Neuerscheinungen Sachbuch

30.08.20
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Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Gerhard Sawatzky: Wir selbst. Roman. Herausgegeben, mit einem Nachwort und dokumentarischem Material zur Wolgadeutschen Republik und ihrer Literatur versehen von Carsten Gansel, Galiani, Berlin 2020, ISBN: 978-3-86971-204-8, 36 EURO (D)

Gerhard Sawatzky war einer der bekanntesten Autoren der Wolgadeutschen Republik. 1938 wurde er vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und in ein sibirisches Arbeitslager deportiert, wo er 1944 starb. Sein größtes Werk war der Roman „Wir selbst“. Sawatzkys Gesellschaftsroman erzählt von der untergegangenen Welt der Wolgadeutschen Republik in den Jahren 1920 bis 1937. Das Buch wurde verboten und die vorhandenen Exemplare vernichtet. In einer deutschsprachigen Zeitschrift in der Sowjetunion wurden - allerdings bearbeitet und zensiert - in den achtziger Jahren Teile des Buches abgedruckt. Sawatzkys Witwe Sophie Sawatzky gelang es, bei der Deportation nach Sibirien das ursprüngliche Manuskript zu retten. Der Germanist Carsten Gansel hat nun das Urmanuskript in Russland aufgespürt, nun liegt er erstmals ungekürzt vor.

Katharina die Große lockte mit Versprechungen auf Land und ein besseres Leben deutsche Aussiedler an die Wolga. Kurz nach der russischen Revolution wurde im Jahr 1918 auf Betreiben von Ernst Reuter die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet, die bis zum Jahr 1941 existierte. Sawatzky schildert in seinem Roman ausführlich, die Welt der Wolgadeutschen inmitten der großen Sowjetunion in den 1920er und 1930er Jahren. Natürlich auch über die politische Situation unter dem Despoten Stalin, der in der Ausschaltung politischer Gegner und vermeintlicher Feinde immer rigoroser vorging. Hier geht es aber vorrangig über die Lebensbedingungen in der Wolgadeutschen Republik, die als hart und schwierig beschrieben werden. Dies wurde wohl von Stalin als negative Propaganda interpretiert, dabei wollte Sawatzky kein antisozialistisches Werk schreiben, sondern lediglich die Realität abbilden.

Neben dem Leben in der kurzen Phase der Wolgadeutschen Republik geht es in dem Buch um die Liebesgeschichte von Heinrich Krempel und Elly Kraus, die beide an den Sozialismus und den Fortschritt glauben. Neben diesen beiden Protagonisten lernt man jede Menge anderer Personen und deren Alltag kennen. Schwierigkeiten bereiten nicht nur die Sabotageversuche von antisozialistisch eingestellten Personen, sondern auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Der Roman hat viele Handlungsebenen und Zeitsprünge, die detailliert und ausführlich beschrieben werden. Heraus kommt eine genaue Darstellung des Kosmos der Wolgadeutschen Republik und dessen Innenlebens. Nicht umsonst hat das Werk ca. 900 Seiten.

Eine bessere Einordnung der Lebensverhältnisse und die an manchen Stellen altbackene Sprache und dadurch resultierende Verständnisschwierigkeiten können am besten dadurch erreicht werden, indem man sich vor der Lektüre des Romans den von Gansel geschrieben Anhang durchliest, wo er Sawatzky als Autor und Mensch vorstellt und den Romans in Bezug zu ihrer Zeit einordnet.

In Anbetracht der Tatsache, dass unmittelbare Zeitzeugen immer weniger werden, ist das Werk neben seinem literarischen und kulturellen Aussagewert eine wichtige historische Quelle für ein wenig bekanntes Kapitel deutsch-russischer Geschichte.

Buch 2

Hubertus Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert, C. H. Beck, München 2020, ISBN: 978-3-406-75575-0, 28 EURO (D)

Der Kirchenhistoriker Hubertus Wolf widmet sich in dieser Biografie des Papstes Pius IX vor allem dem Erste Vatikanum vor 150 Jahren, dem Unfehlbarkeitsdogma und dem Jurisdiktionsprimat.

Das Erste Vatikanum fand vom 8. Dezember 1869 bis 20. Oktober 1870 statt. Dessen Hauptgegenstand der Beratungen ist die Abwehr der das Christentum ablehnenden philosophischen Systeme der Neuzeit gewesen. Es entstanden daraus zwei Dogmatische Konstitutionen. In einer wurde das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes definiert, die andere äußert sich über den katholischen Glauben im Verhältnis zur Vernunft. Wolf interpretiert das Erste Vatikanum als antimoderne Reaktion auf die Französische Revolution und der Philosophie der Aufklärung. Die katholische Kirche sah sich aufgrund der Nachwirkungen der Französischen Revolution in der Defensive. Erschütterungen der alten Welt waren in allen Bereichen spürbar. So wurde versucht, die neuen Wege zu geißeln. Eine neue Betonung der Autorität und eine Restitution der alten Welt würde die Kirche vor dem Untergang retten. Papst Pius IX. und die mit ihm sympathisierenden Bischöfe meinten, nur die Bekräftigung von Autorität und die Forderung von Gehorsam können diese Herausforderungen des 19. Jahrhunderts bewältigen. Dies führte dazu, dass Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demokratie, Pluralität wurde daher als mit göttlicher Ordnung unvereinbar zurückgewiesen. Pius IX. und seine Anhänger wollten mit dem Unfehlbarkeitsdogma eine völlige Umgestaltung der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert und brachen damit auch kirchliche Traditionen.

Mit dem Dogma bekam der Papst den Jurisdiktionsprimat (die höchste Rechtsgewalt) und die höchste Lehrvollmacht. Als Hirte und Lehrer aller Christen erhielt der Papst die Macht verliehen, kraft seines Amtes über die Geltung von Glaubens- oder Sittenlehren zu entscheiden. Somit wurden Kritik und Abweichung am Papst und seinen Beschlüssen in den Jahrhunderten bis zum Zweiten Vatikanum schwierig bis beinahe unmöglich. Der Papst und die Vertreter der römischen Kurie verlangten religiösen Gehorsam, diese Richtlinien bestimmten die Theologie. Der Papst galt als unfehlbare göttliche Autorität auf Erden, seine Beschlüsse und Vorgaben wurden ohne Diskussion umgesetzt.

Seit 1870 sei die katholische Kirche endgültig zur Papstkirche geworden ohne wirkliche Pluralität. Für Wolf präge dieses Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanums heute noch die katholische Kirche, obwohl es daran auch innerkirchliche Kritik gab und gibt. Aus Angst vor einer Kirchenspaltung wurde dies aber toleriert. Eine stärkere Wirkmächtigkeit weist er jedoch dem Jurisdiktionsprimat zu, das in der alltäglichen Praxis immer noch angewandt wird und föderalistische Bewegungen untergräbt. Rom als Zentrum der Macht werde noch immer als die Basis für die Einheit der Kirche betrachtet.

Die Biografie von Papst Pius IX. steht in diesem Buch im Schatten von deutlicher Kritik an der absolutistischen Binnenorganisation der katholischen Kirche. Wolf beklagt zu Recht das Unfehlbarkeitsdogma und die Ergebnisse des Ersten Vatikanums. Die Dezentralisierungstendenzen von Papst Franziskus und seine Anregungen auf der Amazonas-Synode, die Miteinbeziehung der Bischofskonferenzen sind ein erster Schritt, mehr nicht. Eine umfassende Demokratisierung der Kirche von unten steht noch aus. Von anderen Themen wie Frauen in Ämtern mal abgesehen. Wenn dies nicht geschieht, werden auch die konservativen Vertreter bald nur noch leere Kirchen vorfinden.

 

Buch 3

Omri Boehm: „Israel – eine Utopie“. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Propyläen Verlag, Berlin 2020, 246 Seiten, 20 Euro

70 Jahre nach der Gründung Israels ist der Nahostkonflikt so verfahren wie selten und eine tragfähige Lösung und ein Willen der Umsetzung von verschiedenen Vorschlägen sind nicht in Sicht. Nun legt der israelische Philosoph Omri Boehm, Professor für Philosophie an der New School for Social Research in New York, ein Werk vor, das provokant an den Grundfesten des Staates Israel rüttelt. Er befürwortet eine binationale Einstaatenlösung für Juden und Araber mit gleichen Rechten für alle. Dabei argumentiert er mit der Stärkung der Menschen- und Bürgerrechte der Gaza-Region und anderer Konfliktherde. Er lehnt die lange als Durchbruch für einen dauerhaften Frieden geltende Zweistaatenlösung ab.

Dafür geht er tief in die Geschichte des Zionismus zurück und beruft sich auf die jüdische Friedensbewegung Brit Shalom. Er wurde von einer Gruppe mittel- und westeuropäischer Intellektueller darunter Gershom Scholem, und Martin Buber gegründet, die sich ab 1925 die Förderung einer jüdisch-arabischen Verständigung zur Aufgabe machten. Es ging ihnen darum, ein politisches Schema zu finden, das ein gerechtes Zusammenleben von Juden und Arabern ermöglichen sollte. Das Ziel des Zionismus, die Schaffung einer freien, kulturell autonomen, ihre eigenen Lebensformen entwickelnden jüdischen Gemeinschaft, sollte dabei nicht aufgegeben werden.

Diese Ideen entwickelt er zum Teil weiter und wendet sie lösungsorientiert auf die heutige Situation an. Vieles davon ist vom Kern her nicht neu, in seinen Gastbeiträgen zum Beispiel in der ZEIT finden sich Versatzstücke seiner Ideen.

Diese Punkte können als Vorschlag für eine Neuausrichtung festgefahrener Positionen gewertet werden und werden sicherlich für lebhafte Diskussionen sorgen.

Das Buch ist aber auch eine Abrechnung mit Akteuren der israelischen Politik und solchen, die an eine Zweistaatenlösung glauben. Der aggressive Grundton wird sicherlich nicht Gefallen finden und zu einer Verstärkung von dissonanten Positionen beitragen. Die Kritik an der Gedenkstätte Yad Vashem ist nicht nachzuvollziehen.

Ob die Neuauflage einer alten Vision des friedlichen Zusammenlebens eine realistische Chance besitzt, bleibt abzuwarten. Das Einbeziehen internationaler Akteure und deren Interessen sind dabei entscheidend und vor allem der Wille, eine dauerhaften friedliche Lösung herbeizuführen und die Eskalation der Gewaltspirale endlich zu beenden.

Buch 4

Lily King: Writers & Lovers. Roman, C. H. Beck, München 2020, ISBN. 978-3-406-75698-6, 24 EURO (D)

In Kings neuen Roman geht es um die Protagonistin 31jähige Casey Peabody, die in Boston in den 1990er Jahren lebt. Sie hat einen skurrilen Charakter, zieht anscheinend das Unglück magisch an und findet trotz vieler Ungewissheiten und Rückschritte immer wieder den Mut und die Kraft, Krisen zu meistern.

Casey lebt in Boston in einem alten Blumenschuppen, der nach Schimmel und verfallenden Blättern riecht. Durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter und das Ende einer Beziehung ist sie deprimiert. Sie erhält einen Rabatt auf ihre Miete, wenn sie mit dem Hund ihres Vermieters spazieren geht. Sie fährt jeden Tag mit einem alten Bananenrad, das sie auf einer Müllkippe gefunden hat, um als Kellnerin in einem Restaurant zu arbeiten. Sie hat immer noch Schulden vom College abzubezahlen und wird von Angehörigen von Inkassobüros bedrängt. Dies verschärft sich noch als ihre Krankenversicherung gekündigt wird. Halt gibt ihr das Schreiben an ihrem Roman, an dem sie schon seit sechs Jahren arbeitet. Sie lebt für ihren Traum, Autorin zu werden. Männer bringen ihre Gefühlswelt noch weiter durcheinander.

Dabei gibt es autobiografische Parallelen zwischen Casey und Lily King. Am Anfang ihrer Karriere hatte King ebenfalls finanzielle Schwierigkeiten und Probleme, Abnehmer für ihre Manuskripte zu finden. Neben ihrer eigenen Biographie flossen noch Bücher über die Anfangsjahre von erfolgreichen Schriftstellern, die King als Anregung las, mit in den Roman ein.

