Kunst und Kultur (Teil 6)


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16.01.18
KulturKultur, TopNews 

 

Von Michael Lausberg

Léon Werth  Als die Zeit stillstand Tagebuch 1940-1944. Mit einem Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt. Übersetzer: Tobias Scheffel, Barbara Heber-Schärer, S.Fischer Verlag , München 2017, Preis € (D) 36,00 , ISBN: 978-3-10-397249-8

Der jüdisch-französische Schriftsteller und Kunstkritiker Léon Werth (1878-1955) machte sich mit seiner Kritik an Kirche sowie am Bürgertum einen Namen. Sein Roman „La maison blanche (Das weiße Zimmer)“ wurde 1913 für den Prix Goncourt vorgeschlagen. 1914 zog er als Soldat in den Ersten Weltkrieg, wo er bis zu seiner Verwundung 15 Monate an der Front kämpfte. Seine Erlebnisse fasste er in der pazifistischen Erzählung „Clavel Soldat“ zusammen, das nach dessen Erscheinen im Jahr 1919 einen Skandal in Frankreich auslöste. In der Zeit zwischen den Weltkriegen kritisierte er unter anderem in Cochinchine die koloniale Begeisterung Frankreichs zu dieser Zeit. Als kritischer Linker wandte er sich auch gegen Stalin und seinen Kult in der Sowjetunion und zeigte er sich besorgt über den aufkommenden Nationalsozialismus in der Weimarer Republik.

1996 erschien schon seine Erzählung 33 Tage in deutscher Sprache, die quasi den Prolog des jetzt erscheinenden Buches bildet. Dies ist eine kurze Erzählung, die wenige Wochen nach der Flucht 1940 geschrieben wurde. Léon Werth erzählt darin von seiner Flucht aus dem von Deutschen besetzten Paris zu seinem Ferienhaus in Saint-Amour im französischen Jura und der allgemeinen Lage in Frankreich. Das Manuskript vertraute er im Oktober 1940 seinem Freund Antoine de Saint-Exupéry an.

1992 wurde das Tagebuch Werths in Frankreich wiederaufgelegt und stieß auf großes Interesse. Dennoch dauerte es bis 2017, bis es auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Als die Zeit stillstand erscheinen konnte. Dies ist ein historisches Dokument der deutsch-französischen Geschichte zwischen 1940-1944 in einer dunklen Zeit. Es ist eine Mischung aus „Zeitzeugenbericht, Reflexionen, Niederschrift gedanklicher Diskussionen mit den Autoren, die er in seiner Bibliothek findet, beständiger Selbstbefragung und Notaten zu den Ereignissen in Frankreich und der Welt, aber auch im unmittelbaren Umfeld“. (S. 16)

Seine Ängste, was passiert, wenn der Nationalsozialismus siegen würde, seine Hoffnung auf eine baldige Befreiung und seine Visionen von der Friedenszeit nach Beendigung des 2. Weltkrieges werden in dem Tagebuch ausgebreitet.

Es beschreibt sowohl die Zeit des besetzten Frankreichs zur Zeit des Vichy-Regimes der Jahre 1940 bis 1944 als auch die Ereignisse in seinem Fluchtort in einem Dorf im Jura. Flüchtlinge und Dorfbewohner leben hier zusammen, ohne regelmäßige Nachrichten von der Außenwelt, abgekapselt und doch ganz nah am Geschehen.»Der Reiz von Werths Schilderungen und Betrachtungen ist gerade, abstrakte Zuordnungen hinter sich zu lassen und erst einmal zu beschreiben«
Helmut Mayer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2017»Ein literarisches Ereignis«
Marko Martin, Jüdische Allgemeine, 11.10.2017

 

Seine Tagebuchbeschreibungen werden zu Recht als zeitlose Einsichten in menschliches Denken und Handeln, also auch auf die Gegenwart anwendbar, wo rassistische und nationalistische Parteien in Europa auf dem Vormarsch sind und in Frankreich selbst der extrem rechte FN eine mächtige Kraft darstellt.

In seinem Vorwort schreibt Georges-Arthur Goldschmidt: „Als die Zeit stillstand besteht aus dem Zusammenfallen von Erinnerung und Gegenwart. Jedes der täglichen Ereignisse findet vor einem historischen wie persönlichen Hintergrund statt, von dem man zur aktuellen Realität gelangt, der deutsche Besatzung Frankreichs 1940-1944, das Anekdotische wird zum Zeitdokument. Der ständige Wechsel zwischen Anekdoten, Beschreibungen und Reflexionen aller Art bilden die lebendige Substanz des Buches.“ (S. 8) Besser kann man die Faszination des Buches nicht zusammenfassen.

