Neuerscheinungen Kunst


Bildmontage: HF

24.04.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

John Heartfield. Fotografie plus Dynamit, Hirmer, München 2020, ISBN: 978-3-7774-3442-1, 39,90 EURO (D)

John Heartfield (1891-1968), eigentlich Helmut Herzfeld, war ein Pionier an der Schnittstelle zwischen Kunst und Medien und gilt landläufig als der Erfinder der politischen Fotomontage. Mit scharfer Beobachtungsgabe, Witz und Kompromisslosigkeit stellte er den ursprünglich dokumentarischen Charakter der verwendeten Pressefotos auf den Kopf und setzte seine Kunst bildgewaltig und mit pointiertem Humor aktiv gegen Krieg und Faschismus ein. Seine Fotomontagen haben als wirksames bildrhetorisches Verfahren bis heute an ihrer Aussagekraft verloren.

Dieses Werk ist die offizielle Begleitpublikation der geplanten und nun verschobenen gleichnamigen Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste vom 21.3. bis zum 21.6. 2020, die 250 Abbildungen enthält. Später soll die Ausstellung noch in Zwolle und London gezeigt werden. Wie zu Lebzeiten von Heartfield sind rechtes Gedankengut und Krieg wieder eine reale Bedrohung. Deshalb wollten die Ausstellungsmacher an Heartfields Arbeiten gegen Krieg und Faschismus erinnern. Aus den Erfahrungen mit Fake News und Deepfake Videos, mit Bildern, die Krieg stiften, und mit politischer Satire eröffnen sich darüber hinaus neue Blickwinkel auf das Historische. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wird das formale Prinzip der Fotomontage von Dekonstruktion und Konstruktion mithilfe von erweiterten technischen Mitteln der Bildmanipulation fortgesetzt? Was hat sich im politischen Einsatz von Bildern verändert?

In diesem Buch kommen Experten zu Wort, die sich Heartfield aus unterschiedlichen Positionen annähern und Schlaglichter auf sein Leben und Werk richten. Dabei werden Schlüsselarbeiten und Material aus Archiven wie das gesamte filmische und akustische Material von, mit und über Heartfield, nicht publizierte Interviews, Filmsequenzen und Theaterdokumentationen präsentiert. Das Buch wird wie die Ausstellung durch aufeinander bezogene und einander durchdringende Fragestellungen und Themenkomplexe strukturiert und hat daher keinen chronologischen Aufbau. Die Kapitel werden jeweils durch eine Bildstrecke und mit einem abschließenden Künstlerstatement gerahmt.

Im ersten Themenkomplex „Fotografie plus Dynamit- Zeitschnitt“ werden die filmisch aufgezeichneten Selbstzeugnisse von Heartfield und seinen Zeitgenossen durch die Diskussion einer Auswahl zumeist unbekannter Objekte und Archivalien vorgestellt. Außerdem wird auf seine visuell-verbalen Rhetorik und sein Materialbegriff eingegangen.

Danach folgt der Themenkomplex „Es lebe der Krieg- Zerschneiden und Zusammenfügen“. Dort wird Heartfields (De-)-Konstruktion von Bildern durch Zerschneiden, Deformieren, Neukombinieren und Neuformatieren als Methode untersucht. Außerdem werden ästhetische Verwandtschaften zu Zeitgenossen und der Bezug zum Terrorismus in der Gegenwart untersucht.

Heartfields frühe Beschäftigung mit dem Trickfilm ist Gegenstand des Themenkomplexes „Film als Küche der Montage – Revolutionäre Schönheit“. Gemeinsam mit George Grosz schnitt Heartfield satirisch überzeichnete Figuren aus Karton aus und kombinierte und animierte sie im Stop-Motion-Verfahren. Die enge Verbindung zwischen filmischer Montage und Fotomontage, die Ausweitung des Montageprinzips auf Buch- und Plakatgestaltung sowie auf Theaterräume und die Werbung werden hier thematisiert, ebenso wie der Herstellungsprozess mit seinen Zwischenstufen.

