Neuerscheinungen Fotografie und Kunst

02.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Andrea Baresel-Brand/Nadine Bahrmann/Gilbert Lupfer: Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung. Provenire. Schriftenreihe des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-065813-2, 39,95 EURO (D)

Die Bearbeitung des Kunstfundes Gurlitt hat eine Reihe von Erkenntnissen zum Umgang mit Kunst in der NS-Zeit zutage gefördert. Das gewonnene Wissen zu Sammlern, Händlernetzwerken und den Kunstwerken und auch das Wissen über die Fallstricke und Lücken transparent zu machen, ist ein Anliegen des Buches. Es hat den Anspruch, den gegenwärtigen Stand der Forschung zu reflektieren und darüber hinaus in einzelnen Untersuchungen Aspekte zu beleuchten, die bisher nicht im Mittelpunkt standen. Außerdem will das Buch zu weiteren Forschungen anregen und helfen, offene Provenienzfragen zu einzelnen Werken zu klären.

Im ersten Essay gibt Andrea Baresel-Brand einen Überblick über die Provenienzrecherche Gurlitt und stellt Methoden und Ergebnisse vor. Außerdem werden die Gründe dargelegt, warum trotz intensiver Bemühungen die Provenienzen vieler Kunstwerke nicht abschließend aufgeklärt werden konnten. Die speziellen Bedingungen der Recherche ließen auch eine stringente wissenschaftliche Planung nicht zu. Danach geht Nadine Bahrmann auf Hinweise von Nummern und Listen als Wegweiser für die Recherche ein. Es zeigt sich, dass die Kunstwerke selbst entscheidende Informationsträger sind, mit deren Hilfe und in der Zusammenschau mit anderen Quellen ihre eigene Geschichte rekonstruiert werden kann. Lukas Bächer zeigt danach, wie wichtig der Handel mit serieller Grafik war und was bekannt ist über die Ursprünge von den grafischen Arbeiten im Kunstfund Gurlitt. Dabei geht er speziell auf die Lithografien von Honoré Doumier und Henri de Toulouse-Lautrec ein.

Johannes Gramlich nimmt danach unter besonderer Berücksichtigung des schriftlichen Gurlitt-Nachlasses Gurlitts Zeit in Frankreich in den Blick, skizziert seinen Weg dorthin und stellt seine Aktivitäten auf dem Pariser Markt vor. Außerdem geht er auf die Zahlungs- und Ausfuhrbedingungen im von Nazi-Deutschland besetzten Teil Frankreichs ein. Vanessa von Kolpinski skizziert die französischen Exportlizenzen als Quelle für Provenienzen aus dem Kunstfund Gurlitt. Die Exportlizenzen verzeichnen jeweils neben Informationen zu Antragsteller und Empfänger Daten zum Kunstwerk wie Künstler, Titel, Gewicht und Schätzpreis. Fast jedem Antrag wird eine Nummer zugeordnet, mit denen die Anträge innerhalb der unterschiedlichen behördlichen Geschäftsgänge zurückverfolgt werden können.

Britta Olenyi von Husen und Marcus Leifeld gehen danach auf die engen Verbindungen von Hildebrand Gurlitt und dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum ein. Das Museum nutzte die militärische Besetzung der Niederlande und Frankreichs, um die Bestände des Hauses durch Erwerbungen zu erweitern. Dabei griff es insbesondere auf die Dienste von Gurlitt zurück. Vanessa von Kolpinski legt danach dar, wie es gelang, die verlorenen Objekte der Familie Deutsch de la Meurthe Werken aus dem „Konvolut Süddeutschland“ aus dem Kunstfund Gurlitt zuzuordnen. Ev-Isabel Raue zeigt die Erforschung der Provenienz anhand des Gemäldes von Gustave Courbets „Jean Journet“, das vor dem Kunstfund Gurlitt 2014 über hundert Jahre als verschollen galt. Die Provenienzrecherche zu „La Montagne Sainte-Victoire“ von Paul Cezanne wird von Jan Thomas Köhler dargestellt.

