Indymedia und das Verschweigen unliebsamer Nachrichten


Bildmontage: HF

24.10.09
KulturKultur, Debatte, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Über das Thema RAF und deren Gefangene hat Stefan Aust die Deutungshoheit. Veranstaltungen, die dieser Deutung nicht folgen, werden entweder diffamiert, wie beispielsweise im letzten Jahr eine Veranstaltung im Berliner Tommy-Weissbecker-Haus oder eine Ausstellung über die Gegenstände, die dem RAF-Gefangenen Rolf Heissler während seiner Knastzeit nicht ausgehändigt wurden. Oder sie werden totgeschwiegen, wie die Kunstausstellung „Das Feuer erlischt nicht“. Es sind sehr individuelle Mosaiken, die der italienische Künstler Paoli Neri gefertigt hat und die mit einem Begleitprogramm vom 18. – 23.10.09 in einer Berliner Galerie gezeigt wurden. Es gab nur Bericht in der jungen Welt und im Neuen Deutschland. Doch auch das Internetportal Indymedia, laut Eigenbeschreibung eine „Plattform unabhängiger Medienorganisationen und hunderter JournalistInnen, die eigenverantwortlich nicht hierarchische, nicht kommerzielle Berichterstattung betreiben“ hat sich am Fast-Totschweigen dieser Veranstaltung beteiligt. Ein Bericht darüber wurde nicht auf die Startseite gestellt. Aber nur dort haben die Beitrage überhaupt eine Chance wahrgenommen zu werden. Damit hat sich das Projekt Indymedia selber beerdigt. Ein Portal, welches angetreten ist, unterdrückte Nachrichten aus emanzipatorischen Bewegungen zu verbreiten, beteiligt sich am Totschweigen, wenn es um das Thema RAF und politische Gefangene geht. Willkommen in der Deutschen Mitte, Indymedia-ModeratorInnen. Da braucht es nur einige Reizworte, wie RAF und politische Gefangene und schon gliedert Ihr Euch ein in das deutsche Schweigekartell. Nachfragen und Kritik bitte richten an: imc-germany-kontakt(a)lists.indymedia.org

Lesender Arbeiter
(einer, der das ursprüngliche Indymedia-Konzept noch ernst nimmt)

Hier der Text, den Indymedia nicht verbreiten wollte:



Noch bis zum 23.10.09 ist von 12–19 Uhr in der Knesebeckstr. 13 in Berlin-Charlottenburg eine ungewöhnliche Ausstellung zu sehen. Es sind Mosaiken von 8 politischen Gefangenen, die das deutsche Gefängnis nicht überlebt haben.
Als Begleitprogramm gibt es am Donnerstag und Freitag eine Veranstaltung.
In dem jungen Mann, der so konzentriert in die Kamera blickt, hätte wohl kaum jemand das Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF) Holger Meins erkannt. Von ihm hat sich ein Bild eingeprägt, wie er total abgemagert nach einem langen Hungerstreik gestorben war. Auch Paoli Neri hat dieses Bild als Jugendlicher gesehen, und es hat ihn bis heute nicht losgelassen. Neri hat die 8 aus Marmor hergestellten Mosaiken geschaffen, die noch bis zum 23.Oktober in der Ladengalerie des Roten Antiquariats in Charlottenburg ausgestellt sind.
Auf ihnen sind Menschen aus Deutschland zu sehen, die wegen politischer Delikte im Gefängnis waren und es nicht mehr lebend verlassen haben. Neben Holger Meins sind es die RAF-Mitglieder Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Siegfried Hausner und Ingrid Schubert sowie Sigurd Debus, der als maoistischer Aktivist im Gefängnis war und während eines Hungerstreiks starb.
Neri will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass die Geschichte dieser Menschen nicht vergessen wird. Dabei legt er großen Wert darauf, die einzelnen Personen in den politischen Kontext zu stellen, in dem sie agierten. „Ich wollte ihnen in meinen Arbeiten ihre Individualität zurück geben“, betont Neri, der selber als linker Aktivist in Italien im Gefängnis war.
Genau diese Individualität ist dem Künstler gelungen.
So sind auf dem Mosaik von Holger Meins die Titel mehrerer Filme genannt, an denen er als Student an der Berliner Filmhochschule mitarbeitet hat. Bei Ulrike Meinhof wird an ihre Zeit als Mitglied der KPD und Kolumnistin für die Monatszeitung Konkret erinnert, bei Siegfried Hausner an sein Engagement im Sozialistischen Patientenkollektiv, einer psychiatriekritischen Gruppe (SPK).

Kein Politkitsch

Im Rahmen der Ausstellung fanden und finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Am Dienstag wurde Paolo Neri und dem Schriftsteller Peter O. Chotjewitz über die Kunst als politische Ausdrucksform diskutiert. Chotjewitz berichtete über eine Diskussion über die Mosaiken, die mit einem ehemaligen RAF-Gefangenen hatte. Beide befürchteten zunächst, dass die Mosaiken zu Denkmälern und damit zum Politkitsch werden könnte. Nachdem sie beide die Ausstellung besucht hatten, stellten sie fest, dass ihre Befürchtung gegenstandslos ist.
Die individuelle Note die Mosaiken bewahrt die Werke vor dem Polit-Kitsch.
Der Betrachter, der die Personen bisher vielleicht nur von den Steckbriefen der Polizei kannte, könnte nachdenklich werden und vielleicht zu einem Buch greifen, in dem der politische Kontext, in dem die Personen agierten, beleuchtet wird. Es muss ja nicht gerade von Stefan Aust sein.







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