Kunst und Kultur (Teil 4)


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09.01.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Stephan Kunz/Lynn Kost: Not Vital. Univers privat, Scheidegger &Spiess Verlag, Zürich 2017, ISBN: 978-3-85881-568-2

Dieser Katalog erscheint anlässlich der gleichnamigen Ausstellung über Leben und Werk Not Vitals im Bündner Kunstmuseum Chur vom 9.9-19.11.2017. Er beschäftigt sich mit dem Kosmopoliten mit schweizerischen Wurzeln, der für seine „rätselhaften und hermetischen“ Arbeiten bekannt ist. (S. 7) Hier werden seine Arbeiten ab den 1960er Jahren bei der Analyse berücksichtigt.

Im ersten Kapitel widmet sich seinen künstlerischen Anfängen in seiner Heimatstadt Sens, mit der er sich zeitlebens verbunden fühlte. Er bildete sich autodidaktisch weiter und schuf in seiner Frühzeit zum großen Teil Arbeiten auf Papier; 1979 hatte er seine erste Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur. Im zweiten Kapitel geht es um seine zeitlebens enge Beziehung zum Engadin: „seine Herkunft, die landwirtschaftliche Prägung durch die Bergwelt und die existentielle Verbindung von Mensch und Tier“ waren immer ein wichtiger Bezugspunkt für seine Kunst. (S. 9) Seine vielen Bildungsreisen unter anderem nach Rom, New York, Ägypten oder Westafrika führten zu Begegnungen mit verschiedenen ursprünglichen Kulturen, die er in sein Werk einfließen ließ. Dabei geht es hauptsächlich um seine Begegnungen und Adaptionen der islamischen Kultur in seinen Werken.

Eine inhaltliche Annäherung an das künstlerische Schaffen Vitals ist der Gegenstand des nächsten Kapitels. Die charakteristischen Merkmale der Kunst von Not Vital sind das „Substrat aus der Begegnung mit den verschiedenen Kulturformen“, das sich letztlich verdichtet zu „einer individuellen Mythologie“. Obwohl er sich auf urtümliche Traditionen beruft, ist sein künstlerischen Schaffen in der Moderne zu verorten, aber mit höchst individuellem Charakter.

Im letzten Kapitel geht es um seine Einrichtung eines Ateliers in Peking im Jahre 2008 und seine künstlerische Weiterentwicklung in China. Seine Vorliebe für die alte chinesische Kultur wie die Tuschmalerei oder die Marmorsteine aus dem Südwesten Chinas schlägt sich in einer eigenen Symbolsprache nieder.

Diese Aufsätze werden von den Abbildungen seiner Werke immer wieder unterbrochen, die seine verschiedenen Stationen seiner künstlerischen Entwicklung und die Sinnlichkeit seiner Werke zeigen. Am Ende des Buches gibt es noch eine Kurzbiographie des Künstlers und eine kleine Literaturliste für weitergehende Informationen.

 

Das künstlerische Werk Not Vitals greifen zu können, ist schwierig. Es passt in keine Schublade, Schlagwörter sind unbrauchbar. Das Werk umgibt immer etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes, Exotisches, vielleicht sogar Mystisches. Es ist schade, dass der Autor selbst nicht zu Wort kommt oder interviewt wird. Das Buch ist eine fundierte erste Annäherung an das Phänomen Not Vital, es bleibt jedoch vieles im Dunkeln, was vielleicht sogar die Absicht Vitals ist.

 

Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe (Hrsg.): Die Etrusker. Weltkultur im antiken Italien, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, ISBN: 978-3-8062-3621-7

Dieses Buch ist der gleichnamige Katalog der Sonderausstellung über die etruskische Kultur in der Antike, die gegenwärtig im Schloss Karlsruhe gezeigt wird. Dort sind archäologische Fundstücke aus italienischen Museen wie dem Etruskischen Nationalmuseum in Rom oder dem Archäologischen Nationalmuseum in Florenz zu sehen, die noch nie zuvor in der BRD präsentiert wurden.

Die Etrusker waren eine antike Formation in Etrurien, das im nördlichen Mittelitalien im Raum der heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium lebte. Die etruskische Kultur ist in diesem Gebiet zwischen 800 v. Chr. und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. nachweisbar. Die etruskischen Städte waren in einem losen Städtebund (Zwölfstädtebund) zusammengeschlossen, der vor allem religiösen, weniger aber politischen Charakter hatte. Religiöses Zentrum war das bei Orvieto oder Bolsena gelegene Fanum Voltumnae. Einen etruskischen Zentralstaat gab es nicht. Die Etrusker beherrschten auch Rom. Nach der Eroberung durch die Römer (300 bis 90 v. Chr.) gingen die Etrusker weitgehend in der Kultur des Römischen Reichs auf.

Im Schloss Karlsruhe gibt es bereits seit einiger Zeit viele etruskische Fundstücke als Teil der Antikensammlung. Ein weiterer Grund für die Ausstellung liegt in der „verborgenen Parallele zu unserer globalen Moderne (…). Die etruskische Zivilisation formierte sich im Spannungsfeld zahlreicher ‚Nationen‘ des Mittelmeerraums und im permanenten Austausch mit diesen. Sie war ein transkulturell geprägtes Phänomen, eine Weltkultur der Antike.“ (S. 9)

Der Katalog ist eine Mischung zwischen wissenschaftlichen Traktaten über die Hochkultur im antiken Italien und hochwertigen Abbildungen von historischen Karten und Artefakten aus der damaligen Zeit. Nach einer grundlegenden Einführung in die Welt der Etrusker wird zunächst die Frühzeit der etruskischen Kultur unter den Fürsten beleuchtet. Dabei spielen besonders die Seefahrtskenntnisse der Etrusker und die Beziehungen ins frühe Griechenland und dem Orient eine Rolle. Das kulturelle, religiöse und alltägliche Leben zur Zeit der Stadtstaaten und ihr Handelsnetzwerk im Mittelmeer, was ihnen Reichtum und eine Hochkultur bescherte, folgen anschließend. Die Entstehung der römischen Kultur aus der etruskischen und deren Bedeutung für den römischen Staat wird dann erörtert. Abschließend wird eine Bresche zwischen der Vergangenheit zur Gegenwart hin geschlagen, wenn der „Mythos Etruriern“ in der Neuzeit und Gegenwart beleuchtet und eine Wissenschaftsgeschichte des Fachgebietes der Etruskologie gezeichnet wird. Im Anhang findet sich noch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Sachregister fehlt allerdings.