Nathalie Neumann verdeutlicht die Recherche bei Èdouard Manets Bild „Marine, temps d‘ orage“ und die Sammlung des japanischen Kunstliebhabers und Unternehmers Kojiro Matsukata französischer Malerei und Skulptur zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs. Pieter W. Kievet beleuchtet die geschäftlichen Aktivitäten von Hildebrand Gurlitt auf dem niederländischen Markt während des Zweiten Weltkriegs. Mit Hilfe von Primär- und Sekundärquellen verfolgt er die Kontakte des Kunsthändlers zurück und identifiziert die Kunstwerke, mit denen dieser gehandelt hat. Die Adressbücher Gurlitts bieten einen Überblick über seine Geschäftskontakte in den Niederlanden, darunter namhafte Kunsthändler der 1930er und 1940er Jahre. Sebastian Peters geht danach noch auf das Potential des Nachlasses von Gurlitt ein, das seine zahlreichen Verbindungen dokumentiert und auch eine Perspektive für die Kontextforschung zu Kunstraub und Kunstmarkt bietet. Er zeigt dies an seinen Verbindungen zum Kunsthistoriker-Ehepaar Albin und Charlotte von Prybram-Gladona und dem Kunsthändler Hans-Hellmut Kliehm. Peters weist nach, dass Gurlitt auch in der Nachkriegszeit auf bestehende Verbindungen zu Händlern, Sammlern und Fachleuten zurückgreifen konnte.

Im Anhang findet man noch ein Register, ein Abbildungsverzeichnis, ein Autorenverzeichnis und eine Liste beteiligter Wissenschaftler.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur inhaltlichen Aufarbeitung der Sammlung Cornelius Gurlitts. Er zeigt die konkreten Ergebnisse aber auch die Grenzen der Aufarbeitung an vielen Beispielen. Und es zeigt, dass noch viel aufzuarbeiten ist über den Handel von NS-Raubgut während des „Dritten Reiches“ und in der Nachkriegszeit.

 

Buch 2

Sabine Kampmann: Bilder des Alterns. Greise Körper in Kunst und visueller Kultur, Reimer, Berlin 2020, ISBN: 978-3-496-01627-4, 29, 90 EURO (D)

In diesem Buch setzt sich Sabine Kamphausen mit der zunehmenden Verbildlichung alternder Körper in Kunst und visueller Kultur in den letzten Jahrzehnten auseinander. Dies ist zugleich ihre Habilitation an der Universität Lüneburg. Dabei stehen vor allem zwei Fragen im Mittelpunkt: Welcher Bedeutungswechsel haben die Bilder des Alterns erfahren? Und wie beeinflusst die Fotografie unsere Auffassung vom Altern? Sie untersucht die Bildpolitik einer Vielzahl von Beispielen aus der künstlerischen Fotografie, Filmen und Werbekampagnen und stellt kultur- und bildhistorische Bezüge dar.

Folgende Ergebnisse konnten gewonnen werden: Die historischen Bildgattungen des Aktes und des Porträts prägen auch zeitgenössische Fotografien greiser Körper. Die antike Vorstellung einer Idealkörpers als jugendlich ebenso wie eine Einheit des Guten und Schönen prägen die Schönheitsvorstellungen bis heute. Aktuelle Aktdarstellungen alter Menschen setzen sich noch mit diesen Zuschreibungen zu den schönen Körpern auseinander. Die Produktion neuer, nackter Altersbilder arbeitet immer auch an der Reflexion bzw. Erweiterung der Grenzen der Bildgattung. Dies zeigt sich an den Auseinandersetzungen mit geschlechtsspezifischen Einschreibungen der Körperbilder bei John Coplans, Melanie Manchot, Tomislav Gorovac oder der Marke Dove. Die Problematik einer Vereinbarkeit von Ähnlichkeit und der vorteilhaften Darstellung eines alten Menschen besteht prinzipiell fort.

Die kulturhistorische Tradition, greise Körper mit negativen Konnotationen zu belegen, wird bei den gegenwärtigen Bildprägungen alter Menschen durch verschiedene Stilmittel zu vermeiden oder zu neutralisieren versucht. So die Betonung des Komischen oder Grotesken oder die extreme Nahaufnahme der von Alterskennzeichen überzogenen Haut wie bei Miyako Ishiushi, Melanie Manchot oder Herlinde Koelbl.

Modelle des Lebenslaufs und des Lebensalters werden ebenso untersucht. Als ein für das 19. und 20. Jahrhundert besonders wirkungsmächtiges Modell hat sich das Motiv der Lebenstreppe erwiesen. Dies ist die Vorstellung eines in Altersphasen gegliederter Lebenslauf mit dem Lebenshöhepunkt in den mittleren Jahren und dem darauffolgenden Niedergang. Dieses Konzept wird bei Annegret Soltau und Lenka Clayton & James Price negiert, in der Werbung gibt es den Erscheinungsmodus eines als positiv und erstrebenswert konnotierten körperlichen Ausdruck, der sich durch alle Altersstufen zieht.

