Neuerscheinungen Sachbuch

06.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Werner Jessner: Dakar. Die härteste Motorradrallye der Welt, Pantauro, Elsbethen 2019, ISBN: 978-3-7105-0042-8, 58 EURO (D)

Die Rallye Dakar, früherer Rallye Paris–Dakar gilt als die bedeutendste Langstrecken- und Wüstenrallye der Welt. Sie wurde von 1978 bis 2007 einmal jährlich hauptsächlich auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen. Von 2009 bis 2019 wurde sie wegen Terrorgefahr in Südamerika durchgeführt. Seit 2020 findet die Rallye in Saudi-Arabien statt. In diesem Buch geht es um ausschließlich um die Motorradaustragungen, die in Erfahrungsberichten und großformatigen Abbildungen erlebbar werden.

In der Einleitung werden die jeweiligen Streckenprofile und Austragungsversionen auf geographischen Karten versehen mit einem Erfahrungsbericht von Heinz Kinigadner vorgestellt. Danach werden die ersten Jahre der Rallye aus der Sicht von verschiedenen Teamchefs, anderen Beteiligten und Rekordstarter Raymond Loizeaux und Bilderstrecken erzählt, wobei besonders auf den Gründer der Rallye Paris–Dakar, Thierry Sabine eingegangen wird. Das speziell für diese Veranstaltung konzipierte Motorrad Hondo NXR 750, das zwischen 1986 und 1989 vier Mal mit verschiedenen Fahrern gewann, steht dann im Mittelpunkt. Der bisherige Rekordsieger Stéphane Peterhansel, der die die Motorradwertung sechsmal in den Jahren 1991, 1992, 1993, 1995, 1997 und 1998 gewann (auch siebenmal die Automobilwertung mit seinem Beifahrer Jean-Paul Cottret, erzählt danach von seinen Siegen und Rennen. Danach erzählt der Vielstarter Heinz Kinigadner, dem nie ein Sieg vergönnt war, seine persönlichen Erlebnisse auf und abseits der Strecke.

Das Comeback vom BMW gegen die japanische Überlegenheit und die Siege von Richard Sainet sind Gegenstand des nächsten Kapitels. Die 2001 beginnende Erfolgsgeschichte von KTM erzählen anschließend der ehemalige Sportchef Kris Rosenberger und der Chef der Traditionsmarke Stefan Pierer. Die Art der Navigation mit einem Roadbook, das der Fahrer während seiner Reise Note für Note abspulen kann, wird danach erläutert. Das ewige Duell zwischen Cyril Despres und Marc Coma, das die Rallye zwischen 2005 und 2015 geprägt hat, wird anhand eines Interviews mit den beiden skizziert, bevor der erste österreichische Sieger, Matthias Walkner 2018 von seinem Triumph erzählt. Stellvertretend für diejenigen 90% des Teilnehmerfeldes, die ohne Rennstall und aus privaten Mitteln das Rennen bestreiten, erzählt der Österreicher Markus Berthold seine Erlebnisse von der Rallye 2018 und seine Motivation. Der KTM-Servicetrucker August Linortner, der seit 1997 alle Rallyes mitgemacht hat, berichtet dann aus einer anderen Perspektive. Die Chancen der Spitzenfahrer für die diesjährige Rallye sowie deren Stärken und Schwächen analysiert der Team-Manager der KTM-Werksequipe, Jordi Viladoms. Abschließend werden in Ergebnisformat alle Siegerbikes der Rallye Dakar mit technischen Daten und die ersten 10 besten Fahrer Jahr für Jahr zwischen 1979 und 2019 präsentiert.

Einen Prachtband zwischen Sport und Abenteuer wird hier präsentiert. Erlebnisberichte aus verschiedenen Perspektiven machen das Buch authentisch, die Bilder der Strecke und vor und nach dem Ziel von hoher Qualität. Die Geschichte der Rallye wird auch nicht nur durch die österreichische Brille gesehen, sondern es schreiben Leute mit, die die Touren jahrzehntelang geprägt haben. Kritik an der Rallye selbst bleibt jedoch außen vor, der Tod von Zuschauern ebenso wenig wie der von Teilnehmern. Einzig die sinkende Bedeutung der Rallye im Jahrzehnt durch die ortsfremden Austragungen wird (zu Recht) kritisiert. 

 

Buch 2

Fang Fang: Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, ISBN. 978-3-455-01039-8, 25 EURO (D)

Dies ist das Tagebuch über die Ereignisse während der Quarantäne in der am härtesten von der COVID-19-Pandemie betroffenen Metropole Wuhan, wo ca. 9 Millionen Menschen leben, in der chinesischen Provinz Hubei verfasst von der chinesische Schriftstellerin Fang Fang. Sie beginnt ihre Einträge am 25. Januar 2020, zwei Tage nach Abriegelung der Stadt Wuhan von der Außenwelt und beendet sie mit dem 60. Eintrag am 24. März, dem Tag der Aufhebung der Sperrung für die Provinz Hubei. Die Sperrung der Stadt Wuhan selbst endete erst am 8. April.

Fang Fang gibt einen Einblick in eine Millionenstadt im Ausnahmezustand der Quarantäne über einen längeren Zeitraum. Einen Zustand, den es so in der BRD und anderen europäischen Metropolen so (bislang) nicht gab.  Dabei steht das Schicksal der Menschen im Vordergrund. Die Angst vor dem Virus, der Umgang mit Tod, das Leben in der sozialen Isolation, die räumliche Trennung von Angehörigen und Freunden und die Freude über das Ergattern einer Mundschutzmaske.

Fang Fang spart auch nicht mit Kritik an den Behörden, die nicht ausreichend eine öffentliche Versorgung sicherstellen konnten und die zu langsam durchsickernden Folgen des Virus und die Folgen. Seine Informationen durch Ärzte der lokalen Krankenhäuser und Notfallstationen und Erkrankten ergeben ein anderes Bild als das in öffentlichen Verlautbarungen und Medien transportierte. Klinikleitung des Wuhaner Krankenhauses und Gesundheitsbehörden werden ungewohnt scharf kritisiert. Fehlender Schutz wäre für den Tod von Krankenhauspersonal und Ärzten verantwortlich, fehlende Betten und Medikamente werden ebenfalls moniert.

Sie spricht aber auch die positiven Seiten des Ausnahmezustandes an. Die gegenseitige Hilfe von Freunden, Nachbarn oder auch wildfremden Menschen in der Krise, die Bildung von koordinierten Netzwerken mit oder ohne staatliche Vorgaben, kreative Lösungen und die Leidensfähigkeit vieler Menschen.

So entsteht ein beeindruckender und kritischer Insiderreport, der wohl große Teile der Wirklichkeit widerspiegelt. Fang Fang nennt als Informationsquelle Gespräche mit zahlreichen normalen Menschen, befreundete Ärzte und Angehörige des Pflegepersonals, also Primärquellen, die seriöser erscheinen als öffentliche Verlautbarungen. Es ist zwar kein Trost für das Leiden vieler Menschen hierzulande durch Corona und die Folgen, dass es in anderen Teilen der Welt noch schlimmer ist, relativiert aber einiges.

Buch 3

Tin Fischer: Gute Karten. Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben. Hoffmann und Campe Atlas, Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, ISBN: 978-3-455-00882-1, 25 EURO (D)

Der Datenjournalist Tin Fischer und der Grafiker Mario Mensch zeigen die BRD in 100 Karten in all seinen Facetten. Dabei liefern sie ungewöhnliche Erkenntnisse in Form von Statistiken und Graphiken.

Es zeigt zum Beispiel auf, wohin Rentner mit deutschem Pass auswandern. Dabei liegt Spanien vor Ungarn und Polen mit ihren kostengünstigeren Altenheimen vorne. Die wenigsten zieht es außerhalb Europas auf die Philippinen oder Kanada. Die einzige Wüste in der BRD liegt im brandenburgischen Lieberose, 6,5 km vom nächsten Einkaufszentrum entfernt. Die meisten Tennisplätze befinden sich auf dem Gebiet der ehemaligen BRD, im Osten sind die Auswirkungen der Sportpolitik der DDR, wo Tennis keine Rolle spielte, immer noch spürbar. Oder die (wenigen) Staaten, die noch weniger Computer an Schulen haben als die BRD. Die Swimmingpool-Dichte des Dreiländerecks in der BRD, Frankreich und der Schweiz wird ebenfalls vorgestellt.

Laut der deutschen UFO-Datenbank verteilen sich die statistischen Fälle meist auf den Südwesten der Republik. Manche Statistiken sind aber nicht so amüsant: So dokumentiert eine Karte die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte 2015 und 2016, wobei Sachsen eine traurige Vorreiterrolle einnimmt. Oder dass am Vatertag/Männertag statistisch gesehen die meisten Straßenverkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss 2017 passiert sind.

