Arbeitsplatzkampfberichte

28.08.09
KulturKultur, Wirtschaft, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Von Dieter Braeg

Nach dem Buch "Sechs Tage der Selbstermächtigung" über den Opelstreik 2004 in Bochum,  hat der kleine Berliner Verlag "Die Buchmacherei" Anfang dieses Jahres ein zweites Buch über einen wichtigen Arbeitskampf  herausgegeben.  Der Kampf der AEG-Belegschaft in Nürnberg um den Erhalt ihrer Fabrik,  wird in diesem Buch auf fast 300 Seiten dokumentiert.

Redaktionell betreut wurde das Buch von den "Druckwächtern"  und sie begründen die Herausgabe so:
Der Kampf der AEG-ler 2005 bis 2007 steht in einer Reihe mit den Streiks bei Opel Bochum, Gate Gourmet am Flughafen Köln, Bosch Siemens Hausgerätewerk Berlin und der Bewegung gegen Hartz IV. Die Werksschließung in Nürnberg konnte nicht verhindert werden, doch können wir wirklich von einer Niederlage der Kämpfe sprechen? Dagegen sprechen nicht nur die gemachten Erfahrungen, sondern auch die wenig bekannte Tatsache, dass der zähe Widerstand der AEG-ler zusammen mit dem vom Sozialforum gestarteten Boykott Electrolux zum Rückzug zwangen. Die Restrukturierung der westeuropäischen Werke wurde für 2 Jahre auf Eis gelegt und das letzte deutsche AEG-Werk in der Nachbarstadt Rothenburg bleibt bis auf weiteres bestehen.
Der Kampf um die AEG in Nürnberg vermittelt eine Ahnung davon, welche Kraft entsteht, wenn ein spontaner, unkontrollierter Widerstand von ArbeiterInnen und eine entschlossene linksradikale Intervention zusammenkommen. Die durchaus widersprüchliche Begegnung dieser so verschiedenen sozialen Akteure - die Linke und die ArbeiterInnenklasse - bildet den roten Faden des Buches.
Als Redaktionskollektiv des Druckwächters, der aktiv am Kampf beteiligt gewesen ist, geben wir bewusst keine Einschätzung oder Bewertung ab. Stattdessen stellen die unterschiedlichsten Akteure in den Interviews, die den Hauptteil des Buches bilden, ihre jeweilige Sicht der Dinge da. Damit geben wir den LeserInnen die Möglichkeit, nicht nur ein Bild vom Umfang des Streiks zu bekommen, sondern selber zu einer Einschätzung zu gelangen. Die Einblicke und Erfahrungen der verschiedenen Unterstützungs- und Aktionsformen jenseits herkömmlicher Gewerkschaftsrituale können so für zukünftige Streiks und soziale Kämpfe von unten genutzt werden.
Als wir uns im Spätsommer 2008 überlegten, dass es sich für die Weitergabe der Erfahrungen auch noch nach drei Jahren lohnen würde, ein Buch zum AEG-Streik herauszubringen, konnten wir nicht ahnen, dass wir uns beim Erscheinen Anfang 2009 in einer Weltwirtschaftskrise befinden werden. Umso wichtiger ist es jetzt für den Widerstand gegen Werksschließungen und Massenentlassungen aus den Stärken und Schwächen vergangener Auseinandersetzungen zu lernen.
Der Kampf der Belegschaft für den Erhalt der Arbeitsplätze bei AEG/Elektrolux in Nürnberg dauerte von 2005 bis 2007.  Hier kann man  nachlesen wie das Kapital, oft Hand in Hand mit etablierten Gewerkschaftsfunktionären (hier die IG Metall), dafür sorgt, dass sich möglichst keine neuen Kampfformen entwickeln, die dazu führen könnten, dass die Arbeitsplatzzerstörung weiter wächst.