Im nächsten Themenkomplex „Eigen im Fremden – Exil und Rückkehr“ geht es um seine Stationen im Exil in Prag und Großbritannien und seine Rückkehr nach Deutschland, wo er in die DDR übersiedelte. In Großbritannien beschäftigte er sich mit Buchgestaltungen für Verlage und Bühnenausstattungen. Außerdem wird die Freundschaft mit George Grosz in der Zeit vor seiner Rückkehr thematisiert.

Der letzte Themenkomplex „Designer des Sozialismus? – Verbrauchte Symbolkraft oder: Die Hoffnung stirbt zuletzt“ widmet sich seinem Leben und Arbeiten in der DDR. Dort konnte er nicht an die Erfolge früherer Jahre anknüpfen. Seine politischen Beziehungen und Verwicklungen, das Verhältnis zur Akademie der Künste und die Geschichte seines dort beheimateten Nachlasses werden vorgestellt.

Im Anhang findet man eine Kurzbiografie, ein Verzeichnis der ausgestellten Werke, ein Verzeichnis der nicht ausgestellten Werke und Dokumente, ein Orts- und Personenregister, die Biografien der Autoren des Bandes sowie einen Bild- und Fotonachweis.

Die Wiederentdeckung und posthume Würdigung eines Künstlers wie John Heartfield ist schon lange überfällig. Warum dies lange Zeit nicht in diesen Dimensionen möglich war, ist schwer zu sagen. Vielleicht seine KPD-Mitgliedschaft, sein Leben und Wirken in der DDR und seine drastische Bildsprache. Seine Gegnerschaft zum Krieg im Allgemeinen und der Naziherrschaft würde schon als eigene Ausstellung ausreichen. Hier wird aber auch die Brücke zur Gegenwart (Fake News, Konstruktion von Bildern) geschlagen, was das Buch und auch die Ausstellung noch spannender macht.

John Heartfield wird heute vielen Kunst- und Kulturinteressierten nur wenig sagen. Um dem entgegenzuwirken, hätte ein einleitendes Essay über sein Leben und Werk eingebaut werden sollen. Auch seine Zeit als Protagonist der Berliner „Dada-Bewegung“ (Dada Messe, Dada 3) hätte ausführlicher sein können. Ansonsten besticht das Buch durch eine Fülle von Material und einem breiten Genre an Themen, die von ausgewiesenen internationalen Experten auf hohem Niveau bearbeitet werden.

 

Buch 2

Ole Wittmann: Tattoos in der Kunst. Materialität, Motive, Rezeption, Reimer, Berlin 2017, ISBN: 978-3-496-01569-7, 49 EURO (D)

Dies ist die Dissertation des Kunsthistorikers Ole Wittmann an der Universität Hamburg, die sich mit dem wenig beachteten Themas von Tattoos in der Kunst auseinandersetzt. Als Ausgangspunkt nimmt Wittmann das Motiv des Schmetterlings, Damian Hirst Werk „butterfly divided“, ein auf einer Vulva platziertes Schmetterlingstattoo. Anhand dessen untersucht Wittmann die Einheit, die der Bildträger, also die Haut und der Körper des Tätowierten, und das Motiv bilden. Außerdem geht er auf die materialspezifischen Eigenschaften von Tattoos sowie ihre Rezeptionsbedingungen, das tätowierte Bild und sein Trägermaterial, die menschliche Haut, ein.

