Neuerscheinungen Kultur und Reisen

15.08.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Kai Brodersen: Dacia felix. Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen, WBG Philipp von Zabern, Darmstadt 2020, ISBN: 978-3-8053-5059-4, 40 EURO (D)

Das antike Dakien entspricht heute großen Teilen Rumäniens und war im 2. und 3. Jahrhundert ein Teil des römischen Reiches. Der antiken Geschichte dieser Region widmet sich dieses Buch des Althistorikers Kai Brodersen.

Zunächst geht Brodersen auf vorhandene Quellen wie bauliche Reste, archäologische Fundstücke, Inschriften, Münzen und literarische Zeugnisse ein. Später folgt noch eine Analyse von Szenen der Trajanssäule.

Laut dem antiken Geschichtsschreiber Herodot wurde das untersuchte Gebiet mindestens seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. von den Geten und Daker besiedelt. Unter König Burebista (60-44 v. Chr.) erreichte das Reich der Daker seine größte Ausbreitung. Nach seinem Tod zerfiel der Stammesverbund wieder, erst unter König Decebal kam es zu einer erneuten Vereinigung der Stämme. Als dieser ins römische Herrschaftsgebiet einfiel, kam es zu zwei Vergeltungsfeldzügen unter Kaiser Trajan, in denen Decebal besiegt wurde und sein Herrschaftsgebiet als Provinz Dacia ins Römische Reich eingegliedert und seine Bevölkerung romanisiert wurde. Aufgrund seiner Goldvorkommen und dem Anbau von Getreide war Dacia für die Römer interessant, militärisch war die Provinz allerdings von Anfang an starkem Druck durch kriegerischen Nachbarn ausgesetzt. Unter Kaiser Aurelian wurde die Provinz Dacia 275 wieder aufgegeben und Teile ihrer Bevölkerung südlich der Donau angesiedelt. Brodersen geht davon aus, dass nicht die Römer sondern die Goten das Christentum nach Dakien gebracht haben.

Die bleibenden Reste der römischen Herrschaft sind heute unübersehbar. Das Rumänische ist in Wortschatz und Grammatik eine romanische Sprache mit einem besonders hohen lateinischen Anteil. Rumänien ist der einzige moderne Staat, der in seinem Namen einen direkten Bezug zu den Römern der Antike herstellt.

Brodersen deutet die antike Geschichte Dakiens folgendermaßen: „ ‚Erfolg‘ kann (…) als kreative Übernahme anderer ‚Kulturen‘, ja Schaffung einer neuen ‚Kultur‘ verstanden werden. Und ‚Erfolg‘ wird auch und gerade in der Integration der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft in der neuen Provinz Dakia sichtbar: Hier gelang es offenbar, infinitas copias hominum, ‚unbegrenzte Menschenmengen‘, die ex toto orbe Romano, ‚aus dem ganzen römischen Erdkreis‘ zugewandert waren (…) zu integrieren – und das nachhaltig, auch über die direkte römische Beherrschung hinaus. Wie wir gesehen haben, kam dabei eine besondere Bedeutung der lateinischen Sprache und der römischen Reichskultur zu. Und so wurde – und blieb –Dakien auch nach der Zeit, in denen es eine Provinz des Imperium Romanum war, das glückliche Dakien, DACIA FELIX.“ (S. 203)

In der Mitte des Buches findet man Farbbilder von archäologischen Überresten, Münzen, der Trajanssäule und eine geografische Karte.

Im umfangreichen Anhang werden zehn wichtige antike Stätten in Rumänien vorgestellt. Außerdem gibt es Literatur und Links zu den Quellen, weiterführende Literatur und ein Register.

Dies ist eine gelungene Pionierarbeit über das antike Dakien. Hier bilden die zwei Jahrhunderte vor der römischen Eroberung Dakiens und die römische Besatzung Schwerpunkte. Vor allem der umfangreiche Anhang verdient Beachtung. Es fehlt jedoch eine intensivere kritische Auseinandersetzung mit rumänischen Nationalmythen, die helfen, den eigenen Staat aus der antiken Vergangenheit abzuleiten und zu legitimieren. Vor allem Nationalisten nutzen dies für das eigene Selbstverständnis, das mit Werten der Demokratie schwer zu vereinbaren ist. 