 

Marina Abramovic: Durch Mauern gehen, Luchterhand Verlag, 2. Auflage, München 2016, ISBN: 978-3-630-87500-2

Die Künstlerin Marina Abramovic ist durch ihre spektakulären Performances einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Vom 11. Juni bis 25. August 2014 führte Abramovi?  zum Beispiel eine Langzeit-Performance mit dem Arbeitstitel 512 Hours in der Londoner Serpentine Gallery durch, bei der sie – wie auch das Publikum – vollständig auf Objekte verzichtete: jeder konnte als Besucher während der Öffnungszeiten hinzustoßen und Zeit mit ihr verbringen, musste zuvor aber Jacke, Tasche und elektronische Geräte abgeben. »Vitale Kunst, kein fester Wohnsitz, permanente Bewegung, direkter Kontakt, lokaler Bezug, Selbst-Auswahl, Grenzüberschreitung, Risikobereitschaft, bewegliche Energie. – Keine Probe, kein vorhergesagtes Ende, keine Wiederholung.« Dieses künstlerische Credo von 1976 zu ihrer Werkgruppe »Beziehungsarbeit« (»Relation Work«) fasst die Einzigartigkeit Ihrer Performances zusammen. Video ist dabei das Medium der Beobachtung und direkten Kommunikation, das die Intensität und Dauer der Performances wiedergibt.

Dieses Buch sind zugleich ihre Memoiren, in der sie berufliche und persönliche Themen aus ihrer eigenen Sicht schildert. Ihre Kindheit und Jugend nimmt einen großen Raum ein. Geboren als Tochter einer Partisanenfamilie studierte sie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad unter Tito Ab 1973 zeigte sie künstlerische Performances. Interessant ist vor allem die Auseinandersetzung der Arbeit und der Beziehung mit ihrem damaligen Lebensgefährten Ulay, von dem sie sich 1989 trennte. Für die deutschen Leser ist besonders die Zeitspanne nach dem Fall der Mauer und ihre Jahre in der BRD interessant. Von 1990 bis 1991 hatte Abramovi? eine Gastprofessur an der Académie des Beaux-Arts in Paris und an der Hochschule der Künste in Berlin. Von 1992 bis 1996 war sie Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, von 1997 bis 2004 Professorin für Performance an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

Das Buch ist genauso wie die Persönlichkeit Marina Abramovics: spannend und extravagant geschrieben, mit bislang unbekannten Details aus ihrem beruflichen und privaten Leben, berührend und stilvoll. Nur zu empfehlen.

 

Ewing, W. A. u.a.: Das Polaroid Projekt. Die Eroberung durch die Kunst, Hirmer Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-777428724

Die erste Sofortbildkamera im heutigen Sinne wurde 1947 von Edwin Herbert Land entwickelt und von seinem Unternehmen Polaroid auf den Markt gebracht. Die frühen Polaroid Land-Cameras basierten auf dem Trennbild-Verfahren in Form von Schwarz-Weiß-Roll-Filmen unterschiedlicher Abmessungen.

1954 wurde mit den Filmen der 30er-Serie ein kleineres Bild-Format eingeführt, das kleinere und leichtere Kameras ermöglichen sollte. Die zusammen mit dem Film Typ 31 eingeführte Polaroid Modell 80 wog auch nur etwas mehr als die Hälfte der bisherigen Polaroid Sofortbildkameras. 1963 stellte Polaroid mit den Packfilmen der 100er-Serie zum ersten Mal auch einen Sofortbild-Farbfilm vor. Die Filmkassetten hatten zunächst 8, später dann 10 Bilder des Formats 2,875 × 3,75 Zoll – 72 × 95 mm. Die zusammen mit den Filmen eingeführten Sofortbildkameras der 100-Serie waren ausnahmslos alle faltbar und unterschieden sich in Ausstattung und Material, so hatten die hochwertigen Modelle beispielsweise bessere Objektive, verfügten über Fokussierungshilfen und hatten einklappbare Sucher aus Metall.

In diesem Bildband geht es vorrangig darum, wie Fotographen und Künstler sich diese Technik aneigneten, wie sie mit ihr experimentierten und neue Wege der Gestaltung entdeckten. Hier werden von über 300 Werken international renommierter Künstler aus der Polaroid Collection gezeigt. Es wird eine Epoche der Geschichte der Fotographie vorgestellt, in der sich Kunst und Technik gegenseitig befruchten. Zu dem Zweck setzt sich „ein internationales Team erfahrener Kuratoren intensiv mit dem Verhältnis zwischen der Technologie der Polaroidkameras und den damit geschaffenen Kunstwerken auseinander.“ Es wird ein „breiter und repräsentativer Querschnitt durch unzählige, oftmals sehr eigenwillige Konzepte“ präsentiert. (S. 8f)

In der heutigen Zeit hat Polaroid nicht mehr das Standing wie in der Vergangenheit. Das „Polaroid Projekt“ zeigt nun ihre besten Werke und macht sie so einem breiteren Publikum zugänglich. Künstler aus verschiedenen Epochen sind hier vertreten und bieten faszinierende Bilder. An manchen Stellen hat man das Gefühl, dass das Buch auch gleichzeitig Werbung für die auf dem Markt nicht mehr so dominante Marke ist. Die ergänzenden Textbeiträge sind wissenschaftlich sehr ansprechend und führen zum besseren Verständnis der gezeigten Werke. Ein spannendes Projekt über das Zusammenwirken von Kunst und Technik, das noch längst nicht abgeschlossen ist.

 

Carolyn Denham/Roderick Field: Make/Fashion/Work. Das Merchant &Mills Arbeitsbuch mit Schnittmustern für eine Garderobe für jede Jahreszeit, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017, ISBN: 978-3-7725-2767-8

Das 2010 gegründete Label Merchant & Mills ist hauptsächlich mit Carolyn Denham und Roderick Field verbunden. Carolyn Denham hat einen Abschluss in Fashion Design und hat in New York, Italien und London gearbeitet. Roderick Field is a respected photographer with works in the National Portrait Gallery. Roderick Field ist ein angesehener Fotograf mit Werken in der National Portrait Gallery.

Merchant & Mills Produkte sind in den weltweit angesehensten Verkaufsstellen gelagert und das Unternehmen hat erfolgreich mit dem Londoner V & A Museum und Alexander McQueen zusammengearbeitet. New patterns and products emerge, never rushed to market, but slowly developed to be exemplary, desirable and pragmatic.Neue Muster und Produkte entstehen, die niemals vorher auf den Markt gekommen, sondern langsam entwickelt wurden, um beispielhaft, wünschenswert und pragmatisch zu sein.

Das Label bietet Schneiderkunst von hoher Qualität und Kreativität und stellt nun in diesem Buch eine Kollektion vor, die leicht von den Lesern nachgestaltet werden kann. Dabei wird ein zeitloser Stil angeboten, der sich nicht nach den jeweiligen Modetrends richtet und der bei jeder Gelegenheit getragen werden kann. Die einzelnen leicht verständlichen Arbeitsschritte und dazu gehörige Fotos können von den Lesern gut nachverfolgt werden und bieten raffinierte Modelle, die nicht jeder hat.

Es sollte allerdings beachtet werden, dass dieses schon eine gewisse Vorkenntnis erfordert: „In diesem Buch setzen wir voraus, dass Sie über Grundkenntnisse im Nähen verfügen und furchtlos zu Stecknadeln und Schneiderkreide greifen werden, voller Vertrauen darauf, am Ende der einzelnen Arbeitsschritte ein gut genähtes Kleidungsstück ihr Eigen zu nennen.“ (S. 6) Wenn die Leser also schon über diese Kenntnisse verfügen, kann der Kauf des Buches empfohlen werden.

 

Klanten, Robert/Kurze, Caroline: Upgrade. Neuer Wohnraum durch Anbauen und Umbauen, Gestalten verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-89955-910-1

Das Buch „Upgrade. Neuer Wohnraum durch Anbauen und Umbauen“ stellt gekonnt dar, wie Architekten und Designer Lebensräume von kleinen Veränderungen bis hin zu kompletten Renovierungsprozessen gekonnt umgestalten. Ob es ein ausgebautes Dachgeschoss, ein altes Fabrikgebäude ist, das zum modernen Büro und gemütlichen Heim für eine Familie umfunktioniert wird, oder neue Holzfassaden, die im überraschenden Kontrast zu alten Backsteinwänden stehen; Phantasiereich und kreativ erlebt man, wie man mit verschiedenen Mitteln auch selbst neuen Wohnraum durch Anbauen und Umbauen schaffen kann, je nach individueller Bedürfnislage. Die sehr spannenden Projekte werden durch beeindruckende Bilder vor und nach der Verwandlung der baulichen Prozesse begleitet, die ein stimmiges Gesamtbild der Wohnraumes oder der Wohnfläche veranschaulichen.