Leider konnte die Werkschließung in Nürnberg aufgrund der eindeutigen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft, samt dem "sozialpartnerschaftlichen"  Verhalten der IG-Metall-Spitze, nicht verhindert werden.
Das der Kauf von Geschirrspülern  und Waschmaschinen von Elektrolux während und nach diesem Kampf gering war, mag ein erster Ansatz sein, sich  auch als Konsumentin/Konsument gegen diese globale "Arbeitsplatzvernichtungsstrategie" zur Wehr zu setzen.
Der zähe Widerstand der AEG-Beschäftigten, zusammen mit dem vom Nürnberger Sozialforum gestarteten und von der Belegschaft begrüßten Kaufboykott, zwang das Management, die Restrukturierung der westeuropäischen Konzernstruktur um zwei Jahre auszusetzen und das Werk in Rothenburg erst einmal bestehen zu lassen.
"Wir bleiben hier. Dafür kämpfen wird"  - das war schon der richtige Ansatz, aber warum hat man nicht die  Produktionsmittel samt Fabrikhallen besetzt?   Sind Maschinen und  Gelände nicht auch Besitz der Beschäftigten?
Ein abhängig Beschäftigter hat eigentlich keine große Möglichkeit als dafür zu kämpfen - HIER zu bleiben und das ihm, mit Hilfe der etablierten Medien und dem Kapital beigebracht wird, dass er bleiben muss, ohne eine Chance  mit dem Verkauf seiner Arbeitskraft ein menschenwürdiges Leben zu führen, ist das Ziel.
Das GUTE Leben, das von politischen Parteien und Gewerkschaften stets gefordert wird, wenn sich der 1.Mai nähert, soll möglichst am Verhandlungstisch erzielt werden. Aber genau da hat, vor allem der DGB mit seinen Einzelgewerkschaften versagt - seit Jahren wächst höchstens der Gewinn, während die realen Einkommen der abhängig Beschäftigten sinken. Bei diesem Kampf wurde deutlich, wie groß der Interessensgegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist - aber der spielt in der politischen Bildungsarbeit der Gewerkschaften heute keine Rolle mehr.
Wir erleben ja, weil wir, wie immer, eine große Zeit haben, wie das Kapital, dank Krise, allein in Deutschland mehr als eine Million Arbeitsplätze zerstören wird. Wir hören uns an, dass alles anders werden muss, der kleine Gebirgsjäger der in Mittenwald (!) diente, Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der hält die Welt und Deutschland zum Narren und verkauft uns weiter samt der Tante Angela die Marktwirtschaft,  die höchstens zu jenen "sozial" ist, die den Hals  samt Taschen schon voll haben.

Das Buch dokumentiert - überwiegend in Interviewform - wie sich der Kampf entwickelte und dabei die Vernetzung von außerbetrieblicher Solidarität, die Stimmungen, Erlebnisse und Einschätzungen eine große Rolle spielen. Die Sprache ist real. Streikbeteiligte kommen zu Wort und dazu auch Vertreterinnen und Vertreter  einer breiten und aktiven Solidarität, die von der Aktionsgemeinschaft Nürnberger Arbeitsloser über den langjährigen IG Metaller und Betriebsrat bei AEG-Kanis, Hans Patzelt, dem Nürnberger Sozialforum, der außerbetrieblichen Organisation Autonomie bis hin zum alternativen Radiosender Z reicht.
Auch die bayerische Anti-Aufstandspolizei USK versuchte mit gewaltsamen Eingriffen den Kampf zu verhindern und half Streikbrechern ins Werk.  Wie wenig die Grundrechte dabei geachtet wurden beweist die Tatsache, dass eine große Zahl von Streikunterstützerinnen und Unterstützern mit Foto, Personalien und einer willkürlichen Zusammenstellung von Zugehörigkeiten zu linken Gruppen im Internet auf einer Naziseite veröffentlicht wurde.
 
Ein wichtiges Buch! Ich wäre eine Millionenauflage zu wünschen und dazu eine reale Diskussion, die leider am Ende des Buches nicht geliefert wird, wie man in Zukunft nicht irgendwann nur noch um eine Abfindung kämpft die das Kapital schlussendlich gerne bezahlt, um diese Gesellschaft weiter zu verändern. Dass dabei die Gewerkschaften eine so klägliche Rollen spielen,  dabei nicht in der Lage sind die Systemfrage zu stellen, ist bitterer Beigeschmack.

Dieter Braeg
 
"Wir bleiben hier. Dafür kämpfen wir!" - Akteure berichten über den Arbeitskampf bei AEG/Electrolux in Nürnberg 2005- 2007.
 Verlag "Die Buchmacherei" 293 Seiten,  ISBN 978 3 00 026808-3 - 12 €

 







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