 

Buch 2

Yossef Rapoport: Islamische Karten. Der andere Blick auf die Welt, WGB Edition, Darmstadt 2020, ISBN: 978-3-534-27205-1, 50 EURO (D)

Der Islamwissenschaftler und Historiker Yossef Rapoport erzählt in diesem Bildband die Geschichte der islamischen Kartografie und der wichtigsten muslimischen Kartenherstellen, die die kartografische Kunst vom Bagdad des 9. Jahrhunderts bis zum 17. Jahrhunderts geprägt haben. Sie sind aus verschiedenen internationalen Archiven zusammengestellt worden und eignen sich als „Fenster in die Weltsicht der islamischen Gesellschaftsformen“ (S. 6).

Bekannte muslimische Geographen wie al-Khw?razm? und al-Idr?s? entwickelten unverwechselbare Stile, die oft auf geometrischen Mustern und Kalligraphien basierten. Ihre Karten deckten die gesamte bekannte Welt ab, von den Quellen des Nils bis zu den europäischen Ländern des Nordens und der Mauer von Gog und Magog im Osten. Diese Kartenhersteller kombinierten neuartige kartografische Techniken mit Kunst, Wissenschaft und geografischem Wissen, um Karten zu erstellen, die sowohl ästhetisch beeindruckend als auch mathematisch anspruchsvoll waren. So zum Beispiel die 1513 von Piri Re’is gefertigte Weltkarte mit dem Atlantik oder dessen Buch der Seefahrt mit Navigationsanweisungen für das Mittelmeer nach eigener Erfahrung konzipiert.

Neben dem historischen Kontext und der Darstellung der Begrifflichkeit der islamischen Weltdeutungen werden die Kartenzeichner selbst vorgestellt. Ihre Weltsicht und die Zweck der Karten werden ebenfalls herausgearbeitet. Alle von ihnen sind von kartographischen Einflüssen jenseits der Welt des Islams angeregt worden, zum Beispiel persische oder griechische Vorbilder.

Ein umfangreiches Register mit Zeittafel, Anmerkungen, weiterführender Literatur und Register findet man nach der textlichen und bildlichen Darstellung quer durch die Jahrhunderte.

Dieses Buch erzählt gleichzeitig die Geschichte der wichtigsten islamischen Kartographen und die künstlerischen und kulturellen Exponaten.  der Dieses Buch ist reich illustriert mit Manuskripten, die detailliert und großformatig sind, und bietet einen guten Einblick in die Weltbilder der islamischen Gesellschaften.

 

Buch 3

Stella Bettermann: Gebrauchsanweisung für die griechischen Inseln, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-492-27742-6, 15 EURO (D)

Die Deutsch-Griechin Stella Bettermann stellt in diesem Reisebuch die Inseln im griechischen Mittelmeer vor. Neben den touristischen Highlights präsentiert sie die Geschichte, Architektur, Kunst, Kultur und Kulinarik von bekannten und unbekannten Inseln vor.

Im ersten Kapitel geht es um die verschiedenen Arten der Anreise (Flugzeug, Segelschiff oder Fährbetrieb) und die Fortbewegungsmittel auf den Inseln mitsamt der autofreien Insel Hydra. Danach werden wichtige Etappen der Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart erzählt. Dabei nehmen die Zeit zwischen dem Beginn des Massentourismus ab den 1960er Jahren und der Finanzkrise und seine Auswirkungen einen Schwerpunkt ein. Insgesamt gesehen gibt es auf den Inseln zwar Rekordzahlen an Touristen, aber einzelne Inseln verzeichnen jedoch stärkere Rückgänge an Besuchern.

Anschließend werden die beliebten Inseln des Massentourismus wie Rhodos, Kos, Samos behandelt und am Ende noch Tipps für das Erleben von Naxos‘ Tavernen im Sand oder dem Festival auf Lesbos gegeben. Die hohe Dichte an Katzen auf den Inseln kommt dann zur Sprache, bevor dann typische Reiseziele von deutschen, britischen und griechischen Urlaubern, Partyinseln und Ikaria, die Insel der Alten, an die Reihe kommen.

Traditionen, Feste und religiöse Feiern werden dann präsentiert. Inseln mit Reichtum, Stars und Glamour wie Mykonos, Santorini oder Hydra folgen danach. Kulinarische Spezialitäten und verschiedene Inselküchen, kleinere Inseln abseits des Massentourismus wie Gavdos, Chalki oder Iraklia und eine längere Darstellungen von Kreta werden in den nächsten Abschnitten behandelt. Kunst und Kultur stehen dann im Mittelpunkt, bevor einige Empfehlungen über die schönsten Inselstrände und andere Badeplätze das Buch abschließen.

