Papst Franziskus: "Diese Wirtschaft tötet."


Bildmontage: HF

03.12.13
KulturKultur, Soziales, Wirtschaft, Internationales, TopNews 

 

von Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait

Es handelt sich um einen der bedeutsamsten Aufrufe eines Papstes weit über den Vatikan hinaus an die gesamte katholische Kirche, eine universelle Kirche, weltweit verbreitet.
Der päpstliche Aufruf ist in dem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" (Freude des Evangeliums) enthalten als das Ergebnis der jüngsten Bischofssynode, die im Oktober 2012 im Vatikan stattfand.

Mit diesem Dokument über die Verkündung des Evangeliums in der Welt von heute bricht der Sumo Pontifex mit der alten Gewohnheit der vatikanischen Kurie, die Anliegen der Bischöfe abzuschwächen oder sie zu relativieren. Der Kern der Botschaft Christi ist in den Vordergrund zu stellen: Die Nächstenliebe, die brüderliche Solidarität, die eine christliche Gesellschaft prägen soll. Aufgrund dessen reicht die Programmschrift vom Papst Franziskus von den Kirchenvätern bis hin zu einer grundsätzlichen starken Kritik des wirtschaftlichen Neoliberalismus-Dogma.

Sie ist zudem eine Präambel zur Aktualisierung der Soziallehre der Kirche, insbesondere in einer Zeit, in der sich die Weltgesellschaft an einer "historischen Wende" befindet, wie es Papst Franziskus sieht. "Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Men- schen, sogar in den sogenannten reichen Ländern. Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu, die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage."

Warum soll Papst Franziskus und die katholische Kirche "liberal im europäisch-bürger- lichen Sinne" werden? Was soll das bedeuten? Matthias Drobinski (SZ-Kommentar vom 27.11.: "Nett, bescheiden, radikal") entgleist mit diesem Irrtum hinsichtlich der christ- lichen Maßstäbe der Katholischen Kirche. Liberalismus als offenes Herz und offener Geist vor dem Anderen ist nicht mit Zügellosigkeit, Ausschweifung und Liederlichkeit zu verwe- chseln, wie es so oft in westlichen Gesellschaften und Medien geschieht.

Zu oft verfallen die deutsche, die europäische Gesellschaft und ihre Medien in diese degenerierte, dekadente Verwechselung. Propaganda-Maschen von unterstem Niveau werden aus den USA und Großbritannien importiert und in Deutschland imitiert. Blasphemische Szenen, blasphemische Darstellungen haben keinen Platz in einer zivili- sierten Gesellschaft, die den Respekt vor allen Religionen kennzeichnet. Selbstverständ- lich sind blasphemische Attitüden und Handlungen in keiner Weise mit der elementaren menschlichen Würde vereinbar.

Die gesamte Welt ist durch Papst Franziskus aufgerufen, sich zu ändern, aber vor allem die Industriegesellschaften, wo die Pathologie des neoliberalen Systems widerliche Züge zeigt. "Nein zu einer Wirtschaft des Ausschließens und der Disparität der Einkommen" - "Nein zu einer Vergötterung des Geldes." -

Die kirchliche Institution ist aufgerufen, aus ihrer Bequemlichkeit heraus in die offene Welt zu gehen, um das Wort des Evangeliums zu verkünden und sich mit ihm zu identi- fizieren, vor allem in einer verschlossenen kranken Gesellschaft, wo "es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse an der Börse Schlagzeilen macht." "Große Massen der Bevöl- kerung" sind ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben oder an den Rand gedrängt, weil die Gier des Menschen nach Macht und Besitz keine Grenze kennt.

Der Mensch werde als Konsumgut betrachtet, "das man gebrauchen und dann wegwer- fen" könne, die Ausgeschlossenen würden zu "Müll" und zu "Abfall". Das ökonomische System sei "in der Wurzel ungerecht". "Diese Wirtschaft tötet". "Heute spielt sich alles nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtige den Schwächeren zunichte macht." Die Erkenntnis von Papst Franziskus, die die aktuellen Machtverhältnisse akkurat widerspiegelt, ist hart, aber wahr. Seine Systemkritik oder den Papst selbst in dieser Hinsicht als "nett" zu kommentieren, ist völlig unangebracht und geringschätzig. Der franziskanische Aufruf muss Konsequenzen haben.

"Das naive Vertrauen auf die Güte derer, die die wirtschaftliche Macht in den Händen halten" ist durch die Erkenntnis der sozialen Realität erschüttert. Wie kann ein reiches Land wie Deutschland rechtfertigen, dass es in seinen großen Städten Armenspeisung auf den Straßen gibt mit Restenahrung, um bedürftigen Menschen essen zu geben? Das Elend der Massen ist die zwangsläufige Folge des "herrschenden Wirtschaftssys- tems".