Am Ende des Buches findet man noch die Quellennachweise dafür.

Das Buch regt zum Vertiefen vorhandenen Wissens anregen, zum Entdecken neuer Fakten, zum Staunen und manchmal auch zum Umdenken. In Form der Visualisierung werden hier viele ungewöhnliche Fakten präsentiert, manchmal mit einer Prise Humor und Augenzwinkern. Später weiß man bestimmt mehr als vor der Lektüre über die BRD.

Buch 4

Marco Bellabarba: Das Habsburgerreich 1765-1918, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-067488-0, 29,95 EURO (D)

In diesem Grundlagenwerk will Marco Bellabarba, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Trient, will eine Neupositionierung des Habsburgerreiches vornehmen. Er spricht sich gegen die Einordnung verschiedener Historiker aus, die das Habsburgerreich als ein in sich zerstrittenes Zwangssystem sehen, in dem das Zusammenleben von Dutzenden Territorien von Anfang an schwierig gewesen sei. Er sieht das Streben nach eigenen Nationalstaaten, die nach 1919 entstanden, keineswegs als Fortschritt an, sondern betont die Enge und Destruktivität der nationalstaatlichen Sichtweisen. In einzelnen Kapiteln stellt er „die Geschichte der Verflechtungen von Opportunismus und Loyalität, von Interessen und Gefühlen (…), die das imperiale System zutiefst prägten; gewiss ohne seine Unvollkommenheiten oder die Feindschaften, die immer häufiger zwischen den Völkern des Habsburgerreichs entstanden, zu übersehen (…)“ (S. 5)

Er streicht zu Recht besondere Merkmale des Habsburgerreichs heraus: Die Monarchie war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in hohem Maße dezentral organisiert. Jedes einzelne Königreich, Herzogtum, Fürstentum, jede Grafschaft, die unter Habsburgs Herrschaft gelangte, behielt die eigene Landesregierung, die fast unabhängig von Wien operierte. Die Stände des Landes hatten die Macht und das Recht, über die Forderungen der Landesfürsten zu verhandeln. Die Interessen der Stände und der Adeligen erhielten oft Vorrang vor denen des Landesfürsten; andernfalls musste er die für ihn positive Entscheidung oft mit Kompromissen, Privilegien oder anderen Zugeständnissen erkaufen.

Dennoch blieb das Habsburgerreich immer ein künstliches Gebilde, das die Freiheitsrechte der einfachen Leute negierte und den Interessen einer kleinen Machtelite befriedigte. Die habsburgischen Herrscher zumeist, mit Adel und Klerus Konsens herzustellen, oft zu Lasten der Bürger in den Städten und der Untertanen der ländlichen Grundherrschaften, die beinahe völlig aus der Landespolitik ausgeschlossen waren.

Der darauf folgende Nationalismus beruhte meist auf völkischen, rassistischen Kriterien und war auch keineswegs ein Fortschritt einer humanen, partizipativen Praxis, sondern auch durch Ausschluss und Feindbild bestimmt. Wie jeder Nationalismus Ein- und Ausschlusskriterien und völkisches Denken beinhaltet. Deshalb aber das Habsburgerreich im Rückblick als eine Art „Stabilitätsfaktor“ in Europa oder als die „faszinierendste pluralistische Organisationsform des Alten Europa“ (S. VI) zu bezeichnen, geht an den Tatsachen vorbei.

Für Humanität, friedlichem Zusammenleben von Menschen und autonomer Selbstbestimmung waren sowohl das Habsburgerreich als auch der folgende Nationalstaaten eine Katastrophe.

Buch 5 

Fabio Andina: Tage mit Felice, Rotpunktverlag (Edition Blau), Zürich 2020, ISBN: ISBN 978-3-85869-863-6, 24 EURO (D)

Fabio Andina huldigt in diesem Roman dem Glück vom einfachen Leben. Der Roman wurde mit dem Preis Terra Nova 2019 der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Premio Gambrinus 2019 ausgezeichnet.

