Missbrauch und Richtigstellung des Begriffes »Glück«


[1] 'Fortuna' von Tadeuzs Kuntze

01.12.13
KulturKultur, Soziales, News 

 

von Kurt Wolfgang Ringel

Das freigeistige Wort zum Sonntag, den  01.12.2013

»Heute endet eine Themenwoche der ARD, die es in sich hatte. »Zum Glück« hieß das Motto, und schon lange hatten all die ARD-Sender die Werbetrommel dafür gerührt. Alleine schon diese schier nicht enden wollende Reklamepha- se hat ausgereicht, um eigentlich einigermaßen glückliche Menschen an den Rand der Verzweif- lung zu treiben.

Umso erstaunlicher, was man alles auf dem Sendeplan der beteiligten Anstalten finden konnte, als die Glückswoche dann endlich begann: »Die Auslöschung«, »Requiem«, »Eine mörderische Entscheidung«, »Das Skelett in den Dünen«, »Wege aus der Psycho- krise«, »Ruhe sanft«, »Der Schrei«, »Macht der Angst«, »Grimmsches Mördchen«, »Täter – Opfer – Polizei«, »Mord in Eberswalde«, »So finster die Nacht«. Und so weiter. Wem das noch nicht genügt hat, der kann sich heute Abend als Höhepunkt noch den »Tod aus der Schnabeltasse « einpfeifen. Dann ist endlich Schluss. Zum Glück.
wh « [1]

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch wenn der Schreiber des Textes sich freut, dass endlich Schluss ist. Wir machen weiter. Ja, wir fangen jetzt erst so richtig an. Wir wollen aber die Hörer und Leser nicht verulken, wie es die Mainstream-Medien tun, sondern und zu einer ernsthaften  Betrachtung hinreißen lassen. Uns geht es um die Richtigstellung von Begriffen sowie um ihre exakte, um ihre wahrheitsgetreue Anwendung. Dem ist in den bürgerlichen Medien nicht so. Da werden schamlos Begriffe missbraucht, um den Bürgern mit Pseudobegriffen den Kapitalismus weiterhin schmackhaft erscheinen zu lassen. Im November waren es gar „Glückswochen“, die durch die bürgerlichen Medien geisterten. Was gab es da nicht alles zu hören bzw. zu sehen. Hier einige Stichpunkte dazu: Das Glück soll der Mensch lernen können, um dann zeitlebens glücklich zu sein. In der Braunschweiger Zeitung wurde sogar vorgeschlagen, ein Schulfach „Glück“ einzuführen. Mit den ungedeuteten Begriffen werden die Bürger getäuscht. Und so ist es auch mit dem Pseudo-Glück der kapitalistischen Gesellschaft.

»In Gesellschaft, Staat und Politik sind heute moderne ‚Dunkelmänner’ am Werk, ihr interessengeleiteter Dogmatismus wird nicht mehr nur von Kirchenkanzeln gepredigt, sondern mithilfe einer milliardenschweren Bewusstseinsindustrie in die Köpfe gehämmert. Die herrschende imperialistische Ordnung soll als gottgewollt und alternativlos erscheinen und geduldet werden.« [2] Der Deutsche Freidenkerverband bezeichnet deshalb „Die Richtigstellung der Begriffe“ als eine wichtige Aufgabe der Aufklärung.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nachdem wir das Pseudo-Glück des Kapitalismus betrachtet haben, fragen wir uns nun, wie das mit dem Glück und den Menschen tatsächlich ist. »Glück: 1. günstiger Zufall, erfreuliches Ereignis; Erfüllung eines sehnlichen Wunsches. - 2. als Element des Moralbewußtseins ist Glück eine bestimmte Art des Bewußtwerdens und Erlebens von Situationen und Umständen, in denen sich Individuen oder Gemeinschaften bestätigt finden. Welche Situationen und Umstände als Glück empfunden und gewertet werden, hängt von der sozialen Lage, der Erziehung und der durch im individuellen Entwicklungsprozeß entstandenen Interessen- und Bedürfnisstruktur ab. Orientieren sich diese Ziele ausschließlich am materiellen Wohlstand und am Besitz, sind sie typischer Ausdruck der auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Lebensweise und Ideologie« [3] 

Das Thema Glück ist lukrativ für fast alle  Menschen. Deshalb ist Glück nicht nur für die bürgerlichen Medien ein sehr begehrter Angriffspunkt. Eine Ursache ist, das alle Menschen glücklich sein wollen. Da aber viele Menschen leicht zu beeinflussen und zu täuschen sind, bleiben Moral und Ethik dabei oft auf der Pseudo-Strecke. Schnell fallen leichtgläubige Menschen auf das ARD-Glücksgefasel herein. Die Glückswoche der ARD stand unter dem Motto: Friede, Freude, Eierkuchen. Glück und Glücklichsein gab es nur zum Zwecke der materiellen Befriedigung, Zufriedenstellung und Ruhigstellung. Ein Ziel ist das Abhalten der Bürger von Aktionen gegen kapitalistisches System.  

Wenn wir uns den Markt des Glücks betrachten, stellen wir fest, dass er überwiegend nur mit Pseudo-Glück zu tun hat. Viele Begriffe die mit dem Glück in Verbindung gebracht werden, wie Glückskekse, Glücksklee, usw. sind oft nur dem Reiche des Aberglaubens entlehnt. Und was wird nicht alles als Glück definiert. In der Braunschweiger Zeitung fand die Befragung eines Diplom-Psychologen durch Leser statt. Ich habe den Eindruck, beide Seiten wissen nicht, wovon sie reden.