Zunächst wird die bisherige kunsthistorische Forschung dargestellt, dann folgt die Verwendung des Mediums in der Kunst seit 1970. Dies soll Aufschluss darüber geben, wie Hirsts „butterfly divided“ im Kontext dieser Werke zu verorten ist. Anschließend werden organische Eigenschaften des menschlichen Körpers, insbesondere der Haut betrachtet, die bei der Herstellung von Tätowierungen berücksichtigt werden müssen. Dabei wird gezeigt, welchen Einfluss sie auf die Möglichkeiten der künstlerischen Produktion von Tattoos haben. Danach werden die physiognomische Beschaffenheit des Körpers behandelt und Aspekte der japanischen Tätowierung aufgegriffen, um klären zu können, in welche Tattoo-Tradition Hirsts Arbeit einzuordnen ist.

Anschließend wird die Komplexität von Schmetterlingsdarstellungen in der Tätowierung detailliert aufgefächert. Um die Verbreitung des Motivs zu untersuchen, werden verschiedene tattoospezifische Publikationen analysiert. Weiterhin wird das Motiv unter dem Aspekt eines interkulturellen Austausches und unter Berücksichtigung des Japonismus untersucht. Ferner wird anhand historischer Fotografien gezeigt, dass der Schmetterling als Genitaltätowierung eine gewisse Tradition besitzt. Das Vorkommen des Schmetterlingsmotivs in der ostasiatischen Tätowierpraxis und die Adaption durch westliche Tätowierer wird danach ausgeführt, wodurch der heutige Stilpluralismus begründet wird.

Danach folgt eine ausführliche Besprechung von „butterfly divided“. Dabei wird demonstriert, wie der Sinngehalt des Tattoos durch die Wahl einer bestimmten Tierart und die Platzierung auf dem Körper der Träger bestimmt wird. Ebenfalls wird der Entstehungskontext und die daran beteiligten Personen vorgestellt.

Abschließend wird „butterfly divided“ im Kontext von Hirsts Gesamtwerk betrachtet, wobei der Schwerpunkt auf seinem Gebrauch des Schmetterlings als Material und Motiv liegt. Die medienspezifischen Besonderheiten im Vergleich zu zuvor verwendeten Medien wird ebenso herausgearbeitet wie der Zusammenhang von Hirsts Vermarktungsstrategien und seiner Tattoo-Arbeit.

Es wird deutlich, dass das Tattoo als Kunstgegenstand älter ist als sein vermehrtes Aufkommen seit den 1970er Jahren und es verschiedene Etappen seiner Beliebtheit und Ablehnung durchlaufen hat. Die Geschichte des europäischen Tattoos und ihrer Rezeption seit dem 18. Jahrhundert wird in Form von Stigmatisierungs- und Legitimierungsprozessen sichtbar. Außerdem räumt Wittmann mit dem Vorurteil auf, dass Tattoos keine Kunstwerke darstellen, ihr Herstellen kein künstlerisches Verfahren sei und erläutert dies an Damian Hirst Werk „butterfly divided“. Ein überfälliges Buch.

 

Buch 3

Monika Platzer: Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945, Park Books, Zürich 2019, ISBN: 978-3-03860-168-5, 58 EURO (D)

Die Beschäftigung mit der jüngeren Vergangenheit und die Aufarbeitung des Ständestaates und des Nationalsozialismus sowie die Schrecken des 2. Weltkrieges sind in Österreich derzeit stark präsent. Die ALBERTINA MODERN, Wiens neues Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sollte mit der Ausstellung The Beginning eröffnet werden. Sie bietet einen umfassenden Überblick über die Epoche österreichischer Kunstgeschichte nach dem 2. Weltkrieg bis 1980, ein radikaler Neuanfang in der Kunst. Die diametral sich verschiedenen künstlerischen Bewegungen und Gruppen standen sich diametral in den dreieinhalb Jahrzehnten nach Kriegsende gegenüber, es einte sie aber die Auseinandersetzung mit dem ‚Dritten Reich‘ und die Abgrenzung vom nationalistischem Kunstideal.

