Kunst und Kultur (Teil 2)


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05.01.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtips von Michael Lausberg

Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus – Compliant Art. Art and Politics in the National Socialist era, Kerber Verlag, Bielefeld 2017, ISBN: 9783735602886

In diesem Katalog zur gleichnamigen Ausstellung geht es um die Ziele und Werke der Kunst im Nationalsozialismus und die Verflechtung zwischen Kunst und Politik. Dabei werden kritisch bildende Werke der Kunst im Nationalsozialismus Werken der von den Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichneten Werke gegenübergestellt: Dabei soll „keinesfalls die von den Nationalsozialisten etablierte, ausgrenzende Zweiteilung fortgeführt werden. Vielmehr geht es darum, im Nebeneinander historische Gleichzeitigkeiten mit entsprechenden Handlungs- und Formulierungsoptionen bewusst zu machen, und zu eigenem kritisch-vergleichenden Schauen anzuregen.“ (S. 9) Zu sehen war die Ausstellung in den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum (5.11.2016-9.4.2017), in der Kunsthalle Rostock (27.4.-18.6.2017) und in dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg (14.7.-29.10.2017).

In der Kunstpolitik des Nationalsozialismus existierte kein festgelegtes Programm oder ein einheitlicher Stil, es wurde eine „deutsche Kunst“ auf den völkischen und rassistischen Werten der NSDAP propagiert. Bei „den auf Ausgrenzung und Diffamierung basierenden Argumentationsstrukturen“ wurden die moderne Kunst seit dem Impressionismus und die Kunst von Oppositionellen als „entartet“ abgelehnt. (S. 12) Damit wollten sie sich die „Deutungsmacht über das aktuelle Kunst- und Ausstellungsgeschehen sichern“. (S. 13)

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ war eine von den Nationalsozialisten organisierte Propagandaausstellung in München. Sie wurde am 19. Juli 1937 in den Hofgartenarkaden eröffnet und endete im November desselben Jahres. Parallel fand die einen Tag zuvor eröffnete „Erste Große Deutsche Kunstausstellung“ statt, so dass „Entartete Kunst“ und die vom Regime geförderte Kunst, die sogenannte „Deutsche Kunst“, gegenübergestellt wurden. Der Münchner Ausstellung folgte bis 1941 eine Wanderausstellung unter demselben Titel, die in zwölf Städten Station machte, jedoch teilweise andere Exponate zeigte.

Zuerst gibt es ein Grußwort des damaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, der hervorhebt, dass die Ausstellung ein „bislang oft übersehenes oder verdrängtes Kapitel der NS-Kunst und Kulturpolitik“ der Öffentlichkeit präsentiert. (S. 7)

Danach wird ein Aufsatz des lange verstorbenen Max Imdahl nochmals abgedruckt, der sich mit heroischer Plastik und Malerei im „Dritten Reich“ vor allem von Arno Breker auseinandersetzt. Danach geht Karen van den Berg auf die propagandistischen Beeinflussungsmechanismen durch die Kunst im Nationalsozialismus ein. In dem Beitrag von Annika Wienert geht es darum, welche Bildwerke vom NS-Regime als Vorbild bestimmt wurden und welche Strategien der Distribution und Rahmung dabei eingesetzt wurden. Danach folgen Bildtafeln mit einer Auswahl von Werken der NS-Kunst mit einem kurzen Erläuterungstext.

Anschließend folgt eine Analyse der Vermittlung von NS-Kunst in der Zeitschrift NS-Frauenwarte, bevor sich Christian Fuhrmeister mit der selektiven Zugriff auf die Vielfalt der NS-Kunst beschäftigt. Danach folgt eine Auflistung der Namen der Künstler und Künstlerinnen, die als „entartet“ galten und in der Ausstellung 1937 gezeigt wurden. Danach werden Werke von diesen, die auch in der heutigen Ausstellung zu sehen sind, gezeigt, jedoch ohne begleitenden Text. In einem persönlichen Nachwort bezeichnet die Präsentation von NS-Kunst in Museen als eine „Wanderung auf sehr schmalem Grat“ und hebt die Vorbehalte von Ausstellungsgegnern nochmals hervor. (S. 191) Am Ende des Kataloges werden die Essays des Kataloges in englischer Sprache übersetzt.

Die Vorbehalte gegen eine Ausstellung von NS-Kunst treffen in diesem Falle nicht zu. Es ist eine sorgsam geplante und durchdachte Ausstellung, die zeigt, auf welche Weise im „Dritten Reich“ mit Hilfe von Kunst versucht wurde, die Ziele und das rassistische Menschenbild der NSDAP und weiter Teile der deutschen Bevölkerung zu verwirklichen. Die Essays sind von wissenschaftlich guter Qualität und liefern einen wichtigen Hintergrundbeitrag.

Die Ausstellung will jedoch nicht nur auf die Vergangenheit zurückschauen, sondern auch „als Beitrag zu dringlichen Fragen unserer Gegenwart“ Stellung beziehen. Das verstärkte Aufkommen nationaler, rassistischer und neonazistischer Bewegungen in den letzten Jahrzehnten in der BRD und Europa dient dabei als Warnsignal. (S. 17)  Gerade die Verbindung zur Gegenwart ist wichtig, denn ein Nie-Wieder hängt immer auch von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Engagement ab.

