Tatort Schule

01.01.12
KulturKultur, Soziales, TopNews 

 

von Karolin Korthals

Schule ist ein kleiner Kosmos für sich – mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, bedingt durch die besondere Struktur des öffentlichen Dienstes.
Schulleiter hatten beispielsweise bis vor kurzem nur wenig oder gar keine Entscheidungskompetenzen, was die Auswahl und Bezahlung des Lehrpersonals angeht.

Personalpolitik betreiben und betrieben einige, indem sie unerwünschte Lehrer/innen einfach wegekelten. Da gab es etwa den erfahrenen Englischlehrer, der nach der Vorführung der Liebeskomödie „Harry und Sally“ im Unterricht beschuldigt wurde, er habe den Schüler/innen Pornofilme gezeigt. Der Schulleiter hatte die berühmte Szene im Restaurant, in der Sally einen Orgasmus vortäuscht, zum Anlass für die Beschuldigung gegen den Englischlehrer genommen.

Das Ziel war klar, der Rektor wollte den Lehrer loswerden, der Lehrer wurde versetzt – die unrechtmäßige Beschuldigung wurde später aufgeklärt, aber die Versetzung blieb bestehen – Ziel erreicht. Viele Außenstehende würden es wahrscheinlich gar nicht glauben, wie oft ein „Hilfeschrei“ von mehreren Lehrer/innen an die Schulaufsichtsbehörden ertönt, man möge das Kollegium von einem Lehrer befreien, der angeblich den Schulfrieden „stört“.

Anders als das Kollegium verfolgen Schulleiter mit ihrem „Hilfeschrei“ an die Schulaufsichtsbehörden fast immer pragmatische Ziele. So wollen sie z.B. die Stelle des unerwünschten Kollegen mit einer jüngeren gefügigeren Lehrkraft besetzen. Derartige Maßnahmen mit dem Versuch der Verdrängung älterer Lehrer sind gar nicht so selten. Oder es gibt zu wenige Beförderungsstellen, und dieser unerwünschte Kollege sitzt auf einer solchen Stelle – in solch einem Fall wird dann einfach die betreffende Lehrkraft „gegangen“.

Klappt das nicht, wird zumindest eine Versetzung durch die Schulaufsichtsbehörde erzwungen. Klar, dass das nicht ohne weiteres geht, also müssen dienstrechtliche Verfehlungen "gesucht" oder den behördlichen Vorgesetzten zumindest das "eigene Leid" mit der betroffenen Lehrperson geschildert werden. Kurzum, es wird auf die Schulaufsichtsbehörde Druck ausgeübt. Doris A. Am Ende saß Doris A. nur noch da. Sie fühlte sich wie unter einer Glocke. Den Inhalt von Klassenarbeiten erfasste sie nicht mehr. Eigene Texte konnte sie nicht mehr schreiben. Doris A. litt unter Bauchkrämpfen, Kopfschmerzen und bekam ein nervöses Augenzucken. Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Doris A., Lehrerin und allein stehend, hat ihr 60. Lebensjahr nicht vollenden können.

Am Beginn ihrer Aufzeichnungen ist sie 55 Jahre alt. Sie ist so gut wie alleine auf der Welt, ein Neffe ist ihr einziger Angehöriger. Ein tragischer Schicksalsschlag löschte von einem Augenblick auf den anderen ihre ganze Familie aus, nur Doris A. überlebte. Für den Rest ihres Lebens aber war sie schwer gezeichnet und tief traumatisiert. Als ihre Notizen beginnen, arbeitet sie seit 28 Jahren als Deutschlehrerin und seit 18 Jahren an einer Realschule – die Arbeit kostete sie das Leben. Recht klein von Statur, nur 1 Meter 55, war sie auf ihre eigene Art sehr witzig, ein sehr heller, wachsamer Kopf und manchmal eine Umstandskrämerin, als Person nicht einfach gestrickt – und keineswegs bequem. Letzteres kein Wunder bei ihrer Lebensgeschichte. 

