GRAF MONTESQUIEU UND DIE REAKTION


Bild: https://fr.wikipedia.org/wiki/De_l'esprit_des_loi

07.01.19
KulturKultur, Theorie, Frankreich, TopNews 

 

Buchkritik von Richard Albrecht

Vorliegendes Buch ist nicht nur vom Anspruch her ebenso gewichtig wie sein Autor, der 1960 in Salzburg geborene Rechtsadvokat, Wiener Universitätsprofessor und 2017 nachgerückte östereichische Nationalrat (Liste Pilz). Der gewichtige Band ist dem franzözischen Frühaufklärer und Autor Baron de Montesquieu (1689-1755) gewidmet. Und stellt nicht nur dessen 1748 ersterschienes Werk «De l´esprit des lois»[1] vor. Sondern geht als intellektuelle Biographie auf weitere, auch posthume, Texte  Montesquieus ein. Der Kölner PapyRossa-Verlag kündigte seine Buchneuerscheinung im August 2018 so an:

"Montesquieus »Geist der Gesetze« ist von den vielen ungelesenen Klassikern wohl derjenige, der von politischen Sonntagsrednern besonders gerne im Munde geführt wird. Wer sich aber an die Lektüre dieses äußerst umfangreichen Werks macht, wird erkennen, dass eine systematische Darstellung auch nur der wesentlichsten Gedankengänge auf ein enormes Hindernis stößt: Montesquieu lässt sich nicht zusammenfassen. Er hat viele Absichten, aber kein geschlossenes System ... Alfred J. Noll unternimmt es, entlang eines gut zehn Dutzend Stichworte umfassenden »Abcedariums« zum Geist der Gesetze, Montesquieus Œuvre vollständig auszubreiten. Ausführlich behandelt er deshalb auch dessen belletristisches Werk, seine historischen Schriften und seine postum veröffentlichten Gedanken. Vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Entwicklung Frankreichs im 18. Jahrhundert offenbart sich Montesquieu als der größte Vertreter einer Theorie des politischen Kompromisses, der dennoch nie die ihn umgebenden Realitäten leugnete."

Das klingt wissenschaftlich ausgreifend. Und politisch brav. Wird Nolls Werk freilich konkret bezogen auf einen Kern des politischen Denkens Montesquieus und focussiert auf sein Zentralkapitel IV/6 zum Geist der Gesetze, zur Staatsgewalt und dessen Separierung, dann erweist sich Nolls Darstellung als kompatibel zur so gängigen wie falschen deutschbürgerlichen Vorstellung von Gewaltenteilung wie etwa in der wikipedianischen Variante. Diese wurde im bürgerlichen Deutschland der letzten Nachkriegsperiode besonders massiv von Promijuristen wie Forsthoff und Schmid propagiert.[1]

Dieser herrschenden juristischen Schleimspur schließt sich, wenngleich wortreich und mit Anführungszeichen, auch der österreichische Montesquieu-Kenner und -Biograph Noll an (931ff.: "Gewaltenteilung") ... grad so als ob division oder Teilung und sepatarion oder Trennung ein und dasselbe und jede (zunächst bürgerlich-revolutionäre) Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Jurisdiction der Staatsmacht schon als solche oder per se des Teufels wäre.

Mit dieser Form von vermeintlicher Gelehrsamkeit kann ich wenig(er als wenig) anfangen. Und auch dieses gewichtige Buch nicht empfehlen. Stattdessen möchte ich auf eine grunddemokratische Kernaussage des französischen Barons in Sachen Gewaltentrennung hinweisen und diese genau aus dem Original zitieren:

«Lorsque dans la même personne ou dans la même corps de magistrature, la puissance législative est réunie á la puissance exécutrice, il n'y a point de liberté; parce qu'on peut craindre que le même monarque ou le même sénat ne fasse des lois tyranniques pour les exécuter tyranniquement […] Il n'y a point encore de liberté si la puissance de juger n'est pas séparée de la puissance législative et de l'exécutrice. Si elle était jointe à la puissance législative, le pouvoir sur la vie et la liberté des citoyens serait arbitraire: car le juge serait législateur. Si elle était jointe á la puissance exécutrice, le juge pourrait avoir la force d'un oppresseur. Tout serait perdu si le même corps des principaux, ou des nobles, ou du peuple, exercainent ces trois pouvoirs: celui de faire les lois, celui d'exécuter les résolutions publiques, et celui de juger les crimes ou les différends des particuliers.»[2]

 

[1] Zuletzt kritisch und mit weiteren Hinweisen Richard Albrecht, Gewaltentrennung. Zugleich eine Kritik am deutschen Sondersprech "Gewaltenteilung" http://www.trend.infopartisan.net/trd0418/t060418.html

 

[2] Die Originalausgabe von De l`esprit des loix steht seit Jahren als erweiterte édition électronique (560 p.) im Netz https://www.ecole-alsacienne.org/CDI/pdf/1400/14055_MONT.pdf [Zitat dort 112]

 

 

Alfred J. Noll, Absolute Mäßigung. Montesquieu und sein L’esprit des loix. Köln: PapyRossa, 2018, 1020 S., 44 €







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