Philosophische Abhandlungen über Trump mit einer erweiterten Klassentheorie


Bildmontage: HF

27.11.16
KulturKultur, Theorie, Internationales, Debatte, TopNews 

 

von Gerd Elvers

Nach dem nicht überraschenden Wahlsieg von Trump überschlagen sich die Kommentatoren mit Erläuterungen, Erklärungen, vordergründigen Analysen über das „Phänomen  Trump“. An diesem dissonanten Konzert will sich dieser Artikel nicht beteiligen. Er will hingegen mit philosophischen Methoden auf der Ebene der Kultur versuchen, die Gespaltenheit der Gesellschaft in Deutschland und den USA zu analysieren, die Trump gezeugt hat. Als europäische Philosophen werden Siegfried Kracauer, Jean Paul Sartre und Pierre Bourdieu heran gezogen. Über ihren kulturellen Ansatz haben sie einen Beitrag geleistet, die marxistische Polit-Ökonomie durch Aspekte der Kultur zu erweitern – zu einer erweiterten Klassentheorie. Diesem – humanistischen - europäischen Ansatz wird der US-Pragmatismus – the pragmatism – entgegengestellt, den amerikanische Philosophen  heute mehr denn je frönen  und mit dem die europäische Philosophie widerlegt werden soll. Trump kann – wenn er denn will – sich auf diese breite Strömung in den USA berufen. Der interatlantische Riss geht viel tiefer als bisher bedacht. Die Kluft zwischen den tektonischen Platten des Atlantiks weitet sich. Viele Intellektuelle der Ost- und Westküste in den USA laufen zu Trump über. Der Herausgeber der New York Times, Arthur Sulzberger Jr., ist dabei.

Von Caligari zu Hitler

Der Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer hat kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Buch „Von Caligari zu Hitler“  die Beziehungen zwischen Kultur und Politik dargestellt, die man in dieser Form nicht erwarten dürfte. Er folgerte aus  der Neigung zum Morbiden und Makabren – im Film Caligari 1920 – als kollektives Massenphänomen bei gleichzeitigen kulturellen und politischen Verunsicherungen  der Weimarer Republik auf das hintergründige Milieu der Nazibewegung. Mit seinem Zugriff auf kulturelle Phänomene wählte er einen analytischen Ansatz, der  dem polit--ökonomisch-soziologischen der empirischen Wissenschaft ebenbürtig ist.

Aber er bediente sich auch der soziologischen Methode. So  in seinem epochalen Werk über die neue Klasse der Angestellten, indem er sich an soziologische Fakten, Statistiken, Schichtenmentalitäten hielt, im Zugriff auf die neue soziologisch-wissenschaftliche Disziplin. Bei seiner Arbeit zu Caligari sah er in den Filmwerken als künstlerische Phänomenen  eine ebenso wirksame und zugleich elegante Methodik,  gesellschaftlichen Phänomenen auf die Spur zu kommen. Aus seiner Filmtheorie abstrahierte er  ein  theoretisches Ordnungssystem, das er  zugleich mit einem sinnlichen Apparat mit Massenwirkung ausstattete, um Hitler mit seiner dämonischen Meisterschaft zu erklären, Auf diese Weise konnte  Kracauer das Denken von den konkreten Phänomenen entkleiden, um zu allgemeingültigen gesellschaftlichen Erkenntnissen zu kommen. 

Sartre – Literatur als Studienobjekt zur Welterschließung

Jean Paul Sartre hat eine ähnliche Methodik angewandt. Er wollte über das „Ausweiden“ des Literaten Gustave Flaubert auf  2200 Seiten zu gesellschaftlich gültigen Erkenntnissen kommen. Literatur als Studienobjekt seiner Welterschließung,. Das „sich - Eingraben“  in die (französische) Literatur – auch um sich den Stoff für seine eigenen Dramen jenseits einer „Tendenzliteratur“  zu besorgen - lag dem französischen Intellektuellen näher, als sich wie  zum Beispiel Friedrich Engels auf die zeitraubende und trockene Ochsentour über das Studium und die Darstellung der Lage der englischen Arbeiterklasse einzulassen, auf dem Boden der Politikökonomie.  Allerdings musste Sartre es hinnehmen, dass er mit seinem anstrengend-eigenwilligen  Schreibstil – wer liest schon 2000 Seiten? - nicht die Popularität seiner Lebensgefährtin Simone Beauvoir erreichte, die sich dem eigenen  „anderen Geschlecht“ über die Biologie, die Psychologie und - was oft übersehen wird – mit dem Instrument des historischen Materialismus  annäherte, auf deren Erfolg als Begründerin der modernen Frauenbewegung  er zunehmend mit Eifersucht reagierte. 

Pierre Bourdieu – Geschmack und Habitus der feinen Leute

Der bekannteste und wichtigste Theoretiker einer durch die Kultur erweiterten Klassentheorie ist der Soziologie Pierre Bourdieu mit seinem Buch „Die feinen Unterschiede“, über den Geschmack und Habitus als Instrumente gesellschaftlicher Abgrenzung. Er erfasste  das Selbstverständnis der oberen Klassen aus seinen genauen Beobachtungen von „Alltagsgeschehen“, insbesondere aus der aktuellen Praxis des Musikhörens. Er erkannte, dass sich die Geschmacksrichtungen nach den jeweiligen Klassen (Schichten) ausrichten, denen die Menschen sich zugehörig fühlen und nicht allein nach dem individuellen Kunstgeschmack.

Nach Bourdieu sozialisieren sich die Menschen  in einer Schicht (Klasse). Ihre Sozialisierung erfahren  sie im Rahmen ihres gleichförmigen Alltagserlebens. Prägend ist nicht allein die Arbeitswelt sondern auch die spezielle Kultur. Sie definiert die Zugehörigkeit zur  jeweiligen Klasse und stabilisiert sie. Dies trifft auf die Oberschicht in besonderer Weise zu. Die Oberschicht begreift sich nach Bourdieu in der Abgrenzung zu den unteren Schichten. Aus der Erfahrung der Ablehnung durch die Oberen entwickelten die „ Deklassierten“, also die, die „von den oberen ausgegrenzt“ (deklassiert)  wurden, Instabilität und entsprechende Ängste. Die unteren sozialen Gruppen entwickeln nicht nur Ängste wegen prekärer Arbeitsverhältnisse, sondern weil sie sich kulturell als Ausgestoßene fühlten. 

Trump als Messias der Underdogs

Dies war Trumps erfolgreicher politischer Ansatz. Er griff  ihre Negation durch das „Establishment“ auf - was zu einem  negativen Selbstwertgefühl geführt hatte - und „erlöste“ sie. In  messianischer Weise gelang ihm,  in dem Augenblick der Wahl ihre Instabilität in eine politische Identität und eigene Stärke umzuwandeln, wobei er ihre ökonomischen und kulturellen Ängste zugleich  für sich ausbeutete, indem er ihren Widerstand gegen die Etablierten und ihr Überwindung in der Präsidentschaftswahl politisch organisierte. 