Die gegenwärtig zahlreichen Bilder alter Menschen versteht Kamphausen als Ausdruck eines gesteigerten Definitionsbedarfs, ein Bedarf an Neucodierung und Umwertung von Vorstellungen und Bildern alter Menschen. Diese Prozesse der Neudefinition vollziehen sich zu einem großen Teil entlang schon bekannter Motive. In der Kunst und visuellen Kultur des 21. Jahrhunderts wird der alte Körper zu einem Zeichen von Lebenslust und Lebenswillen umdefiniert: „Dabei wird der Fokus weg von moralischen und charakterologischen Darstellungen bis zur Vorstellung einer Arbeit am Körper verschoben, die über das rein Physische hinausgeht und auch eine Arbeit am Selbst umfasst. Die Verantwortung für das Aussehen im Alter wird an das Individuum delegiert und das Altern als ein Lebensprojekt definiert, das möglichst gut zu absolvieren ist.“ (S. 178) So können aktuelle Fotografien greiser Körper als zeitgenössische Genrebilder verstanden werden, an ihnen werden Bedeutungen und Positionen alter Menschen in der Gesellschaft verhandelt.

Es werden auch klare Verbindungslinien zwischen demografischem Wandel und aktuellen Bildern alter Menschen herausgearbeitet. Es gibt Bilder, die die Gebrechlichkeit hochaltriger Menschen zeigen, aber es dominieren Darstellungen einer gewissen Jugendlichkeit im Alter. Parallel zum wissenschaftlichen Diskurs hat sich auch in der visuellen Kultur das Stereotyp der fitten und aktiven Senioren etabliert.

Dies ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das auch die wichtigsten Forschungsergebnisse der Gerontologie miteinbezieht. In einer noch jungen Disziplin der Visual Aging Studies werden Grundlagen des Bedeutungswandels und der Adaption bzw. Kritik älterer Traditionen nachvollziehbar und strukturiert dargelegt und Anregungen zu weiteren Forschungen gegeben. Das Motiv der Weisheit, die durch Bilder oder deren Unterschriften von Gesichtszügen älterer Menschen symbolisiert wird, hätte auch noch Eingang in die Untersuchung finden können.

Buch 3

Maren-Sophie Fünderich: Wohnen im Kaiserreich. Einrichtungsstil und Möbeldesign im Kontext bürgerlicher Selbstrepräsentationen, De Gruyter, Boston/Berlin 2019, ISBN: 978-3-11-065025-9, 69,95 EURO (D)

Im deutschen Kaiserreich war für die stark wachsende bürgerliche Klasse die Einrichtung der Wohnung eine zentrale Frage der Lebensführung und der Selbstrepräsentation. Dazu gehörten die Auswahl der Möbel, des Möbelstils sowie die Ausstattung mit Teppichen, Tapeten und Vorhängen. Dabei waren eine bewusste Absetzung von schwächeren Klassen und das Nacheifern der hegemonialen Klassen konstitutiv.

In dieser Dissertationsschrift, die im Wintersemester 2018/2019 im Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main angenommen wurde, geht es um die Frage, inwieweit Möbelkauf und Einrichtung für den bürgerlichen Mittelstand eine eigenständige Wahl waren, um sich selbst darzustellen, oder in welcher Weise diese Wahl durch die Zwänge von Stilentwicklung, Produktionsverfahren und Marktmechanismen beeinflusst wurde. Außerdem wird gefragt, inwieweit die Wünsche der Verbraucher Rückwirkungen auf Stilentwicklung, Produktionsverfahren und Marktmechanismen hatten. Dabei werden Fragestellungen aus der Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte mit denen aus der kunsthistorischen Möbelforschung verbunden.