Ausflüge in die Phantasie oder die Vergangenheit gibt es immer wieder. Casey würde liebend gerne ihre verstorbene Mutter anrufen, um ihr von Dates mit Männern zu erzählen und ihren Rat einzuholen.

Casey verkörpert eher die Anti-Heldin, sie ist kein durchorganisierter und fertiger Charakter, keine Vorzeige-Business-Frau. Stattdessen hat sie einen eigenwilligen und komplexen Charakter, ist verletzlich und bisweilen orientierungslos. Indem Schwächen und innere Kämpfe von King intensiv beschrieben werden, wirkt Casey sympathisch und menschlich. Mit der Zeit lösen sich einige der Probleme in Luft auf, andere bleiben.

Es ist ein spannendes und intimes Drama einer Frau, die mit Schulden, der Liebe und dem Tod ihrer Mutter zu kämpfen hat. Der Leser kann die Weiterentwicklung ihres Charakters selbst nachvollziehen. Nicht aufzugeben lohnt sich also: eine der Botschaften des Romans. Bis dahin gibt es aber viele emotionale Achterbahnfahrten, die auch mit einer Prise Humor und Zynismus beschrieben werden.

Buch 5

Huib Modderkolk: Der digitale Weltkrieg, den keiner bemerkt, Ecowin, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7110-0262-4, 22 EURO (D)

In seinem neuesten Buch gibt der investigative niederländische Journalist Huib Modderkolk mit einigen seiner wichtigsten journalistischen Veröffentlichungen der letzten Jahre in Kombination mit neuen Stücken einen Einblick in die Welt der digitalen Unsicherheit und die Funktionsweise von verschiedenen Sicherheitsdiensten, die durch Zugriff auf digitale Schwachstellen, Datendateien, Dienste und Systemadministratoren eine entscheidende Rolle in diesem „digitalen Weltkrieg“ spielen. Das Informationszeitalter werde geprägt von zunehmender digitaler Kriminalität: Piraterie von Daten von Unternehmen oder Behörden mit anschließender Erpressung gibt es schon zuhauf.

Er erzählt verschiedene Geschichten von diversen Begegnungen mit Dissidenten wie der allseits bekannte Fall von Edward Snowdon. Oder die unrühmliche Geschichte des Hackers Edwin Robbe, dem es gelang, in das russische Netzwerk des KPN einzudringen. Robbe machte den Fehler, dies in Hackerkreisen zur Schau zu stellen. Dies führte zu seiner Verhaftung. Nach seiner Freilassung wird er schließlich tot in einem Hotelzimmer in Südkorea gefunden. Spannend sind auch sein Zugang zur russischen Hacker-Gruppe Cosy Bear und das Eindringen in einen iranischen Atomkomplex.

Die Gefahren einer Ausbreitung dieser digitalen Ausspähung macht er am Beispiel des niederländischen Geheimdienstes deutlich. Dessen Befugnisse wurden durch ein umstrittenes Gesetz weiter ausgebaut, so dass eine weitere Stufe in der Cyberspionage ohne Kontrolle einer demokratischen Öffentlichkeit zu erwarten ist. In diesem Zusammenhang weist er auch auf die Pro-Quo- Dynamik zwischen Geheimdiensten im internationalen Kontext hin, die eine immer weitergehende Eskalationsdynamik beinhalten.

Die dunklen Seiten des digitalen Zeitalters werden hier sichtbar gemacht. In dem Buch sind Erklärungen über technische Schwachstellen, forensische und militärische Operationen sind durchsetzt mit Geschichten über berühmte Cyberkriminelle.

Er berichtet zwar über den Kampf der Sicherheitsdienste untereinander, die Schwachstellen bei der Erfüllung ihrer letztlich Spionagetätigkeit aufdecken und für sich ausnutzen. Diese im Geheimen stattfindende Operationen erinnern zwar sehr an den Kalten Krieg auf einer anderen Basis, rechtfertigen aber nicht das Wort Weltkrieg im Titel, dessen Ausprägungen Millionen von Toten und Zerstörung ganzer Landstriche zur Folge hatten. Dennoch sind die enthüllten Geschichten spannend und gleichzeitig besorgniserregend zu lesen.

 







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