Dabei bediente er sich der unflätigen Sprache der Underdogs, der provokant verbalen Inkorrektheit. Bewusst verstieß er gegen die Sprachregeln des Establishments mit dessen „political correctness“, um den Underdogs zu signalisieren: „Schaut her, obwohl Milliardär bin ich einer von euch“.  Er hätte auch sagen können: Gerade weil ich Milliardär bin, kann ich Euch verstehen. Von den   Stockwerken seiner Wohnung im  Trump-Towers kann er zwar nur die Jogger im Central Park erfassen oder die alten Damen, die ihre Cocker Spaniel ausführen, zugleich war  er aber durch seinen Job als Immobilien-Hai  der sozialen Realität nah –  als ein ausbeuterischer und halb-krimineller  Akteur seiner Branche.  Wer als ehemaliger Eigner des Trump Hotels und Casino Taj Mahal in Atlantik City  kleine Handwerker und Raumausrüster auf ihren Rechnungen hat sitzen lassen, kennt sich im Elend der kleinen Leute aus, anders als das politische Establishment, das in seinem eingesponnenen Kokon  oder Blase in Wahington wie Berlin blind und taub gegenüber der gesellschaftlichen Realität geworden ist. 

Auch heute noch – nachdem sich die erste Welle des Unverständnisses über seinen Sieg hätte legen müssen -  existiert bei den Etablierten noch eine Menge an Unklarheiten in ihren Köpfen. Statt sich endlich von ihren Irrtümern in ihrer „Blase“  zu trennen, in die sie sich eingesperrt haben, repetieren sie weiterhin ihre Ahnungslosigkeit.  Unter anderem wird ihm Unehrlichkeit vorgeworfen, als Milliardär für die Armen zu sprechen. Ein bisschen mehr Geschichtswissen täte da gut.  In der Geschichte hat es diesen Rollenwechsel nicht selten gegeben. Erinnert sei an Ferdinand Lassalle, den Gründer der Sozialdemokratie, der im Duell, seinem Standesdünkel folgend, wegen einer jungen Frau sein Leben ließ, oder an Friedrich Engels, der als erfolgreicher Unternehmer in England mit seinem erwirtschafteten Profit seinen Freund Marx am Leben hielt.

Auch dass die Mehrheit der Frauen Trump gewählt haben, den Fachmann für Sexismus, stößt bei vielen auf offenes Entsetzen. Man hat übersehen, dass seine Opponentin in ihrer ganzheitlichen Person – um es einmal zurückhaltend auszudrücken - für jüngere Frauen nicht gerade attraktiv ist und man übersah, dass die Meinungsbildung bei vielen Frauen in der Familie stattfindet, wo der weiße, frustrierte Ehemann ein Wörtchen mitzureden hat.

Obwohl Trump von Bourdieu nie etwas gehört hat, wandte er dessen Gesellschaftstheorie in dialektischer Weise an: Angesichts der Negation der Underdogs durch die Etablierten hob er deren Rolle als Vergessene hervor.  Aus den bisherigen Stummen machte er Sprechende, indem er sie zu dem Gang zur Wahlurne verführte und ließ sie mit ihren Stimmzetteln von Florida bis zu Michigan millionenfach  gegen ihr bisheriges Schicksal aufbegehren, vorerst nur als Geste in der Anonymität der Wahlkabine.  Dabei diente Trump als Katalysator, an dem der Vorwurf des rechten Populisten abtropfte, im Bewusstsein, dass nach seinem Sieg seine alten Kritiker von Deutschland bis Japan angekrochen kommen  und ihren Kotau vor dem mächtigsten Mann der Welt machen werden. 

Von der kleinen Nebenpforten des Konzertsaales zur Klassengesellschaft

Im Folgenden werden wir versuchen, Bourdieus Ansatz anhand  des Theaters und speziell des Konzertsaales zu entwickeln. Wir wollen über den - auf dem ersten Blick - verrückten Ansatz versuchen, über den Konzertsaal auf  Trump und auf die Zukunft von sozialen Dynamiken in Deutschland zu schließen. Aber wie schon Sartre in seiner Analyse von Flaubert in seinem Riesenwerk „L´idiot de la famille“  analysierte, hatte dessen „Idiotie“ in der Meinung seiner Familie ihn zu seinem Hauptwerk der Madame Bovary getrieben. Ohne Idiotie kein Genie. Aus dem frustrierten Idioten für seine Familie, die ihm mit ihrer Verachtung begegnete, und wogegen er sich auflehnte, wird  das literarische Genie. Dessen Weg verfolgte Sartre auf 2200 Seiten, um  Marx` Frage nach der Methode mit seiner „Kritik der dialektischen Vernunft“ zu beantworten. Damit steckte er den Rahmen der Vernunft ab. Indem er die Übertragung der dialektischen Gesetze durch die kommunistischen Parteien auf die Natur als absurd bezeichnete, griff er auf Marx zurück. Die Dialektik wirkt nur in den Bereichen der menschlichen Praxis, d.h. der Geschichte.

Wir wollen der dialektischen Methodik folgen, aus den Kunstwerken des Theaters und des Konzertsaales die Essenz für die gesellschaftliche Spaltung zu gewinnen, auch eingedenk eines Satzes von Kracauer – entnommen Wikipedia - „Man kann noch durch die kleinste Nebenpforte in den Mittelpunkt menschlichen Wesens gelangen“. Diese Nebenpforte ist für uns – in Anlehnung an Bourdieu - der „deutsche Konzertsaal“, über den wir in  die Welt der „gehobenen  Stände“, der Kapitalisten  und der Reichen eintreten wollen, einschließlich deren Entourage von Politikern, Prominenten und Medienrepräsentanten, die in der deutschen Klassengesellschaft als deren Multiplikatoren wirken. Wir wollen  den Versuch  unternehmen, über die Nebenpforte Konzertsaal auf Trump zu schließen, was  entweder eine „Idiotie“ oder doch ein Ansatz mit Ergebnissen sein könnte. Dabei unterstellen wir, dass die Verhältnisse in den USA – zumindest was die Ost- und Westküste angeht - denen in Deutschland ähneln. Die Carnegie-Hall in New York ist schließlich der wichtigste Konzertsaal der Welt.

Eine kurze Geschichte des deutschen Konzertsaales als öffentlicher Raum

Früher, in der klassischen Zeit des deutschen Idealismus, waren die Berliner Salons oft der Ort, in dem vorwiegend reiche jüdische Damen wie Amalie Beer  die Haute Volée der vornehmen Gesellschaft als einen ersten Raum für Bürgertum und Adel versammelten.  Aristokratie, Bankiers,  Literaten, Philosophen, arme Leutnants  und Dichter fanden sich zum gebildeten Geplauder und Kammermusik ein, manchmal wurde auch der Widerstand gegen die französische Besetzung andiskutiert und Pläne gegen Napoleon geschmiedet.

Diesen bürgerlich angehauchten  Cabinets (Freiräume)  waren philosophische Gespräche und Treffs in höfischen Theatern  in vielfach zersplitterten Territorien vorangegangen, zu denen das Bürgertum noch keinen Zugang hatte. Später, mit dem ökonomischen Sieg aber der zeitgleichen politischen Niederlage der Bourgeoisie 1848, weiteten sich die Räume zur bürgerlichen Veranstaltung in Konzertsälen, zuerst als Anhängsel des Theaters. Noch später  gliederten sich die Konzernsäle aus den allgemeinen Theater und Opernhäuser aus und wurden selbständige Klangräume zur Optimierung des Genusses der klassischen Musik – im Streben zu einer solemnen Akustik adäquat zur Ästhetik der Komponisten: Beethoven, Rieger, Bruckner, Mahler – während  das aufkommende Proletariat und Gesinde in der Epoche der Industrialisierung ihre Vergnügungen in Varietés,  Zirkuszelten, Tanzschuppen suchen durften. Während um 1600 in Shakespeares Globe-Theatre noch alle Bevölkerungsschichten zusammen kamen, von der Queen bis zum Schuhputzer, wurde mit dem Aufkommen des Proletariats das Vergnügen klassenmäßig geteilt – hier die Armen – oder um mit Trump zu sprechen – die Vergessenen, dort die Wohlhabenden, die Reichen, die sich in ihrem snobistischen Standesdünkel vom Pöbel separieren wollen und die glauben, ein großes, deutsches  Erbe zu verwalten.

Deutschland mit der höchsten Dichte von Theatern, Opernhäusern,  Konzertsälen weltweit.

Dass Deutschland die weltweit höchste Theaterdichte aufweist, wird gerne mit dem Erbe der höfischen Theater eines in vielen Grafschaften, Fürstentümern und Königreichen sowie freien Reichsstädten aufgeteilten Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen erklärt.  Ursprünglich mag es schon so gewesen sein. Dass aber nach dem zweiten Weltkrieg die alten zerstörten Theatergebäude – und mit ihnen die Opernhäuser und Konzertsälen - nicht nur wieder aufgebaut sondern erweitert wurden, entsprang dem Bedürfnis der wieder wohlhabend gewordenen  Schichten Westdeutschlands.  Diese hatten in den Städten und Ländern die politische Macht – wieder - erobert und sie auch auf kultureller Ebene  hegemonial gefestigt. Mit ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hegemonie konnten sie die entsprechenden Steuergelder in den Landtagen und Stadträten auf ihre Seite zu ziehen, um sich ihre „Kulturpaläste“ zu bauen, um ein Wort aus der DDR zu verwenden, wo über die SED ein ähnlicher Vorgang über die Machtposition der Partei eingeleitet worden war, oft mit dem gleichen traditionell-konservativen Geschmack nach Art der deutschen Klassik behaftet. In Westdeutschland fiel der Kapitalistenklasse und ihrer Gefolgschaft nicht nur über den Apparat der primären Einkommensumverteilung steigende Teile des Volksvermögens zu sondern sie lenkten über den öffentlichen Kulturetat zusätzlich kulturelle Dienstleistungen und Gebäudeinvestitionen auf sich um, die  überwiegend aus den Lohnsteuereinkommen der arbeitenden Schichten finanziert wurden. Dabei wurde aber die teilweise schon vorhandene Separierung funktional differenziert: hier die Theater, dort die Konzertsäle.

Semperoper -  Verwandtschaft der SED-Ästhetik mit dem kapitalistischen Establishment

Die heutigen Opernhäuser haben sich aus den Musiktheatern entwickelt. Hervorzuheben sind Dresden, Berlin, München. Sie sind fest in der Hand des gehobenen Bürgertums. Nach der Wiedervereinigung fiel die prunkvolle Dresdener Oper,  der  DDR-Arbeitskraft 1985 abgepresst, der gesamtdeutschen „Mischpoke“ in die Hände, vulgär-jiddisch für „das Establishment“. Dass der finanziell kränkelnde DDR-Staat enorme Summen für den Wiederaufbau der Semper-Oper ausgab – und somit andere mögliche Bauvorhaben wie die Renovierung der Moderne (Bauhaus)  oder Nietzsches verkommenes Weimarer Haus in den Hintergrund schob -  ist kein Zufall.

Der prunkvolle historisierende Stil der italienischen Frührenaissance der frühkapitalistischen Klasse um 1850 war so ganz nach dem Geschmack des SED-Politbüros und heute der Kapitalistenklasse: Das „reiche, dekorative, festliche Kleid“ entsprang und entspringt dem Elitegeschmack von Machtinhabern, die ihre Bedeutung in dem historisierenden Dekor  widerspiegeln und sich selber feiern wollen. Eine solche architektonische Ambiente verlangt Aufführungen im klassizistischen und romantischen Stil, Stilformen für Menschen, die sich  im Zugriff auf vergangenen Kunstepochen  sicher sein wollen, weil sie der Moderne nicht trauen. Darin sind sich die heute Herrschenden und diejenigen, die sich im Osten das „Volk“ nennen, einig.  Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Pegida in der Nähe der Semperoper ihre Aufmärsche inszeniert, weil die Marschierer und Demonstrierer  sich in ihrem Deutschtum durch die Semperoper ermutigt fühlen. Das „Völkische“ liebt seine Semperoper und will es aus dem Griff der Etablierten loslösen und für sich okkupieren. Aber vielleicht ist dies alles ein großer Irrtum, wenn als Protest gegen die Aufmärsche  die Leitung der Semperoper das Licht ausschaltet. Die Intendanz will dieses Volk friedlich und genusssüchtig in die Oper locken und nicht, dass es draußen in  Demos mit der Polizei seine Hasstänze aufführt.

Drei Milliarden Steuergelder für subventionierte Konzertsäle 2016/17

Dieser Prozess der kulturellen Umverteilung von Volksvermögen ist nicht abgeschlossen. Im Gegenteil. 2016/17 erlebt der Bau von Konzertsälen einen neuen Boom, vor dem Hintergrund der beschleunigten primären Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Den Anfang machte im Oktober 2016 die Fertigstellung des Musikzentrums  in Bochum, ausgerechnet Bochum, das es in seiner städtischen Verelendung mit dem Osten keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ende Januar 2017 wird die Hamburger Elbphilharmonie folgen, die es bei Verzehnfachung der Baukosten mit den skandalträchtigen Bauten des Stuttgarter Hauptbahnhofs und  des Berliner Flughafens locker aufnimmt, ohne in Hamburg skandalös zu wirken. Dann wird Nürnberg nachfolgen, das sich von der bayerischen Politik vergessen fühlt,  wie ein Industriearbeiter in Michigan,  und endlich – nach erheblichen Querelen um den Standort – München, wobei die Münchener Kunstschickeria sich den Gigantismus von Hamburg als Beispiel nehmen will, befeuert von den Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, die den kaufkräftigen Schicki-Micki-Teil ihrer Inserenten bedienen wollen. Die SZ publiziert Sondereditionen für  den Geschmack der feinen Leute: Vinotheken, Golfspielern, Wellness-Resorts,  edle Kunstdrucke der gemäßigten Moderne und für Münchener Immobilien: 60 qm, 2 Zimmer für eine halbe Million und mehr. Exklusiv, Sinn für das Besondere, anspruchsvolle, innovative Bestlagen sind die Codes für die Besonderen. In diesen Kontext passt die Expansion der Musiksäle mit einem wachsenden „Bürgersinn“ für die klassische Musik. Trotz der Klagen der Kommunen über knappes Geld ist ihnen für Konzertsäle nichts zu teuer, vor allem wenn es die Unteren finanzieren.