Nach einer Einleitung zu Forschungsfragen folgt eine Übersicht über die Quellenlage. Danach werden Bürgertum, Bürgerlichkeit und Mittelstand sowie der Begriff „bürgerlicher Lebensstil“ definiert und von anderen Klassen abgegrenzt. Anschließend werden Wohnen und Einrichten als Kernbestand bürgerlicher Selbstrepräsentation untersucht. Dabei wird die Wohnung als symbolische Welt als Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit gesehen. Der Salon war dabei ein Repräsentationsraum nach außen und das Wohnzimmer ein privater Rückzugsort. Dann werden die Produktionsabläufe und die Entwicklung des Übergangs von der Tischlerfertigung zur Serienmöbelfertigung behandelt, der fließend verlief. Außerdem wird auf die Möbelherstellung und Möbelgestaltung eingegangen. Die Marktmechanismen werden dann untersucht. Die Möbelhersteller kümmerten sich um die Produktion der Serienmöbel, warben in Zeitungsanzeigen und betrieben die Vermarktung. Dabei werden die unterschiedlichen Betriebsformen des Möbelhandels mit Detailhandel, Möbelmagazinen, Großmagazinen und Großhandel erläutert und Kaufhäuser als Orte bürgerlicher Wohnwelten vorgestellt. Weiterhin werden auch Weltausstellungen, die Leipziger Messe sowie regionale Industrie- und Gewerbeausstellungen sowie Fachzeitschriften untersucht.

Die Stilentwicklung, die Kundenwünsche und die Geschmacksbildung unter den Zwängen der Serienproduktionen kommen dann zur Sprache. Der Stilpluralismus aus Gotik, Renaissance, Barock und Rokoko, die Handwerkerausbildungen und Fachschulen, Ausstellungen zum Wohnen und Einrichten sowie die Bemühungen des Deutschen Werkbundes und des Dürerbundes, industrielle Massenproduktion und künstlerische Gestaltung in Einklang zu bringen, werden dort präsentiert. Danach geht es noch um die Ansätze nach dem Ersten Weltkrieg und die dortigen Diskussionen um die Stilrichtung. Im letzten Kapitel werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

Im umfangreichen Anhang findet man noch ein Abkürzungsverzeichnis, die benutzten Archive und Bibliotheken, ein Quellenverzeichnis, ein Literaturverzeichnis, Internetseiten, Expertengespräche, ein Abbildungsverzeichnis und ein Personenregister.

Folgende Thesen wurden in dem Werk herausgearbeitet:

Dabei stand die bürgerliche Wohnungseinrichtung für die Ambivalenz von Moderne und Antimoderne des Historismus. Das deutsche Kaiserreich ist durch einen umfassenden Modernisierungsprozess mit drei großen Umbrüchen gekennzeichnet. Der erste Umbruch betraf Innovationen in der Produktion. Vorher wurden Möbel bei Handwerkern in Auftrag gegeben und als teure Einzelstücke von Hand gefertigt, nun begann die Serienmöbelfertigung mit Hilfe von Maschinen. Der zweite Umbruch betraf Innovationen auf dem Markt. Die kleineren Werkstätten konkurrierten nun mit größeren Handwerksbetrieben und Fabriken, die genügend Kapital für den Einsatz von Maschinen besaßen. Der dritte Umbruch betraf die Innovationen im Stil. Lange Zeit waren historistische Stilmöbel gefragt, ein zeitgemäßer Stil mit modernen und schlichten Möbel stand dem entgegen.

Die veränderten, beschleunigten Lebensverhältnisse führten dazu, dass die Kunden kaum noch beim Tischler auf Bestellung nach Vorlagenzeichnungen kauften und monatelang darauf warten  wollten. Die Kunden verlangten vielmehr eine Auswahl an fertigen Möbeln im Geschäft und auf eine schnelle Lieferung der bestellten Ware. Dies bedeutete den Durchbruch der Serienmöbelfertigung.

Wohnen und Einrichten war ein vorherrschendes gesellschaftliches Thema innerhalb der wachsenden Mittelschicht, die dies zur Selbstrepräsentation nutzten. Die genaue Beschreibung der Gestaltung der Wohnung mit Möbeln, Teppichen und Tapeten erfasst die Selbstrepräsentation nur partiell. Entscheidend war die Verfügbarkeit der Möbel und der gesamten Raumausstattung. Die Verfügbarkeit ergibt sich aus der Verbindung von Produktionsverfahren, Stilbildung und Marktmechanismen.

Der gewählte Ansatz der Verbindung der Forschungsansätze aus der Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte mit denen aus der kunsthistorischen Möbelforschung ist als gelungen zu bezeichnen. Hier stehen Möbel, Teppiche und Tapeten und verschiedene Stile im Mittelpunkt. Dazu wurden ausgewählte Geschäftsmodelle von Möbelherstellern und Möbelhändlern, zeitgenössische Ratgeberliteratur, Lebenserinnerungen und Briefe neben Forschungsliteratur herangezogen. Es zeigt auch ein wenig die Entwicklungen im Kunstgewerbe nach und macht die Umwälzung durch die fortschreitende Industrialisierung deutlich. Die Frage, ob und wenn ja welche Unterschiede es zwischen Stadt und Land gab, wird hier leider nicht verfolgt. Die Zahl an Zeichnungen, Grundrissen oder Bildern hätte noch erhöht werden können, um eine bessere Visualisierung zu erreichen.