Die Handlung ist Leontica, ein Bergdorf im Tessin. Der namenlose und zeitlose Erzähler lebt seit einem Jahr in der Familienhütte, und ist aus der Stadt in die Abgeschiedenheit des Dorfes geflohen. Der alte Felice lebt in der Nähe, ein unabhängiger Geist, der sich noch im Rhythmus der Vergangenheit befindet und den der anonyme Erzähler fragt, ob er ihm in seinem Alltag folgen könnte. Dieses Eintauchen in Felices Alltag erfolgt Schritt für Schritt, so sind auch die Kapitel aufgebaut. Felices Leben geht nach einem gewohnten Rhythmus wie den das Besorgen des Gartens, Einkaufen, Treffen mit den Einwohnern oder das Musikspiel in der Taverne. Es ist das Porträt einer einfachen Bauernwelt, die mit ihrem Dorf, ihren Traditionen und der Landschaft verbunden sind. Langsamkeit ist das Symbol für die Szenen dieses abgeschiedenen Lebens mit täglichen Gewohnheiten und wiederkehrenden Arbeiten entlang der Jahreszeiten, was hier nicht despektierlich, sondern respektvoll beschrieben wird. So ist auch der Stil des Buches: Die Geschichte von Felices Tagen wird in einem spannungsarmen Rhythmus ohne große Wendungen präsentiert.

Hier wird die Sehnsucht nach einer heilen Welt präsentiert, die sich im Verschwinden befindet oder die schon gar nicht mehr gibt. Eine Art Eskapismus aus der Moderne. Vieles deutet darauf hin, dass der Roman teilweise autobiografischen Charakter hat. Der Autor studierte Filmwissenschaften und Drehbuch in San Francisco und lebt heute im Tessin, hat somit Ähnlichkeit mit dem anonymen Erzähler, der aus der Großstadt floh. Die Frage nach der richtigen Lebensführung und Glück durchzieht den gesamten Roman. Die Elogen auf ein einfaches abgeschiedenes Leben implizieren auch eine Kritik an Stadt, Hektik und Konsum. Durch die Person Felice wird der Leser dazu aufgefordert, sich Fragen über sein eigenes Leben zu stellen.

Buch 6

Ernst-Michael Kranich: Pflanzen als Bilder der Seele, 3. Auflage, Freies Geistesleben, Stuttgart 2020, ISBN: 978-3-7725-2868-2, 22 EURO (D)

In diesem Buch stellt Ernst-Michael Kranich eine verborgene Dimension in der Pflanzenwelt vor: „eine bisher außerordentlich überraschende Entsprechung zwischen Regungen der menschlichen Seele und dem Form- und Farbgebärden der Pflanzen.“ (S. 12) Mit Hilfe der Methode der physiognomischen Naturerkenntnis nimmt er eine Revision des bisherigen Verhältnisses des Menschen zur Natur vor.

Gleichzeitig kritisiert er die objektive Methode der herrschenden Naturwissenschaft und will bislang unerschlossene Dimensionen der Natur offenlegen: „In der Begegnung mit der Natur erfährt der Mensch Dimensionen, die dem Verstand nicht greifbar sind. Im Erleben des Schönen und Erhabenen ahnt er, dass die Natur mehr ist, als die Naturwissenschaft beschreibt.“ (S. 9) So soll der Leser zu einer Erweiterung seiner Erkenntnisfähigkeiten kommen, die über das Gegenständliche hinausgeht.

In 25 Betrachtungen bekannter Blütenpflanzen nähert sich der Autor deren Besonderheiten an und stellt vor, wie die im Jahreslauf sich entwickelnde Pflanzenwelt in Farben, Formen, Wuchs und Blütenbildungen seelischen Regungen des Menschen entspricht. Einzelne Pflanzen zeigen eine Verwandtschaft zu Gefühlen im Inneren des Menschen. In einzelnen Kapiteln präsentiert er Betrachtungen in einzelnen Kapiteln die Blütenpflanzen gemäß dem Jahreskreislauf mit Farbabbildungen und zahlreichen Zeichnungen. Dies sind zum Beispiel Schneeglöckchen, Osterglocke, Nelke, Rose, Johanniskraut oder der Eisenhut. Außerdem präsentiert er in einem eigenen Kapitel die umfassende Anschauung der Erde im Kosmos als Grundlage seiner Methode. 

Dieses Buch ist ein gelungenes Werk mit einem interessanten Ansatz des naturkundlichen Verstehens mit ausdrucksstarken Abbildungen. Bisweilen sind die Interpretationen etwas weit hergeholt, aber hier wird der Blick auf ganzheitliche Prozesse im Universum gelegt und gezeigt, dass alles mit allem verbunden ist, was zu einem tieferen Naturverständnis führt.

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz