Erinnerungen an Horst Stowasser

04.09.09
KulturKultur, Bewegungen, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Von Jürgen Noffz

Mit großer Trauer habe ich von dem frühen Tod von Horst erfahren.

Es war wohl 1971/72 als ich Horst das erste Mal auf einer Veranstaltung der Jusos (deren Mitglied ich damals war) in Wilhelmshaven zu dem Thema "Die Revolution 1918 in Wilhelmshaven" kennenlernte. Horst war seinerzeit im Anarchistischen Syndikat Wilhelmshaven politisch aktiv und hatte großen Anteil daran, dass dieses Projekt damals eines der größten anarchistischen in der BRD war. Obwohl Horst nur ein Jahr älter war als ich, beeindruckte er mich durch sein Hintergrundwissen und durch seine Art wie er die Sachverhalte in dem Referat vorbrachte und wie kompetent, ohne dominierend zu wirken, er sich in der Diskussion verhielt.

Durch anschließende Gespräche mit ihm interessiert, besuchte ich diverse Veranstaltungen des ASY, was dann in einer Mitarbeit mündete. Einmal fand ich die Ideen des Anarchismus oder genauer des antiautoritären Sozialismus, mit denen ich mich vorher nur oberflächlich beschäftigt hatte, ausgesprochen faszinierend, andererseits gefiel mir die Atmosphäre innerhalb der Gruppe hervorragend. Diese Form der Toleranz, des solidarischen Verhaltens und des Undogmatismus kannte ich in dieser Art nicht und fand sie auch später meistens nicht mehr. Obwohl sich die Gruppe als anarchistisch bezeichnete,war sie eher eine undogmatische, antiautoritär-sozialistische Gruppe. In selbstorganisierten Schulungen lernte ich nicht nur die anarchistischen Theoretiker wie Bakunin oder Kropotkin, deren Hauptaussagen ich ansatzweise schon vorher kannte, sondern auch mir bis dahin unbekannte marxistische Theoretiker wie Korsch, Rühle, Gorter und Pannekoek kennen. Die ökonomischen Schulungen fanden im Übrigen anhand von Mandels "marxistischer Ökonomie" statt. So ergab sich die paradoxe Situation, dass ich im ASY zum ersten Mal auch mit trotzkistischen Positionen bekannt gemacht wurde, die meine weitere politische Entwicklung bestimmten. An dieser von mir angesprochenen konstruktiven und solidarischen Atmosphäre hatte Horst mit seiner Kompetenz und seiner toleranten Art einen entscheidenden Anteil.

Persönlich habe ich Horst als einen Menschen und Genossen kennengelernt, der trotz seiner Behinderung (Kinderlähmung) ausgesprochen lebensbejahend, humorvoll, den menschlichen Genüssen  zugetan war und immer häufig initiativ und aktiv bei Spässen und kreativen Aktionen voll dabei.Er hatte aber auch eine hohe Energie und einen festen Willen, Dinge zu realisieren die er sich vorgenommen hatte, ich denke z.B. an seine Afrikadurchquerung, die teilweise für ihn mit hohen Risiken behaftet war.

Unsere politischen Wege trennten sich bald. Wir hatten später noch häufiger Kontakte, bei denen wir unsere unterschiedlichen politischen Sichtweisen teilweise heftig, jedoch immer freundschaftlich und solidarisch austauschten.

Ich denke, die anarchistische Idee in der BRD, die undogmatische und antiautoritäre Linke und viele die mit Horst trotz teilweise unterschiedlicher politischer Ansichten befreundet und bekannt waren, haben einen wichtigen und wertvollen Menschen und Genossen verloren. Ich werde Horst in Erinnerung behalten.


VON: JÜRGEN NOFFZ


Horst Stowasser ist tot!  - 03-09-09 23:18




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