Buch 4

Christoph Hein: Australien 1872. Wie ein Deutscher sein Glück fand und Fotogeschichte schrieb, Emons Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-7408-0633-0, Euro 39,95 [D]

Bernhard Otto Holtermann (1838-1885) wanderte 1858 als mittelloser junger Mann von Hamburg nach Australien aus. 14 Jahre später fand er dort den größten Goldklumpen der Welt. Dieses größte je gefundene gold- und quarzhaltige Gesteinsstück mit etwa 3.000 Unzen Gold wurde nach ihm als „Holtermann Nugget“ benannt. Mit seinem Reichtum finanzierte er Fotografien, deren Bilder neue Siedler nach Australien locken sollten. Die Bilder zeigen die Arbeit in den Goldminen und das Leben in Australien im 19. Jahrhundert.

Daraus entstanden die weltgrößten Glasplattennegative mit einer bis heute nicht erreichten Schärfe. Holtermann zog mit diesen Aufnahmen zu den Weltausstellungen in Amerika und Frankreich und gewann damit verschiedene Preise. Im Mai 2013 wurden die rund 3.500 Glasnegative in das Australian Register des UNESCO Memory of the World und 2017 die drei erhaltenen großen Negative aufgenommen. In diesem Band wird sowohl die Geschichte des deutschen Auswanderers und seines Glücksfundes erzählt als auch 150 der von ihm beauftragten Fotografien erstmals einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Das Buch beginnt mit einer längeren Biografie Holtermann und den Umständen seines Goldfundes.

Holtmanns Weigerung, drei Jahre lang beim preußischen Militär dienen zu müssen, war der Anlass, im Jahre 1858 nach Australien zu reisen. Nach seiner Ankunft lernte er den Goldsucher Hugo Ludwig Luis Beyers kennen. Die beiden wurden Partner und erwarben 1861 eine Parzelle im Goldgräberort Hill End, die sie „Star of Hope Mine“ nannten. Unterbrochen von Nebenjobs zur Finanzierung des Unternehmens, jagten sie dort ihrem Traum nach Gold nach. Auch als Holtermann dort fast durch einen Unfall starb, machte er weiter. Zur Sicherung der Finanzierung verkauften die beiden Minenanteile an Grubenarbeiter. Am 17. Februar 1872 wurde die „Star of Hope Mine Co.“ gegründet, Holtermann und Beyers blieben Hauptaktionäre. Die Wende war der Fund des „Holtermann Nuggets, ein Gesteinsstück aus Gold und Quarz mit 286 kg, 149 cm Länge, Breite 67 cm Breite, das ca. 3000 Unzen Gold enthielt. Holtermann gehörten lediglich Anteile davon, wie auch den anderen Minenarbeiten. Holtermann ließ sich aber als erster mit dem Gesteinsstück von Henry Beaufoy Merlin fotografieren ließ, was seinen Namen mit dem Nugget verband.

Durch Merlin (1830–1873) und seinem jungen Assistenten Charles Bayliss wandte sich Holtermann der Fotografie zu. Er unterstützte und finanzierte Merlins Vorhaben, Fotos über die Besiedlung in New South Wales und Victoria anzufertigen. Zusammen mit Merlin  eröffnete er das Studio der „American & Australasian Photographic Co.“ in Hill End. Nach Merlins Tod 1873 unterstützte Holtermann Bayliss Reise nach Victoria, der dort etwa 200 Fotos machte.

Im Jahr 1874 baute Holtermann auf dem Höhen von St Leonards, ein palastartiges Gebäude mit einem 27 Meter hohen Turm. Dieser Turm diente Holtermann für Panoramafotografien vom Hafen von Sydney und als Dunkelkammer. Für dieses Vorhaben engagierte er Charles Bayliss. Sie fotografierten Fotoreihen im Format 46×56 cm und erweiterten die Bildformate bis zu einer Größe von 152×91 cm. Holtermann befestigte die Fotografien vom Panorama des damaligen Sydney auf einer fast 10 Meter langen Stoffrolle und stellte sie in der Weltausstellung Philadelphia 1876 in den USA aus, wo es prämiert wurde. Holtermann reiste anschließend nach Frankreich, Deutschland und in die Schweiz, wo seine Ausstellungen Anerkennung fanden. 1877 kam er nach Sydney zurück. In der Weltausstellung Paris 1878 präsentierte er das Panorama von Sydney erneut. Diese Aufnahmen gingen später verloren.

Die Sammlung von etwa 3500 Glasplatten-Negativen, darunter 700 von Bayliss, wurde wiederentdeckt und ist ist in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen.

Danach geht es um die Rezeption und Erinnerung Holtermann und sein Wirken. Dabei werden das Holtermann Museum, der Umgang der australischen Archive mit den hinterlassenen Bildern und seine Erben und Enkel vorgestellt. Auf einer Zeitleiste werden dann nochmals die wichtigsten Etappen seines Lebens, sein Fund und seine Fotos zusammengefasst. Danach folgt eine Bilderstrecke mit den bisher unveröffentlichten Fotos mit einer kurzen Erläuterung.

Im Anhang findet man noch weitere Literatur und die Quellen.

Die Aufnahmen werden von einer sehr ausführlichen Biografie begleitet, die ca. die Hälfte des Buches einnimmt. Diese Aufnahmen werden erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, sind also eine Pionierarbeit, die das Wirken des Auswanderers Holtermanns posthum würdigt. Man bekommt einen Einblick in das harte Leben in Australien im 19. Jahrhundert, das so ganz und gar nichts mit der heutigen Vorstellung von endlosen Weiten, Naturwundern und schönen Stränden zu tun hat.

Buch 5

Ross Hoddinott/Mark Bauer: 55 Fotoprojekte für bessere Landschaftsfotos. Technik, Inspiration und Motivation für 12 Monate, dpunkt Verlag, Heidelberg 2020, ISBN: 978-3-86490-780-7, 22,90 EURO (D)

Dieses Buch will Einsteigern und fortgeschrittenen Landschaftsfotografen dabei helfen, mittels Projekten unterschiedlichen Umfangs ein Jahr lang jede Woche etwas dazuzulernen und die eigenen Bilder weiterzuentwickeln: „Einige sind relativ unkompliziert und schnell zu bewältigen, bei anderen handelt es sich dagegen um langfristige Projekte. Aber alle tragen dazu bei, Ihren Horizont zu erweitern, Sie zu motivieren und Ihre Kreativität anzuregen.“ (S. 6) Es ist ein Fotoworkshop in Buchform, der sowohl die technischen als auch die kreativen Fähigkeiten anregen will. Im Einzelnen geht es technischen Grundlagen wie Kameras, Objektive, Fototechnik, die Nutzung des Lichtes, der Stimmung und des Wetters, die Nachtfotografie, die Komposition des Bildes (Fokuspunkt, Blickführung, Horizont, Tiefe, Größenverhältnisse, Kontrast), verschiedene Landschaftstypen (Kulturlandschaften, Wälder, Küste, Hügel und Berge, Landschaften mit Wasser), gezielte Kamerabewegung, Zeitrafferaufnahmen, Schwarzweißfotografie oder wie man berühmte Fotos kopiert. Das Buch wird durch zwei Kapitel abgerundet, wie man die Bilder druckt und wie man sie online stellt. Eine systematische Sortierung der Bilder zu Fotogeschichten gibt es nicht.

Jedes Projekt wird auf jeweils zwei Seiten präsentiert. Dabei wird das Projekt (Ziele, Ausführung, Bildkomposition) in einem längeren Text beschrieben, Außerdem gibt es in Extrarubriken technische Hinweise, die notwendige zusätzliche Ausrüstung und spezielle Tipps. Dies wird an mehreren Abbildungen visualisiert, die unten drunter noch mit zusätzlichen Hinweisen versehen sind. Jedem Projekt sind Symbole zugeordnet, die Auskunft über die Art der Aufgabe geben. (siehe S. 4)

Im Anhang gibt es noch einen Index.

Die Projekte sind vielfältig ausgewählt und werden verständlich erklärt, wobei Vorkenntnisse schon notwendig sind. Das Buch eignet sich für Amateurfotografen zum Einstieg in ein vielseitiges Metier und lädt zum selbständigen Experimentieren ein. Viele der einzelnen Bereiche (Wetterfotografie, Gebäude, Infrarot, Stadtlandschaften, Naturgewalten usw.) werden hier lediglich kurz angerissen, leider fehlt ein Literaturverzeichnis zum intensiveren Einlesen.







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