Dies ist kein Reiseführer, sondern ein Reisebuch mit Hintergrundinformationen. Von daher gibt es kein Register, Informationen über Hotels, Restaurants oder Fährverbindungen, Links oder einen Sprachführer, wie man dies in Reiseführern gewohnt ist. Aufgrund der Themendichte gibt es nur Text und keine Farbbilder der Destinationen.

Dabei wird die fast unmögliche Aufgabe, mehr als 3000 Inseln zu porträtieren, thematisch gut gelöst mit vielen Überblicksdarstellungen verbunden mit spezielleren Porträts über die Besonderheiten der Inseln. Dadurch wird der Bandbreite der touristischen Wünsche und Vorlieben Genüge getan. Auch der Preis ist vergleichsweise günstig für eine mehr als 200 Seiten starke Darstellung mit einigen Insidertipps. Aktuelle Probleme wie Umweltverschmutzung oder die Situation von Geflüchteten auf einigen Inseln werden in Reiseliteratur nie gerne angesprochen, auch hier nicht.

 

Buch 4

Alice Harnoncourt (Hrsg.): Nikolaus Harnoncourt Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2020, ISBN: 978-3-7017-3508-2, 22 EURO (D)

Vier Jahre nach dem Tod ihres berühmten Mannes hat seine Witwe Alice Harnoncourt einige unveröffentlichte Schriften aus seinem Nachlass zusammengestellt und durch einige andere bereits veröffentlichte Aufsätze ergänzt.

Dies sind insgesamt 15 Essays und Reden über Musik, die eine Zeitspanne von Mitte der 1960er Jahre bis 2006 abdecken. Dabei wird die gesamte Spannweite der Musikwissenschaft abgedeckt. Es geht um die Geschichte der Musik, die Aussagekraft der Musik in verschiedenen Kontexten, die Bedeutung der Alten Musik, Themen der zeitgenössischen Aufführungspraxis, das musische Denken im Schulunterricht, das Erlernen des Hörens von Musik oder die Erklärung der frühen Mehrstimmigkeit. Vibrato, Cembalo, die Schönheit des Klangs bei Monteverdi und vor allem die musikalische Ausbildung werden ebenfalls behandelt. Diese Texte sind nicht aufeinander bezogen und bilden keine inhaltliche Einheit. Jedes ist für sich und dem historischen Kontext und Anlass zu lesen, von daher überschneiden sich manche Themen und Aussagen.

Im Hintergrund schwingt immer sein Werk „Musik als Klangrede“ mit. Das Buch ist zugleich eine Einführung in die Geschichte der Musik bis etwa 1800 als auch in die Bedeutung der Musikpraxis jener Zeit. Wie Harnoncourt dort betont, geht es nicht primär darum, Alte Musik mit alten Instrumenten zu spielen, sondern die zu jedem Musikstück gehörende Praxis zu rekonstruieren. Die Rückbesinnung auf ein verstehendes Hören, der Versuch versuchen, sich die vielen Sprachen und Stile der Musik vergangener Jahrhunderte wieder zugänglich zu machen, waren sein Anliegen. Grundaussagen dieses Werkes schimmern durch die Texte durch.

Dieses neue Buch führt zu einem vertieften und erweiterten Musikverständnis im Sinne von Harnoncourt. Für manche Texte ist ein gewisses Vorwissen erforderlich, es ist keine einfache Lektüre. Auf jeden Fall eine Fundgrube für Musikwissenschaftler und Musikliebhaber.

Buch 5

Alexander Oetker: Gebrauchsanweisung für Bordeaux und die Atlantikküste, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-492-27738-9, 15 EURO (D)

Der Journalist und Autor Alexander Oetker ist durch seine Krimireihe um den Kommissar Luc Verlain, die in Bordeaux und Umgebung spielt, einem breiteren Publikum bekannt. In diesem Buch stellt er Bordeaux und die Atlantikküste als Urlaubsziel vor.