Die Projekte in diesem Buch demonstrieren, wie man vorhandene Gebäude und Materialien mit etwas Kreativität völlig neu erfinden und Modernes mit Altem verbinden kann.Die Projekte in diesem Buch demonstrieren, wie man vorhandene Gebäude und Materialien mit etwas Kreativität völlig neu erfinden und moderner Baustil mit älterem verbinden kann. Architekten berichten, welche Herausforderungen auf Bauherren warten und welche ungeahnten Potentiale in alten Gebäuden stecken. In jedem der hier beschriebenen Projekte gehen Vergangenheit und Gegenwart eine neue schöpferische Symbiose ein. (S.2f) Die hier zu Wort kommenden Architekten und Designer berichten, welche Herausforderungen auf Bauherren warten, Probleme mit dem Denkmalschutz und welche ungeahnten Potentiale in alten Gebäuden stecken. Vorher- und Nachherfotos demonstrieren die beeindruckenden Verwandlungen. Dabei geht es unter anderem um die Sanierung eines früheren Wohnblocks für Arbeiter in London oder der Umbau einer Ruine in den italienischen Alpen, eine alte portugiesische Fabrik oder alte Häuser aus dem 19. Jahrhundert im Berliner Osten. Dabei werden alte Stadtviertel in Städten durch Architekten und Designer auf ihre je spezielle Weise aufgewertet, der Kunst der Verarbeitung und der Verwendung von Materialien sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt. Es wird auch bei freiliegenden Häusern gezeigt, wie sie sich in die Natur optimal einpassen lassen.

Ein sehr spannendes Buch auch für die kleine individuell gestaltete Erneuerung des eigenen Wohnbereiches.

 

Kiwak, M./Neubauer, K.: Gärten des Jahres 2017 , Callwey Verlag, München 2017

Die Gartenkunst kann schon im alten Ägypten zwischen 1550 und 1080 v. Chr. nachgewiesen. Aufgrund der umfangreichen archäologischen Ausgrabungen, Grabinschriften und Wandmalereien ist die Entwicklung der Gartenkunst im Alten Ägypten gut dokumentiert. Überliefert ist beispielsweise ein kleines Garten-Modell aus dem Grab des Meketre, einem Kanzler des Pharaos Mentuhotep II. (2061–2010 v. Chr.). Daher wissen wir, dass die Pyramiden, die heute in der Wüste stehen, einst von umfangreichen Gartenanlagen umgeben waren. Der religiöse Kult sah Blumen-, Speise- und Getränkeopfer zu Ehren der Toten und der Götter vor, so dass rund um die Tempel und Gräber Gartenanlagen gebaut wurden. In der Zeit von Ramses III. sind 513 Tempelgärten nachgewiesen. In diesen Gärten, die der Wüste mühselig abgerungen wurden, hatten künstlich angelegte Teiche zentrale Bedeutung. Weinlauben, Alleen, Gemüse- und Blumenbeete umgaben diese in streng symmetrischer Anordnung.

Bis heute hat sich die Gestaltung des Gartens grundlegend gewandelt und ist äußerst vielfältig geworden. Um die Anordnung und Philosophie der Gartenkunst gibt es logischerweise lebhafte Diskussionen, da es heterogene Sichtweise gibt.

Für die Autoren ist der Garten ist „ein Stück domestizierter Natur. Die Kulturleistung besteht darin, sein Wesen zu erfassen. (…) Selbst die berühmte, sogenannte pflegeleiste Variante, ist immer die Möglichkeit der Gestaltung, deren Grundregel darin besteht, dass man dem Stück Natur seine Beschaffenheit nicht wegzunehmen versucht.“ (S. 7)

In diesem Bildband geht um einen Überblick über die 50 schönsten „Gärten des Jahres“ 2017  im deutschsprachigen Raum. Jeder einzelne wird vorgestellt und mit pittoresken Motiven versehen, die Lust auf mehr machen. Dabei handelt es sich nicht nur um profane Gärten, sondern um die künstlerische und ideologische Widergabe der einzelnen handelnden Personen ihrer Vorstellung eines schönen Gartens. Dabei spielt natürlich die subjektive Meinung eine bedeutende Rolle, eine Einheitlichkeit ist auch nicht erwünscht.