Die gesellschaftliche Hochblüte in Italien vor der Ausbreitung des römischen Reiches in der antiken Frühzeit ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Daher wird die Ausstellung auch aufgrund der aufschlussreichen Traktate mehr zur damaligen Hochblüte im antiken Italien beitragen. Es ist interessant zu sehen, wie sehr auch die etruskische Kultur den Stadtstaat Rom geprägt hat. Dass sich auf italienischem Boden eine solche Hochkultur entfalten konnte, lag sehr stark an den engen wirtschaftlichen und kulturellen Kontakten nach Griechenland und dem Orient, was damals für die bekannte Welt gehalten wurde. Im Zeitalter der nationalen Egoismen eine wichtige Einsicht.

 

Ein Beitrag zum Verständnis des Korans

Dieser Handkommentar, der von der Arabistin Angelika Neuwirth herausgegeben wird, behandelt zahlreiche frühmittelmekkanischen Suren. Suren bezeichnet man einen Abschnitt des Korans, der heiligen Schrift des Islam. Die Suren, die über zwei Jahrzehnten nach der islamischen Glaubensvorstellung dem Propheten Mohammed von Gott offenbart wurden, sind nicht inhaltlich oder chronologisch, sondern grob ihrer Länge nach absteigend geordnet. Dies ist der erste Teilband zu den frühmittelmekkanischen Suren. Hier werden neben der Fatiha (Sure 1) weitere elf Suren diskutiert, während im noch folgenden zweiten Teilband die anderen zehn Suren diskutiert werden.

Der Handkommentar steht in der Situation der augenblicklichen Anschlägen des islamischen Terrorismus und ist mehr als ein philologisches Projekt: „In einer Situation, in der die Frage nach der Bedeutung des Koran muslimische und nichtmuslimische Kreise gleichermaßen beschäftigt, kann sich der Kommentar nicht mehr als ein primär auf Sach- und Formerklärung konzentriertes ‚arabistisches‘ Projekt verstehen, sondern ist zugleich ein Projekt der Theologiegeschichte geworden.“ (S. 9) Es sei die Frage zu klären, in welchem Verhältnis der Koran zu biblischen Tradition stehe.

Mit diesen frühmittelmekkanischen Suren „treten wir in die formative, diskursiv geprägte Phase der Korangenese ein. Hier werden die Weichen gestellt für diejenige Theologie, mit der sich die koranische Botschaft in ihrem Entstehungsmilieu schließlich durchsetzen sollte, Diese Theologie, die der Verkünder und seine Gemeinde konsensuell teilen, ist (…) von grundlegender Bedeutung für das gegenwärtig erforderte Neudenken, das sich wieder zunehmend am Koran orientiert.“ (S. 12)

Drei Neuerungen machen die frühmittelmekkanischen Suren aus: „das neue Autorisierungsparadigma der Propheterie, die liturgische Leistung der Komposition einer kohärenten Gottesdienststruktur und – übergreifend – die Erarbeitung eines neuen Begriffslexikons, das die Biblisierung des arabischen Weltbildes und rückwirkend die Arabisierung biblischer Bilder und Begriffe reflektiert.“ (S. 16)

Der vorliegende Band ist in erster Linie ein wichtiger Beitrag für das religiöse, philosophische, historische Schrifttum der islamischen Kultur. Ein Freimachen von der aktuellen Situation des Terrors im angeblichen Namen des Islams und der Gegenbewegung des antimuslimischen Rassismus. Der Band dient somit auch indirekt zur wertneutralen Information über den Koran und einem Verständnis abseits von Vorurteilen und Ressentiments.

Angelika Neuwirth (Hrsg.): Der Koran. Band 2/1 Frühmittelmekkanische Suren, Verlag der Weltreligionen, Berlin 2017, ISBN: 978-3-458-70039-5

 

 

Tatjana Böhme-Mehner: Musikstadt Leipzig in Bildern. Band 3: Das 20. Jahrhundert, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2017, ISBN: 978-3-95797-024-4

Das 20. Jahrhundert bedeutete für die Stadt Leipzig eine sehr wechselvolle Geschichte: Zwei Weltkriege, der Untergang des deutschen Kaiserreiches, ein kurzes demokratisches Zwischenspiel, das mörderische NS-Regime, mehr als 40 Jahre Staatssozialismus, die Wende und die Eingliederung in die BRD.

Vor diesem Hintergrund beleuchtet Tatjana Böhme-Mehner die musikalische Entwicklung der Stadt, die auch immer verbunden war mit dem augenblicklich herrschenden politischen System. Dies ist der dritte Band der Reihe Musikstadt Leipzig in Bildern: Band 1 handelte von den Anfängen bis ins 18. Jahrhundert, Band 2 ging über das 19. Jahrhundert und nun folgt der abschließende Teil der Trilogie.

Das musikalische Leben in Leipzig war in diesem wechselvollen 20. Jahrhundert „eine der großen unzerstörbaren Konstanten stadtbürgerlicher Identität“ und differenzierte sich in den Musikstilen immer weiter aus. Von der Vorstellung des neuen Gewandhauskapellmeisters Arthur Nikisch bis zum Bach-Gedenkjahr 2000 werden handelnde Personen aus der Musikszene, Institutionen, Konzerte, kulturelle Highlights und der Auftritt bekannter Interpreten wie Louis Armstrong oder die Rolling Stones in Leipzig vorgestellt. Eine ausführlichere Betrachtung durch die Jahrzehnte findet der Thomanerchor, das Gewandhaus und deren Kapellmeister sowie der Umgang mit dem musikalischen Aushängeschild Johann Sebastian Bach. Natürlich wird auch der Beitrag von Musikinstitutionen bei den Montagsdemonstrationen gegen das SED-Regime, die in Leipzig ihren Anfang nahmen, und der friedlichen Revolution 1989 behandelt.

Diese einzelnen Ereignisse werden auf einer Seite mit einem Bild oder Werbeplakat und einem kurzen erläuternden Text dargestellt. Insgesamt gibt es  192 Seiten mit 180 Abbildungen.

Dieses Buch handelt nicht nur von der Bedeutung der Musik für die Einwohner Leipzigs im 20. Jahrhundert. Es ist gleichzeitig ein zeitgeschichtliches und kulturhistorisches Buch über die Entwicklung der Stadt und zeigt einen Ausschnitt deutscher Musikgeschichte im 20. Jahrhundert. Aufgrund der Fülle der Ereignisse hätte das Buch noch etwas umfangreicher sein können, ein einleitendes Essay wäre auch nicht schlecht gewesen. Ansonsten ist für Musikliebhaber jedes Stils ein schönes Dokument der Musikhistorie.

 

Sebastian Hesse: Sieben. Geschichten vom Glauben. Mit einem Nachwort von Geseko von Lüpke, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2017, 144 S., geb., 220?×?260?mm, s/w-Abb., ISBN: 978-3-95462-919-0

Zwischen 2010 und 2016 ist der Fotograf und Autor Sebastian Hesse ist für dieses Buch durch mehrere Kulturkreise gereist, um durch Begegnungen mit verschiedenen Glaubensrichtungen in allen Teilen der Welt das „Numinose“ zu erleben.

Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869–1937) beschreibt 1917 die Erfahrung des Heiligen als eine Erfahrung der Kraft und Ergriffenheit, eine Erfahrung der göttlichen Gewalt und des Ausgeliefertseins, eine Erfahrung des Schreckens, der Nichtigkeit und Ohnmacht. Für diese spezifisch bewegende Erfahrung Gottes bzw. des Heiligen verwendet er den Begriff numinos. Numinoses hat für Otto nichts Menschliches, nichts womit der Mensch sich verwandt erleben könnte, nichts, was dem Menschen in irgendeiner Form bekannt ist, nichts, was er selber erzeugen oder hervorbringen könnte. Dies ist eine Macht oder Kraft, die auf die Natur und den Menschen einwirkt, so wie Schicksal, Fruchtbarkeit, Wachstum, Macht, Tod. Wesen des Heiligen oder Numinosen ist ein Gefühl von einer ebenso geheimnisvollen, anziehenden wie fesselnden und überwältigenden Kraft oder Macht, die den Menschen erzittern, erbeben, erschauern lässt, in ihm Ehrfurcht erzeugt (mysterium tremendum) und ihn zugleich verzaubert wie behext, besessen macht, beglückt, verzückt, entrückt, in Ekstase versetzt (mysterium fascinosum). Für ihn ist das Numen außerhalb der menschlichen Realität und steht für die Sphäre des Heiligen. Es kann deshalb weder bewiesen noch widerlegt werden. 

Der bekannte Psychologe C. G. Jung verwendet die Begriffe des Numens, des Numinosen, des Numinosums oder der Numinosität wie auch die des Mysterium fascinosum und tremendum in diesem Sinne in seiner Auseinandersetzung mit der Wirkung des Archetypischen und mit der Psychologie der Religionen sowie mit Phänomenen der Suggestibilität, etwa in Massenbewegungen oder in Synchronizitätserfahrungen.

Dies führte Hesse zu verschiedene Zielen: zu Druiden in Großbritannien bei der Mistelernte, auf den Heiligen Berg Croagh Patrick in Irland und der Mönchsrepublik Athos in Griechenland, zu bei Prozessionen der Semana Santa in Südspanien, islamischen Mystikern in Anatolien und Indien, zum Austausch mit einem Lebenden Buddha in Tibet und zu einem buddhistischen Kloster in Shanghai.

Diese Reisen waren seine „sehr persönliche Sinnsuche in unserer zunehmend entzauberten Welt. (…) Bald schon beschäftigte mich die Frage, ob Menschen, die aufrichtig an etwas glauben, das größer ist als sie selbst, mit ihrem Dasein zufriedener sind als rein materialistische Konsumenten.“ (S.7) In diesem Buch fasst er seine Eindrücke in kurzen Texten zusammen und präsentiert ausdrucksstarke Bilder aus einer etwas anderen Welt. Er möchte damit seine spirituellen Erfahrungen mit den Lesern teilen und mahnt an, dass materieller Wohlstand nicht gleichbedeutend mit Glück und Zufriedenheit ist.

Ihm gelingt es ganz gut, seine Botschaft rüberzubringen, vor allem durch seine etwas archaisch anmutenden Bilder. Für Menschen, die ähnlich denken wie er, sind seine spirituellen Beschreibungen seiner Reisen ein spezielles Leseerlebnis, das nachdenklich über den Sinn des Lebens macht.