Oder wie soll ich solche Fragen interpretieren: „Ist Glück anerziehbar?.. „Wie kann man auf Dauer glücklich sein?“  Der Artikel war überschrieben mit “Ein gesunder Körper ist – glücksanfällig“ / Der Diplom-Psychologe Tobias Rahm sprach mit Lesern darüber, "wie man Glücklichsein lernt und wie man dann auch glücklich bleibt.“ [4]  Kommt Ihnen dabei nicht auch das Grausen? Wie kann ein Psychologe so unqualifiziert über das Thema Glück sprechen.

An dieser Stelle fällt mir Thomas Wieczoreks „Die verblödete Republik“ ein. [5] In diesem Buch werden nicht nur einige Pseudo-Begriffe des Turbokapitalismus aufgezählt, sondern verständlich erläutert. Solche Begriffe sind zum Beispiel: Pseudosozialstaat – Soziale Marktwirtschaft, Pseudorechtsstaat, Pseudoumweltschutz, Pseudoverbraucherschutz, Pseudofriedenspolitik, Pseudomenschenrechte, Pseudorechtsstaat. Dahin passt der Artikel der Glückswochen hervorragend: das Pseudo-Glück, welches uns Medien, Wirtschaft und Politik für echt verkaufen wollen. 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was William Morris über den Reichtum des Menschen schreibt, finde ich sehr gut. Und ich bin mir sicher, dass all die genannten Dinge und Zustände unendlich mehr dazu beitragen, dass Menschen glücklich werden, mehr als jedes Medien-Glückswochengesäusel: 

»Reichtum ist das, was die Natur uns gibt, und was ein vernünftiger Mensch aus den Gaben der Natur für seinen eigenen vernünftigen Verbrauch machen kann. Der Sonnenschein, die frische Luft, die unverbrauchte Erdoberfläche, Nahrung, Kleidung, erforderliche und annehmbare Unterkunft; die Anhäufung von Wissen aller Art und das Vermögen, dieses Wissen weiterzugeben; Mittel der freien zwischenmenschlichen Kommunikation; Kunstwerke, die Schönheiten, die der Mensch schafft, wenn er sinnend nach Höchstem strebt; alle Dinge, die der Freude des Menschen dienen, die frei, menschlich und unverdorben sind: das sind Reichtümer. « [6]

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die sogenannten Glückswochen der bürgerlichen Medien sollten wir prüfen und messen an den Gedanken zu dem Thema Glück, welches im Zitat [3] zu finden ist. Deutlicher als an dieser Stelle kann die Diskrepanz zwischen dem was wirkliches Glück ist und den sogenannten Glückswochen der ARD etc. nicht ausfallen. Heleno Sana schrieb in „Macht ohne Moral“, das der Kapitalismus neben den Waren gleichzeitig den dazugehörigen Konsumenten produziert. Das trifft auch auf die geistig-ideelle Sphäre des Menschen zu. Und wir werden solange nicht vom Kapitalismus loskommen, solange wir diesen Teufelskreis nicht durchbrechen.

»Der Glücksanspruch hat einen gefährlichen Klang in einer Ordnung, die für die meisten Not, Mangel und Mühe bringt«, schrieb Herbert Marcuse – vor Jahrzehnten. Von dem gefährlichen Klang ist heute nichts mehr zu spüren. Gefühlt jedes dritte Ratgeberbuch ist der Erlangung von Glück gewidmet und jetzt hat sich sogar die ARD in einer Themenwoche des Sujets angenommen. Auch dort: keine Gefahr für die herrschende Ordnung. .....

Übrigens: Das Glücks-Paradox scheint im Alltagsverständnis der Deutschen angekommen zu sein. Laut Emnid glaubt nur noch ein Drittel der Befragten, dass das Wirtschaftswachstum mit einer Steigerung ihrer privaten Lebensqualität einhergeht. Daran ließe sich doch anknüpfen.«[6]

QUELLEN:

[1] „Unten links“ in: Neues Deutschland vom 22. November 2013 

[2] Freidenker«, Organ des DFV; Nr. 4-2012 ; Seite: 3 - 7

[3] Meyers Neues Lexikon (1972) , Zweite Auflage, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig Band 5, Seite 513/14

[4] Der Genannte Artikel ist in der Braunschweiger Zeitung vom 25. November 2013 zu finden

[5] Nachzulesen in: Thomas Wieczorek „Die verblödete Republik/ Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen“, Knaur Taschenbuch Verlag 2009 - Thomas Wieczorek war ein deutscher Autor und freier Journalist. Geboren wurde er am 7. Februar 1953. Am 12. November 2013 ist er verstorben.

[6]  William Morris über den Reichtum des Menschen; Aus: „Nützliche Arbeit oder nutzlose Plackerei“

[7]  Das moderne Opium des Volkes, von Guido Speckmann; In: Neues Deutschland vom 22. November 2013 */

Ich wünsche uns allen ein sehr angenehmes und nachdenkliches Wochenende. Bleiben Sie trotz allem sachlich, kritisch und optimistisch.
Kurt Wolfgang Ringel

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Tadeusz_Kuntze_001.jpg


VON: KURT WOLFGANG RINGEL






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