Die hier vorgestellten Gärten sind eher Kunstwerke als nüchterne Nutzgärten. Der Bildband überzeugt durch eindrucksvolle Motive und die sachkundige Interpretation. Gartenfreunde werden an diesem Bildband ihre Freude haben, sehr zu empfehlen.

 

Raumwunder. Große Ideen für kleine Wohnungen, Die Gestalten Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-89955-698-8

Weltweit sind seit Jahrzehnten eine Landflucht und der Abzug in größere Städte wegen besserer Bildungs- und Jobchancen zu beobachten. Da sich nur die wenigsten Menschen bedingt durch die teuren Mieten in den Großstädten größere Wohnungen leisten können, sind Normalverdiener auf kleinere Wohneinheiten angewiesen. Dieses kompakte Wohnen wird aufgrund der fortschreitenden Gentrifizierung in Zukunft wohl eher noch zunehmen.

In diesem Praxisratgeber „Raumwunder“ präsentieren Designer, Architekten und kluge Praktiker ihre Ideen, um die eigenen vier Wände so effizient wie möglich und doch wohnlich zu gestalten. Dabei wollen die Autoren „trotz geringer Fläche ein Gefühl der Großzügigkeit erwecken“  (S.7) und bezieht sich dabei auf traditionelle Vorbilder (Skandinavien, Japan, Alpen) sowie auf den Architekten Mies van der Rohe bei der Durchführung und Planung seines Farnsworth House in Illinois. Dabei wird an ausgewählten praktischen Beispielen kompaktes Wohnen dem Leser nähergebracht, mehr mit großformatigen Bildern als nüchternen Texten. Es geht zum Beispiel um das Wohnen in einer Garage, eine experimentelle Wohngemeinschaft in Brooklyn und viele andere kreative Wohnideen. Daneben gibt es immer wieder verschiedene Lösungsvorschläge für die Nutzung der Wohnung. Einbauten, Raumteiler und Multifunktionsmöbel zeigen klar und deutlich auf, wie man in seiner Wohnung Platz sparen kann und dennoch nicht beengt hausen muss.

Besonders beeindruckend sind die kreativen Lösungen der hier vorgestellten Personen oder Wohngemeinschaften. Man muss nicht zwangsweise alles übernehmen, aber Ideen für die individuelle Praxis bietet das Buch genug. Der Vorteil ist, dass diese kompakten Wohnideen meistens anhand von Bildern dargestellt werden, so dass es gut veranschaulicht wird. Witz, Phantasie und Kreativität sind Markenzeichen dieses tollen Buches.

 

Hans-Ulrich Schmutz: Acht geologische Exkursionen durch die Alpen. Vom Beobachtung vom Verstehen der Erde, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2005, ISBN: 978-3-7725-1838-9

Die Alpen haben auch für Wanderer und geologische Liebhaber viel zu bieten. Die Auseinandersetzung mit der Gesteins- und Mineralwelt kann dort in besonderem Maße erlebt werden. Im Laufe der geologischen Erforschung hat sich eine Einteilung der Alpen in mehrere Großeinheiten eingebürgert, welche sich durch jeweils eigene Gesteinsabfolgen und Herkunftsgebiete auszeichnen. Von Norden nach Süden werden folgende Einheiten unterschieden:

Das Helvetikum ist vor allem im Westalpenbogen aufgeschlossen. An der Nordgrenze der Ostalpen sind Gesteine des Helvetikums nur in schmalen und begrenzten Vorkommen zu finden. Das Penninikum ist in den Westalpen weit verbreitet. In den Ostalpen tritt es nur räumlich begrenzt in tektonischen Fenstern und als schmaler Streifen (Flyschzone), nördlich der Nördlichen Kalkalpen, zu Tage. Das Ostalpin bildet, wie der Name verrät, den überwiegenden Teil des östlichen Alpenbogens. Es gliedert sich in das nur an einigen Stellen zutage tretende Unterostalpin mit u. a. Teilen der Zentralalpen und das flächenanteilig dominierende Oberostalpin mit u. a. den Nördlichen Kalkakpen, der Grauwackenzone und dem Drauzug.