Das Tagebuch, das sie hinterließ, dokumentiert aufschlussreich die Vorgänge in ihrer Schule. Die Aufzeichnungen beginnen erst 2006, doch sie lassen erahnen, dass Doris A. zuvor jahrelangem Druck und Schikanen von höchster Stelle ausgesetzt war.In die Ereignisse, die am Montag, 8.5.2006 beginnen, gewährt das Tagebuch einen erschütternden Einblick.An diesem Tag hatte sich Klaus Korsten (Schüler, Name geändert), aus der Klasse 9a bei Armin Brauer (Name geändert, in der Realschule duzt man sich), dem Schulleiter der Realschule über Doris A. beschwert. Klaus monierte den von der Deutschlehrerin Doris A. angebotenen Lerninhalt der „indirekten Rede“, den er im Zusammenhang mit dem Thema „Inhaltsangabe“ lernen sollte. Zugegebenermaßen ist die indirekte Rede im Hinblick auf die Verwendung des Konjunktivs ein schwieriges Kapitel im Deutschunterricht, sogar mancher Akademiker soll daran gescheitert sein. Der bekannte „Sprachpfleger  und Journalist Bastian Sick lästert gar: „Die Beherrschung des Konjunktivs ist eine wesentliche Voraussetzung für eine Laufbahn im Journalismus. Oder - konjunktivisch ausgedrückt - sie sollte es sein.“

Statt den klagenden Schüler zunächst einmal an die betroffene Kollegin zu verweisen, was nach den Vorschriften der Normalfall wäre, nahm der Schulleiter Armin B. ohne Umschweife die Beschwerde seines Schülers an. Eine Bitte um inhaltliche Stellungnahme zur Beschwerde des Schülers erhielt die Kollegin vom Schulleiter nicht.

Suspendierung ohne vorherige Anhörung


Als sie einen Tag später am Dienstag, 9.5.2006 in die Schule kam, fand sie stattdessen in ihrem Schulpostfach ein Schreiben, in dem Armin B. sie ohne weitere Erklärung anwies, in der Klasse 9a ab sofort keinen Deutschunterricht mehr zu erteilen. Welchen Vorwurf machte Armin B. ihr? Welcher Grund für eine Suspendierung lag hier vor? Darüber gab Armins Schreiben keine Auskunft. War das Verfahren so korrekt?

Ohne vorher mit ihr zu sprechen oder auch nur zu versuchen, eine andere Lösung zu finden, suspendierte der Schulleiter Doris A. Die Suspendierung sprach sich in Windeseile in der Schule herum, ihr Ruf und ihre Autorität waren von einem Moment auf den anderen ruiniert und untergraben. Am nächsten Tag, Mittwoch, 10.5.2006, schlug der Rektor ein Gespräch zwischen Doris A., ihm selbst, dem Klassenlehrer von Klaus sowie Klaus Korsten selbst vor. Warum sollte der Schüler Klaus Korsten noch vor einer internen Aussprache an dem Gespräch teilnehmen? Doris A. wollte zunächst einmal gerne ein klärendes Gespräch auf kollegialer Ebene mit Armin und dem Klassenlehrer führen – sie hielt es für wichtig unterschiedliche Standpunkte im Vorfeld zu diskutieren.

Da Armin B. nicht nur Schulleiter sondern auch hochrangiger Funktionär einer Lehrergewerkschaft ist, hatte Doris A. die Hoffnung auf ein faires Verhalten noch nicht ganz aufgegeben. Diese Lehrergewerkschaft fordert in solchen Fällen oft Aufklärung der Tatsachen und eine öffentliche Ehrenerklärung, um eine entstandene Rufschädigung möglichst zu beseitigen.Als hochrangiger Gewerkschafts-Funktionär, der für gute Arbeitsbedingungen kämpft, hätte  Armin B. wissen müssen, dass eine Suspendierung mehr als fragwürdig war. Aber die Hoffnung auf die Hilfe durch die Gewerkschaft hatte Doris verloren, im Gegenteil Armin B. nutzte seine Position für sein Tun. Unterstützung aus dem Kollegium erhielt Doris nicht.

Am Montag, 15.5.2006, befragte Armin die Klasse 9 a. Die Schüler beklagten sich über Doris A., so etwa:„Ich bin mit dem Unterricht nicht zufrieden, weil Frau A. so kompliziert erklärt, dass es keiner versteht und das schon seit vier Wochen. Ich hatte fünf Jahre Deutsch auf einer Gesamtschule und hatte diese Themen schon dort, dort habe ich sie auch verstanden, doch hier an der Realschule verstehe ich sie überhaupt nicht.“

Im anschließenden Gespräch zwischen Schulleiter Armin B. Doris A., dem Klassenlehrer von Klaus sowie Klaus Korsten wurden weitere Beschwerden gegen Doris A. vorgebracht: Die Schüler der Klasse 9a monierten, dass Arbeitsaufträge, die Doris A. gebe, nicht verstanden würden und sie würde widersprüchliche Anweisungen geben. So fordere sie einen Schüler auf seine Kappe im Unterricht abzusetzen, den anderen jedoch nicht. etc. Armin B. befragte das Kollegium und erfuhr, dass Kollegen die Berichte der Schüler der Klasse 9a für glaubwürdig hielten, Doris gegenüber sagte er ganz klar, dass es Kollegen gebe, die nicht mit ihr zusammen arbeiten wollten und ihn darum bitten würden, eine Zusammenarbeit mit ihr in einer Klasse zu verhindern. Armin B. hielt danach die Suspendierung von Doris A. für die Klasse 9a aufrecht.