Räume für  Träume der Gutbetuchten statt sozialer Wohnungsbau

Reinhard Brembeck erklärt diese  Zuwendung als ein angeblich wachsendes Interesse breiterer Schichten in seinem Artikel „Klassik für alle“ in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Oktober 2016. Er versteigt sich zur Behauptung, dieser neue „Bürgersinn“ (der gehobenen Schichten) speise sich  aus dem kulturellen Anliegen, „der beides will: ins Konzert gehen und niemanden hungern lassen“.  Wohlan! Wo ist dann das private Mäzenatentum der Wohlhabenden, das für die Kosten dieser Konzertpaläste aufkommt? Warum knapsen die Städte und Länder die hohen Kosten aus ihren allgemeinen Kassen und verengen damit den Finanzspielraum für Zuschüsse an den kommunalen Wohnungsbau? Viel eher drängt sich der Verdacht auf, dass hier eine Kumpanei des gehobenen Bürgertums mit den Feuilletonisten, sogenannten Stararchitekten und Baulöwen in Verbund mit einem Stadtrat aus CDU/CSU, SPD und Grünen stattfindet. Keiner will sich als Kulturbanause beschimpfen lassen. Keiner? Die neue rosa-rot-grüne Koalition hat in Berlin den schwulen Linken-Vorsitzenden Klaus Lederer zum Kultur-Senator ernannt. Der will den zukünftigen Volksbühne-Intendanten Chris Decors  ausbremsen, den er für einen Repräsentanten eines neoliberalen Kunstbetriebs mit globaler Jetset-Attitüde hält.

Das Mäzenatentum beschränkt sich zumeist auf ein paar Spenden für eine Anfangsfinanzierung, um die öffentliche Hand zu zwingen, den überwiegenden Rest zu zahlen. Reinhard Brembeck will es aber mit seiner These eines wachsenden Interesses nicht übertreiben. Im gleichen Artikel vermisst er dieses Miteinander aller gesellschaftlicher Gruppen in den Konzertsälen: Dort versammelt sich das gebildete, zahlungskräftige Publikum, das eine Eintrittskarte für 25 Euro kauft, deren Platz  für 300 Euro mit öffentlichen Geldern subventioniert worden ist, ein Schnäppchen sozusagen. Ein Genuss quasi zum Nulltarif.

Das hedonistische Bürgertum setzt auf Genuss gegen gesellschaftliche Relevanz

Neben den Konzertsälen gibt es die Theaterräume. Im Sprechtheater findet sich auch das gehobene Bürgertum ein, vorausgesetzt die aufgeführten  Stücke sind nach seinem Geschmack.  Hier gibt es  ein Problem: Das moderne Sprech- oder auch Musiktheater vermasselt oft dem Publikum der oberen Schichten seinen Genuss. Junge, ehrgeizige Regisseure  wie Florian Lutz oder Veit Güssow in Halle gehen dem auf Genuss getrimmten Publikum auf die Nerven mit ihrer „ästhetischen Zeitgenossenschaft“ oder „gesellschaftlichen Relevanz“. In der Inszenierung des Fliegenden Holländers von Richard Wagner wird der holländische Kapitän mit seinem Schiff voller Schatzkisten als Wirtschaftskapitän  auf dem Meer des Weltmarktes dargestellt, eine Provokation für die Genusssüchtigen. Mit den Problemen der Gegenwart wollen sie nicht konfrontiert werden. Es könnte ja sein, dass mit ein bisschen mehr sinnlicher Nachdenklichkeit sie auf ihre eigene subversive Rolle in einer Ausbeutergesellschaft gestoßen werden. Und Elfride Jelinek… da fürchte sich  Gott vor. Die menschenscheue, österreichische Nobelpreisträgerin mit ihrem deutschen Vor- und tschechischen Nachnamen karrt echte Flüchtlinge als Schutzbefohlene auf die Berliner Bühne. Schlimmer geht’s nicht. Deshalb setzen sich viele aus dem kritischen Sprechtheater ab und flüchten in  ihr Paradies der klassischen Musik.

Vertiefung des Wir-Gefühls der bürgerlichen Klasse in Konzertsälen

In den Jahrzehnten der Nachkriegszeit haben es die oberen Schichten Westdeutschlands verstanden, unter Abzocken von  Steuern der unteren Schichten, sich   „öffentliche“ Räume von Theatern und Konzertsälen zu schaffen, in denen sie  ihr „Wir-Gefühl“ ausleben und vertiefen können, um sich auf diese Weise ihrer Hegemonie zu vergewissern. Das  heute von der Werbung entdeckte Wohlgefühl in Wellness-Hotels für Milliardärinnen wie Susanne Klatten mit ihrem Gigolo ist dessen trivialer Ableger.  Diese öffentliche Räume hat das Establishment faktisch privatisiert, indem es eine Atmosphäre der Inklusion geschaffen hat, die andere abstoßen soll, sozusagen Golfspiele in warmen Gemächern während der kalten Jahreszeit.

Wettlauf der Penis-Geständnisse: Mini-Mörtel gegen Riesen-Gemächt

Dabei kommt den Picolo-Pausen in den Foyers eine bedeutsame Rolle zu. Hier sieht man sich, hier vergewissert man sich des Gleichklangs verwandter Seelen für das Gute und Schöne, hier zeigt man seine neue Garderobe, und hier werden Geschäfte angebahnt. Es gibt nur einen Ort, wo diese schamlose Offen-zur-Schau getragene Präsenz der Oberen zu Krawallen geführt hat, der Wiener Opernball. Hier trifft sich Krethi und Plethi, darunter der österreichische Baulöwe Richard Lugner und sein Spatzi, der es zwar mit seinen Bau-Milliarden mit Trump aufnehmen konnte nicht aber sein „Mini-Mörtel“ mit dessen „Riesen-Gemächt“. Gesitteter geht es bei den Wagners in Bayreuth zu.  Die alljährlichen Auftritte von Politik und Wirtschaft bei der Eröffnung der Wagner Festspiele in Bayreuth, einschließlich der Bundeskanzlerin mit ihrem Biermann-befreundeten Ehemann in den Fußtritten von Hitler, haben noch zu keiner Aufruhr geführt, wahrscheinlich weil Bayreuth in der fränkischen Provinz zu weit entfernt von Proteststätten ist. Vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass Richard Wagner als Revolutionär von 1848, trotz seines Antisemitismus, der Arbeiterschaft zugetan war und und in seinem Testament verfügte, dass ein Kontingent von kostenlosen Karten dem DGB-Bayern überlassen wurde, eine beim Proletariat bundesweit heißbegehrte  politische Münze in der Hand des ehemaligen bayerischen DGB-Vorsitzenden Fritz Schösser, der nach politischem Gutdünken über die Verteilung des Karten-Kontingents entschied.

Pipifaxtheater ohne nachdenkliches Schäumen des Publikums

Aber immer wieder kommt es zum Widerstand junger Regisseure und Dramaturgen, die  gegen die Vereinnahmung durch die Mächtigen und Reichen  revoltieren, wie neuerdings Mathias Lilienthal in den Münchener Kammerspielen („Aufregung um die Münchener Kammerspielen“ von Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung 11. November 2016 und „Konzeptloses Versuchslabor“  vom 14. November). Wie in Halle versucht dieser mit Gleichgesinnten in München das interdisziplinäre, partizipative, postdramatische Diskurs- und Performancetheater und stößt auf die mehr instinktive als kopforientierte Ablehnung der herrschenden Schichten. Aber Mathias Lilienthal, einer der „Jubelperser“ aus der Falckenberg-Schauspiel-Schule, versteht auch auszuteilen. Es ist von „Frischluft im Plüchbordell“ die Rede, in Anspielung auf die Plüsch-Mobilierung in „MK“.

Aber statt diese dramaturgischen Ansprüche auf ein aktuelles Theater mit aktuellen Migrationshintergründen zu interpretieren und  die Wutattacken von Jelinek als kopforientierten Angriff auf eine gesättigte Klasse zu deuten, vergreift sich die professionelle Kritikerin Christine Dössel zu Worten wie Pipifaxtheater, oberflächlich, harmlos. Die Besucher meinen,  einem „Kochabend mit Syrern“ beizuwohnen. Frau Dössel sehnt sich nach Chaos, nach Überforderung (der Zuschauer) durch Anarchie, das zum nachdenklichen „Schäumen“ provoziert, das aber tatsächlich das Gegenteil von Nachdenken erzeugen würde. Ungezügelt gibt sie ihrem übersättigten Temperament Futter, um sich vor einer überlauten Kritikaster-Kulisse noch Verhör zu verschaffen. In perfider Form ergreift sie gegen die jungen Dramaturgen Partei und spielt damit – ob bewusst oder nicht – den Ball den konservativen  hedonistischen Kulturbanausen zu.

Diese greifen den Ball gerne auf. Die bürgerliche Klasse findet sich in ihrer Ablehnung durch solche Kritikacker bestätigt und greift zu der schärfsten Waffe, dem Boykott, der Rückgabe von Abonnements, um auf die Politiker, den Stadtrat, das Land, Eindruck zu schinden. In Leserbriefen rufen sie „zur Abstimmung mit den Füßen“ auf, heraus aus dem Theater. Ihr Boykott-Aufruf hat den Sturz der jungen Dramaturgen und die Revision des Spielplanes zum Ziel, zurück zu ihren Behaglichkeiten. Und obwohl ihr finanzieller Beitrag am Kunstgeschäft gering ist, könnte ihre Erpressung erfolgreich sein.

AfD für deutsche klassische Konzerte und Sprachwerke

Dabei muss diese Klasse aufpassen, dass sie nicht in die Nähe der Neonazis kommt. In dem Reichen-Milieu gibt es  Sympathisanten für Rechtsradikale. So geriet der Mövenpick-Milliardär August von Finck in den Verdacht, die AfD finanziell zu unterstützen. In guter Nazimanier  fordert  die AfD klassische deutsche Stücke, die die Identifikation für den deutschen Mann und deutsche Frau stiftet und keine Verwirrung. Ihr Geschmacks-Ideal: Ein Konzert mit deutschen Komponisten unter den Dirigenten Herbert Karajan im Berliner Opernhaus Unter den Linden 1941, übertragen vom Reichsrundfunk, bevor das Haus in Schutt und Asche fiel oder  - gerade noch so von ihrem Kunstgeschmack toleriert: Die Musik von Richard Strauß Rosenkavalier, im Münchener Nationaltheater uraufgeführt. Die revolutionäre Musik aus dem Jahr 1911 passt eigentlich nicht  ins Geschmacksmuster aufrechter Deutscher. Was für Strauss jenseits seiner Musik aber spricht und für Neonazis goutierlich macht: Strauss war zeitweise Reichsmusikkammerpräsident in der Nazizeit und noch kurz vor dem Untergang des Nazireiches für die Nachwelt zu den drei wichtigsten deutschen Musikern prämiert worden.

Zu einer engen Kumpanei mit den Neonazis wollen es die Genießer klassischer deutscher Musik nicht kommen lassen. Aber Musik mit Text ist heute suspekt.   Man versucht zwar Einfluss auf das Repertoire zu gewinnen, aber es kommt immer wieder zu Rückschlägen, immer wieder tauchen Experimentierer des Theaters auf, auch getrieben durch die Postmoderne, Neues zu versuchen, das verstörend wirkt. Auch deshalb flieht man in den Konzertsaal, wo man hofft, dass einem hinter seinen schalldichten Mauern ein derartiges Ungemach nicht widerfährt.

Die Elbphilharmonie - Ausgeburt hanseatischer Großmannssucht

Die Elbphilharmonie wird im Januar 2017 mit einem pompösen Spektakel eröffnet. Vergessen wird die Verzehnfachung der Baukosten sein. Das hamburgische Kapital wird sich selber feiern. Es gibt keine Großstadt in Deutschland, deren Traditionselite über zwei Weltkriege hinweg sich als „hanseatische Kaufmannsschaft“ so unbeschädigt hat hinweg retten können, mit ihren vornehmen Villen am westlichen Steilufer der Elbe, eine mafiöse Gemeinschaft in ihrem prunkvollen Rathaus, dessen Interieurs aus der Kaiserzeit den Kitsch der Privatwohnung von Trump übertrumpft. 1943 bombardierten die Engländer die Proletarierviertel mit 40 Tausend Toten und ließen die Villen ungeschoren. Diese Elite rettete sich  später über die Bankrotte der Werften und Reedereien hinweg,  unter der Protektion von Bismarck und Helmut Schmidt, den Schutzheiligen der Freien und Hansestadt. Nirgendwo sonst wird der triumphierende Protz der deutschen Elite sichtbarer. In Zukunft wird der hoch über der Elbe glitzernde Kristall mit seinem neuen Musikzentrum, mit der Panoramaplaza im achten Stock, mit dem integrierten Hotel  und den  märchenhaften über den Hafen liegenden Luxuswohnungen das bisherige Wahrzeichen der Stadt, die barocke Michaelikirche,  alt aussehen lassen.

Das kristallin glitzernde Schiff wird in Zukunft die Heimstätte deutscher Kapitalisten werden. Alles ist auf  kurzem Weg konzentriert: In den ersten Stockwerken mit den alten roten Ziegeln die Hochgarage für ihre Prunkkarossen, darüber  das Hotel für die Gäste aus aller Welt, sodann ihre  Luxuswohnungen,  als Zweitwohnungen geplant, und endlich für den kulturellen Genuss die Philharmonie, alles unter einem Dach, bequemer geht es nicht. „Der Konzertsaal fungiert als pumpendes Herz im belebten Baukörper“, jubiliert der Journalist Gottfried Knapp mit seinem Seufzer: „Vollendet“!  Dies alles ist mit so einer identifikatorischen und ästhetischen Kraft entwickelt, dass Herr Knapp „als vorzeitig eingelassener Besucher ständig zwischen Überraschung und Überwältigung hin und her taumelt, als Kritiker aber hilflos nach Vergleichsmaßstäben sucht“.   (Süddeutsche Zeitung, 3. November 2016).  Herr Knapp hat sich wohl bei seinem Hin- und Herschaukeln auf dem Schiff über die Reling im 8. Stock ausgekotzt und mit seinem Reihern dabei hoffentlich nicht den arroganten Chef des 21. Polizeikommissariats Wolf Haller unten   getroffen, als er nach Dienstschluss aus seinem  winzig gewordenen  Kommissariat  im Schatten des Riesendampfers  Elbphilharmonie tritt.

Bochum - Bürgernahes Musikzentrum oder Standortvorteil für Unternehmen?

Vor ein paar Wochen hat der neue Musiksaal in Bochum seine Tore geöffnet. Die politisch  Verantwortlichen wollten das Musikzentrum unter einem anderen Stern öffnen, eingedenk der ökonomischen Misere der 400-Tausend-Einwohner-Stadt im Ruhrpott. Also kein senatoriales Auftrumpfen wie die „Weltstadt“ Hamburg   sondern ein Programm mit Klassik ohne Klassenkampf,  das die ersten vier Eröffnungskonzerte unter den Bochumern Bürgern verlost hat, damit sie hineinschnuppern können in ein für sie unbekanntes Terrain. Der Orchesterchef Steven Sloane will nicht routinierte Konzertgänger, sondern Neugierige, die sich Gustav Mahlers Erste Symphonie antun. Döner-Bude, Bratwursthaus und der Tabledance-Schuppen sind nicht weit. Er will ein „edles Wohnzimmer“ und kein „Orchestergefängnis“.

Aber was sich so bürgernah gibt, hat auch einen kapitalistischen Anstrich: Vor zehn Jahren begann alles mit der Fünf-Millionen-Spende eines Unternehmers,  sozusagen als Anschubfinanzierung, um weitere Spenden und vor allem die öffentliche Hand mit ihren Geldern auf Trab zu bringen. Die Stadt verspricht sich eine Aufhellung ihres trüben Ansehens, auch als Anreiz für unternehmerische Ansiedlungen, die den Unternehmergattinnen und den leitenden Angestellten etwas bieten wollen. Deshalb spricht man in Bochum auch nicht von einer Musikhalle – da könnte man an eine Trinkhalle denken - sondern von einem Musikforum. Das klingt vornehmer. Aber noch ist unklar, ob die Rechnung mit ansiedlungswilligen  Unternehmen aufgeht, ob sie die Konzerthalle als Standortvorteil annehmen. Der Gedanke ist aber bestechend: Standortvorteil durch Konzertsaal. Ein zukünftig ökonomisch blühendes Bochum. Pierre Bourdieus Thesen erhalten hier ihre ultimativen Beweise.

Die unsichtbare Mauer des Konzertsaales

Der französische Soziologe Bourdieu hat dargestellt, wie die oberen Schichten sich – unter anderem von den unteren durch ihren Musik-Geschmack abgrenzen. Ihr Stallgeruch des gleichen Geschmacks ist die unsichtbare Eintrittskarte in die elitäre Gruppe. (Man könnte noch andere Elite-Attribute heranziehen, wie Golf, Drei-Sterne-Restaurant, Privat-Uni, Villengegend, usw.).   Den gesellschaftlichen Höhepunkt erklimmt diese Eliten aus Politik, Wirtschaft und Kunst  in in den weihevollen Treffen ihrer Staatsbanketten, geschmückt mit der Präsenz des Bundespräsidenten,  umrahmt mit der Neunten von Beethoven, solche Festivitäten adelt alle, was  Rank und Namen hat. Wer dabei ist, hat es geschafft, aber nur wenn ein entsprechendes Foto in der Zeitung erscheint. Zwar stehen am Eingang Kontrolleure, diese wären aber  nicht notwendig, das gemeine Volk scheut sowieso zurück.

Der Preis ihrer Exklusivität ist hoch. Das Kreisen in ihren Kreisen, die imaginäre Abschottung von den Unteren, konstituiert die Klassengesellschaft, ob in Berlin oder Washington. Nach Bourdieu  sind  es nicht das alte Proletariat oder die heutigen mittleren und unteren Schichten mit ihren Abstiegsängsten, die maßgeblich die Trennung in der Gesellschaft vollziehen, sondern die Eliten.  Sie leben in einer Blase und bekommen nicht mit, was sich um sie tatsächlich ereignet. Sie hocken in einem Tauchboot und bewundern die Meeres-Fauna um sich herum. Sie sind mit Blindheit geschlagen, und das trifft auch auf die zu, die die Eliten wie Schmeißfliegen umschwirren, die Medien, die Auguren, die professionellen Meinungsbefrager. Deshalb liegen sie bei ihren Prognosen über Brexit und US-Wahlen daneben und sind außer sich. Wie konnte so etwas passieren?

Zurück zur Theorie: Nach Bourdieu sind die Schöpfer der Klassengesellschaft die oberen Schichten. Er scheint  Marx gleichsam auf den Kopf zu stellen. Aber so ist es nicht. Marx epochales Werk heißt: „Das Kapital“, und nicht „Das Proletariat“.  Das Kapital und seine Sympathisanten sind bis heute die historisch Handelnden. Die harmlos in den Konzertsälen Hockenden sammeln am Abend die Kraft, um am nächsten Morgen erfrischt ihre Ausbeutungstour neu zu beginnen – ökonomisch – politisch – kulturell. Die Eliten von Kommerz, Politik und Kultur haben auch andere Treffpunkte, wie den Wirtschaftsgipfel Mitte November in Berlin. Doch diese sind auf kurze Zeit beschränkt, ihnen fehlt das dauerhaft Prägende im Gegensatz zu Abonnements für Konzertsäle als Kraftzentren der Ausbeutung. Nicht alle dort Versammelte sind wie die Kapitalisten direkt am Ausbeutungsprozess beteiligt, die meisten Teilnehmer aber, die am musikalischen Fest dabei sind,  teilen  die Mentalitäten der ersteren. Sie bauen an unsichtbaren Mauern, die die Republik aufteilt. Dieses Nicht-Sichtbare haben sie wie eine Tarnkappe um sich gelegt, um nicht aufzufallen. Die unsichtbare Tarnkappe soll nicht nur sie verdecken, sondern auch den gesellschaftlichen Skandal zwischen arm und reich. Die Armen sollen sich nicht ihrer bewusst werden, wie die Eliten sich ihrerseits bewusst sind. 

Trump als Erwecker der Deklassierten

Aber die Deklassierten, die von der Politik Vergessenen, die unteren Mittelschichten und Armen wissen um ihren Status. Sie brauchen nur einen Erwecker, einen Messias, der ihnen das Heil auf Erden verspricht. Viele haben nicht die Motivation und  die Kraft zum Aufstand. In ihren kommunikativen Orten, oft den Arbeitsplatz, haben sie die Autoritäten über sich und selbst wenn sie bei den Gewerkschaften sind, warten sie auf die Impulse von außen, vielfältig entmutigt von den Schlägen des Lebens. Und doch gibt es einen Ort, wo sie autonom sein können: die Anonymität der Wahlkabine. Bei Streiks müssen sie sich versammeln, auf der Straße sichtbar werden, einige bringen den Mut auf. Noch mehr Mut kann man in seinem Bekennermut für eine Partei, für eine Person zeigen. Es bedarf nur den einen kleinen entscheidenden Schritt: den Weg in die Wahlkabine. Aber selbst dazu fehlt vielen der Antrieb. Oft braucht es nur einen kleinen Kick, einen Stoß nach vorne, um seine Lethargie zu überwinden. Dies ist bei Passiven, Unentschlossenen dann der Fall,  wenn Emotionen ins Spiel kommen, wenn ein populistischer Führer vor ihnen auftritt, mit dessen Programm, mit dessen Sprache man sich identifizieren kann. Das wusste Trump als Pragmatiker: Wie wird man Milliardär? Im Baugeschäft zu bestehen, ist der härteste Job in den USA. Und als Entertainer in seiner Show: „The Apprendice“ war er zusammen mit seiner Familie unschlagbar. Bevor er zur Kandidatur antrat, hatte er schon Millionen von Followers.

Das Unsichtbare sichtbar gemacht: Mauern von Mexiko bis Perlach

Die Ausgegrenzten wehren sich über Wahlen, ein urdemokratischer Prozess. Sie stoßen alte Strukturen um, in den USA wie in Deutschland und verstören die alten Eliten. Aber statt die Tore für linke Parteien weit aufzustoßen, lassen sie sich von den rassistischen Rattenfängern auf der rechten Seite einfangen und fangen an, konkrete Mauern zu bauen, Trump an der mexikanischen Grenze und Münchener Bürger aus dem Stadtteil Perlach zwischen ihren Häuschen und einem Asylantenheim. Was passiert hier? Die Erklärung liegt auf der Hand: Menschen, die ausgegrenzt werden, grenzen selber aus. Die Psychologie hat dafür eine Erklärung: Die Menschen, die als Kinder von ihren Vätern geschlagen worden sind, neigen dazu, auf  ihre Kinder einzuprügeln. Etliche Hispano-Amerikaner – vor allem die Exil-Kubaner in dem Swingstate Florida - haben sich für Trump und seine Mauer entschieden, weil sie sich von ihren illegalen Landsleuten abgrenzen wollen. Auf diese Weise werden unsichtbare Mauern, die zwischen den Schichten gezogen sind, sichtbar gemacht. Auf diese Weise ist der Anfang für eine Therapie in gesellschaftlichen Verhältnissen gegeben. Gegen Unsichtbares kann man sich schlecht wehren, gegen Sichtbares schon.

Falls Trump 3 Millionen „illegale“ Latino-Amerkaner ausweisen will, kann er sie nicht mehr geheim hinüber schieben. In weiten Teilen der Grenze besteht schon längst die Mauer, über die Obama in seiner Amtszeit 1,5 Millionen Latinos abgeschoben hat, wozu die mit Obama sympathisierenden Gutmenschen geschwiegen haben. Nur bei Wüstengegenden zwischen Texas und Arizona  ist der Zaun  noch  überwindbar. Dort sind  aber Hunderte wenn nicht Tausende unter Obamas Regime  unsichtbar umgekommen, unsichtbar, weil die Gutmenschen ihre Augen verschlossen haben. Wenn diese Lücken geschlossen werden, muss Trump die Menschen  über die Grenze sichtbar hinüber schieben. Auf die Reaktionen von millionenfachen Schüben kann man gespannt sein. Am Münchener Flughafen macht man die Schübe eleganter. In Perlach wollen die Kleinkünstler aus dem Flüchtlingsrat vorerst satirisch auf die vier Meter hohe Mauer reagieren, die höher als die DDR-Mauer ist. In Perlach wird ein Checkpoint Ali aufgebaut, durch den alle Perlacher ein- und ausreisen können. Die Satire ist ein wirkungsvolles Mittel gegen den Chauvinismus, ebenso – wie ich hoffe – der philosophische Weg.

Sarte: Die Geschlossene Gesellschaft

Jean Paul Sartre hat die Stichwörter gegeben mit seinem Theaterstück: Die Geschlossene Gesellschaft, für drei in einem imaginären Gefängnis eingesperrten Menschen. 1942 schrieb er sein Stück,  unbehelligt durch die  deutschen Besatzung. Anfänglich  hat er seinem Schauspiel den Titel: Die Anderen gegeben. Es sind die anderen, auf die das Ich sich bezieht. Erbarmungslos sind die drei durch ihre Bedürfnisse aneinander gekettet, um die verlorene eigene Existenz wieder zu gewinnen.  Doch indem  jeder sich auf  die Hilfe eines der beiden anderen bezieht, quält er den Dritten. Daher der Satz: Die Hölle, das sind die anderen. Sie sind Verdammte hinter verschlossen Türen. Erst wenn sich die drei ineinander spiegeln, werden sie zur Wahrheit zu sich selbst gezwungen. Für Sartre sind die anderen das Wichtigste in uns selbst,  für unsere Kenntnis von uns selbst.  Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir Kenntnisse, die die anderen über uns schon haben. Wir haben die Chance, uns mit den Mitteln zu beurteilen, die die anderen haben. Was ich über mich sage, immer spiegelt das Urteil anderer hinein. Es geht um die Selbsterkenntnis durch andere.

Verbindung Sartre mit Bourdieu

Versuchen wir einige Aspekte von Sartres  „Geschlossene Gesellschaft“ auf das Heute zu übertragen. Dazu wollen wir seine Aussagen auf das Gesellschaftliche übertragen, also mit der Theorie von Bourdieu verbinden.  Zwar versündigen wir uns mit diesem Eklektizismus gegen Sartres individuellen Existenzialismus, der auf die Existenz des Subjekts in seiner individuellen Freiheit zum Sein abzielt. Aber wagen wir es einmal, Sartre mit Bourdieu zu vereinen: Eine exkludierte Gesellschaft, wo die einzelnen Schichten sich gegenseitig ausschließen, in einer Art permanenten Bürgerkrieg,  schadet sich selbst bis zu seiner eigenen Vernichtung. In einer  in einzelnen  Schichten zergliederten Gesellschaft ruinieren  sich die Oberen durch ihre immanente Abschottung um den Preis der Selbstvernichtung. Zuvor – bis es soweit ist – bringen sie sich um die Erkenntnis der eigenen Rolle in der Gesellschaft. An der fehlenden Selbstkritik gehen sie zugrunde. Nicht anders ist die Kernaussage von Marx, wonach eine bornierte Bourgeoisie an sich selbst scheitert.

Andererseits bringen sich die unteren Schichten um einen dauerhaften Sieg, wenn sie die Methodik der Separierung weiter beibehalten, die ihnen die Oberen eingeimpft haben,  und „die anderen, das Fremde, die Flüchtlinge“ bekämpfen. Es ist, als ob sie die Tragödie Haitis wiederholen wollen: Den schwarzen Sklaven gelingt der Aufstand gegen die französischen Kolonialisten. Danach führen sie die Sklaverei in ihren eigenen Reihen wieder ein. Weil auf diese Weise keine Zivilgesellschaft entstehen konnte, ist bis heute Haiti der ärmste Staat Lateinamerikas und leidet an sich selbst mehr als an allen Erdbeben und Hurrikans. Falls Trump auf seine Mauer besteht und ihm seine eigenen Wähler, die Unbehausten, nicht in die Arme fallen, passiert ähnliches mit seinem Land. Dann geraten die Vereinigten Staaten in eine Krise, fundamentaler als die ökonomische von 2007.

Belassen wir Sartre bei seiner Theorie des Existenzialismus, bei der Existenz des Subjekts in seine individuellen Freiheit zum Sein, gewinnen wir die Erkenntnis, dass die auf das Subjekt reduzierte Möglichkeiten des Handelns zum Humanismus des autonomen Menschen führen kann. Der Mensch gewönne die innere Freiheit, den anderen in seiner eigenen Freiheit anzuerkennen und sich selber zu erkennen. Dieser Weg hat nichts Utopisches an sich. Sartre gibt uns eine philosophische Hoffnung für das Humane, ohne dass wir uns auf unser christliches Erbe  beziehen müssen.

Trump und USA-Eliten im Erbe der amerikanischen Pragmatismus-Philosophie

In einer beginnenden Kumpanei mit den USA-Eliten gegen diese europäische humanistische Philosophie tritt Trump an, auf der Basis der uramerikanischen Pragmatismus-Philosophie. Der amerikanische „pragmaticism“ ist eine Philosophie, die Mitte des 19. Jahrhunderts  in amerikanischen Debatierzirkeln von Cambridge entwickelt wurde, und über die der amerikanische Historiker Louis Menand sein Buch 2001: „The Metaphysical Club“  geschrieben hat.  Der amerikanische Pragmatismus ist eine Auflehnung gegen die europäischen Denk-Traditionen. Jeder Gedanke sollte in seiner Umsetzung an der Wirklichkeit gemessen werden und nicht daran, wie er sich in ein System aus Prinzipien und Konzepten einfügt. Sein Credo:  „Think – Innovation – Deliver“. Das Denken  und das Handeln legitimiert sich allein am Erfolg. Pragmatism ist eine Kampfansage an die Post-kantianische  Denker von Kracauer,  Sartre, Marx und Bourdieu. Obwohl von Trump nicht bekannt ist, ob er sich in philosophischen Bahnen bewegt, steht sein prinzipienloses Handeln, allein auf Erfolg getrimmt, in diesem Erbe. Zumindest ist davon auszugehen, dass mit ihm als Präsidenten diese amerikanische Philosophie von etlichen elitären Epigonen heran gezogen wird, um seinem bisherigen Brutal-Macher-Ruf die intellektuelle Weihe zu verleihen, im Erbe einer amerikanischen Philosophie zu stehen. Auf diese Weise wird Trump in Zukunft auch in die intellektuellen, aber opportunistischen Clinton-Kreise der Ost- und Westküste einbrechen, die schon gegen die Tea-Party-Bewegung versagt hatten. Das Treffen von Donald Trump mit dem Sprachrohr der Ostküsten-Elite Arthur Sulzberger Jr., am 22. November 2016 ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

In dem Artikel „The Liberalism Crisis“ von Ross Douthat in der New York Times vom 25. November 2016, also nur drei Tage nach dem Treffen,  erinnert dieser  an den Banner des Liberalismus gegen  religiöse Intoleranz, Rassismus und Chauvismus. Er wählt einen nostalgischen Ton, von etwas Vergangenen. Zugleich aber meint er, dass die Werte von Gottgläubigkeit, Heimat und Familie stärker seien. Ja, sie seien reaktionär aber älter und fundamentaler, also amerikanischer.  

Die Philosophie der europäischen Vernunft  gegen den US-Pragmatismus

Und in der Tat. Mit seinem erfolgsorientierten, aber prinzipienlosen Pragmatismus ohne erkennbares Programm  verwirrt Trump nicht nur die bisherigen Clinton-Anhänger wie Merkel, Steinmeier oder Gabriel, die auf das verlässliche neoliberale Programm der Clinton gesetzt haben. Im Neoliberalismus kennt sich der zukünftige Bundespräsident als Vordenker von Hartz IV aus. Aber pragmatism? Mit diesem Denkmuster setzt sich Trump  ab von den ideologischen Hardlinern seiner Clique wie seinem Stellvertreter Mike Pence als radikalen Leugner der Evolution und Befürworter des blödsinnigen kreationistischen „Intelligent Design“, wonach alles seinen göttlichen Schöpfer hat. Ebenso unsinnig  ist der ehemalige Konkurrent von Trump, Ben Carson, der als Schwarzer eine wichtige Rolle im Team von Trump bekommen soll und der ganz im Sinne von Martin Luther gemäß der Bibel mit seiner Young-Earth-Bewegung glaubt, dass die Erde 10 Tausend Jahre alt sei. Luther lebte vor 500 Jahren, er konnte es im Gegensatz zu Carson nicht besser wissen.

Also Entwarnung vor Trump, weil er einem prinzipienlosen Pragmatismus folgt und in Relation zu einigen seiner Gefolgsleute nicht den totalen Rechts-Außen macht, der sogar die gleichgeschlechtliche Bindung tolerieren will? Wir Europäer haben unsere eigenen Werte zu verteidigen. Nicht die Leitkultur der CSU aber unsere Kultur, die der Vernunft folgende Philosophen-Welt von Kant, Kracauer, Sartre, Marx und Bourdieu. Der Pragmatismus ist inhuman, weil er nur auf den Erfolg setzt,  und innerhalb des kapitalistischen Systems ist das die Profitmaximierung. In Abwandlung einer Kritik von Bertrand Russell am pragmatism sei gesagt: Die Atombomben über Japan wären die letztgültigen Richter über die metaphysische Wahrheit. Der Pragmatismus setzt den brutalst-möglichen Erfolg zur Maxime. Das kann  nicht unser Weg zur Welterschließung sein.

Gerd Elvers

Oberhausen, 27. November 2016







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