Das Kristallin des Zentralalpins, ebenfalls dem Oberostalpin zugerechnet, wird durch die Grauwackenzone von den Nördlichen Kalkalpen, eine Hauptstörung der Alpen, vom überwiegenden Teil der Südlichen Kalkalpen getrennt. Im Gegensatz zu den Westalpen enthalten die Ostalpen keine autochthonen Kristallinmassive – das Kristallin des Ostalpins ist durchweg ortsfremd. In den Westalpen sind an verschiedenen Stellen nur eng begrenzte Reste von ostalpinen Gesteinen aufgeschlossen (Vareser Alpen und als Deckenreste in der Umgebung des Matterhorns). Das Südalpin findet sich südlich der Periadriatischen Naht als Bergamasker Alpen, Dolomiten usw. bis zu den dinarischen Decken.

Die großen Einheiten werden in eine Vielzahl von Untereinheiten gegliedert. Die geologischen Zuordnungen weichen mancherorts von den primär orographischen Gebirgsgruppen ab, da die großen Längstalzüge der Alpen zwar vorrangig den Gesteinsgrenzen oder den tektonischen Bruch- und Verwerfungslinien folgen, aber stellenweise diese Zonen auch durchschneiden.

Dieses Buch vermittelt Wissen und bietet acht verschiedene Exkursionen für Wanderer, Lehrer oder anderer Interessierte an. Die Leser werden von Nord bis Süd durch die Alpen geführt, mit einigen Abstechern nach Ost und West, um die wichtigsten Gesteinsarten im mineralischen Naturreich kennenzulernen. Dies wird durch Abbildungen und einem Glossar, wo die wichtigsten Begriffe der Gesteinskunde erläutert werden, näher illustriert. Die Touren sind so konzipiert, dass sie allein zu planen und bewältigen sind. Besser wäre aber die Anheuerung eines erfahrenen Bergführers für solch eine Exkursion. Einige Exkurse behandeln kulturelle und kulturhistorische Aspekte, die mit den jeweiligen Gebiet und ihren Gesteinen zusammenhängen.

Als eine etwas andere Möglichkeit, die Schönheit der Alpen zu entdecken, bietet diese Exkursionen einen Erlebnischarakter der etwas anderen Art. Neben der Tier- und Pflanzenwelt gibt es auch noch die Gesteins- und Mineralwelt zu entdecken. Etwas Vorkenntnis ist schon nötig, um die Zusammenhänge besser zu würdigen. Zu einem solchen Erlebnis trägt die Lektüre des Buches bei.

 

Peter Cachola Schmal/Katharina Matzig: Häuser des Jahres. Die besten Einfamilienhäuser 2017, Callwey, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2278-2

Führende Experten aus Architektur, Städtebau, Forschung und Lehre haben nun wieder die besten und kreativsten Einfamilienhäuser 2017 in ihren Augen im deutschsprachigen Raum prämiert. Die notwendige subjektive Auswahl wird natürlich von nachvollziehbaren Bewertungskriterien flankiert. Die prämierten Häuser sollen höchste architektonische Qualität haben, einzigartig und stimmig in Form, Raumgestaltung und Materialität sein und in das jeweilige städtische oder ländliche Umfeld passen. Bei dieser Qualitätsauflistung fehlt allerdings der Fakt eines Einfamilienhauses, das den neuesten ökologischen Standards gerecht wird.

Zusammen mit dem Deutschen Architekturmuseum prämiert und präsentiert der Verlag Callwey die 50 besten Projekte aus dem gleichnamigen Wettbewerb nun zum siebten Male die besten Häuser des Jahres 2017, die nun in diesem Band visuell und beschreibend dargestellt werden. Zu dem jeweiligen Haus  existieren hoch entwickelte Bilder, eine ausführliche Projektbeschreibung, professionelle Fotos, Grundrisse mit Legenden, Schnitte, Lagepläne, Gebäudedaten und ein Portrait des jeweiligen Architekten. Die Wahl der Häuser 2017 hat in der internationalen Architektursparte einen hohen Aufmerksamkeitsfaktor und viele Architekten haben sich bei ihren Häuserplänen von diesen preisgekrönten Einfamilienhäusern in der Vergangenheit inspirieren lassen. Somit hat das Buch quasi auch eine Avantgardefunktion für den Hausbau der Zukunft und die moderne Architektur. Außerdem ist es eine Werbung und Belohnung für den jeweiligen Architekten oder das Architekturbüro.

In diesem Buch gibt es die ganze Vielfalt der Stile, Formen und Größen moderner Einfamilienhaus-Architektur zu bestaunen. Dass die Ergebnisse immer polarisieren werden und Schönheit und Individualität relativ ist, lässt sich nicht ändern: Manche werden sagen, dieser Protzbau soll auch noch prämiert werden, andere dagegen die Wahl berechtigt finden. Jeder muss sich individuell aus diesem Buch seine Anregungen für die Planung eines Einfamilienhauses holen. Dies ist nicht nur eine wichtige Vorlage für Architekten von Einfamilienhäusern in Vororten oder auf dem Lande, sondern auch für Bauherren mit dem notwendigen Kleingeld und Sinn für einen außergewöhnlichen Geschmack.

Interessant wäre außerdem mal die Wahl der schlechtesten und hässlichsten Einfamilienhäuser des Jahres 2017.

 

Christine Kohlert/Scott Cooper: Space for creative thinking. Design principles for work and learning environments, Callwey Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2267-6

Dass sich die Mitarbeiterzufriedenheit positiv auf die Performance und die Qualität auswirkt, zeigen zahlreiche Studien. Und auch der direkte Einfluss auf den finanziellen Erfolg eines Unternehmens lässt sich nicht verleugnen. Führungskräfte sollten daher die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter im Blick behalten, und eine Atmosphäre des Wohlbefindens schaffen, nicht zuletzt im eigenen Interesse.

Dieses Buch geht auf wissenschaftlicher Basis und Erfahrungswerten aus den USA und Europa darauf ein, wie eine optimal ausgestaltete Arbeitsumgebung aussehen könnte. Dies wird in Planungstipps und Empfehlungen für die Erzeugung von positiven Raumwahrnehmungen gebündelt. Dabei spielen Innovation und Kreativität in der Ausgestaltung von Räumen eine sehr große Rolle, was auch optisch illustriert wird und teilweise zu skurrilen und individualistischen Ergebnissen führt. Das Problem liegt aber darin, dass das, was unter Kreativität verstanden wird, nicht genau definiert werden kann. Die Schaffung von experimentellen Büros nach den Mustern einer Skigondel oder einer Alpenhütte, künstlichen Biotopen und „democratic design“ sollen Designern, Architekten und Raumplanern Anregungen für ihre Arbeit geben. Diese hier vorgestellten Arbeitswelten der Zukunft können natürlich nur ihren Zweck erfüllen, wenn diejenigen Mitarbeiter offen für Neues sind und in die Planung miteinbezogen werden. Die 20 exemplarisch vorgestellten Arbeitswelten umfassen Gebäude des Großkapitals, aber auch von Schulen und Universitäten aus der ganzen Welt.

Es werden aufschlussreiche Interviews mit weltweit führenden Designern und Architekten von Großprojekten geführt wie mit Rosan Bosch, dem Gründer des Rosan Bosch Studios in Kopenhagen, Helmut Jahn, dem Architekten der Joe an Rica Manasueto Bibliothek der Universität von Chicago oder das dänische Büro Henning Larsen, die Kreativköpfe von Evolution Design, verantwortlich für die neuen Zentralen von Google u. a. in Zürich, Moskau oder Tel Aviv. Der Text, der in englischer Sprache gehalten ist, und die dazu gehörenden Abbildungen zeigen oft raffinierte, bis ins Detail ausgearbeitete Arbeitsräume oder Umgebungen, die anregend auf die Menschen wirken kann.

In diesem Buch werden Kreativräume von weltweit führenden Designern und Architekten vorgestellt, die inspirieren und „die Gedanken frei werden lassen“ sollen für ihre Benutzer (S. 29) Die anregenden Empfehlungen und Planungstipps für das Entstehung von positiven Wahrnehmungen im Raum sind vielfältig angelegt und können in der Tat kreative oder innovative Prozesse auslösen. Dieses Buch könnte sich Standardwerk für alle Architekten, Designer und Planer moderner Lern- und Arbeitswelten entwickeln.

 

Caroline Clifton-Mogg u.a.: Das große Wohnbuch. 1000 Ideen für ein schöneres Zuhause, Callwey, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2260-7

Fragen der Gestaltung des eigenen Zuhauses, um sich wohlzufühlen, haben heute einen anderen Stellenwert als früher, wo vieles noch zweck- und nutzenorientiert war. Dieses Buch will mit originellen Gestaltungsideen helfen, das Haus oder die Wohnung in einen Ort zu verwandeln, in der jeder seinen eigenen behaglichen unverwechselbaren Wohnstil finden kann. Vier Expertinnen für Innengestaltung haben ihre besten Ideen für ein schöneres Zuhause in diesem Buch zusammengetragen.

Die hier vorstellte Variationsbreite geht vom praktisch eingerichteten Zimmer bis zur Luxusausstattung. Dabei wird jedes Zimmer eines Hauses extra besprochen mitsamt Vorschlägen für die Gartengestaltung. Am Ende jedes Kapitels gibt es Beispiele für verschiedene Einrichtungsstile des Raumes oder der Gartenanlagen mit Tipps zum jeweiligen Aussehen. 700 Bilder illustrieren eindrücklich das Aussehen der jeweiligen Vorschläge. Weiterhin gibt es auch Tipps zur Farbgestaltung, Raumnutzung und Bodenmaterial sowie der Ausleuchtung bestimmter Räume. Hochwertige Variationen wechseln sich auch hier mit eleganten oder eher bodenständigen Varianten ab.

Die hier vorgestellten Tipps sollen keine Blaupause für ein schöneres Wohnen sein, sondern im Gegenteil die eigene Kreativität anregen und praktische Tipps aus Expertenhand geben. Individuelles Entscheiden, welche Einrichtungsform gefällt oder nicht, ist ausdrücklich erwünscht.

Das Buch richtet sich vor allem an den Wohlfühlcharakter des Wohnens. Es werden für jeden Geschmack unterschiedliche Einrichtungsstile vorgestellt, wobei die Mischung zwischen anschaulichen Fotos und erläuterndem Text den Charakter des Buches ausmachen. Wer sich professionelle Anregungen holen will, seine Wohnung oder Haus schöner zu machen, der ist hier richtig.

 

Cihan Anadologlu: Bar Bibel, Callwey, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2280-5

Der Münchener Bartender Cihan Anadologlu wurde allein 2016 vier Mal für seine Kreationen und seine Circle-Bar im Hearthouse, das allein ausgewählte Mitglieder besuchen können, ausgezeichnet. Seine Cocktails wurden bei der Oscarverleihung 2014, den GQ-Awards oder bei der Bambi-Verleihung serviert.

In diesem Buch werden erstmals die Cocktailkreationen und Rezepte einer der besten Bartender der Welt veröffentlicht. Zuerst werden das Hearthouse und die Circle-Bar in München dem Leser nähergebracht. Eine kurze Geschichte des Cocktails und um welche Urzeit welche Art von Cocktails am besten serviert wird, rundet den Vorspann ab.

Dann geht es um die 200 besten klassischen Cocktails der Welt, die jeder gute Bartender beherrschen sollte. Sie sind zur besseren Orientierung in verschiedene Spirituosengruppen eingeteilt wie Gin-Cocktails, Whisky-Cocktails oder auch Brandy-Cocktails. Anschließend werden die 50 besten Eigenkreationen von Anadologlu und die jeweiligen Zutaten mitsamt einer aussagekräftigen Abbildung vorgestellt, so dass jeder zu Hause die Cocktails nachmixen kann. Weiterhin folgen neun Kreationen von international angesehenen Bartendern, die mit dem Autor befreundet sind.

Dann werden verschiedene Food & Cocktails Pairings vorgestellt, die Cocktails stammen von Cihan Anadologlu und die Speisen vom Chefkoch des Hearthouse, Florian Gürster. Anschließend gibt Anadologlu zu selbst hergestellten Zutaten wie Säfte, Sirups und Espumas und zur richtigen Ausstattung einer Bar wie Shaker, Mixing Glass oder Strainer. Dann werden die einzelnen Arbeitsabläufe an der Bar beschrieben, die nötig sind, um die besten Cocktails zu mixen. Im Register finden sich die besten Baradressen der Welt nach Ländern aufgelistet und weitere Literatur zum Thema Spirituosen und Cocktails.

Sicher ist das Buch auch eine gelungene Werbung für den Autor und das Hearthouse in München. Cihan Anadologlu schafft es in diesen Buch, die Techniken und Zutaten für die Herstellung von hochwertigen Cocktails oder Drinks so zu beschreiben, dass der Leser es versteht und selbst nachmixen kann. Die vielfältigen Rezepte von renommierten Bartendern mitsamt beeindruckenden Bildern machen das Buch zu einem Standardwerk für Cocktails und Drinks. Ob Einsteiger oder professioneller Barkeeper, die praktischen Hinweise eines hochdekorierten Spezialisten sind immer bereichernd.

 

 







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