 

Shirin Neshat: Frauen in Gesellschaft. Kunsthalle Tübingen, Wasmuth Verlag, Tübingen/Berlin 2017, ISBN: 978-3-8030-3391-8

Zwischen dem 1.7 bis zum 29.10 ist die Ausstellung Shirin Neshat-Frauen in Gesellschaft in der Kunsthalle Tübingen zu sehen Die große Übersichtsdarstellung führt wichtige Werke aus allen Schaffensphasen der  international renommierte Künstlerin Shirin Neshat zusammen. Angefangen von der Fotoserie „Women of Allah“ bis hin zu Neuproduktionen der Jahre 2016/17, die bisher in Europa noch nicht zu sehen waren. Der Ausstellungstitel Frauen in Gesellschaft geht dabei auf zwei stetig wiederkehrende Themen in ihren Werken: „einerseits die Rolle der Frau in den islamischen Gesellschaften und andererseits die Nachwirkungen von traumatischen, diasporischen Erlebnissen, die eine Frau für den Rest des Lebens prägen und in deren Gesellschaft sie sich fortan befindet.“ (S: 13) In der BRD waren die Arbeiten der Exiliranerin seit 2005 nicht mehr zu sehen.

In diesem Ausstellungskatalog widmen sich zusätzlich zu den gezeigten Arbeiten Neshats vier Textbeiträge stilistischen Besonderheiten sowie theoretischen und historischen Diskursen, die für das Werk Neshats typisch sind.

Mit ihrer Fotoserie „Women of Allah“ (1993–1997) begann ihre eigentlicher Durchbruch als Künstlerin. Die Schwarz-Weiß Bilder stellen bewaffnete islamische Frauen im bodenlangen Tschador dar. Als besonderes Stilmerkmal sind die unbedeckten Stellen der Haut der Dargestellten mit Texten zeitgenössischer iranischer Lyrikerinnen wie Tahereh Saffarzadeh und anderen in der Landessprache Farsi überschrieben. Die aufgebrachten Schriftzüge wirken wie kalligrafische Ornamente. Auch in der Folgezeit beschäftigte sie sich mit Frauen im Islam und auch zunehmend westliche Wertevorstellungen zu hinterfragen. 1996 schuf sie ihr erstes Video „Anchorage“, welches die Themen ihrer Reihe „Women of Allah“ nochmals aufgriff. sowie die Filmtrilogie „Turbulent“ (1998), „Rapture“ (1999) und „Fevor“ (2000). In ihrem 2012 entstandenen Fotoinstallation „The book of kings“ ließ sie sich von der Grünen Revolution 2009 im Iran und dem 2010 beginnenden Arabischen Frühlings inspirieren. Ihre politisch aufgeladenen Fotos und Videos sind inzwischen preisgekrönt und werden weltweit in den größten Museen präsentiert.

Dieses Werk schafft alle bisherigen Schaffensphasen Shirin Neshats zusammen und wird ergänzt von wissenschaftlichen Annäherungsversuchen an ihr Schaffen. Die zeitgenössischen Werke sind von aktuellen Themen und Entwicklungen bestimmt, es lohnt sich also das Entdecken einer neuen aufstrebenden Persönlichkeit der modernen Kunst, die mit verschiedenen Medien experimentiert.

 

Die Zeichnungssammlung Cézannes im Kunstmuseum Basel

Paul Cézanne ist eine der Begründer der Moderne und einem breiteren Kunstpublikum durch seine reiche Farbwahl bekannt. Der Einfluss der Pariser Impressionisten zeigte sich bei  in einer Aufhellung der Palette, einer Verfeinerung der Pinselführung und in der Aufnahme der Freilichtmalerei, das heißt einer Malerei, die das Atelier verlässt, um in der freien Natur ihre Gemälde nicht nur zu skizzieren, sondern mit Ölfarben nahezu fertig zu stellen.

Eine weniger bekannte Seite Cézannes wird in einer großen Ausstellung im Kunstmuseum Basel, die vom 10.6-24,9.2017 geht, derzeit gezeigt: seine Zeichnungen. Mit 154 Blättern befindet sich im Kupferstichkabinett des Kunstmuseum Basel die weltweit größte Zeichnungssammlung Cézannes. Zwei Drittel dieses Bestandes stammt aus aufgelösten Skizzenbüchern, die im Hinblick auf die Publikation weitgehend rekonstruiert wurden. Dieses Buch ist zugleich der Sammlungskatalog der Ausstellung in Basel.

Diese Zeichnungen bieten nicht nur eine neue Sicht auf den französischen Maler, sondern sind auch zugleich der Anfang seines künstlerischen Prozesses der farbenreichen Bilder. Oft führte Cézanne auf der Leinwand eine Vorzeichnung aus und überarbeitete sie mit dem Pinsel, bevor er den eigentlichen Malprozess begann. Für ihn waren Zeichnungen oft auch „Studienmaterial, das er in Form von Skizzenbüchern in seinen Manteltaschen herumtrug oder im Atelier aufbewahrte“. (S. 11) Paul Cézannes Anfänge als Zeichner lassen sich auf die späten 1850er Jahre datieren, als er sich an der Kunstschule in Aix-en-Provence eischrieb und Schüler Joseph Gilberts wurde. (Vgl. S. 140)

In dem Buch werden erstmals sämtliche Zeichnungen der Basler Sammlung in Farbe sowie mit den Rückseiten, die Zeichnungen aufweisen, abgebildet. Zum Zeitpunkt von Cézannes Tod 1906 müssen sich die Zeichnungen auf losen Blättern und die Skizzenbüchern in seinem Nachlass befunden haben. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts kamen die einzelnen Zeichnungen ans Licht, die in seiner Schaffenszeit niemals irgendwo ausgestellt wurden.

In dem Buch finden sich ebenfalls zu den farbigen Zeichnungen kleinere Traktate zu verschiedenen Themenbereichen, die die Zeichnungen in einen größeren Zusammenhang einarbeiten und verschiedene Kernthemen herausnehmen.

Dieses Buch stellt einen bislang vernachlässigten Teilbereich der Cézanne-Forschung dar und vervollständigt das Wissen über den großen Franzosen. Der Katalog des Kunstmuseums Basel ist nicht nur wissenschaftlich gut aufbereitet, sondern lädt auch ein, sich die Ausstellung persönlich anzuschauen.

 

Das Buch zur Ausstellung: Kunstmuseum Basel: Der verborgene Cézanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand, Prestel Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-7913-5651-8 (deutsche Ausgabe)

 

Ausstellung:  Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste

Der Staat Iran besteht zum größten Teil aus hohem Gebirge und trockenen, wüstenhaften Becken. Seine Lage zwischen dem Kaspischen Meer und der Straße von Hormus am Persischen Golf macht ihn zu einem Gebiet von hoher geostrategischer Bedeutung mit langer, bis in die Antike zurückreichender Geschichte.

Nachdem sich zwischen 3200 und 2800 v. Chr. das Reich Elam gebildet hatte, vereinigten die iranischen Meder das Gebiet um 625 v. Chr. erstmals zu einem Staat, der die kulturelle und politische Führerschaft in der Region übernahm. Die von Kyros begründete Dynastie der Achämeniden regierte vom heutigen Südiran aus das bis dato größte Reich der Geschichte. Es wurde im Jahre 330 v.Chr. durch die Truppen Alexanders des Großen zerstört. Es folgte das Reich der Sassaniden, das zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert neben dem Byzantinischen Reich zu den mächtigsten Staaten der Welt zählte. Nach dem Übergreifen der islamischen Expansion auf Persien, in deren Verlauf der Zoroastrismus durch den Islam ersetzt wurde, wurden persische Gelehrte zu Trägern des Goldenen Zeitalters.

Die  Ausstellung Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste in der Bundeskunsthalle Bonn, die vom 13.4 bis 20.8.2017 stattfindet, beschäftigt sich mit den iranischen Kulturen der Frühzeit, vom 7. Jahrtausend v. Chr. bis zum Aufstieg der Achämeniden im 1. Jahrtausend v. Chr. Ein eigens dafür geschaffener Persischer Garten lädt die Besucher zum Verweilen ein.

Anlässlich der Ausstellung, die in Kooperation mit dem National Museum of Iran in Teheran und der Iranian Cultural Heritage, Handikrafts and Tourism Organisation umgesetzt wurde, erschien eine Publikation im Hirmer Verlag, die Perspektiven auf eine in Europa wenig bekannte Bildwelt aus mit wissenschaftlichen Hintergrundinformationen über die Frühzeit der Iran vermittelt: „Im Mittelpunkt steht die Landschaft, denn das von Gebirgen umschlossene Hochland Irans stellt eine enorme Herausforderung für die Entwicklung menschlicher Kulturen dar.(…) Sie öffnet einen Blick für die Ästhetik, die dem Naturraum entlehnt ist, und zeigt die starke Verbindung der frühen Kulturen zu ihrer Umwelt.“

Das Buch bietet nicht nur eine kulturgeschichtliche Entdeckungsreise in eine für die meisten Europäer unbekanntes Land der Gegensätze, sondern auch einzigartige Panoramabilder der verschiedensten Landschaften des heutigen Irans. Es dokumentiert auch die archäologischen Fundstücke aus einer der frühen Hochkulturen der Menschheit. Ein Verzeichnis der ausgestellten Werke findet sich gut dokumentiert auf den letzten Seiten.