Schon die erste Sozialenzyklika "Rerum Novarum" von Papst Leo XIII. von 1892 verur- teilte streng einen zügellosen Kapitalismus. Mehr als hundert Jahre später hat das kapita- listische System in der Form eines globalen Neoliberalismus fast alle Länder unter sein Joch gebracht. Das Vertrauen auf "Autonomie der Märkte" und das Bestrei- ten aller "Kontrollrechte der Staaten" sind als Wurzel allen Übels vom Papst gebrand- markt: "In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden."

Von "Seelenruhe" in diesem Zusammenhang zu schreiben, ist in seiner Unangemessen- heit skandalös und inakzeptabel, denn gerade von hier aus, von den reichen Ländern aus verbreitet sich weltweit die meiste Ungerechtigkeit. Gerade hierzulande haben sich eine extreme Egomanie und ein ungeheuerlicher Egoismus breit gemacht, eine äußerst abstoßende Haltung, die alle Grenzen sprengt und immer größeren Geschäften verfallen ist. Das führt in eine Kultur des Todes. Schon seit langem haben diese Länder mit allen Maßstäben des christlichen Evangeliums gebrochen.

Das Apostolische Schreiben sei "ein prophetischer Aufruf an die Kirche", erklärt der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Robert Zollitsch aus Freiburg spricht von einer "beeindruckenden Analyse in klarer und erfrischender Sprache." Die Bischöfe sehen sich berechtigt, sich mit der gesellschaftlichen Realität außerhalb der Sakristei, ja mit der Realität der Welt zu befassen und sie gemäß der Bot- schaft des Evangeliums zu bewerten. Es wird auch höchste Zeit, dass sie es endlich tun.

Selbstverständlich kann man vom päpstlichen Lehramt keine "endgültige und vollstän- dige Aussage zu allen Fragen" erwarten. Eine Dezentralisierung in der Kirche ist längst erforderlich. Die örtlichen Bischofskonferenzen seien auch "Trägerinnen einer gewissen authentischen Lehrautorität". Der Papst geht mit dem falschen Klerikalismus ins Gericht, den er in seiner Kirche wahrnimmt.

Der Kommentar von Mathias Drobinski ist der päpstlichen Sorge nicht gewachsen, nicht angemessen, sondern erscheint kleinmütig, zu leichtgewichtig gegenüber der wichtigen Botschaft des Papstes an die aktuelle verdorbene Industriegesellschaft, deren Neolibe- ralismus-Modell Papst Franziskus begründet stark kritisiert. Der Kommentator wagt aber nicht, auf diese begründete notwendige Kritik einzugehen.

Sein Artikel "Revolution im Vatikan" (SZ, 27.11.) ist viel mehr wert als sein Kommentar. Allerdings geht es nicht um eine Revolution im Vatikan, sondern um Wandel in allen katholischen Gesellschaften bzw. in den Industriegesellschaften, denen es an Mensch- lichkeit fehlt. Gerade diese kritische zutreffende Sicht fehlt vollkommen bei Dobrinskis Kommentar zum päpstlichen Aufruf.

Während die sich mit dem Adjektiv "christlich" schmückenden Parteien CDU und CSU über die päpstliche Botschaft schweigen, reagiert die größte sozialdemokratische Persönlichkeit Deutschlands, Oskar Lafontaine, mit sachlichem Verständnis für die zutreffende Kritik des Papstes:
"Das Urteil von Papst Franziskus, <diese Wirtschaft tötet>, bestätigt sich nicht nur in Afrika, sondern auch in Südeuropa. ... Die betrügerische Riester-Rente erfreut auch zukünftige Banken und Versicherungen und führt mit zu Altersarmut. Die Mindestlohn- vereinbarung ist eine Schande, wenn man sieht, welche Mindestlöhne unsere Nachbarn haben. ... Die Verwüstung des Geldwesens zerstört die vorhandene gesellschaftliche Ordnung. Konsequenzen davon: Wertverfall, ungerechte Verteilung, Untergrabung der parlamentarischen Demokratie, Raub von Zukunft und Freiheit. "
(Interview mit Oskar Lafontaine: "Das Elend wird größer" von Arnold Schölzel, Junge Welt, 29.11.)

Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait
Juristin und Diplomatin a.D.

Süddeutsche Zeitung vom 27.11.: "Revolution im Vatikan" und Kommentar "Nett, bescheiden, radikal" beide von Matthias Drobinski


VON: LUZ MARÍA DE STÉFANO ZULOAGA DE LENKAIT






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