 

Peter Mänz, Rainer Rother, Klaudia Wick (Hrsg.): Die UFA. Geschichte einer Marke, Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2017, 200 Seiten, ISBN: 978-3-7356-0421-7, 36 Euro

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der UFA-Firmengründung gibt es viele Arten der Anerkennung und Feierlichkeiten: Die UFA selbst feierte am 25. September 2017 unter Anwesenheit des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und zahlreichen geladen Gästen eine große Gala im Palais am Funkturm in Berlin. Das Kino Babylon in Berlin-Mitte und das Filmmuseum Potsdam zeigen im Jahr 2017 UFA-Filme aus allen Jahrzehnten.

Das Filmmuseum Potsdam widmet der UFA zusätzlich von Mai 2017 bis Februar 2018 unter dem Oberthema „100 Jahre Ufa“ eine Ausstellungsreihe mit drei wechselnden Schwerpunkten, die Stiftung Deutsche Kinemathek startet am 24. November die Ausstellung „Die Ufa – Geschichte einer Marke“.

Anlässlich der Ausstellung erschien nun eine Publikation mit dem gleichnamigen Titel im Kerber Verlag. Hier wird die wechselvolle und vielschichtige Geschichte des Medienunternehmens von seiner Gründung bis heute geschildert. Die Geschichte ist von vielen Brüchen, Zäsuren und Strategiewechseln geprägt, hat aber doch gemeinsame Konstanten: „Stars - als die ‚eigenen reklamiert- übernehmen damals wie heute eine gewichtige Rolle. Aufbauend auf einer sicheren Basis, ihrem eher anspruchslosen Unterhaltungsgeschäft, zielen die UFA-Unternehmen damals wie heute (…) auf einen internationalen Markt, der sich oft für die Refinanzierung prestigeträchtiger Produktionen als unabdingbar erweist. Großproduktionen mögen heute mit Blick auf den globalen Markt Highend-Dramen heißen, weiterhin sind sie nur auf Grundlage dieser Mischkalkulationen möglich. (…) Nicht selten setzen diese dabei auf Themen der (meist deutschen) Geschichte – auch dies ein Modell, das in allen Etappen der Markengeschichte aufkommt.“ (S. 11)

Eingeleitet wird die Publikation von drei Essays über die Etappen der Firmengeschichte 1917-1949, 1949-1969 und 1970-2017. Die Gründung und die damalige Aufgabe der Propaganda für Deutschland in der Produktion von Filmen (Spielfilmen, Dokumentarfilmen, Kulturfilmen und Wochenschaubeiträgen) bis hinein in die noch dunklere Zeit der Nationalsozialismus wird die Geschichte und Tätigkeit der UFA in weiten Teilen kritisch hinterfragt und gewürdigt. Die UFA erlebte unter dem Nationalsozialismus eine erneute kommerzielle Hochblüte, nicht zuletzt dank zahlreicher protektionistischer Maßnahmen, mit denen das Regime die Firma z. B. von lästiger in- und ausländischer Konkurrenz befreite und ihr deren Produktionseinrichtungen und -stäbe eingliederte. Nach der Befreiung musste sich der Konzern dem filmpolitischen Hauptziel der westlichen Besatzungsmächte beugen, künftig jegliche Machtanhäufung in der deutschen Filmindustrie zu verhindern. Das im Deutschen Bundestag 1953 verabschiedeten Entflechtungsgesetzes war nicht von kurzer Dauer, nach einer Privatisierung kam es zur Übernahme durch die Bertelsmann-AG 1964. In der Folgezeit machten Preisgekrönte Fernsehfilme, langlaufende Formate der leichten Unterhaltung, quotenstarke Seifenopern, Serien-Dauerbrenner, Sitcoms und Non-Fiction-Programme die UFA mit über 2800 gesendeten Programmstunden im Jahr zum Marktführer des deutschen Fernsehmarktes. Die Ausweitung und Öffnung des Unternehmens für audiovisuelle Produkte soll die Hegemonie der UFA im deutschen Mediengeschäft festigen.

Diese Geschichte ist anhand  des Objektkatalogs über die 100jährige Geschichte der UFA in fast 250 Abbildungen in Farbe sowie in Schwarz-Weiß sowie eine Fülle von kurzen, erläuternden Texten. Stars der deutschen Unterhaltungsbranche der letzten 100 Jahre werden dabei in Erinnerung gerufen. Filmplakate aus vielen Jahrzehnten und Szenen aus Filmen und Produktionen halten dabei die wichtigsten Etappen der Entwicklung visuell fest. 10 Autorinnen und Autoren sind für die Zusammenstellung des Objektkatalogs und der einführenden Essays verantwortlich.

Das 1917 gegründete Unternehmen ist eng mit der Geschichte des deutschen Films verbunden und zählt zu den ältesten Filmfirmen in Europa. Also ist das Buch auch gleichzeitig ein zeithistorisches Dokument der deutschen Filmgeschichte. Jeder kennt die Serien, Filme und Stars von gestern und heute, was das Buch zu einem Leseerlebnis werden lässt. Natürlich ist es eine Werbung für das Unternehmen selbst. Das Buch ist fachlich gut gegliedert, bietet eine gelungene Mischung zwischen Text und Bild und ist an kalten Wintertagen eine unterhaltsame Lektüre. Außerdem macht es auch Lust, die Ausstellung mit eigenen Augen anzuschauen.

 

Mathias Bertram (Hrsg.): Christian Schulz: Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016, ISBN: 978-3-95797-041-1

Christian Schulz war in den 80er Jahren in West-Berlin freier Mitarbeiter der taz und des Stadtmagazins „Zitty“ und präsentiert hier seine besten und ausdrucksstärksten Aufnahmen aus einer scheinbar längst vergangenen Zeit, die hier wieder gegenwärtig wird. Seine Bilder sind alle im melancholischen Schwarz-Weiß gehalten, was die Dokumentation der späten Westberliner Stadtgeschichte aus den Augen alternativer Kultur älter werden lässt als sie in Wirklichkeit ist. Dazu bemerkt Arno Widmann in seinem Vorwort: „Die Melancholie, die diesen Band durchzieht, entsteht nicht erst im Auge des dreißig Jahre älter gewordenen Betrachters. Sie ist implantiert in dem des Fotografen, ja der Stadt selbst. West-Berlin war, auch vielleicht in gerade in seinen wilden Jahren, ein melancholisches Mauerkind.“ (S. 9) Viele der Bilder sind spontan entstandene Schnappschüsse, manche, vor allem die Personenporträts wirken geplant.

