sich um 1190 mit dem Denken und seinen Grenzen auseinander; Voltaire behandelt den Ehebruch in der Aufklärungszeit; Solomon Asch setzt sich kurz nach dem Ende des Nationalsozialismus mit Gruppen und Konformität auseinander: Daniel Goleman geht auf emotionale Intelligenz ein und Joachim Bauer versucht, Gewalt zu erklären.

Hier werden gute und schlechte Charakterzüge des Menschen analysiert und beschrieben. Die Texte sind zwar anspruchsvoll, aber trotzdem lesbar und nicht philosophisch überfrachtet. Die Auswahl ist bemerkenswert: viele bekannte und wenige unbekannte Denker werden hier vorgestellt und die wichtigsten Themen der Menschenkunde angesprochen. Die vorliegenden Textauszüge und Gelehrten stammen aber weitgehend aus dem westlichen Kulturkreis, eine breitere Auswahl von Weisheiten aus allen Denkrichtungen der Welt wäre besser gewesen.

 

Buch 5

Bianca Roitsch: Mehr als nur Zaungäste. Akteure im Umfeld der Lager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen 1933-1960, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-78649-4, EURO (D)

In dieser 2016 an der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg erfolgreich eingereichten Dissertation stellt Bianca Roitsch das Verhältnis zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern im ländlich geprägten Umfeld der drei Konzentrationslager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen während der Zeit der NS-Herrschaft und die erinnerungspolitischen Handlungen und Einstellungen bis 1960 dar.

Das Konzentrationslager Bergen-Belsen lag im Ortsteil Belsen der Gemeinde Bergen im Kreis Celle in der damaligen Provinz Hannover. Bis zur Befreiung des Lagers durch britische Truppen am 15.April 1945 starben im KZ Bergen-Belsen mindestens 52.000 Häftlinge aufgrund der Haftbedingungen. Für Tausende war es eine Durchgangsstation in Vernichtungslager.

Das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland wurde im Sommer 1933 als Doppellager (Lager II und III) für 2000 politische „Schutzhäftlinge“ eingerichtet und war zeitweilig nach Dachau das zweitgrößte Konzentrationslager. Es wurde im Sommer 1936 aufgelöst, aber bis 1945 als Strafgefangenenlager weitergenutzt, in dem aber auch abgeurteilte politische Häftlinge inhaftiert waren. Das Konzentrationslager im niedersächsischen Moringen diente nacheinander der Inhaftierung von Männern, Frauen und Jugendlichen.

Die Verbindungslinie zwischen diesen drei Lagern war die Tatsache, dass sie nicht abgeschottet von der Außenwelt waren, sondern Interaktionen zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern stattfanden. Die Dissertation „fragt danach, unter welchen Umständen sich Häftlinge und Anwohner im Umfeld der Lager begegneten. Sie fragt nach den Faktoren, die ihr Miteinander bestimmten sowie nach dem Verhältnis von Distanz, Gleichgültigkeit und Hilfsbereitschaft als Handlungsmöglichkeiten der ‚Zaungäste‘ im Umfeld der drei Lager (…).“ (S. 13f) Dabei wurde ein epochenübergreifender, dreifach vergleichender Forschungsansatz ausgewählt, der sich auf spezifische Aspekte der Alltagswirklichkeit der oben genannten Akteure bezieht.

Die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ergab folgendes: „Vielen war es nach 1933 opportun erschienen, ihren begeisternden Einsatz für die nationalsozialistische ‚Bewegung‘ zu beteuern und ihre Mitmachbereitschaft im Sinne des Regimes zu demonstrieren. (…) Zwischen Personal, Gefangenen und Akteuren im Umfeld der Lager entwickelte sich ein facettenreiches Verhältnis aus gegenseitiger Kenntnisnahme, Kooperation, Pragmatismus und Konflikten. Dabei bewegten sich die vermeintlich Außenstehenden je nach Situation zwischen Zustimmung, Distanzierung, Verweigerung und Partizipation.“ (S. 394)

Anders als in Mohringen und Esterwegen wurde in Bergen-Belsen schon 1953 eine Gedenkstätte für die Opfer des Lagers eingeweiht. Die ländliche Bevölkerung reagierte darauf mit Ablehnung. In der Umgebung aller drei Lager zeigte sich nach 1945 eine „erinnerungspraktische Resistenz“: „Das eigene Opfernarrativ sowie die Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Außenseitern blieben vor Ort sagbar und wurden durch stete Wiederholung tradiert.“ (S. 393)

In dieser Dissertation werden anhand konkreter Beispiele die Handlungsmöglichkeiten und die Wirksamkeit des Topos der „Volksgemeinschaft“ in der NS-Zeit und danach- aufgegriffen und kritisch reflektiert. Die drei hier untersuchten KZ’s und deren Akteure kommen aus einer ländlichen Gegend in unmittelbarer Umgebung im heutigen Bundesland Niedersachsen. Es werden ausführlich deren Entstehung, Entwicklung in der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg analysiert und die wechselhaften Verbindungen zwischen den lokalen Akteuren geschildert. Es schildert auch lokale Zusammenwirkungen zwischen Repräsentanten des NS-Regimes und der Bevölkerung, aber auch Widerstand im weitesten Sinne. Die Nachwirkungen der NS-Herrschaft in der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft werden auch gut sichtbar. Alle lokalen Ereignisse in einen größeren Zusammenhang unter Berücksichtigung der neusten Forschungsliteratur  gestellt, es fehlt allerdings eine allgemeine Einführung in die Geschichte der Provinz Hannover zwischen 1930 und 1945, insbesondere die Auswertung lokaler Wahlergebnisse der NSDAP und anderer Zustimmungspotentiale.

 







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