Insgesamt handelt es sich um einen kulturgeschichtlich, archäologisch und landschaftlich geprägten außergewöhnlich guten Bildband mit kurzen Aufsätzen über die frühen Kulturen des Irans auf höchstem wissenschaftlichem Niveau. Allein die Bilder sind schon den Kauf des Bandes wert und machen Appetit auf den Besuch der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland/ Barbara Helwing (Hrsg.): Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste, Hirmer Verlag, München 2017

 

Thea Vignau-Wilberg: Joris und Jacob Hoefnagel. Kunst und Wissenschaft um 1600, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-7757-4172-9, 50 Euro

Dieses Buch analysiert Leben und Werk von Joris Hoefnagel und seinem Sohn Jakob und zeigt zahlreiche Werke der beiden Künstler. Joris Hoefnagel gehört zu dem Kreis hochgebildeter Künstler und Humanisten, die am Ende des 16. Jahrhunderts an den bedeutendsten europäischen Höfen tätig waren. Auch sein Sohn führte es in andere Städte Europas in den verschiedensten Berufen.

Joris Hoefnagel (1542-1601) ist bekannt für seine Illustrationen von naturhistorischen Themen, topographischen Ansichten, Illuminationen und mythologischen Werken. He was one of the last manuscript illuminators and made a major contribution to the development of topographical drawing. Er war einer der letzten Manuskript-Illuminatoren und trug wesentlich zur Entwicklung der topographischen Zeichnung bei. Joris Hoefnagel gehört zu dem Kreis hochgebildeter Künstler und Humanisten, die am Ende des 16. Jahrhunderts an den bedeutendsten europäischen Höfen tätig waren. Thea Vignau-Wilberg den niederländischen Miniaturisten als internationalen Humanisten: „Joris Hoefnagels Werk bietet eine Enzyklopädie, in der das gesamte Wissen unserer Zeit in den speziellen Facetten kaleidoskopisch aufleuchtet: Botanik, Zoologie, Topografie, Ethnologie, Portraitkunst, klassisch-antike Literatur, Literatur der Renaissance. (…) Diese Publikation ist der Versuch, durch eine Betrachtung des gesamten Werkes Joris Hoefnagels nicht nur seiner Kunst, sondern auch seiner humanistischen Prägung gerecht zu werden.“ (S. 11)

His manuscript illuminations and ornamental designs played an important role in the emergence of floral still-life painting as an independent genre in northern Europe at the end of the 16th century.Seine handschriftlichen Illuminationen und ornamentalen Entwürfe spielten eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Blumenstillebenmalerei als eigenständige Gattung in Nordeuropa am Ende des 16. Jahrhunderts. The almost scientific naturalism of his botanical and animal drawings served as a model for a later generation of Netherlandish artists. Der fast naturwissenschaftliche Naturalismus seiner botanischen und tierischen Zeichnungen diente als Vorbild für eine spätere Generation niederländischer Künstler. Seine größte Leistung was das für den Erzherzog Ferdinand II. bemalte Messbuch für den römischen Ritus womit er acht Jahre lang beschäftigt war. Ein Meisterwerk ist auch die Miniatur einer „Ansicht von Sevilla“ mit reicher Umrahmung in der königlichen Bibliothek zu Brüssel.

Sein Sohn Jacob Hoefnagel (1573–1632/33) setzte mehrere Zeichnungen seines Vaters in Kupferstiche um. Er schuf mit Diversae Insectarum Volatium icones ad vivum accuratissimè depictae per celeberrimum pictorem, veröffentlicht bei N. I. Visscher in Amsterdam (1630) eines der frühesten Abbildungswerke, das sich nur mit Insekten befasste. Hoefnagel schuf auch 1609 eine topographisch einigermaßen genaue Ansicht von Wien. Er war neben seiner künstlerischen Tätigkeit als Maler und Kupferstecher auch als Kaufmann, Kunsthändler, Diplomat und Politiker.

Das Werk von Joris Hoefnagel zeichnet sich durch sein Streben liegt in der historischen Genauigkeit, der außerordentlichen Feinheit und der hohen Detailtreue in Bau und Funktion. Er prägte mit seiner Kunst die späteren Meister nicht nur der flämischen Miniaturmalerei. Auch bei seinem Sohn Jacob kann man die Bildwelten der Miniaturisten bewundern. Mit ihrem opulenten Werk holt die Autorin zwei Künstler und Humanisten aus der Vergessenheit,  wo auch auf wissenschaftlicher Basis ihre Bedeutung charakterisiert wird. Eine kurze Beschreibung des Geisteslebens des Humanismus mitsamt Vertretern wäre allerdings vorteilhaft gewesen.

 

Historienmalerei in Westeuropa zwischen 1830 und 1900

Prof. Dr. Matthias Eberle und seine Frau Margreet Nouwen sind Inhaber des Max Liebermann-Archivs in Berlin und recherchieren seit vielen Jahren sein umfangreiches Werk. Die zirka 1600 Ölbilder Liebermanns sind von Matthias Eberle in einem zweibändigen Buch erfasst worden: Max Liebermann (1847-1935) – Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, 2 Bde., München, Hirmer Verlag 1995/96.

Nun legt Matthias Eberle unter der Hilfe seiner Frau und anderen Kunsthistorikern wieder im Hirmer Verlag ein monumentales wissenschaftliches Werk über die realistische Historienmalerei in Westeuropa zwischen 1830 und 1900 vor.

