Neuerscheinungen Erziehung und Bildung

26.08.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Günther Opp/Michael Fingerle/Gerhard Suess (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz, 4. neu bearbeitete Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-497-02956-3, 29,90 EURO (D)

Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. In diesem Buch stellen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen aktuelle Ergebnisse der Resilienzforschung vor und leiten neue Wege der (heil-)pädagogischen Förderung von Kindern ab.

Das Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt, wo einzelne Aufsätze von verschiedenen Experten zu dem Oberthema präsentiert werden.

Zunächst geht es um die Grundlagen der Resilienzforschung. Zu Beginn gibt Emmy E. Werner einen Überblick über amerikanische Längsschnittstudien, zum Schluss gibt dieselbe Autorin eine Zusammenfassung internationaler Längsschnittstudien. Außerdem geht es in den Beiträgen um genetische und epigenetische Faktoren, Bindungsorganisation und Resilienz, die Entwicklung resilienzfördender Kompetenzen im frühen Kindesalter, die menschliche Adaptivität und die Frage nach dem Veränderungsaufwand, der mit Resilienz einhergeht, und die psychische Sicherheit als Voraussetzung für psychologische Anpassungsfähigkeit im Rahmen der Bindungstheorie.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit Resilienz in der Lebensspannenperspektive. Dabei werden Themen wie Frühe Hilfen und Resilienz, der Übergang vom Kindergarten in die Schule, traumapädagogische Resilienzförderung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe, die biografische Perspektive und Aspekte der Netzwerkbildung diskutiert.

Beiträge zu Resilienz in spezifischen Risikolagen kommen dann zur Sprache. Dort geht es um Resilienz im Erwachsenenalter, Freundschaft als Resilienzfaktor, positive Peerkultur, die Konstituierung des Selbst- und Weltverhältnisses und die Bedeutung von Krisenerfahrungen, die Arbeit mit autistischen Menschen und Resilienz und Service-Learning in pädagogischen Handlungskontexten.

Zum Abschluss gehen die Herausgeber auf die Phasen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Resilienz ein und resümieren: „Resilienzprozesse verlaufen nicht immer gradlinig, sondern oftmals in Kaskaden. (…) Resilienz erfordert (emotionale) Räume, in denen innere Hilflosigkeit und Schmerz angesprochen und thematisiert werden können. Bewältigungskulturen entwickeln sich in den sozialen Nahräumen des Individuums (Familie, Gruppe, Schule, Arbeitswelt). In diesen Lebens- und Alltagskontexten kann Handlungsfähigkeit (wieder-)gewonnen und der Entstehung von innerer Hilflosigkeit begegnet werden.“ (S. 266)

Anschließend gibt es noch Informationen zu den Autoren und ein Register. Literatur findet sich am Ende der einzelnen Beiträge.

In diesem Buch wird darauf eingegangen, wie die seelische Widerstandskraft von Kindern gefördert und gestärkt werden kann und Schutz- und Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung benannt. Je früher Resilienzfaktoren und Empowerment eingeübt werden, desto besser. Wobei die Zusammenarbeit mit Bezugspersonen der Kinder eine wichtige Rolle spielt, um ein flächendeckendes Präventions- und Förderungsprogramm entwickeln zu können.

 

Buch 2

Claudia Katzengruber/Gwendolyne Mayer: Voltigierkartei. 120 Pflicht- und Kür-Übungen für Voltigierunterricht, Training und Turniervorbereitung, 2. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-497-02950-1, 39,95 EURO (D)

Dies ist eine Sammlung von gängigen Übungen zur Voltigierpädagogik von zwei erfahrenen Expertinnen, die in der Praxis angewandt worden sind und sich bewährt haben. Sie richtet sich besonders an angehende Trainer und Schüler, die sich einen neuen Input erhoffen und mit einer Visualisierung der Übungen arbeiten möchten. Dies ist die zweite durchgesehene Auflage. Zu den Karten gibt es auch noch ein paar Schutzhüllen für die praktische Arbeit bei Wind und Wetter.

Die Übungen bestehen aus fünf Schwierigkeitsgraden, die farblich markiert sind. Jede Farbe entspricht einem Schwierigkeitsgrad. Pflichtübungen sind lila markiert, leichte Übungen rosa, mittelschwere gelb, schwere Übungen orange und Doppelübungen blau. Auf der Vorderseite gibt es eine Grafik, wie die Übung am Ende aussehen soll. Auf der Rückseite der Karten findet man eine Kurzbeschreibung vom Aufbau der Übung in Stichworten. Weiterhin werden die Hauptfehler beschrieben, die bei der Übung passieren können. Außerdem gibt es dort vorbereitende Übungen für die dargestellte Figur, die Anhaltspunkte liefert, wie man sich an die Übung langsam annähern kann. Eine kurze Einleitung zum Umgang mit dem Set und dem Aufbau der Karten findet man auf den hellgrünen Karten.

Die Kartei stellt eine wertvolle Fundgrube für alle dar, die mit Reit- und Voltigierpädagogik arbeiten. Die Karten helfen dabei, auf vielfältige Art und Weise die Wahrnehmung des Reiters anzusprechen. Sie sind breit gestreut, so können die individuellen Problematiken gezielt auf die Anforderungen der jeweiligen Behinderung oder andere Anforderungen zum Beispiel im Turniersport abgestimmt werden. Eine gute Balance zwischen Sicherheit und Verfeinerung der individuellen Fähigkeiten wird gewährleistet. Vorwissen über Voltigieren und die praktische Umsetzung wird allerdings vorausgesetzt. Es wird extra darauf hingewiesen, dass die Karten keine fundierte Ausbildung oder die Arbeit mit einem Trainer ersetzen wollen. Bei Schwierigkeiten sollte man sich also an professionelle Stellen wenden.

Buch 3

Wilhelm Preuss: Geschlechtsdysphorie, Transidentität und Transsexualität im Kinder- und Jugendalter, 2. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München 2019, ISBN: 978-3-497-02869-6, 39,90 EURO (D)

Es gibt Kinder und Heranwachsende mit dem Körper eines Jungen, die sich als Mädchen fühlen und umgekehrt. Sie leiden oft stark unter ihren „nicht stimmigen“ Geschlechtsmerkmalen, selbst wenn sie von anderen akzeptiert werden. Wilhelm F. Preuss, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, ist am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf tätig. In diesem Buch zeigt er auf, was Kinder und Heranwachsende, die unter einer Geschlechtsdysphorie leiden, für ihre Persönlichkeitsentwicklung brauchen. Außerdem beschreibt es, wie man sie bei ihrer Identitätsfindung therapeutisch begleiten und ihre Angehörigen unterstützen kann.

Dies ist die zweite Auflage des Buches. Sie wurde im Anhang ergänzt mit der zukünftig relevanten Diagnosen „Geschlechtskongruenz im Kinderalter“ und „Geschlechtskongruenz im Jugend- und Erwachsenenalter“ der neuen ICD-11.

Zu Beginn des Buches werden einige Beispielsfälle aus dem klinischen Alltag geschildert. Danach werden die verschiedenen Perspektiven (Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter, Kinderärzte, Kinder- du Jugendpsychiater und Psychotherapeuten in der ambulanten Versorgung, kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken, Gender-Spezialisten), und Vorurteile in der Öffentlichkeit und im professionellen Bereich behandelt. Danach werden im Bereich der medizinischen Grundlagen die Entwicklung der Geschlechtsorgane, die Variationen der somato-sexuellen Entwicklung, Prävalenz, Identität und Geschlechtsidentität vorgestellt. Anschließend geht es um Ursachen der Transsexualität aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Besonderheiten der psycho-sexuellen Entwicklung bei Trans-Jugendlichen steht dann im Mittelpunkt: Dort werden Theorien der Geschlechtsidentitätsentwicklung, Geschlechtsdysphorie bei präpubertierenden Kindern in der Pubertät und spezielle Entwicklungsprobleme bei transsexuellen Jugendlichen besprochen. Für Ärzte wird dann auf die Diagnostik eingegangen, bevor die Psychotherapie mit geschlechtsdystrophischen Kindern und transsexuellen Jugendlichen im Rahmen der multimodalen Behandlung erläutert wird. Die verschiedenen Aspekte der multimodalen Behandlung transsexueller Jugendlicher kommen dann zur Sprache. Das umstrittene Thema der hormonellen Behandlung bildet dabei einen Schwerpunkt. Rechtliche Fragen („Transsexuellengesetz“, Selbstbestimmungsrecht usw.) und ethische Fragen werden dann beantwortet. Zum Abschluss wird noch kurz auf die Ausbildung und Weiterbildung eingegangen.

Im Anhang findet man Hinweise zu Videos über Vorträge, von Trans-Mädchen und Jungen, Spielfilme, Internetlinks von Fachgesellschaften, für Trans*-Kinder und Trans*-Jugendliche und ihre Eltern, regionale Beispiele für Selbsthilfe-Angebote für Trans-Jugendliche und ihre Familien, Ratgeber, Tanner—Stadien der pubertären körperlichen Veränderungen bei Mädchen und Jungen, die neue ICD-11, Literatur und ein Register.

Dies ist eines der ersten Fachbücher, die sich speziell mit diesem Thema auseinandersetzen. Geschlechtsdysphorie wird als ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen gesehen, bei dem individuell-psychische mit biologischen, familien- und soziokulturellen Faktoren zusammenwirken. Die Angaben zu Weiter- und Ausbildung sind jedoch viel zu dünn, dagegen der Anhang sehr umfangreich. Insgesamt hilft das Buch dabei, erstens Vorurteile gegenüber Geschlechtsidentitäten abzubauen, informiert zweitens über den aktuellen Stand des Wissens und gibt drittens Kindern- und Jugendpsychiatern vielfältige Handlungsempfehlungen.

Buch 4

Barsch, S. u.a. (Hrsg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Inklusive Geschichtsdidaktik, Wochenschau Verlag, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-7344-0877-9, 59,90 EURO (D)

Dieses Handbuch beschäftigt sich mit Diversität von Schülern im Geschichtsunterricht im Sinne einer starken Subjektorientierung die Lernenden mit all ihren individuellen Voraussetzungen, Erfahrungen und Potentialen. Es stellt „eine Art Zwischenergebnis“ in einem interdisziplinären und dynamischen Forschungsfeld entstanden. Verschiedene Essays beleuchten in drei Teilbereichen jeweils ein relevantes Thema.

Im ersten Teil werden Kategorien von Differenz mit Blick auf Schule und Unterricht beleuchtet. Dabei werden die Subjektorientierung, Diversitätserfahrungen im Geschichtsunterricht, Perspektiven für ein intersektionales Geschichtsbewusstsein, Differenzierung der Lerngegenstände und die Rolle der Ästhetik zunächst behandelt. Dann folgen die einzelnen Kategorien von Diversität (Sprache, Klasse, Race, Gender, Sexualität, Behinderung, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf). Abgeschlossen wird dieser Teil mit notwendigen Kompetenzen im diversitätssensiblen Geschichtsunterricht. 

Im zweiten Teilbereich geht es um inhaltliche Konsequenzen aus dem Wissen des ersten Teils für geschichtsdidaktische Grundprinzipien. Dort werden Narrativität, Konstruktion, historische Imagination, historische Identitäten, inklusive Geschichtskultur, Zeitbewusstsein, inklusives Wissen, Quellen und Zeugnisse analysiert.

Der dritte Teil liefert Anregungen und Diskussionen für die praktische Umsetzung im Unterricht. In dem ausführlichsten Teil von allen werden Lernsettings, Planung, Curricula, Lernaufgaben, Leistungsfeststellung, Potentiale des bilingualen Geschichtsunterrichts und die praktische Anwendung bestimmter Schwerpunkte vorgestellt.

Das Handbuch stellt primär das inklusive und diversitätssensible historischen Lernen in der Schule in den Vordergrund. Digitale Medien werden in dieses Handbuch extra nicht integriert, dies sollte eigenständig geschehen. Hier werden zahlreiche Facetten von Diversität (Behinderung, Religion, Ethnie, Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung) in einem intersektionalen Sinne auf der neuesten Ebene der Forschung dargestellt. Zusätzlich zu diesen Kategorien von Diversität könnten in Städten noch die Stigmatisierung von bestimmten Gegenden oder Kiezen miteinbezogen werden. Es richtet sich an Studierende und Dozenten der universitären Geschichtsdidaktik, Referendare, deren Ausbilder und schon praktizierende Lehrer, die hier vielfältige Anregungen erhalten können. Zum Teil können auch Museumspädagogen, Mitarbeiter von Gedenkstätten oder von historischen Lernwerkstätten davon profitieren.

 

Buch 5

Sabine Achour/Siegfried Frech/Peter Massing/Veit Strassner (Hrsg.): Methodentraining für den Politikunterricht, Wochenschau Verlag, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-7344-0721-5, 39,90 EURO (D)

Dieses Buch beschäftigt sich auf aktueller wissenschaftlicher Grundlagen mit Methoden für den Politikunterricht im Sinne von politischer Mündigkeit. Es will keine fertigen Rezepte für Lehrkräfte liefern, sondern eine Ergänzung zu den reflektierten eigenen Erfahrungen sein und zur Verbesserung der eigenen Kompetenzen beizutragen. Die Herausgeber und andere Autoren sind allesamt in der Ausbildung und Fortbildung von Lehrern tätig.

Der „Mehrwert“ des vorliegenden Buches zu schon erschienenen Büchern mit verwandter Thematik liegt darin, dass „die Methoden explizit an Kompetenzen orientiert sind. Die hier vorgestellten Methoden fördern die Kompetenzen, wie sie in den meisten Kompetenzmodellen der Politikdidaktik und in den Lehrplänen der Mehrzahl der Bundesländer für den Politikunterricht benannt sind.“ (S. 10), Außerdem werden alle Methoden in einem politik-bzw. sozialwissenschaftlichen Kontext dargestellt und erklärt, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Heterogenität und in Bezug auf ihren Beitrag zur individuellen Förderung beschrieben und die Förderung sprachlicher Kompetenzen deutlich gemacht.

Um Studierenden und Lehramtsanfängern eine politikdidaktische Einbettung der Methoden und Arbeitstechniken zu ermöglichen und Hinweise zur Planung von Politikunterricht zu geben, geht es im ersten Teil des Buches um politikdidaktische Grundlagen. Dabei werden auch die einzelnen Phasen des Politikunterrichts einzeln vorgestellt.

Im zweiten Teil werden orientiert an den verschiedenen Unterrichtsphasen die einzelnen Methoden und die Sozialformen und die Arbeitstechniken vorgestellt. Außerdem geht es um Methoden der Leistungsbemessung und Beurteilung. Die Methoden werden praxisorientiert an Beispielen vorgestellt, Checklisten sollen auf häufig auftretende Probleme und Fallen aufmerksam machen.

Weiterhin gibt es noch die Möglichkeit, Checklisten und Kopiervorlagen unter einer Adresse im Buch (S. 7) herunterzuladen.

Die vertretene These, als Ziel eines politischen Unterrichts ist, eine eigenständige, „objektive politische Urteilsbildung“ zu erreichen, ist jedoch nur in Teilen richtig. Wenn diese „objektive politische Urteilsbildung“ sich auf diskriminierende, rassistische, menschenverachtende oder sonstige Stereotype beziehen oder diese als Werturteil angenommen und propagiert werden, kann dies nicht Ziel des Unterrichts sein. In Teilen der Gesellschaft akzeptierte Diskriminierungsmuster sollten vielmehr dekonstruiert werden. Politisches Lernen und Unterricht sollte im präventiven Sinne auf menschenverachtende Gesinnungen hinweisen und verstehen lernen, diese als solche zu erkennen und Möglichkeiten zu finden, diesen zu begegnen. Sonst ist der Band eine Fundgrube für gängige Methoden und Arbeitstechniken für den Politikunterricht und auch teilweise für den außerschulischen Kontext der politischen Bildung.

 







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