Unterrichtsbesuch


Armin B. kündigte nun Unterrichtsbesuche bei Doris A. in ihren anderen Klassen an. Im Vorfeld wollte er knappe Skizzen von ihren Unterrichtsreihen in der Klasse 8a sehen, wo sie auch Deutsch unterrichtete. Dass Schulleiter den Unterricht ihrer Lehrer begutachten, kommt normalerweise sehr selten vor. Die meisten Pädagogen bleiben im Dienst von den Vorgesetzten unbehelligt.

„Nur 25 Prozent der deutschen Schulleitungen machen überhaupt Unterrichtsbesuche und der Großteil davon findet in Bayern und Baden-Württemberg statt. Der Schulleiter als Beobachter im Klassenzimmer ist bei uns noch immer ein Tabu-Thema“
, weiß auch Prof. Dr. Hans-Günter Rolff vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Viele Lehrer an der Realschule empfänden die Visite von Armin B. in ihrem Unterricht bestimmt als Lauschangriff auf ihren beruflichen Gestaltungsspielraum. Deshalb war es an der Realschule üblich, dass Armin B. einen Unterrichtsbesuch nur bei neuen Lehrkräften machte.

Danach gab es Hospitationen nur noch, wenn es um eine Beförderung ging.Doris A. las in der Klasse 8 a Texte über Jugendkriminalität und entwickelte dann daraus ein Rollenspiel für eine mögliche Gerichtsverhandlung. Abschließend war ein Besuch einer Gerichtsverhandlung im Jugendgericht geplant. Als der Schulleiter ihrem Unterricht seinen Besuch abstattete, begannen die Schüler - ermutigt durch die Anwesenheit des Rektors – mit Provokationen gegenüber Doris A..Einer rief in die Klasse: „Sie haben doch gar keinen Plan Frau A.!“

Armin B. als Schulleiter kommentierte diese Bemerkung des Schülers nicht – für einen Schulleiter eher eine peinliche Reaktion. Während des Unterrichtsbesuches bemerkte Doris A., dass eine Schülerin sich Notizen zu Doris´ Verhalten im Unterricht machte. Auf dem Zettel der Schülerin stand:¾ St. Deutsch Klasse 8a 29.5. 2006 Anwesenheitsliste geprüft, Hausaufgaben vorlesen, trotz Störungen weiter Hausaufgaben geprüft, kennt die Namen der Schüler immer noch nicht, unterbricht Julian beim Lesen mitten im Satz, kontrolliert nicht, ob alle die Hausaufgaben haben, vergleicht Schüler miteinander (negativ), kommt vom Thema ab, spielen die Gerichtsverhandlung nach, 10 Minuten alleine für Rollenverteilung usw. ( …).

Später beobachtete Doris A., wie diese Schülerin dem Schulleiter Armin B. den Notizzettel übergab. Anschließend sandte der Schulleiter Armin B. einen Leistungsbericht über Doris A. an die Schulaufsichtsbehörde. Die Vorschriften zwangen ihn, Doris A. eine Kopie des Berichtes zukommen zu lassen. Ein Zitat aus dem Bericht: Frau A. arbeitet auf einer fachlich wenig gesicherten, didaktisch und methodisch nicht reflektierten Grundlage. ( …) Das unterrichtliche Verhalten sei durch drei Beispiele illustriert. (…) In einer anderen Situation wendete sie (Anm.: * Doris A.) sich in der gleichen Stunde mitten in einer Antwort, die ein Schüler auf Aufforderung gibt zur Tafel und beginnt mit dem Anschreiben der Fragestellung – Schüler zu mir (Anm.: *Armin B.) gewandt: „Das macht sie immer so“.

Wenig später erhält Doris A. ein Schreiben der Schulaufsichtsbehörde, in dem diese bekundet, dass man sie für dienstunfähig halte und sie deshalb zum Amtsarzt zur Prüfung ihrer Dienstfähigkeit geladen werde. Doris A. widerspricht – dennoch wird sie nach Abweisung des Widerspruches untersucht und anschließend gegen ihren Willen in den Ruhestand versetzt. Doris A. nimmt sich das Leben und liegt drei Tage tot in ihrer Wohnung, bevor sie von Nachbarn gefunden wird.







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