Das Wesen der realistischen Historienmalerei

Der Begriff der Historienmalerei umfasst im weiteren Sinne die Wiedergabe jeglicher mythologischer, religiöser oder literarischer Themen sowohl in idealistisch-überhöhter als auch realistischer Form. Im engeren Sinne versteht man darunter eine akademische Gattung der Malerei, die sich vor allem auf die Wiedergabe politischer weltgeschichtlicher Ereignisse spezialisiert. Die Historie wird zur stofflichen Fundgrube der Kunst, wobei die Wiedergabe der Geschehnisse auch im Allgemeinen eine Wertung des Künstlers enthält. Die Geschichtsmaler erfassen das allgemein Menschliche in der Konkretion der wichtigen historischen Begebenheit, um es der Nachwelt zu visualisieren.

Die realistische Historienmalerei dieser Zeit hatte den Anspruch, ein wirklichkeitsnahes Porträt von Geschichte zu geben und gleichzeitig die Gegenwart kritisch zu kommentieren. Dabei stützten sie sich vor allem auf die wissenschaftlichen historischen Quellen. Die historischen Stoffe erreichten auch deshalb eine solche Breitenwirkung, da die jeweiligen Künstler durch den meistens großen zeitlichen Abstand Thesen zur Politik, Moral oder Einordnung der Historie der jeweiligen Gegenwart vortragen konnten.

Eberle stützt sich hierbei auf das Konzept des amerikanischen Kunsthistorikers Albert Boime, „Bilder nicht nur unter genuin kunsthistorischer Perspektive zu betrachten, sondern auch hinsichtlich der in ihnen enthaltenen Aussagen zu allgemeinen historischen Ereignissen und Entwicklungen zu lesen.“ (S. 8) Das Buch besteht jeweils aus Hälfte aus der Abbildung der besprochenen Werke und dem dazugehörigen wissenschaftlich aufbereitetem Text mit historischen und politischen Hintergrundinformationen.

Künstler aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien

Die meisten der hier vorgestellten Künstler dürften nur passionierten Kunsthistorikern etwas sagen. Bekannter sind Paul Delaroche, Gustave Boulanger aus Frankreich und der Hofmaler Friedrichs II. von Preußen, Adolph von Menzel. In dem monumentalen Band werden hauptsächlich Künstler aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien zwischen 1830 und 1900 behandelt. Als Exkurse gibt es thesenartig Informationen über belgische Künstler nach der belgischen Revolution 1830.

Im Anhang findet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Orts-, Sach- und Personenregister, wo immer wieder wichtige Begriffe oder Künstler nachgeschlagen werden können.

Hoher Anspruch mit Schönheitsfehlern

Eberle schafft es, mit seinem monumentalen Werk Maßstäbe zu setzen. Die Mischung aus politischen Hintergrundinformationen und kunsthistorischer Betrachtungsweise macht die Qualität dieses Buches aus. Es ist aber bedauerlich, dass die niederländische Historienmalerei bei dieser Betrachtung fehlt, denn gerade nach der Abtrennung Belgiens 1830 gab es eine Welle nationalistischer Historienmalerei, die es wert gewesen wäre, hier ebenfalls präsentiert zu werden. Seine Auseinandersetzung mit den damaligen realistischen deutschen Historienmalern, die zum größten Teil heute unbekannt sind, schließt eine Forschungslücke. Insgesamt gesehen besitzt der Band einen hohen Anspruch und kann nur empfohlen werden.

 

Matthias Eberle: Im Spiegel der Geschichte. Realistische Historienmalerei in Westeuropa 1830-1900, Hirmer-Verlag 2017, ISBN: 978-3-7774-2798-0.

 

Nicholas J. Conard/Claus-Joachim Kind: Als der Mensch die Kunst erfand. Eiszeithöhlen auf der Schwäbischen Alb, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, ISBN: 978-3-8062-3563-0

Die Eiszeithöhlen in den Tälern der Ach und der Lone auf der Schwäbischen Alb sind als Weltkulturerbe anerkannt worden. die Fundorte bedeutender Artefakte vor. Das Mammut aus der Vorgelherdhöhle gilt als das älteste, komplett erhaltene plastische Kunstwerk der Welt.

Sie sind die mittlerweile international anerkannten Stars der Höhlen im Lonetal bei Giengen und im Achtal bei Blaubeuren: das Elfenbein-Mammut von der Vogelherdhöhle, die Venus vom Hohlen Fels, der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel. Weltweit einmalige Kunstwerke, die eiszeitliche Jäger und Sammler vor rund 40.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb geschaffen haben. Löwenmensch, Mammut und Co. zählen zu den ältesten bekannten Kunstwerken der Menschheit.

Dieses Buch handelt über die Funde in den Eiszeithöhlen, die als Relikte einer frühen Kunst gesehen werden können. Ihre Bedeutungsebenen und die Aussagen über das frühe Leben dieser fernen Periode werden neben zahlreichen Bildern der Artefakte hier vorgestellt. Nach einem Vorwort des Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, geht es zunächst um die Grundvoraussetzungen, die überhaupt zu einer Eiszeit führen. Dann geht es um die Darstellung der Lebensweise des Menschen zu dieser Zeit. Anschließend werden die Fragen, wie die Höhlen der Schwäbischen Alp entstanden und wie Höhlenarchäologie überhaupt funktioniert, beantwortet. Weiterhin werden ausführlich die Funde aus dem Lonetal und aus dem Achtal präsentiert. Die Bedeutung der Funde für die frühe Kunst und Musik wird anschließend thematisiert, bevor es um das UNESCO-Weltkulturerbe und seiner Bedingungen geht. Im Anhang findet sich neben einem Glossar noch weiterführende Literatur und Tipps für die Besichtigung der Eiszeithöhlen.

Dieses Buch bietet alle Informationen, die man braucht, um in die eiszeitliche Welt der Schwäbischen Alb einzutauchen. Die Bilder der Höhlenfunde sind sehr aussagekräftig und verleihen dem Band seine besondere Note. Das Buch ist jedoch nicht nur wissenschaftlich ausgerichtet, sondern macht auch Appetit auf eine persönliche Besichtigung der Eiszeithöhlen.

 

Fanni Fetzer (Hrsg.): Captain Slaughterboard geht vor Anker. Geschichte und Zeichnungen von Mervyn Peake. In Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Luzern, Scheidegger & Spiess Verlag, Luzern 2017, ISBN 978-3-85881-563-7

Mervyn Peake (1911–1968) war ein englischer Autor, Lyriker und Illustrator. Er wurde vor allem für seine drei fantastisch-surrealen Gormenghast-Geschichten bekannt, die in den 1950er-Jahren in England erschienen. 1939 erschien sein erstes Buch Captain Slaughterboard Drops Anchor, das nun nochmals aufgelegt wird.

Diese Neuausgabe erscheint anlässlich der Ausstellung Yellow Creature. Aspekte der Transformation im Kunstmuseum Luzern, die vom 28. Oktober 2017 bis 7. Januar 2018 dauert, und wird von Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern, herausgegeben. Sie präsentiert Peakes Slaughterboard-Geschichte in einer neuen Übersetzung ins Deutsche und zum ersten Mal überhaupt illustriert mit seinen originalen, nicht kolorierten Zeichnungen. In einem kurzen Nachwort geht Fetzer auf die Hintergründe der Geschichte und Aspekte von Peakes künstlerischem Schaffen ein.

Die Handlung ist die folgende: Auf einem ihrer Entdeckungstouren fangen sie ein kleines gelbes Wesen (Yellow Creature) auf Pink Island und nehmen dieses in die Schiffsgemeinschaft auf. Slaughterboard entdeckt nach einiger Zeit an Bord seine Zuneigung zu Yellow Creature. Er gibt dem gelben Wesen eine eigene Kajüte, tischt ihm die besten Köstlichkeiten auf und beschützt es vor den Grobheiten seiner eigenen Mannschaft. Neben dem gefährlich aussehenden Kapitän Slaughterboard werden auch die anderen Piraten auf den Schiff Schwarzer Tiger vorgestellt. Sie werden sowohl als furchterregende Gestalten mit Waffen und groben Manieren als auch mit all ihren manchmal komischen Wesenszügen dargestellt.

Auf einer Doppelseite erscheinen rechts die Zeichnung mit englischem Originaltext und links die deutsche Übersetzung.

Die Geschichte von Captain Slaughterboard und Yellow Creature ist eine „über Liebe, Zuneigung, Freundschaft“ (Fanny Fetzer) und die Wandlung des blutrünstigen Kapitäns zu einem friedlichen, gefühlvollen Menschen. Sie enthält gute, aussagekräftige Zeichnungen und ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet.

 

Pfeiffer, I. (Hrsg.): Glanz und Elend in der Weimarer Republik, Hirmer Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-7774-2933-8

Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung Glanz und Elend in der Weimarer Republik in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main zwischen dem 27.10.2017 und dem 25.2.2018. In thematischen Räumen werden ca. 200 Werke von 62 Künstlern präsentiert. Dies sind bildliche Auseinandersetzungen mit der Realität in der Weimarer Republik, dem Glanz und dem Elend und die politischen Richtungskämpfe, die auch von den Künstlern kritisch kommentiert werden.

Die Präsentation verfolgt den Ansatz, bei dem es um den Inhalt der dargestellten Themen geht und nicht um einen gemeinsamen Stil: „Mit der Betonung einiger eher ‚düsterer‘ Aspekte der Zeit und dem bewusst soziologischen Ansatz setzt die Ausstellung ein Gegengewicht zur gängigen Vorstellung der glamourösen ‚goldenen‘ 1920er Jahre, wie sie bereits vielfach präsentiert wurden.“ (S. 9)

Die Ausstellung konzentriert sich auf Themen der sozialen und politischen Spannungen und verzichtet eher auf Landschaftsmotive und Stillleben. Eine zugespitzte Betrachtungsweise ist dabei bewusst gewählt worden: „Die zahlreichen und sehr unterschiedlichen, oft aber inhaltlich miteinander verzahnten Themenbereiche lassen ein vielgestaltetes und zersplitterten Zeitpanoramas entstehen.“ (S. 32)

Unter den Künstlern sind so bekannte Namen wie Christian Schad, Anton Räderscheidt, Alice Lex-Nerlinger aber auch Georg Grosz oder Otto Dix.