Zunächst geht es um Bordeaux, die Capitale des Savoir Vivre. Dabei steht die Altstadt der Stadt im Mittelpunkt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Bordeaux ist eine Stadt, die nicht durch herausragende Einzelbauten, sondern durch die grandiose, fast vollständig erhaltene Anlage der Stadt besticht, die ihr historisches Bild bis heute bewahrt hat. Insbesondere im historischen Zentrum, aber auch darüber hinaus bietet sie immer wieder überraschende Eindrücke, sei es durch die spätbarocke Anordnung der Straßen und Plätze oder durch die beeindruckende Harmonie ihrer Häuserzeilen, durch Parks und Gärten. Die „Fassade“ zur Garonne ist weltberühmt: Auf mehreren Kilometern ziehen sich hohe, schmale Bürgerhäuser am Ufer entlang, unterbrochen durch einzelne Repräsentationsbauten. Dahinter ragen die Dächer von Kirchen und alten Stadttoren empor. Das historische Ensemble gilt als das größte und schönste von ganz Frankreich.

Außerdem geht es um Viande de boeuf (Steak), das Nachtleben und Alan Juppé, dem früheren Premierminister Frankreichs und jetzigen Bürgermeister von Bordeaux. Ausflüge in verschiedene Weinanbaugebiete in der Nähe und dem Medoc, insbesondere nach Saint-Èmilion gibt es auch. Oetker stellt auch die Strände an der Atlantikküste, den dienstältesten Leuchtturm Frankreichs im Meer und die Düne von Pilat. Er erzählt von Treffen mit dem deutsch-französischen Fußballtrainer Gernot Rohr, der in Arcachon lebt, mit Austernzüchtern und Michel Guérard, einen der bekanntesten Köche der Welt. Ein Trip ins französische Baskenland und ein Besuch des mondänen Biarritz gibt es auch.

Oetker erzählt in diesem Reisebuch viel von seinen Begegnungen mit Menschen und seinen eigenen Eindrücken der schönen Gegend. Dies vermittelt ein authentisches Lebensgefühl des Südwesten Frankreichs und seiner Bewohner. Die Kulinarik ist ein Schwerpunkt des Buches, dabei kommen Kultur, Kunst und Geschichte etwas zu kurz.

 

Buch 6

Bergsveinn Birgisson: Quell des Lebens, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2020, ISBN: 9783701717187, 24 EURO (D)

Dies ist der neue Roman des isländischen Autors Bergsveinn Birgisson, der von einer wahren Begebenheit in der Historie handelt. Dafür wurde er für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert.

Der Ausbruch der Laki-Krater 1783 und 1784 war eine der schlimmsten Katastrophen in der isländischen Geschichte, das damals noch Kolonie Dänemarks war. Der Ascheregen und ein enormer Gasausstoß bei dem Vulkanausbruch hatten die Sonne verdunkelt, trockenen Nebel erzeugt und die Vegetation vergiftet. Große Teile des Viehbestandes gingen ein. Es kam zu einer Hungersnot, und die Naturkatastrophe ein Teil der gesamten Bevölkerung das Leben.

Am dänischen Hof wurde diskutiert, die Insel komplett zu evakuieren und ihre Einwohner ins dänische Westjütland umzusiedeln. Um dies zu prüfen, wurde der Wissenschaftler Magnus Egede beauftragt, bis ans Cap Nord der Insel vorzudringen, um die Gegend zu erkunden, Landvermessungen durchführen und seine Informationen und Eindrücke über die Einwohner dokumentieren. Auf seiner Expedition sieht er die ganze Zerstörung der Landschaft, dennoch kann er den rauen Bedingungen der Natur und den überlebenden Menschen, denen er begegnet, viel Positives abgewinnen. Er beginnt zu zweifeln, ob eine Umsiedlung wirklich notwendig ist. Bei seinen Erkundigungen wird er von einem Eisbär angegriffen und verletzt. Als Retterin in der Not entpuppt sich die stumme Sesselja, die ihn findet und pflegt. Als sich seine Wunden entzünden und er um sein Leben bangen muss, ist der Quell des Lebens seine letzte Hoffnung. Dies ist ein kostbares Heilwasser, das sich nur in einem schwer zugänglichen Teil der Insel befindet. Sesselja erklärt sich unter Gefahr für das eigene Leben bereit, dieses Heilwasser in mitgeführten Seehundemägen zu holen und ihn damit zu retten.

In diesem Roman ist er die Natur, die die Kraft hat, Leben zu retten oder zu zerstören wie beim Ausbruch des Vulkans. Neben einer rührenden Liebesgeschichte zeigt das Werk auf, dass die Natur mehr Macht hat als der Mensch. Die tiefe Verbundenheit zur Natur -wie es auf Island seit jeher üblich ist- erweist sich wie in Birgissons früheren Romanen wieder als stilprägend.

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz