Neuerscheinungen Sachbuch

23.08.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jessika Westen: Dance or die. Die Loveparade-Katastrophe. Ein Roman, Emons, Köln 2020, ISBN: 978-3-7408- 0887-7, 16 EURO (D)

Die Journalistin Jessika Westen schildert und bewertet in diesem Roman die Tragödie der Loveparade 2010 in Duisburg. Im Vorfeld hat sie mit Angehörigen, Betroffenen, Augenzeugen und Ersthelfern gesprochen und hatte Einblicke in anwaltliche Unterlagen.

Jessika Westen skizziert die dramatischen Ereignisse aus verschiedenen Erzählperspektiven. Dies sind die Sicht der Teilnehmenden mit Katty und ihren Freunden, die journalistische Sicht mit der WDR-Reporterin Emma, die am Duisburger Bahnhof steht und die Sicht der Ersthelfer vertreten durch den Sanitäter René.

Ihr gelingt dabei eine präzise, faktenreiche und emotionale Aufarbeitung der tödlichen Ereignisse rund um die Loveparade- Katastrophe in Duisburg geschaffen. Der Roman zeichnet sich durch die szenische Unmittelbarkeit aus, mit der der Leser schnell ein Gefühl der damaligen Lage bekommt und involviert ist. Auf überbordete, monströse Schilderungen des Todeskampfes wird zum Glück verzichtet.

Das Buch profitiert auch von der Tatsache, dass eine wirkliche Aufarbeitung der Ereignisse und des Todes von vielen jungen Menschen verschleppt wurde und wohl niemals gewollt wurde. Die Hauptverhandlungen von 2017 bis 2020 vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg gegen vier Beschäftigte des Veranstalters Lopavent sowie sechs Mitarbeiter der Stadtverwaltung, darunter der damalige Stadtentwicklungsdezernent sowie die seinerzeit für Baurecht und Bauberatung zuständige Amtsleiterin waren eine öffentliche Demütigung für die Hinterbliebenen, Überlebenden und die bundesdeutsche Justiz. Alle Verfahren wurden ohne Urteil eingestellt.

So stößt das Buch in eine Lücke von fehlender Aufarbeitung und bietet eine empathische Darstellung aus verschiedenen Perspektiven, gut recherchierten Hintergrundinformationen und einer doch notwendigen nüchternen Schilderung der Katastrophe vor 10 Jahren. Es ist also kein sensationsheischendes Buch auf Kosten der Opfer, sondern ein lesenswertes Stimmungsbild der Tragödie mit Kritik an der Aufarbeitung, die wohl aus juristischen Gründen nicht deutlicher formuliert wurde.

 

Buch 2

Ina Knobloch: Shutdown. Von der Corona-Krise zur Jahrhundert-Pandemie, Droemer, München 2020, ISBN: 978-3-426-27844-4, 18 EURO (D)

Die Biologin Ina Knobloch legt in diesem Buch dar, dass die Corona-Pandemie mit Millionen Toten erst der Anfang für ein neues Zeitalter mit neuen Seuchen sei. „Das Zeitalter der Killer-Viren ist angebrochen“. „Nach Corona ist vor der nächsten Pandemie und die könnte noch viel tödlicher sein.“ Förderlich dafür seien die Zerstörungen der Umwelt, der Klimawandel und sogar die Globalisierung. Neben diesen genannten sei die Gefahr aus Biolaboren und Biowaffenlaboren genauso vorhanden. Die moderne Medizin habe dieser Gefahr nichts entgegenzusetzen, was indirekt suggeriert, dass Forschung, medizinische Fortschritte und Virologie überflüssig sind und in der Vergangenheit weder vorbeugend als auch akut geleistet haben. Das gesamte 21. Jahrhundert könnte durch ähnliche oder noch schlimmere Pandemien wie augenblicklich geprägt werden.

Dieses apokalyptische Szenario ist jedoch mit vielen Konjunktiven verbunden, in die Zukunft kann niemand schauen. Man muss also kein Virologe sein, um zu verstehen, dass hier ein Horror-Szenario ohne wissenschaftliche Belege entworfen wird, dass die schon jetzt grassierende Panik und Angstzustände noch verstärkt. Dystopische Szenarien genauso wie unterschätzende Szenarien helfen bei einer Pandemie und deren psycho-sozialen Folgen nicht weiter, sondern bewirken eher das Gegenteil.

Es gibt andere Bücher über die Corona-Pandemie und ihre Folgen, die abwägender und faktenreich geschrieben sind. Dieses ist dagegen ein überflüssiges effektheischendes Buch, das mit den Ängsten und Sorgen der Menschen spielt.

 

Buch 3

Siegfried Tesche: James Bond. Motorlegenden, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2020, ISBN: 978-3-613-04261-2, 29,90 EURO (D)

In diesem Buch stellt Siegfried Tesche die wechselhafte Geschichte der Fahrzeuge aus den James Bond Filmen dar. Die Fahrzeuge und Typen wurden durch die Filme weltberühmt, da sie voller Tricks und technischer Neuerungen steckten. 

Im ersten Kapitel stellt der Autor seine Favoritenliste der zehn besten Bond-Autos in eigenen Kapiteln vor. Dies sind im Einzelnen der Aston Martin DB, der Lotus Esprit, der Citroen 2 CV, der Aston Martin V8 Vintage, der BMW 750 IL, der Toyota 2000 GT, der Aston Martin DB 10, der AMC Hornet, der Moon Buggy und der Sunbeam Alpine Serie 2.

Danach werden die James Bond-Darsteller und ihre Vorliebe für Autos in eigenen Biografien präsentiert. Eingeleitet wird das Kapitel durch eine Kurzvita des englischen Autors Ian Fleming, der zwischen 1952 und 1964 zwölf James Bond Romane und neun Kurzgeschichten verfasste, und als Auto-Fan ein paar besondere Fahrzeuge aus der damaligen Zeit in seine Story miteinbaute.

Danach geht es um die Q-Branch, also die Abteilung des britischen Geheimdienstes, die für die technische Ausrüstung der Autos für Bond verantwortlich war, und deren reales Vorbild in den Romanen, der Engländer Charles Fraser-Smith (1904-1992). Dort werden außerdem Ausschnitte aus dem filmischen Schlagabtausch zwischen Q und Bond abgedruckt.

Anschließend werden die realen Schauplätze der Verfolgungsjagden aus den Filmen und andere Straßenszenen aus den Schweizer Alpen, Sardinien und Nizza zum persönlichen Nacherleben und Selbstentdecken mitsamt Übernachtungstipps, Restaurants und Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung präsentiert. Abschließend werden noch die Stuntmen von den Bond-Filmen einzeln behandelt. Im Anhang findet man noch einen Bildnachweis.

Bondfans und Liebhaber extravaganter Autos kommen in diesem detailliert recherchierten Buch auf ihre Kosten. Das gesamte Buch ist mit Filmausschnitten, Devotionalien und Zeitungsausschnitten bestückt, was den Text authentisch macht und ein Gefühl für die jeweilige Zeit vermittelt.

 

Buch 4

Christine Gitter: Ist das gesund oder kann das weg? Wirklich ALLES über Nahrungsergänzungsmittel, Droemer, München 2020, ISBN: 978-3-426-27808-6, 18 EURO (D)

Die Apothekerin Christine Gitter beschäftigt sich in diesem Buch mit Mythen und Fakten rund um Nahrungsergänzungsmittel. Sie stellt dar, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche eher nicht und gibt zahlreiche Tipps für gesunde und wirksame Nahrungsergänzung. Visualisiert wird dies mit Zeichnungen von Sebastian Jung.

Sie beschäftigt sich im ersten Kapitel mit den angesagten Omega-3-Fettsäuren, Nahrungsergänzungsmitteln für Sportler, Schwangere, Vegetarier oder Veganer, dem Trend hin zu Superfood, Nahrungsergänzungsmittel bei Krebs oder Herzinfarkt und die Wechselwirkungen zwischen Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimitteln.