Dieser Wunsch nach einem Neubeginn zeigte sich auch in der Architektur, es war mehr als eine Verordnung von den vier Besatzungsmächten, ohne die Restbestände faschistischer Gesinnung zu leugnen und den Mythos von der „Stunde Null“ zu beschwören. Neubeginn und der bald einsetzende Kalter Krieg standen in einer Wechselwirkung zueinander. Auch Wien wurde zu einem Stellvertreterschauplatz des Kalten Krieges, der auch auf dem Feld der Architektur ausgetragen wurde.

Dieses Buch, das anlässlich einer Ausstellung im Architekturzentrum Wien Az W im Herbst 2019 erscheint, wirft neues Licht auf das Baugeschehen im Nachkriegs-Österreich und dessen wichtigsten Akteurinnen und Akteure. Erstmals werden hier die Debatten der Zeit um Architektur und Städtebau im Kontext des globalen Ost-West-Konflikts nachgezeichnet. In mühevoller Kleinarbeit werden dabei bisher nicht erschlossene Primär- und Sekundärquellen ausgewertet. Dieses „Plädoyer für eine Kanonrevision des nationalgeschichtlich architektonischen Narrativs“ (S. 15) kommt zu dem Ergebnis, dass „die alliierten Kulturmaßnahmen die österreichische Nachkriegsarchitektur maßgeblich beeinflussten und die Voraussetzungen für die Neupositionierung und Demokratisierung legten.“ (S. 302)

Jede der vier Siegermächte etablierte ein umfangreiches Kulturprogramm. Architekturausstellungen wurden zu wichtigen Instrumenten eines «Erziehungsprogramms» für eine neue Gesellschaftsordnung. Jede Besatzungsmacht verlegte eine deutschsprachige Zeitung, sendete ein eigenes Rundfunkprogramm und richtete Bibliotheken und Leseräume ein. Die Kulturpolitik der Sowjetunion und die kapitalistischen Staaten avancierten zum Katalysator für ihre jeweilige weltanschauliche Gesinnung: „Die Kultur mutierte im Kalten Krieg zu einer universellen Waffe, die von den Siegermächten für ihre mehr oder weniger ideologisch gefärbten Botschaften genutzt wurde.“ (S. 37) Dabei kam es zu Reibungsflächen und Konflikte zwischen den ideologischen Vorstellungen zwischen den Alliierten.

Es werden die Konzepte und Debatten hinter den architektonischen Projekten nachgezeichnet und „Fragen nach dem Kulturtransfer, der Distribution, der Vermittlung und Wirkungsdimension“ als Schwerpunkte analysiert. (S. 15) Biografische Exkurse zeigen internationale Kontakte, Kontinuitäten, Brüche, Neuansätze und berufliches Fortkommen bei den damaligen Protagonisten. Außerdem werden zwei transnationale institutionelle Netzwerke (CIAM-Austria, Österreichische College) vorgestellt, die damals ein Konglomerat von führenden Personen und Diskursen waren. Ihre kulturellen Anstrengungen richteten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Dabei kamen sie mit lokalen Traditionen, heterogenen Interessengruppen und Netzwerke, die dies für ihre eigenen Interessen nutzen wollten.

Die Stärke des Buches liegt in der transnationalen Perspektive, die die alliierte Kulturpolitik aller vier Besatzungsmächte im Bereich der Architektur als Ausdruck der Politischen begreift. Es weist detailliert nach, dass die Bewertung der österreichischen Nachkriegsarchitektur im Kontext des Kalten Krieges zu begreifen ist. Das Buch ist mit unzähligen Originalquellen bestückt, die ein lebendiges Bild der Themen, Diskurse und Interessen rüberbringen. Außerdem zeigt es eindrücklich, dass die unterschiedliche Visionen, Formen und Konzepte von Architektur ohne kulturellen-machtpolitischen und ideengeschichtlichen Hintergrund nicht zu fassen ist.