Schulz‘ Fotos erzählen von kurdische und türkische Hochzeiten, politische Demonstrationen, Punks, Konzerte mit Interpreten wie Rio Reiser, Johnny Depp, Harald Juhnke oder Mick Jagger, die frühen Paraden des CSD, Punks und Partys in besetzten Häusern, Straßenschlachtszenen zwischen Autonomen und der Polizei oder Sinti und Roma im Tempodrom. Immer wieder gibt es neben politischen, künstlerischen oder gesellschaftlichen Ereignissen Bilder vom Alltag in West-Berlin, bevorzugt im Stadtteil Kreuzberg meist vor der Wende. Auf den letzten Seiten werden auch Impressionen von der Öffnung der Mauer bis zur Feier der „deutschen Wiedervereinigung“ am 3.10.1990 gezeigt.

Die Fotos zeigen die Kehrseite des pompösen Westberlins und betonen die Alternativkultur und das Lebensgefühl der Punks, Autonomen, Minderheiten oder Schwulen und Lesben. Es ist eine Geschichte von unten, die hier erzählt wird. Alltag, Armut und Widerstand gegen repressive Strukturen in den 1980ern wird hier eine Stimme gegeben. Es zeigt aber auch, wie sich Berlin seit der Wende verändert hat, zum Positiven und zum Negativen. Ein zeithistorisches Dokument von Christian Schulz, das viele Erinnerungen wachruft. Sehr zu empfehlen.

 

Harald Meller/Thomas Puttkammer: Klimagewalten. Treibende Kraft der Evolution, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2017, ISBN: 978-3-8062-3120-5

Dies ist der Begleitband zur Sonderausstellung „Klimagewalten-Treibende Kraft der Evolution“ vom 30.11.2017 bis 21.05.2018 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale. Es werden mehr als 800 Sachzeugnisse aus Mitteleuropa in der Ausstellung gezeigt, darunter auch Leihgaben aus 10 verschiedenen Ländern.

Im Erdzeitalter des Känozoikums sind Klima-, Vegetations- und Menschheitsgeschichte eng miteinander verbunden. Der Beginn des Känozoikums wird vor etwa 66 Millionen Jahren angesetzt, nach dem Massenaussterben der Kreidezeit, bei dem unter anderem alle Dinosaurier ausstarben. Das Känozoikum umfasst die geologische Entwicklung des heutigen Europa und der anderen Kontinente mit der Auffaltung der Alpen und des Himalayagebirges bis zu ihrer heutigen Form und Entwicklung der heutigen Pflanzen- und Tierwelt, insbesondere der Säugetiere. Während das Klima zu Beginn dieses Erdzeitalters noch sehr warm war, begann vor rund 2,6 Millionen Jahren das jüngste Eiszeitalter mit der Vereisung des Nordpols. Die Inlandvereisung am Südpol begann bereits vor 38 Mio. Jahren.

Die entscheidende Entwicklung der Menschen erfolgte im Eiszeitalter (Pleistozän) während der letzten 2,6 Millionen Jahre. Vom Naturwesen entwickelte sich der Mensch fortlaufend weiter bis zum Kulturwesen. Der Umgang des Menschen mit dramatischen Veränderungen wie der wiederkehrenden Eiszeit erforderte eine unumgängliche Anpassungsfähigkeit an die Natur: „Die Grundlagen dafür bildeten einfache, stabile Techniken der Jagd, des Feuermachens, des Sammelns, der Herstellung von Bekleidung etc. Sie ermöglichte es den hoch mobilen Gruppen, Tiere und Pflanzen in ihre Refugien zu folgen und sich dort neue Lebenschancen zu erschließen.“ (S. 13)

Im ersten Kapitel geht es um die Klimaforschung und den astronomischen sowie irdischen Einflussfaktoren auf das Klima der Erde. Danach wird die Entwicklungen der Tier- und Pflanzenwelt im Känozoikum beschrieben. Anhand der Beispiele von der Artenvielfalt im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts und der tropischen Faunaelemente sowie der Großtierfauna wird dies präzisiert. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einer kurzen Infobox über die Tierwelt von Bären bis hin zu Pferden. Weiterhin wird die Entwicklung des Menschen vom Primaten bis hin zum Kulturmenschen präsentiert. Dabei geht es vor allem um seinen Erfindungsreichtum und seine Überlebensstrategien in der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel.

Anschließend wird das Leben in der Altsteinzeit ausführlich thematisiert. Jäger und Sammler in Europa und deren Krisenmanagement in der Eiszeit und anderen Klimaänderungen zeigen den ersten Menschen als Überlebenskünstler. Außerdem wird noch auf die Kultur und Kunst von den ersten Menschen auf dem Gebiet des heutigen Westfrankreichs und der heutigen Tschechischen Republik eingegangen. Klimaänderungen und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft sind dann Gegenstand des abschließenden Kapitels. Zunächst wird auf die Veränderungen des Klimas in den letzten 1000 Jahren eingegangen, bevor es um die Fragen der Gegenwart und Zukunft geht. In dem letzten Aufsatz wird ein Zukunftsszenario entwickelt, welche Folgen ein Warmzeit oder ein Eiszeit für die Menschheit hätte. Die Antworten sind erschreckend und auch ein Appell für den Klimaschutz: Eine Warmzeit hätte zwar gravierende Einschnitte für die Menschheit zur Folge, würde aber nicht ihr Ende bedeuten. Eine erneute Eiszeit würden dagegen „das Ende jeder modernen Zivilisation in weiten Bereichen der Nordhemisphäre bedeuten. Nur die an die Kälte angepassten Nomadenvölker des Nordens, Inuit, Nenzen oder Jakuten, könnten der Verschiebung der geeigneten Klimazone folgen und hätten relativ geringe Probleme.“ (S. 423)

Der Band ist reich bebildert und enthält verschiedene Graphiken, die das Wechselspiel von Klimaentwicklung und Evolution visualisieren und somit zu einem besseren Verständnis beitragen. Die wissenschaftlichen Beiträge über die Erd- und Menschheitsgeschichte erreichen ein hohes Niveau und schaffen es mit einer relativ einfachen Sprache, dies auch für Nichtakademiker verständlich zu schildern. Der Band macht Lust auf die Ausstellung, ist aber auch einzeln zu empfehlen.

 

Andreas Kitschke: Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft, Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-86732-248-5

Die Potsdamer Kulturlandschaft wurde 1990 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen, weil die hervorstechenden Bauten, darunter auch die Kirchen bewusst in Beziehung gesetzt zu ihrer Umgebung. Die Kirchen in Potsdam und Umgebung mit ihren unterschiedlichen Baustilen prägen das heutige Profil der Stadt. Es waren neben geistliche Zentren auch gesellschaftliche Begegnungsstätten. Neben römisch angehauchter Baukunst finden Sie außerdem italienische, französische, russische oder aber auch böhmische Architektur wieder. Die Gotteshäuser wurden für Siedler aus verschiedensten Teilen Europas errichtet und bringen die preußische Toleranz ehemaliger Könige zum Ausdruck.

Direkt im Herzen der Stadt befindet sich am Alten Markt und gegenüber vom Landtagsgebäude die St. Nikolaikirche.. Sie wurde 1837 bis 1850 nach den Plänen von Karl-Friedrich Schinkel erbaut. Ihr riesiger Kuppelbau, der sich an den Kathedralen in Rom, London und Paris orientiert, ist schon vom Weiten aus allen Himmelsrichtungen gut zu sehen. Im Inneren der Kirche finden regelmäßige Gottesdienste, kirchenmusikalische Aufführungen, Vorträge und Ausstellungen statt.

Idyllisch liegen die Friedenskirche am Eingang zum Park Sanssouci, welche an ein mittelalterliches Kloster im italienischen Stil erinnert oder aber auch die Heilandskirche Sacrow am Jungfernsee. Auch die Pfingstkirche zwischen Pfingstberg und dem Neuen Garten liegt an einem malerischen Rückzugsort. Nach dem Vorbild des römischen Pantheons wurde 1752/53 die Französische Kirche nach den Plänen des Architekten von Knobelsdorff erbaut. Der Baumeister ist bereits für viele seiner Bauten bekannt, die er im Auftrag von Friedrich dem Großen leitete. Das evangelische Gotteshaus befindet sich am heutigen Bassinplatz, nicht weit vom Holländischen Viertel entfernt. Die Französische Kirche gilt seit der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg als eine der ältesten erhaltenen Kirchen im historischen Potsdamer Stadtteil.

Besonders sehenswert ist auch die russisch-orthodoxe Gedächtniskirche des Heiligen Alexander Newski. Sie befindet sich im Norden Potsdams auf dem Kapellenberg unweit der Kolonie Alexandrowka. Auf Anordnung von König Friedrich Wilhelm III. wurde sie im altrussischen Baustil entworfen und gilt als Freundschaftsbeweis zwischen dem ehemaligen Preußen und Russland. Die Alexander-Newski-Gedächtniskirche ist ebenso wie die Siedlung Teil des UNESCO Weltkulturerbes.

In diesem wissenschaftlichen und kulturellen Werk von Andreas Kitschke werden in der chronologischen Reihenfolge ihrer Hauptbauzeit 76 Kirchenbauten von Potsdam und Umgebung monographisch vorgestellt. Von diesen 76 Kirchen existieren heute nur noch 47. Dabei stützt sich der Autor auf sein im Jahre 1983 erschienenes Buch „Kirchen in Potsdam“, seit dieser Zeit gab es auch durch die Auswertung zeitgenössischer Quellen und der Restaurierung und Neugründung von Kirchen seit der Wende. Neu aufgenommen in diese Monographie wurden Kirchen „der bis am 26. Oktober 2003 als neu Stadtteile Potsdams hinzugekommenen, bis dahin selbständigen Landgemeinden Fahrland, Golm, Groß-Glienecke, Kartzow, Marquardt, Satzkorn und Uetz-Paaren. Auch die Gotteshäuser der jüdischen und einiger freikirchlicher Gemeinden finden Erwähnung.“ (S. 8)

In der Konzeption des Buches will der Autor die „enge Verwobenheit von Regional-, Kunst- und Kirchengeschichte“ nachzeichnen, „ohne die gebotene Detailtreue zu vernachlässigen“. Es gibt einleitende Übersichten zu jeder Epoche, die zeitgeschichtliche Informationen vermitteln wollen und den bau- und kunstgeschichtlichen Zusammenhang herstellen wollen. Weiterhin wird auf die Bauherren, Architekten sowie die Handwerker und Künstler vorgestellt. Außerdem gibt es Aussagen zur jeweiligen Baugeschichte und zum Inventar der Kirchen.

Das Buch beginnt mit einer längeren Skizze der Stadtentwicklung Potsdams vom Hochmittelalter bis heute. Dann geht es um die Kirchenbauten in Potsdam bis zum Beginn der Reformation. Das nächste Kapitel handelt von den Gotteshäusern im 17. Jahrhundert, als Potsdam zur Residenzstadt wird. Die Bauten und religiösen Entwicklungen unter dem preußischen „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I stehen im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Die kulturelle Blüte unter Friedrich I. wie die Französische Kirche wird im nächsten Abschnitt präsentiert. Die Gotteshäuser, die im Klassizismus entstanden sind, sind Gegenstand des nächsten Kapitels. Dann werden die Kirchenbauten in der Romantik mit all ihren Merkmalen dargestellt. Die Zahl der neugebauten Kirchen ist in der wilhelminischen Zeit am höchsten, in der Zeit der Weltkriege mit dem Zwischenspiel der Weimarer Republik entstanden vier neue Kirchen. In der SBZ/DDR wurden die Religionsgruppen stark reglementiert und die atheistische Weltanschauung staatlich gefördert. Nach der Wende gab es dann einen Umbruch, es entstanden einige neue Kirchen, alte wurden restauriert. Anschließend gibt der Autor in einem Epilog seiner Verärgerung und Sorge Ausdruck, dass die Stadtplaner nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und bei Neubauten Rücksicht auf das städtebauliche Umfeld nimmt, damit die Schönheit der Stadt und der Umgebung bewahrt wird. Im Anhang werden ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der verwendeten Siglen und ein Register der Kirchenbauten.

Dieses Buch über die noch existierenden und abgerissenen Kirchengebäude in Potsdam und Umgebung ist ein auf hohen wissenschaftlichem Standard stehendes Grundlagenwerk, das Regional.-, Kunst- und Kirchengeschichte der Residenzstadt miteinander kombiniert. Die aus meist aus dem Archiv stammenden Abbildungen geben einen schönen visuellen Eindruck der Objekte neben dem Geleittext. Der Band ist informativ, auf hohem Niveau, flüssig geschrieben und kann daher weiterempfohlen werden.

 

Hans Peter Boer/Andreas Lechtape: Kirchen, Klöster & Kapellen im Münsterland, Aschendorff Verlag, Münster 2017, ISBN: 978-3-402-13230-2

Das Buch beschäftigt sich mit der Geschichte und Entwicklung der Kirchen, Klöster und Kapellen im Münsterland in Text und Bild von Beginn des frühen Mittelalters bis in die heutige Zeit. Dabei entstanden zahlreiche Kirchen, Klöster und Stifte mit der Hilfe des Adels, der als Grundherr auf Eigenkirchen oder Stiftungen für die Familienangehörigen setzte. Die Organisation des Bistums Münster und die Adelsbemühungen sorgten für eine Vielfältigkeit, was auch am Kirchenbau abzulesen ist. Aus Platzgründen ist nicht jeder Bau oder jedes Objekt in dem Buch abgebildet oder beschrieben: „Es ist keinesfalls ein umfassendes Handbuch aller  Kirchen, Klöster und Kapellen des Münsterlandes, es versucht vielmehr, erkennbare historische und kunsthistorische Prägungen an Beispielen aufzuzeigen. (…) Dieses Buch möchte Anregungen zur ruhigen Betrachtung, zur Exkursion ins Münsterland und zum eigenen weiteren Nachspüren auf anderen Pfaden geben. So der Wunsch von Autoren und Verlag.“ (S. 8)

Im ersten Kapitel werden Grundzüge der Kirchengeschichte Westfalens und Norddeutschlands geschildert. Im Mittelpunkt steht dabei die Eingliederung der Sachsen in das Fränkische Reich. Die Zwangschristianisierung Norddeutschlands und Westfalens wurde durch Karl den Großen mit der Capitulatio de partibus Saxoniae abgeschlossen. Das ist ein 782 möglicherweise während der Reichsversammlung an den Lippequellen von Karl dem Großen erlassener Gesetzestext. Er diente der Zwangschristianisierung der soeben unterworfenen Sachsen und damit der Festigung der fränkischen Macht. Die hierfür erlassenen Bestimmungen zeichneten sich durch äußerste Härte aus. Das Ausbleiben aktiver Bekehrungsarbeit und die gleichzeitige Eintreibung des Kirchenzehnts wurden bereits von Alkuin, einem wichtigen Berater Karls des Großen, scharf kritisiert. Folglich blieb die erhoffte Wirkung weitgehend aus und das heidnische Gedankengut blieb verbreitet. Dies gipfelte schließlich 793 im erneuten Aufstand der Sachsen, nach dessen Niederwerfung die Capitulatio de partibus Saxoniae durch die moderatere Capitulare Saxonicum ersetzt wurde, welche eine schrittweise Eingliederung der Sachsen ins Fränkische Reich einleitete.

Dann geht es um die Anfänge der christlichen Bauten und Objekte, dabei steht der Dom in Münster im Mittelpunkt. Dann geht es um die Pfarrkirchen in Städten wie Beckum, Bocholt, Warendorf oder Borken. Anschließend werden Pfarrkirchen in den Kirchspielen vorgestellt. Danach geht es um eine ausführliche Betrachtung der Klöster und Stifte bzw. Stiftskirchen im Münsterland, bevor dann Wallfahrtskapellen und Andachtsstätten im Mittelpunkt stehen. Weiter geht es mit einem Kapitel über Bauten im Historismus im katholischen Kontext. Der Bau von Kirchen und Kapellen in der Moderne ist Gegenstand des nächsten Kapitels. Zuletzt stehen die Umbrüche in der aktuellen Zeit mit schwindender Zahl der Gläubigen und die Zusammenlegung von Gemeinden und ihre Folgen, die Entweihung und andersartige Nutzung von Kirchen, im Mittelpunkt.

Bei den Kapiteln wird immer ein Objekt mit einem kurzen Text vorgestellt und mit einem oder mehreren Bildern ergänzt. So beschränkt sich die Beschreibung eines Objektes auf zwei bis vier Seiten. Am Ende findet man eine weitergehende Literaturliste, wo die einzelnen Objekte in längerer Form dargestellt werden und somit eine weiterführende Lektüre möglich ist. Leider fehlen die Angaben der Internetadresse der jeweiligen Objekte.

Dieses Buch ist sowohl als Beitrag zur Kirchengeschichte des Münsterlandes als auch zur regionalen Kultur- und Kunstgeschichte zu verstehen. Es ist ein hochwertiger Bildband mit vielen eindrucksvollen Bildern und einem profunden Einführungstext für jedes vorgestellte Objekt. Dies ist natürlich nur eine Auswahl von Kirchen, Klöstern und Kapellen im Münsterland, einige Objekte dürften fehlen. Insgesamt gesehen erreicht der Bildband sein Ziel: das Interesse für die regionalen christlichen Bauten und Objekte zu wecken und eine Grundlage für eigene Exkursionen zu sein.

 

Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-633-54285-7

Dieses Buch des Soziologen Sznaider handelt über die unterschiedlichen Gesellschaften innerhalb des Staates Israel, die untereinander um Identität und Vorherrschaft ringen, fast 70 Jahre nach der Staatsgründung.

Er stellt richtig fest, dass man von „der“ israelischen Gesellschaft an sich nicht sprechen kann, auch in Israel gliedert sich wie auch in vielen anderen Gesellschaften in Partikulargruppen: „Es ist ein Bestandteil der globalen Moderne, dass Welten gleichzeitig existieren.“ (S. 9)

Er möchte soziologisch einige „ikonische gewordene Ereignisse des Landes (…) ins Scheinwerferlicht gerückt, um die verschiedenen Gesellschaften im Land zu unterscheiden und zu verstehen.“ (S.13) Diese 10 in diesem Buch vorgestellten Ereignisse und ihre Folgen sind seine spezielle Auswahl: „Sie sind meine Auswahl, andere Autoren hätten andere Bilder ausgesucht. Leser, die mit Israel vertraut sind, werden andere Bilder vor Augen haben. Es kann kein Gesamtbild geben.“ (S.14) Seine Interpretationen seiner Ereignisse soll das Ergebnis des Buches darstellen, das den Leser zum Nachdenken anregen soll.

Im ersten Kapitel geht es um die Sozialproteste von Teilen der jungen Generation im Jahre 2011, bevor er mit dem Attentat auf den damaligen Ministerpräsidenten Rabin und die Folgen eingeht. Anschließend geht es auf die Vielfalt der Einwanderer aus verschiedenen Regionen, Kulturen und Sprachen ein, und dass man nicht von einer nationalen Kultur und Gesellschaft reden. Die Frage nach der Definition des israelischen Selbstverständnisses ist umkämpft, die Vielfalt in der Einheit ist dabei die Lösung. Weiter geht es mit dem Schatten, den der Holocaust auch heute noch über die Gesellschaft und die Opfer wirft.

Die Toleranz und die Akzeptanz gegenüber Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgendern und Transsexuellen vor allem aus der religiösen Rechten behandelt das nächste Kapitel. Der Konflikt zwischen der arabischstämmigen Bevölkerung und dem Staat Israel mit alltäglicher Gewalt, Attentaten und Toten auf beiden Seiten ist natürlich eine schlimme Konstante in den letzten Jahrzehnten geworden. Dieser ständige Konflikt spiegelt sich auch in Jerusalem und am heiligen Tempelberg wider, eine interreligiöse Gemeinsamkeit bleibt wohl nur Wunschdenken.

Immer wieder auftretende Spannungen zwischen Aschkenasim und Misrashim, die natürlich keine homogenen Gruppen sind, treten immer wieder auf. Die kulturelle Orientierung am Westen wird durch die verstärkte nichteuropäische Einwanderung in Frage gestellt. Im nächsten Kapitel stellt er die größten eingewanderten Gruppen vor, die Säkularen und Orthodoxen und andere Minderheiten in Israel, natürlich auch die arabische Bevölkerung. Die Einwanderung von Flüchtlingen vor allem aus Afrika und Asien bietet ebenfalls Konfliktstoff. Die Angst vor islamistischen Attentätern und vor allem ethnische und religiöse Ressentiments in Teilen der Bevölkerung stehen interkulturell denkenden, toleranten Menschen gegenüber.

Der Autor will einen alten Traum der Zionisten verwirklichen: „(…) dass Israel ein normaler Staat werden könnte. Ein Staat, der seinen Bürgerinnen und Bürgern, egal welcher Religion und Herkunft, Sicherheit bietet. Ein Staat in Frieden, ein Staat, der nicht umstritten ist, und ein Staat, der von der Welt akzeptiert wird.“ (S. 308)

Die Herangehensweise des Autors ist ausdrücklich zu loben. Seine Erkenntnisse der Grenzen der Erkenntnis bieten einen guten Ansatz, um die „Ungleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeit“ (S. 12), eine Koexistenz von verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Gruppen im israelischen Staat darzustellen. Die Auswahl ist natürlich subjektiv, es hätten auch die Gruppen der Frauen, der Friedensbewegung oder das Leben im Kibbuz vorgestellt werden können. Es bleibt jedoch unverständlich, warum er auf Fußnoten verzichtet. Es sind zwar weiterführende Hinweise am Ende des Buches vorhanden, aber Fußnoten hätten dem Buch eine größere wissenschaftliche Legitimation eingebracht. Die vorherrschenden Entwicklungen und Konfliktlinien in und zwischen den Gesellschaften in Israel beschreibt er aber hervorragend. Die Frage nach einer Identität ist eine der wichtigsten wunden Punkte des Landes.

 

 







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