Im zweiten Kapitel geht es um häufig auftretende Probleme rund um Nahrungsergänzungsmittel und sie gibt einige Regeln für ein vitamingesundes Leben.
Im dritten Kapitel findet man ein ABC der wichtigsten Mikronährstoffe. Verschiedene fettlösliche Vitamine, wasserlösliche Vitamine sowie Mineralstoffe und Spurenelemente werden vorgestellt. Dabei werden die Wirkung von 20 Stoffen, ihre Funktion im Körper, die notwendige Versorgung und Maßnahmen gegen Unterversorgung analysiert. Diese sind in Grundwissen, Apothekerwissen und Bonuswissen unterteilt und enthält auch einige Statistiken.

Im letzten Kapitel setzt sie sich mit ein paar wissenschaftlichen Studien und Statistiken auseinander und warnt im Nachwort vor teuren „Wundervitaminen“ und großen Versprechungen. Im Anhang gibt es noch ein Register zum Nachschlagen.

Die Erläuterungen zu den Wirkungsweisen der Nährstoffe und ihren Wechselwirkungen mit Medikamenten sind sicher hilfreich für das eigene Bewusstsein für das Abwägen von Fake News, Werbungsinhalten und Fakten. Der Ratgeber, wie man seriöse Gesundheitsinformationen findet und wie man sie von unseriösen unterscheiden kann, am Ende unterstützt dies. Das Buch ist verständlich geschrieben für Laien, die sich grundlegend informieren möchten. Viele spezielle Zielgruppen werden mit ersten Informationen versorgt, für tiefergehende Betrachtungen zu den einzelnen Mitteln sollte Fachliteratur hinzuzogen werden.

Buch 5

Julia Fischer: Die Medizin der Gefühle. Gebrochene Herzen, Freudentränen, Gänsehaut. Was wirklich hinter unseren Emotionen steckt, Knaur, München 2020, ISBN: 978-3-426-21479-4, 16,99 EURO (D)

In diesem Buch schildert die Ärztin und Moderatorin Julia Fischer anhand von Alltagssituationen woher Gefühle kommen und was sie mit unserem Körper anstellen sowie den Zusammenhang mit gesundheitlichen Aspekten. Dabei orientiert sie sich an den Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften. Gefühle sind demnach das „Ergebnis eines feinen Zusammenspiels ganzer Netzwerke“ und entstehen nicht in einem einzelnen Gehirnbereich. (S. 12) Dies wird in dem Kapitel über die Einführung in unser Gehirn (S. 126-131) beschrieben.

In einzelnen Kapiteln werden verschiedene Emotionszustände wie Liebe, Bindung, Trauer, Schmerz, Wut, Angst, Stress, Glück anhand von Beispielen und Forschungsergebnissen näher skizziert. Zum Vertiefen der einzelnen Bereiche eignet sich das sehr ausführliche Literaturverzeichnis, viele Titel sind auf Englisch. Ein Register zum Nachschlagen gibt es im Anhang.

Das populärwissenschaftlich geschriebene Buch hilft dabei, unser Denken und Fühlen besser zu verstehen, zu deuten und zum Positiven zu verändern. So kann man sich als Person besser kennenlernen und Stärken und Schwächen besser einzuordnen. Allein der Bereich der Trauer ausführlicher hätte behandelt werden können.

Es lässt sich gut kombinieren mit dem Buch des Kognitionswissenschaftlers Fred Mast über Imaginationen, Wahrnehmung und wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt.[1] Hier werden Anleitungen zum mentalen Training von Imaginationen beschrieben. Dies sind durchweg positive Imaginationen, die Hilfestellungen für die eigene Psyche geben. Dabei orientiert sich Mast an den neueren Erkenntnissen der Neurowissenschaften, die befähigen, die Heilkraft von Gedanken für sich persönlich zu nutzen. Imaginativ können wir Handlungen und Situationen vorwegnehmen, wir können mental trainieren. Die Imagination befähigt uns zur Empathie und zur Kreativität.

 


[1] Fred Mast: Black Mamba oder die Macht der Imagination. Wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt, Herder, 2020







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