 

Buch 4

The Beginning. Kunst in Wien von 1945 bis 1980. Eröffnungsausstellung der Albertina, Hirmer, München 2020, ISBN: 978-3-7774-3509-1, 55 EURO (D)

The Beginning bietet einen umfassenden Überblick über die Epoche österreichischer Kunstgeschichte nach dem 2. Weltkrieg bis 1980.

Mit dieser Ausstellung wird die ALBERTINA MODERN eröffnet, Wiens neues Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner und der Generaldirektor der Albertina Klaus Albrecht Schröder setzten sich das gemeinsame Ziel, die Sammlung Essl dauerhaft zu erhalten und sie von Niederösterreich in die österreichische Bundeshauptstadt Wien zu übersiedeln. Die Privatsammlung Essl war mit fast 7.000 Werken eine der größten in Österreich. Sie umfasst Kunstwerke des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Einen besonders breiten Raum nimmt die österreichische Kunst nach 1945 ein. Gemeinsam mit der Familie Essl kamen sie überein, nach der Zusammenführung der Sammlung Essl mit den Sammlungen der Gegenwartskunst der Albertina ein eigenes Museum für moderne Kunst unter der Führung der Albertina zu gründen.

Die Ausstellung präsentiert die für die Gegenwartskunst prägende Epoche mit allen wichtigen Positionen und den bedeutendsten Werken der wichtigsten Künstler. Für viele von ihnen war die Aufarbeitung des Ständestaates und des Nationalsozialismus sowie die Schrecken des 2. Weltkrieges der stärkste Triebrahmen für die radikale künstlerische Erneuerung: „So diametral sich die verschiedenen künstlerischen Bewegungen und Gruppen in den dreieinhalb Jahrzehnten nach Kriegsende auch gegenüberstanden, so sehr einte sie die Auseinandersetzung mit dem ‚Dritten Reich‘ und die Abgrenzung vom nationalistischem Kunstideal.“ (S: 29)

Gemeinsam ist ihnen auch der Anschluss an die internationale Moderne, von der Österreich lange Zeit abgeschnitten war. Den Endpunkt der Darstellung der „Ära der multiplen Avantgarden“ ist mit der Person von Franz West verbunden, der eine Erneuerung der Kunst der Kunstlosigkeit eine neue Ära einläutete.

Der Band zur Eröffnungsausstellung der Albertina modern führt mit fast 100 Künstlerinnen und Künstlern durch die österreichische Kunst der Nachkriegszeit an der Schwelle zur Postmoderne.

Die ästhetische Revolte der Künstler der Gegenwart im Sinne einer Art anarchistischer Neuerung nach der nationalsozialistischen Herrschaft und dem 2. Weltkrieg wird zunächst von Thomas Mießgang skizziert. Danach stellt Brigitte Borchardt-Birbaumer die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Wiener Kunstszene vor. Die frühen Jahre der Wiener Schule des phantastischen Realismus wird dann von Berthold Ecker behandelt. Antonia Hoerschelmann präsentiert die abstrakte Malerei bis 1963, bevor Elisabeth Dutz sich mit den frühen Jahren von Friedrich Hundertwasser auseinandersetzt. Die Begeisterung für den Surrealismus des frühen Arnulf Rainer wird dann von Antonia Hoerschelmann ausgebreitet. Weiterhin geht Berthold Ecker auf die österreichische Bildhauerei nach 1945 ein.

Der Wiener Aktionismus, die Arbeiten von VALIE EXPORT, ihr Hang zur Grenzüberschreibung, Maria Lassnig, die Popkunst Vertreter der abstrakt-geometrischen Kunst werden in den nächsten Kapitel eingehend betrachtet. Art brut beschreibt eine Kunst jenseits etablierter Formen und Strömungen und ist daher eher als subversive, alternative Kunstform zu verstehen. Affinitäten von österreichischen Künstlern zu dieser Stilrichtung stellt Brigitte Borchhardt-Birbaumer dar. Blasphemische Kunst mit ihrer kritischen Aneignung des Kitsches behandelt Konrad Paul Liessmann.

Realistische Kunst mit Darstellungen von Gewalt und Traumata stellt Brigitte Borchhardt-Birbaumer dar, dieselbe Autorin beschäftigt sich auch mit dem feministischen Aktionismus in Wien 1967-1980. Den Abschluss macht die Beschäftigung mit dem österreichische Künstler Franz West: Er entwickelte seit den 1970er Jahren mit seinen Objekten und Skulpturen eine sehr spezifische Position. Traditionelle formale Regeln wurden von ihm angezweifelt und ein Kunstbegriff entwickelt, der die strikte Trennung von Kunst-Objekt und Betrachter/Benutzbarkeit aufhebt. Hinter jedem Beitrag werden typische Werke der Stilrichtung, Gruppe oder Künstler gezeigt. In tabellarischer Form stellt Brigitte Borchhardt-Birbaumer noch eine Chronologie der österreichischen Kunst zwischen 1945 bis 1980 zusammen.

Der Band bietet eine ausführliche Reise quer durch die österreichische Nachkriegskunst bis 1980. Die Essays bieten einen profunden Einblick in die unterschiedlichen Strömungen des Aufbruchs nach den verlorenen Jahrzehnten mit dem Ausschluss von den internationalen Entwicklungen und des Diktats des Faschismus. Die neu gewonnene Freiheit nach 1945 wurde radikal genutzt, eine Reaktion auf Repression und Verbote. Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus waren auch zu spüren: Die Kunst nach 1945 wurde in Österreich bis in die 1970er Jahre als „entartet“ bezeichnet, kriminalisiert und verdrängt. Ein eigenes Kapitel über die verantwortlichen Personen und Institutionen dieser reaktionären Denkweise fehlt hier leider.

 

Buch 5

David Schreyer/Andreas Nierhaus: Los Angeles Modernism Revisited. Häuser von Neutra, Schindler, Ain und Zeitgenossen, Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, ISBN: 978-3-03860-160-9, 48 EURO (D)

Die Architektur der Moderne in Kalifornien wurde wesentlich von zwei gebürtigen Österreichern geprägt: Richard Neutra und Rudolph M. Schindler verbanden moderne Formen, Konstruktionen und Materialien mit einer Vision des neuen Wohnens.

Das Buch präsentiert bekannte und unbekannte Häuser der beiden Pioniere sowie von ihnen beeinflusster Architekten aus den 1930er- bis 1960er-Jahren: „Für uns verkörpern gerade diese sparsamen und unkomplizierten Häuser das große Versprechen der kalifornischen Moderne – ist ihnen doch ein für möglichst viele Menschen erreichbares ‚Neues Wohnen‘ formuliert, das ganz im Gegensatz steht zu jenen aufgeregten und nicht selten aufgeblähten Palästen, die als unerreichbare Sehnsuchtsorte zwar der populären Vorstellung von der ‚Traumfabrik‘ Hollywood entsprechen mögen, aber eben deshalb mit dem ‚wirklichen Leben‘ der meisten Menschen nicht das Geringste gemeinsam haben.“ (S. 11)

Die Bauten zeichnen sich aus durch höchste Raumökonomie und -qualität, gestalterische Reduktion und ein kluges Reagieren auf die klimatischen Bedingungen. Der Zustand der hier vorgestellten Häuser reicht von der Konservierung des Bestandes über die Rekonstruktion des Originalzustandes bis hin zum Weiterbauen. Sie wurden von David Schreyer fotografiert. Für die begleitenden Texte ist Andreas Nierhaus verantwortlich. Sie basieren auf Gesprächen, die mit den Bewohnerinnen und Bewohnern geführt wurden und ihr Verhältnis zum jeweiligen Bauwerk schildern.

