Graphic Novel: Der Attentäter – Die Welt des Gavrilo Princip

09.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

In der Graphic Novel „Rosa“ über Rosa Luxemburg heißt es auf Seite 117: „28.Juni 1914. Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau werden in Sarajewo vom serbischen Nationalisten Gavrilo Princip ermordet.“ Dazu sieht man einen unbeholfenen Jüngling mit schmalem Schnurrbart und weit aufgerissenen Augen unter einer lächerlichen Schirmmütze auf ein böse starrendes Aristokratenpaar feuern. Mehr als dies, wenn überhaupt etwas, wissen wohl die wenigsten über den jungen Serben, von es in unseren Schulbüchern heißt, er habe den Ersten Weltkrieg ausgelöst. Der dänische Autor Henrik Rehr änderte dies mit seiner ebenso großformatigen wie schwergewichtigen Graphic Novel im Jahr 2015 -gerade rechtzeitig, um am 100-Jahre-Gedenktrubel zu partizipieren.

Der Comicband ist düster, weitschweifig, aber dennoch so spannend, dass man ihn kaum aus der Hand legen mag. Die schwarzweißen Zeichnungen sind eindrücklich, realistisch und könnten teilweise aus dem Horrorgenre stammen. Doch es ist eine reine Dokufiktion, die Rehr „Dem Attentäter“ widmet. Der französische Titel lautet reißerisch „Gavrilo Princip, l’homme qui changea siècle“, also „Gavrilo Princip, der Mann der das Jahrhundert verändert hat“. Der deutsche Titel trifft es besser: Erzählt wird fast ausschließlich die unglückliche Kindheit und Jugend des Serben Gavrilo, mit gelegentlichen Einblendungen des prunkvoll parallel verlaufenden Lebens des Erzherzogs.

Die Dramaturgie ist klar: Das schicksalhaft aufeinander zu laufende Leben zweier Männer. An den Anfang stellt Henrik Rehr ein Bismarck- Zitat von 1878: „Europa ist heute ein Pulverfass, und seine Regenten agieren wie Männer, die in einer Munitionsfabrik rauchen. Ein einziger Funke kann eine Explosion auslösen, die uns alle verschlingt. Ich weiß nicht, wann es zur Explosion kommt, aber ich kann sagen wo. Irgendetwas Verrücktes auf dem Balkan wird der Beginn der Katastrophe sein.“ Was hier quasi als prophetisch präsentiert wird lässt sich auch anders herum lesen: Wenn es nicht Sarajewo gewesen wäre, dann eben irgend etwas anderes. Der Bourgeois will die Geschichte, so sagte Sartre, als den Ausdruck individueller Wille lesen, als Geschichte der großen Männer. Doch lesen wir mir Rosa Luxemburg die Geschichte marxistisch, geht es um ökonomische Dynamik, das Gieren der Kapitalisten nach Rohstoffen, Macht und neuen Märkten: Kriegerischer Imperialismus ist die Folge.

Aber diese Perspektive ist nicht Henrik Rehrs Sache. Ihm geht es um das Individuum Gavrilo Princip. Als dieser zur Welt kommt, hat er eigentlich keine Chance. Hunger, Arbeitslosigkeit und Tuberkulose wüten in seinem kleinen serbischen Dorf. Während Franz Ferdinand (wie wir nebenher erfahren) seinem kaiserlichen Vater Franz Josef I. die Erlaubnis zu einer Ehe weit unter seinem Stand abringt, lebt Gavril mehr in Geschichten von einstigen Heldentaten seiner Heimat. Uns wird quasi prototypisch die Entstehung einer nationalistischen Haltung vorgeführt. Gavril erkrankt früh an Tuberkulose will aber, kaum reif genug dafür, nach Sarajevo zu seinem Bruder. Statt in die Schule, die ihm nicht liegt, treibt er sich mit anderen jungen Männern herum, lernt revolutionäres Gedankengut kennen. Wir sehen eine machohafte Jugendkultur, das Klischee der Sozialisierung späterer Attentäter. Die Serben wollen es den Griechen gleichtun und einen Nationalstaat gründen, um das Joch des osmanischen Reiches abzuschütteln.

So schließt sich Serbien mit seinen Nachbarn zusammen, um die Osmanen zu vertreiben. Als Mitglied einer nationalistischen Gruppe versucht auch Princip, sich den serbischen Streitkräften anzuschließen. Doch er wird wegen seiner Schwindsucht ausgemustert und empfindet dies als Schande und Kränkung seiner männlichen Ehre. Als nächstes richtet sich sein Hass gegen die Österreicher. Denn das Österreichisch-Ungarische Imperium annektiert 1908 Bosnien -die Habsburger konkurrieren dort nicht nur mit dem seinen Niedergang erlebenden türkischen Reich, sondern auch mit dem Zar, der sich als Herrscher aller Slawen empfindet. Wir sehen, wie die Serben von arroganten Kolonialsoldaten drangsaliert werden.

Unser Gavrilo steht auch privat unter Druck, denn seine geliebte Jelena will ihn ehelichen, bevor sie sich ihm hingibt. Wir sehen einen zerrissenen Menschen, der frustriert und vom drohenden Schatten seiner tödlichen und nicht heilbaren Schwindsucht (Tuberkulose) gequält, nach einem Weg sucht, seinem traurigen Leben einen Sinn abzuringen. Als Gavrilo beschließt, den österreichischen Thronfolger zu töten, taucht die „Schwarze Hand“ anarchistisch-nationalistischer Geheimbund, der junge Serben, die unter der Knute Wiens stehen, mit Bomben, Pistolen und Zyankali ausstattet. Das Attentat gelingt schließlich mehr durch Zufall und verfehlt seine Wirkung nicht: Die Türken sind vertrieben und das verhasste Österreich ist am Ende kleiner als Serbien. Dass neben der serbischen Politik auch der russische Geheimdienst ein Interesse am auslösen eines Balkankrieges gehabt haben könnte, erfährt man nicht. Gleiches gilt auch für die intrigierenden Mächte London und Paris, die nach einer Zerschlagung des Osmanischen Reiches gieren, um sich dessen arabische Provinzen anzueignen: Es zeichnet sich die strategische Bedeutung der Ölquellen ab, die im petrochemischen 20.Jahrhundert -und bis heute- die Imperialisten umtreiben soll. Doch Henrik Rehr macht die Serben zu Drahtziehern und brutalen Attentätern -dabei ist seine „Schuldzuschreibung“ natürlich nicht so platt, wie wir es täglich im US-Actionfilm sehen. Dort ist der Bösewicht (wenn nicht ein Muslim) meist ein rassistisch stilisierter Slawe, vorzugsweise Russe oder Serbe, unrasiert mit schwarzem Schnauzbart.

Genaueres zum geopolitischen „Big Game“ im Hintergrund erfährt man dennoch nicht, so bleibt letztlich eine Moritat über „den Attentäter an sich“, wie in einem Satz, der dem schon radikalisierten Gavrilo Prinzip entgegen gehalten wird: „Wenn jemand mit dem Leben nicht zurechtkommt, wird er vermutlich immer etwas finden, für das es sich zu sterben lohnt.“ Hat sich hier die bourgeoise Geschichtsauffassung durchgesetzt? Tendenziell vielleicht, aber ganz so schlimm ist es nicht. Es gibt genügend politische Aspekte und der soziale Hintergrund zeigt auch Kritik an der imperialistischen Unterdrückung der Balkanvölker durch die sie umlauernden Großmächte.

Henrik Rehr: „Der Attentäter – Die Welt des Gavrilo Princip“, Verlagshaus Jacoby & Stuart, 232 Seiten, gebunden großformatig 19x26cm

https://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/comic-graphic-novel/

 

Rezensionen von H.Sies:

ROSA – brillante Graphic Novel über Rosa Luxemburg

http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=74264&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=e85b49d72f

 

Eine Graphic Novel zur kubanischen Revolution

http://www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=61521&tx_ttnews[backPid]=44&cHash=784f57712c

 

„Quarantäne“ (SF)

scharf-links.de/45.0.html







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