George Grosz gilt als eine Art Chronist der Weimarer Republik. Er zeichnete er die Anfänge des Nationalsozialismus auf und er verstand es, der Gesellschaft der gar nicht so „Goldenen Zwanziger“ den Spiegel vorzuhalten, sie zu demaskieren und ihre Mechanismen offenzulegen. Grosz machte die Wirklichkeit einer instabilen, gefährdeten, von den meisten Menschen nicht gewollten Republik sichtbar, griff soziale Gegensätze auf und kritisierte insbesondere das Großkapital, Politik, Militär und Klerus.

1919/20 schuf Otto Dix Dada-Gemälde mit Collage-Elementen, bewegliche Bilder und Dada-Puppen; 1920 nahm er an der Ersten Internationalen Dada-Messe teil. In den folgenden Jahren entstand sein Hauptwerk Der Schützengraben, das bedeutendste Kriegs- bzw. Anti-Kriegsbild seiner Zeit. Für das Wallraf-Richartz-Museum kaufte Hans Friedrich Secker 1923 den Schützengraben an, der zur Sensation der neueröffneten Neuen Galerie wurde. Heftige Diskussionen über dessen politische Tendenz beherrschten nun die Feuilletons. 1924 – anlässlich des Antikriegsjahres – wurde das Gemälde in der Preußischen Akademie der Künste ausgestellt. Aus gleichem Anlass gab der Kunsthändler Carl Nierendorf Dix’ Graphikmappe Der Krieg mit fünfzig Radierungen heraus. 1925 zog Dix nach Berlin; in diesem Jahr nahm er auch an der Wanderausstellung Neue Sachlichkeit teil, die den neuen realistischen Tendenzen in der Malerei ihren Titel gab. Sein Werk sollte die Kunstrichtung entscheidend prägen.

 

Christa Holtei: Die Düsseldorfer Malerschule, Droste Verlag, Düsseldorf 2017, ISBN: 978-3-7700-1598-6

Christa Holtei schildert auf einer kunsthistorischen Zeitreise die grundlegenden Voraussetzungen, Eigenschaften und die wichtigsten Vertreter der Düsseldorfer Malerschule, die im 19. Jahrhundert zu internationalem Ruhm gelangt war. Dies ist auch gleichzeitig eine Geschichte über den Aufstieg Düsseldorf zu einer internationalen Kunstmetropole.

Die Düsseldorfer Malerschule umfasst mehr als 4.000 Künstler, die im Zeitraum von 1819 bis 1918, von der Wiederbegründung der Königlich-Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf bis zum Ende der preußischen Regierungszeit im Rheinland, an der Kunstakademie oder in ihrem Umfeld tätig waren. Unter ihrem Direktor Wilhelm von Schadow (1826-1859 Direktorat) entwickelte sich die Akademie zur führenden deutschen Ausbildungsstätte für Maler, der Begriff Düsseldorfer Malerschule wurde bald überregional bekannt. Schon Peter von Cornelius und sein Nachfolger Wilhelm von Schadow entwarfen ein Reglement für die Ausbildung an der Kunstakademie, das in kaum veränderter Form bis ins 20. Jahrhundert Geltung hatte und die Grundlage für den dauerhaften Erfolg der Düsseldorfer Malerschule bildete.

Der große Erfolg des Lehrbetriebs, der die „Düsseldorfer Malerschule“ zu internationalem Ruhm führte, lag in der Persönlichkeit Schadows, der es mit hohem organisatorischen Talent verstand, ein enges und sehr persönliches Netzwerk einerseits zwischen Studierenden, Lehrenden und Vertretern der Literatur, Musik und des Theaters zu knüpfen und andererseits auf gesellschaftspolitischem Parkett alle Möglichkeiten auszuspielen.

Im 19. Jahrhundert kam es zu einem fruchtbaren Austausch zwischen Künstlern aus Deutschland und den Niederlanden. Als oprichter van het Museum van de Arbeid in Amsterdam in 1928, bevestigde hij zijn affiniteit met de werkende mensheid en de industrie.Angehörige der Düsseldorfer Malerschule gingen zu Studienreisen die Niederlande. Im „Düsseldorfer Kunstverein“ zeigten die deutschen Maler wie Carl Hilgers, Hermann Mevius, Carl Adloff und Andreas Achenbach ihre damals romantische Sehweise zu dem Fischereiort Scheveningen – berühmt ist das Thema Ebbe von Andreas Achenbach.