Am Anfang werden das Projekt und die Protagonisten der kalifornischen Moderne biografisch und architektonisch in einer Einleitung vorgestellt. Dann folgen die Häuser in eigenen Kapiteln mit einem einleitenden Text. Innen- und Außenansichten der Bauwerke sind zu dort sehen. Von Richard Neutra sind zum Beispiel sein McIntosh House, Freedman House, Miller House oder Dion Neutra VDL II Research House zu sehen. Von Rudolph M. Schindler das Lechner House und das Oliver House. Anschließend werden noch die Grundrisse im Maßstab 1: 200 mit Seitenzahlen zu den jeweiligen Häusern gezeigt.

Hier zeigt sich eine individuelle Architektursprache, die nicht mit anderen Großstädten wie New York oder Chicago vergleichbar ist. Hier werden die vielfältigen Einflüsse sowie Akteure herausgearbeitet und in Interviews mit den Bewohnern dargestellt. Die erstklassigen Bilder und Bildformate. Was hier noch fehlt ist eine thesenartiger Einblick in die mediale Verbreitung der Architektur in Fotografien, Zeitschriften und lokaler Baupraxis.

 

Buch 6

Eva Kocziszky: Der Schlaf in Kunst und Literatur. Konzepte im Wandel von der Antike zur Moderne, Reimer, Berlin 2019, ISBN: 978-3-496-01620-5, 39 EURO

Der Schlaf übte seit den Anfängen der Menschheit eine große Faszination auf Kunst und Literatur aus. Es gibt kaum ein anderes Phänomen menschlicher Erfahrung, das durch eine derart kulturelle Vielfalt gekennzeichnet war, und das so variable Semantisierungen gezeigt hatte. Die Autorin zeichnet die Geschichte von der Antike nach und folgt den Spuren der Rezeption antiker Vorstellungen. Die Monografie unterscheidet sich von anderen Publikationen zu dem Thema Schlaf. Sie ist literaturwissenschaftlich und philologisch konzipiert und fragt nach der literarischen Artikulation des Schlafs sowie den mit ihr zusammenhängenden bildlichen Darstellungen im gesamtkulturellen Prozess. Traum oder Traumdeutung wird hier explizit nicht behandelt.

Zunächst wird der Schlaf (Hypnos) in der Antike dargestellt. Weiter geht es mit den Schlafenden in der antiken Mythologie und dem Schlaf zwischen Diesseits und Jenseits. Aufbauend auf diesen antiken Vorstellungen wird dann der Schlaf im frühen Christentum und in der Mystik vorgestellt. Das Bild „Der schlafende Sklave“ von Michelangelo, das in den Jahren 1513-1515 angefertigt wurde und zum Entwurf des Grabmonuments für Papst Julius II angefertigt wurde, wird danach eingehend analysiert. Verschiedene Interpretationen der Aufklärung folgen danach.

Mit Rückgriff auf die Antike werden danach unterschiedliche Konzeptionen des Klassizismus präsentiert. Danach wird Hölderlins Werk vorgestellt, das den Schlaf und die Schlaflosigkeit als „Phasen der Geschichtsphilosophie der menschlichen Existenz“ interpretiert. (S. 151) Heinrich Heines Gedicht „Morphine“ ermöglicht danach eine „Reflexion über die nachromantische Transformation der antiken Personifikation von Schlaf und Tod“. (S. 168) Nach einer Erörterung des Interpretation des Schlafes in der literarischen Moderne folgen noch die Vorstellungen von Lévinas und Grünbein. Eine kurze Schlussbemerkung runden die Erörterungen ab. Im Anhang findet man noch die Anmerkungen, eine Bibliographie, ein Bildnachweis, einen Index und die Farbtafeln.

Insgesamt ist dies eine spannende kulturgeschichtliche Annäherung über die Vorstellungen über den Schlaf quer durch die menschliche Geschichte. Überblicksartige Kapitel und Einzeldarstellungen wechseln sich dabei ab. Es fehlen lediglich nähere Informationen über die Autorin und deren wissenschaftliche Werke.

 







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