Umgekehrt zog der Ruf der Düsseldorfer Malerschule niederländische Maler der Haager Schule an den Rhein. Jozef Israëls begab sich zum Beginn seiner Laufbahn zuerst zu einer Studienreise nach Düsseldorf.  Im Jahre 1835 war dies Johannes Bosboom und vier Jahre darauf Johannes Warnardus Bilders (1811–1890). Auch Richard Burnier, Julius Jacobus van de Sande Bakhuysen (1845–1925) und Philip Lodewijk Jacob Frederik Sadée (1837–1904) kamen nach Düsseldorf. Die Düsseldorfer Akademie war berühmt als Lehrstätte für ihre Landschafts- und Historienmalerei; unverkennbar ist der dort gepflegte helle Farbauftrag.

Die Autorin schafft es, die wichtigsten Elemente und Phasen der Düsseldorfer Malerschule in einer Form zu präsentieren, die Kunstgeschichte verständlich erlebbar macht. Diese Phase der künstlerischen Blüte ist eng mit dem Aufstieg Düsseldorf zu einer modernen Kulturmetropole verbunden. Die Maler der Düsseldorfer Schule werden hier angemessen gewürdigt, somit kann das Buch weiterempfohlen werden.

 

Dieter Seitz: Nomads Land. The Kazakhstan Project, Essay von Markus Kaiser, Verlag Hatje Cantz, Berlin 2017, ISBN: 978-3-7757-4363-1

Im 13. Jahrhundert wurde Kasachstan von den Mongolen Dschingis Khans überrannt und seinem Reiche einverleibt: Große Teile des heutigen Kasachstans zählten zu der Orda-Horde. Im Westen des Landes befand sich das Gebiet der Goldenen Horde, während der Süden de jure durch das Khanat Tschagatai kontrolliert wurde. Im 14./15. Jahrhundert von Timurs Eroberungen betroffen, bildete sich nun das Usbekische und Kasachische Khanat heraus. In der Folgezeit entstanden auf Basis des Letzteren drei Nachfolge-Khanate Später gingen sie im Russischen Zarenreich auf.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich das Land am 16. Dezember 1991 als Republik Kasachstan unabhängig. Die Präsidialrepublik wird seit 1991 von Nursultan Nasarbajew regiert. Das zu den Turksprachen zählende Kasachisch und das den slawischen Sprachen zugehörige Russisch wurden mit der Unabhängigkeit zu Amtssprachen erklärt und die bisherige Hauptstadt Alma-Ata in Almaty umbenannt. 1997 wurde der Regierungs- und Parlamentssitz nach Aqmola verlegt. Die Stadt wurde als offizielle Hauptstadt proklamiert und ein Jahr später in Astana umbenannt.

Nach der Loslösung von der Sowjetunion und der Gründung des multikulturellen Staates Kasachstan soll eine künstlich geschaffene „nationale Identität“ helfen, ein Staatsbewusstsein auf historischer Grundlage zu schaffen und die ethnischen Unterschiede und Eigenheiten einzuebnen: „Das ökologische Vakuum, das es nach dem Ende der Sowjetunion gab, wird in der Republik Kasachstan zunehmend auch vom Eurasismus und dem Kult um das Nomadentum ausgefüllt. Den Nexus von Wald und Steppe sowie die imaginierte Symbiose der Ostslawen und turko-mongolischen Nomaden erklären die Eurasier zur Grundlage eines „eurasischen Raumes“. Sie werten Nomadengeschichte und –kultur auf und lehnen deren im sowjetischen Verständnis übliche Einordnung in Gesellschaftstypen nach Entwicklungsstufen ab.“ (S. 139) Durch den eurasischen ist die identitätsstiftende Funktion der Reiter- und Nomadenkultur in Kasachstan eine Art ideologische Sinnstiftung. Berge, Steppe, Pferde und nomadische Steppenformationen sieht Kasachstan als historische mystische Vorläufer ihres heutigen Staates. Die Abgrenzung zur damaligen Sowjetunion ist Usus in der kasachischen Gesellschaft und ihrer Eliten.

Nun erschien ein Bildband mit einem einleitenden Essay über die kasachische Wirklichkeit. Man sieht 103 tolle teils exotische Bilder, die die ganze Bandbreite Kasachstan abbilden will:  prunkvoller Kunst, modernes städtisches Leben, sozialistische Relikte, das einfache Leben der Dorfbevölkerung und die unendlichen Weiten der Landschaft. Eindrücke von einem fernen Land, das in den westlichen Medien sträflich vernachlässigt wird, werden hier vermittelt. Die menschenrechtliche Situation sowie die Praktiken der autoritären Regierung Kasachstans hätten jedoch mehr in den Mittelpunkt gestellt werden.

Seitz und Kaiser schaffen es, ein im Westen bislang weitgehend unbekanntes Land durch aussagekräftige Bilder vorzustellen. Dabei stehen nicht die Sehenswürdigkeiten im Vordergrund, sondern das alltägliche Leben und die Vielfältigkeit eines Landes, das geographisch gesehen die BRD um ein Vielfaches übertrifft und durch die Weite der Landschaft bestimmt wird. Dies ist natürlich nur ein kleiner subjektiver Einblick in die Wirklichkeit Kasachstans, das aber aufgrund der riesigen Erdölvorkommen und anderer Rohstoffe bald ein entscheidender Faktor der Politik Eurasiens werden wird.

 







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